„Theater ist keine Bürgerinitiative“

Burgtheater-Direktor Klaus Bachler über seinen neuen Spielplan, Theaterskandale, die Provinzialität Wiens, seinen Vorgänger Claus Peymann und die mangelnde Bühnenträchtigkeit von Jörg Haider.

profil: Ist das Bild von Francis Bacon über Ihrem Besprechungstisch echt?
Bachler: Wenn der echt wäre, müsste ich nicht mehr arbeiten. Das Bild stammt von dem slowakischen Maler Lubomir Hnátovic und basiert auf einer Skizze Bacons.
profil: Sie gelten als Aspirant für die Intendanz der Salzburger Festspiele. Arbeiten Sie in Hinkunft dort?
Bachler: Ich habe einen begehrten und wunderbaren Job. Man handelt mich von den Salzburger Festspielen bis zur Münchner Staatsoper als möglichen Kandidaten für eine Nachfolge. Das ist einerseits bei einem Burgtheater-Direktor verständlich, andererseits eine Anerkennung für die Leistung, die wir hier erbringen. Es ist ein Gerücht, mehr ist es nicht.
profil: Klaus Maria Brandauer spielt kommende Saison die Hauptrolle in Lessings „Nathan der Weise“. Mussten Sie ihn lange überreden, wieder aufzutreten?
Bachler: Nein, obwohl ich mir nicht erwartet hätte, dass ihn gerade diese Rolle interessieren könnte. Ein so vitaler Schauspieler wie er ist vielleicht vom „weisen Nathan“ des Klischees noch relativ weit entfernt. Genau das aber macht die Besetzung so spannend.
profil: Wird Brandauer noch einmal Regie führen?
Bachler: Das wird er immer wieder tun. Ich habe mir auch sehr gewünscht, dass er wieder spielt.
profil: Sein letzter Ausflug ins Regiefach mit Shakespeares „Hamlet“ ging daneben.
Bachler: Ich würde niemals meine Entscheidungen nach den Kritiken ausrichten und habe mit Brandauer auch nicht über sie gesprochen, weil ich das nie tue. Aber da ich ihn gut kenne, weiß ich, dass ihn schlechte Kritiken wie jeden Künstler verletzen.
profil: Sechs der sieben Uraufführungen finden kommende Saison im kleinen Kasino oder im intimen Akademietheater statt. Warum schreiben zeitgenössische Autoren nicht mehr fürs große Haus?
Bachler: Räume wie das Burgtheater stammen aus einer anderen Zeit und werden auch nicht mehr gebaut. Die Formen von heute sind das Intime, das Einzelne, das Kleine, Kamera und Internet, also die Nähe. Dafür interessieren sich Autoren und nicht für den großen Entwurf.
profil: Wozu braucht man das Burgtheater dann überhaupt noch?
Bachler: Um die großen Stoffe der Menschheit und der Weltliteratur zu interpretieren. Uraufführungen werden von vielen Theatern als Marketingstrategie eingesetzt – als wäre man damit besonders nah an der Zeit. Doch das stimmt nicht. Uraufführungen sind zuallererst kreativ. Zeitgenössisch kann man mit Schillers „Don Carlos“ genauso sein. Man muss ihn nur zeitgenössisch interpretieren. Theater lebt von Interpretation.
profil: Regisseur Peter Zadek beklagt, dass im deutschen Sprachraum weit und breit kein Autor von Format arbeite.
Bachler: Alte Menschen sagen immer, dass es das Gute nur früher gab, und meinen damit ihre eigene Jugend. Das ist selbstverständlich.
profil: Was halten Sie ihm entgegen?
Bachler: Thomas Bernhard ist ein Autor von Format, Elfriede Jelinek und Gert Jonke sind Schriftsteller von Format, Roland Schimmelpfennig ist ein junger Dramatiker von Format. Die Reihe lässt sich fortsetzen. Der Mensch ist nicht weniger kreativ als vor hundert Jahren, wenngleich das Theater viele Talente an den Film verliert, weil sich eben die Formate geändert haben.
profil: Wo bleibt das große Polit-Stück über Jörg Haider?
Bachler: Das Polit-Stück über Haider kann es nicht geben, weil ein so kleiner Vorgang wie Jörg Haider kein Stück wert ist. Es gibt Stücke, die uns unsere Welt erzählen. Da hätte Haider wohl bloß eine Statistenrolle. Es wäre lächerlich, Gebrauchsdramatik zu schreiben.
profil: Thomas Bernhard hat aus sehr konkreten politischen Anlässen geschrieben: Sein „Heldenplatz“ entstand 1988 als Gedenkstück zum Anschluss Österreichs an Deutschland.
Bachler: „Heldenplatz“ wurde medial zu einem Polit-Stück hochstilisiert. Dabei erzählt „Heldenplatz“ – wie jedes andere Bernhard-Stück – zuallererst eine Familiengeschichte. Theater ist keine Bürgerinitiative. Die Burg reagiert ununterbrochen auf gesellschaftspolitische Wirklichkeit, von Lessings „Nathan“ bis zu Jelineks „Das Werk“ oder „Bambiland“.
profil: In England oder den USA werden aktuelle Polit-Stücke am laufenden Band geschrieben. Neil La Butes Drama „Tag der Gnade“ über den 11. September 2001 belegt, dass journalistisches Theater möglich ist.
Bachler: Wir haben eine andere Tradition, die bis zu Lessing zurückreicht. Wenn jemand wie Peter Turrini versucht, diesen Weg zu gehen, wird er am Altar der Literatur abgemordet, weil der literarische Anspruch bei uns so sehr im Vordergrund steht. Das Gebrauchsstück traut sich gar niemand mehr zu schreiben.
profil: Tut Ihnen das Leid?
Bachler: Nein, so ist unsere Kultur.
profil: Warum wurde Christoph Schlingensiefs „Bambiland“ im Unterschied zu Bernhards „Heldenplatz“ kein Skandal? Immerhin wurde ein halbstündiger Pornofilm auf der Bühne gezeigt.
Bachler: Dass die Menschen heute mit Theater anders umgehen als noch vor zehn Jahren, finde ich unglaublich positiv. „Bambiland“ war eine intelligente theatralische Intervention. Das Publikum hat das verstanden. Dass jemand deswegen meine Absetzung fordert, wäre lächerlich.
profil: Ihrem Vorgänger Claus Peymann wäre das wohl passiert.
Bachler: Es hat auch immer damit zu tun, wie man sich selbst inszeniert. Wenn jemand den Budenzauber will, kriegt er ihn. Mir ist nicht wichtig, was draußen, sondern was im Theater drin passiert.
profil: Braucht das Theater Skandale?
Bachler: Das Theater braucht das Skandalon und muss Menschen betroffen machen. Ein Skandal ist doch immer nur ein äußerlicher Effekt, eine kollektive Reaktion. Das finde ich platt. Theater lebt von Individual-Reaktionen.
profil: Warum lässt sich das Publikum nicht mehr skandalisieren?
Bachler: Vielleicht ist das Premierenpublikum müder und abgeklärter geworden. Quer durch die Vorstellungen passiert es ununterbrochen, dass Menschen ihre Begeisterung oder ihren Unmut deutlich äußern.
profil: Warum haben Sie Bernhards „Ritter, Dene, Voss“ um viel Geld und mit viel Probenaufwand wiederaufführen lassen, dann aber nur selten gespielt?
Bachler: Die Schauspieler haben sich dieses Stück gewünscht. Und wir haben ihnen den Wunsch gerne erfüllt. Außerdem war die Wiederaufnahme nicht sehr teuer, da die Dekoration noch vorhanden war. Bisher haben wir „Ritter, Dene, Voss“ elfmal gespielt. Dass es kommende Saison nicht am Spielplan steht, bedeutet nicht, dass wir es nicht in der übernächsten Saison wieder zeigen.
profil: Warum sind Sie zur Premiere der Wiederaufnahme nicht gekommen?
Bachler: Ich weiß, dass vermutet wurde, ich wollte meinem Vorgänger Claus Peymann nicht begegnen. Das ist lächerlich. Ich war krank. Ich hatte eine Grippe verschleppt und bin schließlich mit einer schweren Lungenentzündung in der Klinik gelandet. Eine Lungenoperation ist keine Kleinigkeit. Zwei, drei Tage war nicht klar, wie es ausgehen würde. Jetzt ist wieder alles in Ordnung.
profil: Wer ist in Wien Ihr schärfster Konkurrent?
Bachler: Die Konkurrenten des Burgtheater sitzen nicht in Wien, sondern in Paris, London, Hamburg oder München.
profil: Was fehlt der Theaterstadt Wien?
Bachler: Wien droht zu provinzialisieren. Ich registriere ein neues Biedermeier, weil sich alle Theaterhäuser immer nur mit sich selbst und den anderen Wiener Häusern beschäftigen. Deshalb gibt es in Wien auch diese selbst ernannten Kulturpäpste, die nur deshalb diese scheinbare Bedeutung haben, weil die nur bis Purkersdorf reicht.
profil: Wie bewerten Sie die Umstände der Intendantenküren am Theater in der Josefstadt und am Volkstheater?
Bachler: Die Vorgänge an der Josefstadt sind ein jämmerliches Drama, das man sich gar nicht ausdenken könnte – so unprofessionell und übel wurde dort agiert. Man hat die Reaktion auf einen Schild gehoben, um nur ja nicht von dort rauszukommen, wo man vor 45 Jahren einmal war. Beim Volkstheater ist die Wahl in Ordnung. Aber Michael Schottenberg wäre sicher gut beraten, sich seine Entsprechungen außerhalb der Stadt Wien zu suchen. Es ist geradezu karnevalsreif, wie sich in Wien jede freie Theatergruppe mit dem Burgtheater vergleicht. Warum suchen die sich ihre Identifikationspartner nicht unter den freien Gruppen in London oder New York?
profil: Die Wiener Off-Szene klagte zuletzt, an chronischer Finanznot zu leiden. Liegt darin die Misere der kleinen Häuser?
Bachler: Nein, weil es, wie beim Burgtheater auch, grundsätzlich nie nur am Geld liegt. Wenn ich beginne, ausschließlich über Geld nachzudenken und Geld zu vermissen, habe ich mich schon relativ weit von der Kunst entfernt. Natürlich ist Geld wichtig. Aber zunächst brauche ich von der Politik Aufmerksamkeit, Interesse und Zuneigung. Wenn es in Wien an etwas nicht mangelt, dann an Geld.
profil: Mit Verlaub: Sie haben leicht reden. Ihre Subvention beträgt knappe 44 Millionen Euro.
Bachler: Ich bin es müde zu verteidigen, warum das Burgtheater diese Subvention bekommt. Wir sind das größte Thea-
terinstitut Europas, die Schauspieler in Deutschland verdienen mehr als bei mir, das Burgtheater ist nicht unmäßig reich. Doch das ist alles so langweilig und uninteressant im Sinne der Kunst. Letztendlich wird Kunst in Wien gut gefördert.
profil: Wollen Sie jetzt ab kommender Saison eine Subventionserhöhung oder nicht?
Bachler: Selbstverständlich brauche ich mehr Geld, um den Produktionsstan-
dard, den wir jetzt haben, halten zu können. Am Burgtheater arbeiten 600 Menschen, deren Gehälter jedes Jahr genauso steigen wie die Materialkosten für Bühne und Kostüme. Diese Kostensteigerungen sind seit zehn Jahren nicht abgegolten worden.
profil: Ihr Kollege Claus Peymann, der nun das Berliner Ensemble leitet, droht in solchen Fällen gerne mit Rücktritt.
Bachler: Ich drohe nicht, ich tue.
profil: Ist das jetzt eine Drohung?
Bachler: Nein, es ist lächerlich, ununterbrochen mit Rücktritten zu drohen. Wenn ich sage, mir reicht es, dann reicht es mir. Ich kann das doch nicht zwei Monate im Vorhinein ankündigen. Ich bin für solche Kasperliaden nicht geeignet.
profil: Was geschieht, wenn Ihre finanziellen Wünsche nicht erfüllt werden?
Bachler: Weniger Premieren, Ausdünnung des Angebots. Ich gehe aber davon aus, dass die Politik die versprochene Erhöhung von vier Prozent einlöst.
profil: Können Sie angesichts von Pensionsreform und leeren Staatskassen guten Gewissens mehr Geld fürs Theater fordern?
Bachler: Selbstverständlich, es wird ja nicht meine Arbeit subventioniert. Was subventioniert wird, ist die Kunst. Und Theater ist für eine Gesellschaft genauso wichtig wie die Pensions- oder Steuerreform.
profil: Festwochen-Intendant Luc Bondy gesteht, sich im Theater manchmal grauenvoll zu langweilen. Kennen Sie dieses Gefühl auch?
Bachler: Selbst wenn es so wäre, würde ich es nicht sagen, weil ich das kokett finde. Es gibt in unserem Metier so wenig Standesbewusstsein. Wenn ich Theater langweilig, also schlecht fände, hätte ich genauso wie Luc Bondy die Möglichkeit, es zu verändern.
profil: Sind Sie schon oft in der Pause gegangen?
Bachler: Wie es meinem Beruf entspricht, gehe ich meistens gratis ins Theater. Und ich finde es unmöglich, eingeladen zu werden und dann dem Gastgeber das Essen zurückzuschicken.
profil: Das Burgtheater beschäftigt sich auch kommendes Jahr wieder mit Oscar Wilde und bringen „Ernst ist das Leben“ heraus. Was reizt Sie an dem britischen Dandy?
Bachler: Wilde hat viel mit der Oberflächlichkeit unserer Zeit und den darunter verborgenen Abgründen zu tun. Aber ich habe mir nicht stur vorgenommen, mich jetzt jedes Jahr mit Oscar Wilde zu beschäftigen, sondern das hat vor allem mit der Neuübersetzung von Elfriede Jelinek zu tun. Ich bin kein Konzeptualist. Als Theaterdirektor interessieren mich Autoren, Schauspieler, Regisseure und deren Konstellation. Es gibt keine Kunst, es gibt nur Künstler.
profil: Warum stehen Sie Konzepten so skeptisch gegenüber?
Bachler: Weil der Kern der Theaterarbeit aus Emotion besteht.
profil: Die Kritik bezeichnet das Burgtheater immer wieder als „Supermarkt“ und wirft Ihrem Spielplan „Beliebigkeit“ vor.
Bachler: Beliebig ist am Burgtheater überhaupt nichts, das ist ein ignoranter Vorwurf. Ich leite das größte Sprechtheater Europas. Ein breites ästhetisches Spektrum ist also unerlässlich. Wenn ich das nicht weiß, wenn ich vor dieser Größe Angst habe, muss ich es lassen. Die Beliebigkeit in der Peymann-Zeit war viel größer. Bloß wurde das nicht wahrgenommen, weil alles über das Label Peymann lief.
profil: Sie sind als leidenschaftlicher Opernfan bekannt. Freuen Sie sich schon aufs Mozart-Jahr 2006?
Bachler: Nein, wenn man ein Jahr lang Cremeschnitten isst, kann einem doch nur schlecht werden.
profil: Wann hören Sie Oper?
Bachler: Meist zu Hause, weil ich nur selten in die Oper gehe. Ich lasse mich ungern enttäuschen. Denn was die Oper betrifft, bin ich so, wie ich meine Theaterbesucher nicht haben will: nostalgisch. Ich trauere den großen Sängern der Vergangenheit nach. Die heutigen Sänger haben eine hervorragende Technik. Aber ihnen fehlt oft Persönlichkeit.
profil: Singen Sie zu Hause mit?
Bachler: Ich dirigiere mit. Wenn es nach mir geht, möchte ich im nächsten Leben Dirigent werden.