Theater: Der Chaos-Terroretiker

Der deutsche Bühnen-, Film- und Aktionskünstler Christoph Schlingensief inszeniert Elfriede Jelineks neues Stück „Bambiland“ am Burgtheater. Premiere: 12. Dezember. Skandal nicht ausgeschlossen.

Der Bühnenraum ist abgedunkelt, leise Musik gibt dem Geschehen die Atmosphäre eines Traums. Der Regisseur hat schlechte Laune. Es passt ihm nicht, wie einer der Schauspieler seinen Vortrag anlegt. „Sag’s doch mal normal, verdammt!“

Eine Inszenierung findet statt, aber es ist nicht sicher, wer hier wen in Szene setzt. Christoph Schlingensief weiß, dass ihm seit drei Minuten Journalisten bei der Arbeit zusehen. Kein Regisseur kontrolliert die Rollen, die er sich selbst im schillernden Spiel seiner Kunst zuschreibt, genauer als Schlingensief. Die Vieldeutigkeit ist seine Signatur, die Ungreifbarkeit seine Arbeitsgrundlage. Es wäre absurd anzunehmen, dass ausgerechnet Schlingensief sich hier selbstvergessen zu öffentlichen Unfreundlichkeiten hinreißen ließe; jedes Zeichen hat seinen Platz. Der Name der Show, die gerade läuft: Christoph Schlingensief verliert, während er eine neue Arbeit einstudiert, kurz mal die Nerven. Die strategische Verschleierung der Grenzen zwischen Theater und Leben ist längst zu Schlingensiefs zweiter Natur geworden.

Seit seiner bereits legendären Container-Aktion „Bitte liebt Österreich!“ vor der Staatsoper im Sommer 2000 ist Wien zu einem Reizort und Lieblingsarbeitsplatz Schlingensiefs geworden, zu einem Fixpunkt in der Planungsfantasie dieses Künstlers. Und es gibt in diesem Verhältnis durchaus so etwas wie Gegenliebe: Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek hat sich den deutschen Aktivisten als Bearbeiter ihres neuen Bühnentextes „Bambiland“ ausdrücklich gewünscht, Burg-Chef Klaus Bachler hat ihn für die Uraufführung kurzerhand engagiert, wohl wissend, was er sich damit an Unberechenbarkeit einhandelt. Was genau am 12. Dezember, dem Tag der Premiere, über die Bühne gehen wird, weiß zur Stunde niemand, auch Bachler – und möglicherweise Schlingensief selbst – nicht. Wer sich Schlingensief nach Hause einlädt, muss mit Überraschungen im Wohnbereich rechnen.

An Aischylos’ „Die Perser“ angelehnt, verhandelt Jelineks „Bambiland“ den Krieg gegen den Irak und dessen mediale Aufbereitung, in einem Textblock, den Schlingensief nun seinerseits mit der Politik der Angst koppelt, um die seine Film-, Bühnen- und Kunstprojekte seit langem kreisen. Eine improvisierte Wohnlandschaft hat Schlingensief auf der Probebühne des Burgtheaters im Wiener Arsenal errichten lassen: ein wenig lauschiges Ambiente mit Ohrensessel und ruinöser Stehlampe, mit Pianino und alter Badewanne. Inmitten des desolaten Inventars sind Schlingensiefs Akteure – ein gewollt heterogenes Ensemble aus Burgtheaterprofis, hoch begabten Laien und kuriosen Selbstdarstellern – zugange. Es werden bizarre Reden gehalten, man brüllt Slogans in ein Megafon und hält kleine Prozessionen ab, die quer über die Bühne verlaufen; es finden Heimlichkeiten hinter hochgehaltenen Decken statt und gespielte Erniedrigungen.

An Materialarmut wird „Bambiland“ wohl nicht leiden, in einer Inszenierung Schlingensiefs hat eben vieles Platz: Philosophie und Nonsens, Kunst und Antikunst, Improvisationstheater und Videozuspielungen. Die bekritzelten Merkzettel an der Wand des Proberaums tragen kryptische Inschriften: „Bewaffnung Dutschkes“ steht auf einem, „Familie Bambi“ auf einem anderen.

Alles kaputt! Vor sieben Jahren hat Schlingensief mit „Die 120 Tage von Bottrop“ mit dem Kino eigentlich spektakulär Schluss zu machen versucht, aber inzwischen, sagt er, interessiere ihn das Filmemachen wieder mehr als alles sonst. Seine Arbeit für die Burg, ausgestattet nicht nur mit allerlei Filmprojektionen, sondern auch mit einem Soundtrack, der von Georges Delerue bis zu Edgar Varèse reicht, wird davon zeugen: Theater mit Filmtonspur. Die Stimmen der Darsteller kommen einander in die Quere, ihre Worte bilden, absichtsvoll übereinander gelegt, eher klangliche als erzählerische Schichten. Nur wenn Fassbinder-Star Margit Carstensen, in einen Lehnstuhl an den Bühnenrand gesetzt, mit silbernem Haar ausgestattet, zu sprechen beginnt, schweigen Kollegen und Musik ein paar kostbare Augenblicke lang.

Auftritt Christoph Schlingensief im Militär-Outfit, mit schwarzer Langhaarperücke und Reiterstiefeln. Er erklimmt ein kleines Podium, geschmückt mit Deutschlandflagge, und bellt in bester Parteitagsredelaune ins Mikrofon: „Es wird immer alles nur kaputt gemacht!“ Lakonisch, sehr leise setzt er nach: „Und das ist auch logisch.“ Hier wird, einen Moment lang, das System Schlingensief auf den Punkt gebracht: deutsche Wirklichkeit als obszöne, als „arme“ Revue, mit anarchischer Theatralik und massivem Selbstwiderspruch zugespitzt und überhöht.

Vier Tage davor, Samstagabend, kurz nach 19 Uhr. Im Nebel vor der Wiener Albertina findet sich eine kleine Aktionsgruppe ein. Die Stadt verbirgt sich, so gut sie kann, hinter einem kalten Nieselregenschleier. Schlingensief selbst verbirgt sich auch: unter seiner Perücke, hinter seinem Kostüm. Die hochgehaltenen Transparente geben nur bedingt Aufschluss über die Absichten dieser Zusammenkunft: „Terror für alle“, steht da zu lesen, „Angst ist geil“, aber auch: „Schreitender Leib“. Worauf wird hier hingewiesen? Schlingensief entzieht sich dem schnellen Zugriff, sein Theater, das er am liebsten öffentlich macht, löst alte Zusammenhänge und stellt neue her: eine Rätseldemo für das unvorbereitete Wien.

Drei Videokameras laufen mit, dokumentieren die Aktion. Es ist der dritte und letzte Drehtag für einen der Filme, die Schlingensief im Burgtheater einsetzen will. Einer seiner Darsteller, Horst Gellonek, im Camouflage-Anzug, wahlweise CNN-Mikrofon, Feldstecher oder Megafon in den Händen, variiert Texte, die ihm Schlingensief leise vorsagt. Der Regisseur tänzelt nervös um die Gruppe, hält den Pulk in Bewegung. Er gibt die Begriffe vor, sorgt dafür, dass die jungen Frauen und Männer, die die Transparente tragen, zwischendurch immer wieder zustimmend johlen. Ein paar Schritte weiter, beim Mahnmal des Bildhauers Hrdlicka, ruft Gellonek, dass sie „alle tot“ seien. Alle tot: Theatertrauerarbeit radikal.

Eine Frau ruft mit spitzer Stimme Dinge dazwischen, die nicht recht zu verstehen sind. Schlingensief blickt sie überrascht an, als habe sie ihn gerade aus seiner Konzentration gerissen. Es ist nicht auszumachen, ob sie zur Inszenierung gehört oder nicht. Vor dem Café Mozart macht Gellonek sich an einem der Weihnachtsbäume zu schaffen, wirft eine goldene Kunststoffkugel wie eine Granate in hohem Bogen zwischen zwei Autos. „Kunst kann nicht töten“, ruft er, bejubelt vom Rest der Gruppe.

Die Abendroute führt vom Hotel Sacher („Ich fordere die Herausgabe sämtlicher Torten“) über das Imperial („Hier wohnen Elfriede Jelinek und Adolf Hitler“) im Fiaker dann zu Parlament und Burgtheater. Gellonek genießt die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, auch wenn er mit dem Nachsprechen der Texte Schwierigkeiten hat: Statt „Jelinek“ sagt er „Jennicke“, statt „Parlament“ so etwas wie: „Pagiment“. Er ist, wie man sagt, behindert.

Gegen 21.30 Uhr betritt Schlingensiefs Team mit Kameras, Mikrofonen und grellem Kunstlicht unangemeldet das Foyer des Burgtheaters. Die Aufseher und Linienrichter des Hauses stellen sich dem Regisseur, unkenntlich mit langem schwarzem Haar, in den Weg. Man könne hier nicht einfach die Treppen rauf, schließlich laufe drinnen eine Vorstellung. „Ich glaub, die sind im falschen Haus“, mutmaßt einer. Die Idee, hier könnte ein Regisseur des Burgtheaters an der Arbeit sein, kommt ihm nicht.

Invasion. Schlingensief erklärt nichts, gibt sich nicht zu erkennen und rechtfertigt sich nicht. Er steuert, die Entourage immer hinter sich und verfolgt von konsterniertem Wachpersonal, einen anderen Eingang an: Logen Parkett rechts. Eine friedliche Invasion findet statt, ganz leise: Es geht Schlingensief offenbar nicht darum, die Vorstellung zu stören, nur darum, unerwartete theatralische Anordnungen herzustellen, um Reaktionen zu kriegen, um einen Blick, wenn auch nur ganz kurz, hinter die Fassaden zu werfen, wo die alten Ordnungen nicht mehr gelten: Christoph Schlingensief, Chaosforscher. In scharfem Flüsterton wird die Gruppe schließlich angewiesen, die Vorstellung nicht zu stören („nicht genehmigt, nicht erlaubt“). Eine Garderobiere grinst.
Heute „Bambiland“, morgen Wagner: Der Schlingensief-Konvoi wird weiterziehen. Nächste Stationen: Zürich und Bayreuth. Schlingensief wird weiter drehen und Menschen wie Ideen auf die Bühne stellen, wird wilde Ensembles rekrutieren, die unabsehbare Dinge tun und all jenen immer wieder zu nahe treten werden, die sich weigern einzusehen, dass dem Grauen und der brutalen Komik der Welt nur beizukommen ist, wenn man sie und sich selbst gnadenlos, gegen alle Erwartungen, in Szene setzt.