„Ich bin radikal altmodisch“

Am Burgtheater wird der lettische Regisseur Alvis Hermanis demnächst Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ inszenieren. Ein Gespräch über die aktuelle Krise der Schauspielkunst, seine Probleme mit Klaus Maria Brandauer und seine Kritik an der neuen Leitung der Wiener Festwochen.

Interview: Karin Cerny

profil: „Das weite Land“ ist eines der bekanntesten Stücke von Arthur Schnitzler, der hierzulande als eine Art Nationalheiligtum gilt.
Hermanis: Ist er das?

profil: Ja, manche sehen in ihm einen literarischen Bruder von Sigmund Freud.
Hermanis: Ich weiß, ich komme ja nicht vom Mond. Natürlich habe ich mich ex­trem gut vorbereitet, viel über Schnitzler und seine Zeit gelesen, zuletzt etwa William M. Johnstons „The Austrian Mind“ – eine Kulturgeschichte der Eigenarten Österreichs.

profil: Und wie funktioniert das österreichische Gehirn?
Hermanis: Im Burgtheater zu arbeiten ist gar nicht so einfach für mich. Ich meine vor allem die Schauspieler: Die meisten sind ja keine Österreicher, sondern Deutsche. Aber ich kann Ihnen verraten, was wir mit Schnitzler machen werden. Wir versuchen, aus dem Stück einen Film noir zu destillieren. Es waren europäische Emigranten, die dieses Filmgenre in Hollywood in den vierziger Jahren etablierten. Die meisten von ihnen waren österreichische Juden. Es ist also nicht nur eine lustige Idee, Schnitzler mit dem Noir in Verbindung zu bringen. Wir haben auf den Proben diese Filmmatrix über den Schnitzler-Text gelegt und waren selbst ganz überrascht: Das Stück blüht förmlich auf.

profil: Inwiefern?
Hermanis: „Das weite Land“ liest sich plötzlich wie ein Krimi, nicht mehr wie ein Melodram. So spitzt sich die Geschichte zu, ohne dass wir am Text etwas verändern mussten.

profil: Dann brauchen Sie aber auch eine Femme fatale für Ihr Konzept.
Hermanis: Auch das ist spannend. Wir wissen ja, dass im Film noir erstmals Frauen die Kontrolle übernahmen. Sie waren nicht mehr nur hübsche Dekoration, sie wurden viel stärker, begannen, die Fäden zu ziehen. Schnitzlers raffinierte Pingpong-Dialoge erinnern mich übrigens stark ans Kino. Die Drehbuchautoren in Hollywood kamen ja aus Schnitzlers Welt.

profil: Arthur Schnitzler thematisiert die Doppelmoral seiner Zeit: Ehebruch hatte damals für Frauen ganz andere Konsequenzen als für Männer.
Hermanis: Als Schauspieler habe ich in dem Stück „Der Reigen“ mitgewirkt, Fremdgehen ist da ganz zentral. Damals hatte ich noch den Eindruck, Schnitzler sei mir zu oberflächlich, zu primitiv. Aber „Das weite Land“ hat mich bekehrt: Das ist ein ungeheuer komplexer Text. Ich habe an der Burg zuletzt Tschechow inszeniert und könnte nicht sagen, welcher Autor besser ist. Vielleicht ist Schnitzler sogar tiefgründiger.

profil: Der als schwierig bekannte Schauspielstar Klaus Maria Brandauer ist Ihnen als Hauptdarsteller für „Das weite Land“ abgesprungen. Warum?
Hermanis: Ich bin es gewohnt, mit Stars zu arbeiten. Das war nicht das Problem. Martin Wuttke und Kirsten Dene sind auch Stars. Was Brandauer betrifft, würde ich sagen: Es war nur ein Missverständnis. Nach den ersten Leseproben fanden wir heraus, dass wir nicht zusammenpassten. Er ist der falsche Schauspieler für mich, ich bin der falsche Regisseur für ihn. Solche Dinge sind ganz normal in diesem Betrieb. Sogar in meinem Theater in Riga – obwohl das Haus fast wie ein Familienbetrieb ist – haben wir die Regel, dass jeder Schauspieler in den ersten beiden Probenwochen seine Rolle niederlegen kann.

profil: Im deutschsprachigen Raum gibt es den Begriff der „Werktreue“. Können Sie damit etwas anfangen?
Hermanis: Was bedeutet das genau?

profil: Meist wird Werktreue als Kampfbegriff gegen das Regietheater verwendet. Der Originaltext soll im Zentrum stehen und vor Modernisierung geschützt werden.
Hermanis: Aber wer hat das Monopol zu sagen, was der richtige Weg ist?

profil: Eben.
Hermanis: Am Beginn meiner Arbeit mit Schnitzler habe ich verstanden, dass der Text hierzulande fast heilig ist. Ich hatte großen Respekt, habe die Josefstadt besucht und die lokale Tradition erforscht. Aber ich bin nicht überzeugt, dass es einen perfekten Weg gibt, dieses Stück zu inszenieren.

profil: Sie haben keine Angst vor dem Wiener Publikum?
Hermanis: Wer weiß schon, wie Schnitzler funktioniert? Andrea Breth hat „Das weite Land“ in Salzburg inszeniert, das soll wirklich großartig gewesen sein. Aber ich hoffe doch, dass ich nicht mit ihr verglichen werde. Ich nutze die herausragenden Schauspieler und die imposante Infrastruktur des Burgtheaters, um die großen Geschichten der Weltliteratur zu erzählen – etwa Tracy Letts „Eine Familie“ oder zuletzt „Platonov“. Ich bin überzeugt, dass das Burgtheater die beste Bühne der Welt ist. Das ist kein Kompliment, sondern eine Tatsache. Es gibt viele großartige Theater auf der Welt, aber mit der Burg kann sich keines vergleichen.

profil: Warum das denn?
Hermanis: Als ich den Nestroy-Theaterpreis überreicht bekam, sagte ich: „Wien ist die Welthauptstadt des Theaters.“ Das habe ich auch so gemeint. In keiner anderen Stadt gibt es eine solche Leidenschaft fürs Theater wie hier. Es ist klar, dass es die Tradition, dass Steuerzahler das Theater finanzieren, nicht ewig geben wird. Aber Wien wird der letzte Ort sein, an dem dieses System noch funktioniert. Als die Wiener Festwochen, das größte Theaterfestival der Welt, eine neue Intendanz suchten, wurde ich nach meiner Meinung gefragt. Mein Vorschlag war: Frankreich hat das Filmfestival in Cannes, Venedig hat eine Biennale für bildende Kunst – und Wien könnte ein Theatertreffen für das Welttheater organisieren, mit einer Jury, mit Preisen, Glamour und Stil.

profil: Aber der Nestroy-Preis zeigt doch, dass Theater nicht annähernd so glamourös ist wie das Hollywood-Kino.
Hermanis: Sicher nicht, aber ich finde, das Theater befindet sich gegenwärtig in sehr kritischem Zustand. Es sucht nach einer neuen Sprache. Das zeitgenössische Theater anno 2011 erinnert mich an eine Segeltour ohne Wind. Es wirkt ein wenig verloren. Man müsste ein Zentrum formieren, an dem man sich treffen, austauschen könnte. Um neue Energie und mehr Aufmerksamkeit ins Theater zu bringen.

profil: Wo sehen Sie diese Krise? Es gibt doch viele spannende Regiehandschriften.
Hermanis: Ich bin einfach altmodisch. Mein Theater dreht sich um Schauspieler. Eine Krise sehe ich in der Kunst des Schauspielens. Die Wahrnehmung der Zuschauer verändert sich viel schneller als die Schauspielkunst, die inzwischen oft richtig altbacken aussieht. Die Wirkung, die ein Schauspieler beim Publikum vor 20 Jahren auslösen konnte, war doch viel, viel stärker als heute! Der Unterschied ist offensichtlich und schockierend: Die Kraft der Schauspieler ist gesunken. Deshalb ignorieren viele Theatermacher dieses Problem einfach, statt es zu lösen: Sie verwenden Videos und machen Performances.

profil: Sie mögen das Schauspiel in Performances nicht?
Hermanis: Die Performance vermeidet Schauspieler doch! Von den Chefs internationaler Festivals werde ich oft gefragt, welche guten Regiearbeiten ich zuletzt gesehen habe. Niemand fragt mich, ob ich spannende Schauspieler gesehen habe. Ich träume von einem Theater, in dem die Persönlichkeit des Schauspielers im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

profil: Dann sind Sie in Wien gut aufgehoben.
Hermanis: Stimmt, ich kann mich nicht beschweren. Wien ist wohl nicht der richtige Ort, um über diese allgemeine Krise zu sprechen. Aber im internationalen Kontext verschwindet der Schauspieler immer mehr. In „Platonov“ ging es mir um die Frage: Wie kann ich 2011 noch ein Kostümdrama verkaufen? Das ist doch mittlerweile ein viel größeres Tabu als die angeblich so radikalen Arbeiten von Christoph Schlingensief. Peter Simonischek, der im „Weiten Land“ die Hauptrolle spielen wird, hat früher bei Peter Stein gearbeitet – wenn man heute Videos dieser Inszenierungen sieht, wirken sie vielleicht poetisch und romantisch, aber sicher nicht so realistisch, wie sie damals rezipiert wurden.

profil: Welche Art von Realismus streben Sie an?
Hermanis: Mir geht es gar nicht um die Wirklichkeit, sondern darum, die Kanäle der Wahrnehmung der Zuschauer zu treffen. Das klingt komplizierter, als es ist: Es ist wie Radio – man muss auf jenem Kanal senden, den das Publikum am besten empfangen kann. Man muss das richtige Signal finden. Zum letzten Mal in der Thea­tergeschichte geschah das in den neunziger Jahren: an Frank Castorfs Berliner Volksbühne.

profil: Wie hat sich unsere Wahrnehmung denn verändert?
Hermanis: Für viele Menschen dauern etwa die Opern Richard Wagners deutlich zu lang. Sie mögen es eben lieber, wenn eine Vorstellung nur eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Vor 20 Jahren hatte das Publikum noch ein ganz anderes Gefühl für Zeit. Heute lesen ja auch nicht mehr viele Leute fette Romane.

profil: Außer sie sind von Jonathan Franzen.
Hermanis: Ja, aber wie viele Österreicher haben denn wirklich Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ gelesen?

profil: Vor allem Politiker behaupten gerne, das sei ihr Lieblingsbuch.
Hermanis: Ich glaube nicht, dass heute noch viele Menschen überhaupt dazu fähig sind, sich so lange zu konzentrieren. Im Theater kämpfen wir mit diesem Problem auf jeder Probe. Jeden Tag stehe ich vor der Entscheidung, dem Publikum gefallen zu wollen – und die Vorstellung kürzer zu machen. Theater unterscheidet sich von anderen Kunstformen massiv: Musik und bildende Kunst sind viel avantgardistischer, sie sind den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Publikum voraus. Aber Theater kommt immer zu spät. Es hinkt dem Publikum hinterher, auch was Technik und Handwerk betrifft.

profil: In der bildenden Kunst gilt die Kategorie „Handwerk“ auch nicht mehr viel.
Hermanis: An den Kunstschulen im Osten ging es immer ums Handwerk, da war niemand an deiner Persönlichkeit interessiert. Im Westen war das Gegenteil der Fall, es ging darum, deine Persönlichkeit zu öffnen – mit dem Ergebnis, dass es im Westen Tausende von Künstlern gibt, die Installationen machen, aber nicht imstande sind, ein Bild zu malen, auf dem man jemanden erkennt. Alle sind sie Amateure, Künstler ohne handwerkliches Können, alles dreht sich um ihr Ego. Meine Lehrerin in der Schauspielschule meinte einmal, es gebe inzwischen so viele Regisseure, die sich für Genies halten, aber so wenige, die es schaffen, eine Geschichte zu erzählen.

profil: Sie glauben also an ein Comeback des Theaterhandwerks?
Hermanis: Nein, eigentlich nicht. Es war ja auch ein deutliches Zeichen, dass die Wiener Festwochen an zwei Leute vergeben wurden, die nichts mit Theater zu tun haben: Markus Hinterhäuser ist Pianist, und Shermin Langhoff ist soziale Aktivistin – beide wissen nichts über die Probleme des Theaters. Das ist schade, denn Wien könnte aufgrund seiner Tradition und der Liebe zum Schauspielertheater der richtige Ort sein, um ein kreatives Zentrum zu werden. Wien könnte eine Art Silicon Valley für Schauspielprobleme werden.

profil: Das klingt konservativ.
Hermanis: Ich wäre gern ein großer Avantgardist wie Romeo Castellucci oder Christoph Schlingensief, aber ich habe einfach keine guten Ideen. Deshalb habe ich mich entschlossen, radikal altmodisch zu arbeiten. Ich bin ja selbst auch Schauspieler, das erklärt viel. Ich sehe das Theater aus der Sicht der Akteure und bemerke: Die sind in Gefahr.

profil: Was macht einen guten Schauspieler eigentlich aus?
Hermanis: Er braucht neben handwerklichem Können vor allem Persönlichkeit. Das ist wie im Fußball: Man kann technisch noch so gut sein, wenn man kein Charisma hat, interessiert sich niemand für einen. Für mich ist das ein Hauptgrund, überhaupt Theater zu machen: Ich will dem Geheimnis der Schauspielerei näher kommen. Oft kommt es mir vor, Schauspieler agieren mit Techniken, die Hypnotiseure anwenden, um Energien zu bewegen. Wenn ich sehe, wie ein großer Dirigent sein Orchester führt, habe ich manchmal das seltsame Gefühl, das habe gar nichts mit Musik zu tun, es sei einfach das Bewegen von tektonischen Massen. Als Ingo Metzmacher „Parsifal“ an der Staatsoper dirigierte, musste ich nach dem ersten Akt heimgehen. Mir war das zu energetisch, zu viel, ich bekam Angst davor, wollte allein sein. Das war mir zu stark, zu mächtig. Es ging nicht mehr um Musik, sondern darum, hypnotisiert zu werden.

profil: Kunst kann also gefährlich sein?
Hermanis: Für mich war das an diesem speziellen Abend einfach so. Ich bin aber sehr stolz, dass ich mit Metzmacher nächsten Sommer arbeiten werde – und zwar bei den Salzburger Festspielen. Wir werden Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ machen.

profil: Soll „Das weite Land“ an der Burg Ihr Publikum hypnotisieren?
Hermanis: Mal sehen, ob mir das gelingt. Wenn der US-Regisseur James Cameron meint, dass das Kino in Zukunft dreidimensional sein wird, gehen wir mit Schnitzler der gegenteiligen Frage nach, ob es im Theater möglich sein kann, die Illusion von Zweidimensionalität zu erzeugen. Film ist Licht. Um eine ähnliche Illusion zu erzeugen, muss man auf der Bühne dafür sorgen, dass jedes Objekt eine eigene Lichtquelle ist. Jeder Gegenstand muss ein Lichtball sein.

profil: Das klingt nach Herausforderung.
Hermanis: Absolut. Technisch ist es möglich, aber es ist extrem teuer. Ich möchte meine Inszenierung außerdem in Schwarz-Weiß halten. Mir geht es um die verschiedenen Grautöne. Solche Tricks faszinieren mich, obwohl ich genau weiß: Die ausgeklügelte Technik der NASA werde ich nie besitzen. Also warum trete ich da überhaupt in Konkurrenz?