Theater: Kontinent Shakespeare

Er hat weder einen runden Todestag, noch würde er heuer einen runden Geburtstag feiern. Dennoch löst das englische Theatergenie William Shakespeare den Komponisten Wolfgang Amadé Mozart 2007 als Jahresregenten ab: Die Wiener Festwochen zeigen vier seiner Arbeiten, die Salzburger Festspiele haben ihn ebenso wie die Bregenzer Festspiele am Programm, das Wiener Burgtheater widmet dem Autor von „Hamlet“, „Julius Cäsar“ und „König Lear“ einen großen, zweijährigen Premieren-Zyklus. Warum ist Shakespeare so gut? War Goethe besser? Was kann man bei Shakespeare über die Liebe lernen? 20 prominente Kenner geben Antworten auf große Fragen.

Worin hat Shakespeare versagt?
Beim besten Willen: Ich finde nichts, was man Shakespeare vorwerfen könnte. Das ist ja gerade das Unbegreifliche und Geniale an diesem Dichter – in seinen Stücken kommt einfach ALLES vor. Es gibt keine menschliche Abgründigkeit oder Sehnsucht, keine Verwechslung oder Verwirrung, keinen Machtrausch und keinen Absturz, keine Intrige und keine Vergebung und vor allem keine noch so unbekannte Art dieses besonderen Gefühls, das wir „Liebe“ nennen, die er nicht in seinen Stücken beschrieben hätte. Mein einziger kleinkarierter Vorwurf wäre höchstens, dass er nicht umfassend zu begreifen ist; dass ein Stück von Shakespeare einfach immer wie ein Öltanker wirkt, gegen den sich jede Inszenierung im besten Fall wie ein gut gefüllter Benzinkanister ausnimmt. Ich mag es einfach nicht, wenn ich mir an etwas wirklich die Zähne ausbeiße.
Martin Kusej, 45, Theater- und Opernregisseur. Inszenierte Shakespeares „Hamlet“ bei den Salzburger Festspielen (2000).

Die größten Blödheiten bei Shakespeare?
Dumm gelaufen irgendwie, unser Leben mit Shakespeare, zu blöd, dass wir ihn eigentlich nicht kennen. Obwohl unsereiner, für den PISA die längste Zeit nichts als eine Stadt in Italien war, sein Werk gelesen hat, aber durch die Übersetzungen so furchtbar verdeutscht, während sich die PISA-Generation, hätte sie zum Beispiel „Hamlet“ gelesen, sagen würde: Wie blöd, wer hat schon fünf Akte Zeit, um zu scheitern! Außerdem, wo ist das Problem? Polonius, das Königspaar etc., Peng! Bumm!, causa finita, vom Sein zu Nichtsein – das sind Sekunden in Zeiten der Videospiele und der Amokläufe. „Hamlet“ ist übrigens mein Lieblingsstück und dann noch „Die Räuber“, die allerdings nicht von Shakespeare sind. Obwohl der Rache-Auftrag des alten Hamlet, die Schnurre mit dem verfluchten Bilsenkraut, das ihn meuchelte, gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig ist, weil wir Jahrzehnte vor PISA uns eigentlich an den Vätern rächen wollten, statt die Väter zu rächen. Aber was uns „Hamlet“ erzählt, und das ist dann gar nicht so blöd: Wir hatten im Gegensatz zu ihm als Gegner die Mütter vergessen. Da kann man, so blöd das klingt, von Hamlet noch etwas lernen. Die Komödien, ausgenommen „Sommernachtstraum“, kann ich kaum ertragen. Diese Verwechslungen! Diese Zwillinge, diese Mädels in Hosen, eine dramaturgische Prognose auf die Musikfilme der sechziger Jahre. Da lobe ich mir Ophelia, weil es ja wirklich zum Verrücktwerden ist. Und was das Abendmahl der Menschenfresser in „Titus Andronicus“ betrifft, gar keine blöde Einschätzung menschlicher Bestialität. Aber wenn dann Schauspieler wie bei Hans Neuenfels symbolisch in leeren Tellern herumkratzen – dann haben wir’s, das geilste Bilsenkraut so mancher Shakespeare-Regisseure. Da ist manches dumm gelaufen, ganz ohne Old Willys Zutun, der sich bei Klaus Maria Brandauers Kulissen-„Hamlet“ im Wiener Burgtheater aus Notwehr gesagt hätte: „Ich bin doch nicht blöd.“ – „Sein oder Nicht-Sein“ – das ist kein Bildungszitat. Das bleiben auf ewig zwei Fragen.
Helmut Schödel, 55, ist Theaterkritiker, Kulturkorrespondent und Buchautor.

Warum ist Shakespeare so gut?
Tausend Zeichen über Shakespeare? Das ist ein Witz. Das langt ja gerade mal für Goethe oder Schiller. Warum er immer noch so gut ist? Das Beste kennt keine Verfallszeit. Tausend Zeichen heißt: alle Hauptsätze weglassen! Weil er der Virtuose des Augenblicks ist. Weil er unserer Unaufmerksamkeit eine lange Nase dreht. Einmal nicht zugehört oder nicht hingesehen, ob als Regisseur, Zuschauer oder Protagonist, und wir verpassen das ganze Drama. Weil das im richtigen Leben die nämliche Tragödie ist. Weil er kein Realist ist, sondern der Meister der Gegenwärtigkeit. Weil er uns im Karneval unserer Moden, Masken und Attitüden lehrt, dass wir in unserem Glück banal sind und Größe nur in unserem Unglück zeigen können – die allerdings so monströs, dass sie uns umbringt. Weil er uns zeigt, dass wir in unserer Gegenwart nicht Platz zu nehmen verstehen und unserer Bestimmung immer in die Zukunft voraus stürzen. Weil er uns nix sagen wollte, sondern was zeigen: uns. Weil er uns vorspielt, dass der Tod eine Tatsache wie jede andere auch ist – und dass wir viel länger und berühmter tot sein können, als wir leben müssen, Punkt! (1.022 Zeichen)
Marie Zimmermann, 51, ist Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen und designierte Intendantin der Ruhr-Triennale.

Was können Sie von Shakespeare lernen?
Als Schriftsteller unter anderem dies: Jedes Drama beginnt mit der ersten Zeile. „Wann sehen wir drei uns wieder?“ („Macbeth“) – „Wer da?“ („Hamlet“) – „Ach, sei mir still!“ („Othello“) – Wir wollen im Theater nicht warten, wir haben keine Zeit, wir sind ungeduldig, wir können nicht blättern, erwarten die Pause, das Ende, wir wünschen, es möchte vorbei sein und wir befreit. Also los! Dann: Jedes Drama ist körperlich, eine Tragödie der Liebkosung, eine Komödie der Verstümmelung. Richards Missgestalt, Lavinias Verstümmelung, Falstaffs Bauch, Lears Alter: Eingesperrt im Saal, erleiden wir ihre Unzulänglichkeiten mit, angebunden an den Stuhl riechen wir den Atem der anderen, hören das Husten, spüren den Ellbogen – ein einziges Spiel der Hinfälligkeit. Schließlich als Mensch: Man misstraue den rhetorisch Geschickten, den Schlaflosen und den Moralisten; freundlich ist es nur in der Gegenwart von Idioten und Fettwänsten.
Lukas Bärfuss, 35, ist Dramatiker („Der Bus“). 2004 hatte sein Stück „König Heinrich der Vierte. Nach William Shakespeare“ Premiere.

Wer schrieb Shakespeares Werke?
John F. Kennedy wurde von der CIA ermordet, 9/11 war das Werk des Mossad, die NASA war nie auf dem Mond, dafür verheimlicht sie, dass Aliens in Roswell landeten, und William Shakespeare hat Shakespeares Werke nicht geschrieben. Das „Shakespeare-Komplott“ (Walter Klier) ist die Mutter aller Verschwörungstheorien. 1857 verkündete die Amerikanerin Delia Bacon, nicht „der dumme, ungebildete, drittklassige Schauspieler“ aus der Provinz sei der wahre Shakespeare, sondern ihr Vorfahr, der Philosoph Francis Bacon. Seitdem sind immer neue Shakespeares aufgetaucht: Königin Elisabeth soll die echte Autorin der Dramen sein, Ann Hathaway, Christopher Marlowe, William Stanley, Graf von Derby, Roger Manners, Graf von Rutland oder Edward de Vere, Graf von Oxford, von dessen Autorenschaft Sigmund Freud überzeugt war. Das hat etwa den Unterhaltungswert und Wahrheitsgehalt von Dan Browns „Da Vinci Code“. Dabei ist die Verfasserschaft des Handwerkersohns, Schauspielers, Regisseurs und Theaterunternehmers William Shakespeare (1564 bis 1616) gut dokumentiert, vor allem durch das Zeugnis seiner Zeitgenossen. Er schrieb, wie Bertolt Brecht bemerkte, für den „Hollywoodbetrieb“ seiner Zeit: „Das Boxoffice wird entscheidend.“ Weil er kommerziell denken musste, weil sein Theater nicht bezuschusst wurde, weil nicht alles erlaubt war (zum Beispiel Religionskritik) und weil die Konkurrenten gut waren, musste er sich anstrengen. Er machte eine Menge Geld, zog sich nach Stratford zurück und holte sich eines Nachts beim Saufen ein Fieber, an dem er starb. Das war’s. Keine Romanfigur, kein Heiligenleben, einfach der beste Drehbuchautor seiner Zeit und aller Zeiten. Übrigens hätte er aus dem Mord an JFK, dem Anschlag auf das World Trade Center, der Mondlandung und den Aliens von New Mexico selbstverständlich Verschwörungsdramen gemacht. So’n geiler Stoff!
Alan Posener, 58, ist Kommentarchef der „Welt am Sonntag“ und Autor etlicher Rowohlt-Monografien, darunter über John Lennon, Elvis Presley und Shakespeare.

Ist Hamlet Deutscher?
Im Jahr 1844 stand der Dichter Ferdinand Freiligrath in St. Goar am Rheine, sah hinauf zur Loreley und schrieb dann diese Verse: „Deutschland ist Hamlet!/Ernst und stumm/In seinen Toren jede Nacht/Geht die begrabne Freiheit um.“ Und es stimmt – Hamlet ist ein Deutscher. Nichts gelingt dem angeblichen Dänenprinzen: Den Vater kann er nicht rächen, Ophelia verweigert sich ihm, aber vor allem gebricht es ihm an Entschlossenheit, an dem Mut, der wahre Königssöhne und echte Helden auszeichnet. Hamlet kann sich zu nichts entschließen. Zu Beginn seines Stücks kommt er von der Universität in Wittenberg zurück, hat dort, ganz ohne Zweifel, Philosophie, Juristerei und leider auch Medizin studiert und ist so klug als wie zuvor, aber darüber dreißig geworden, ein verkrachter Student, vom Denken matt, vom Grübeln träg geworden, ein Zauderer, ein Deutscher, wie er im Buche steht. Der Übersetzer August Wilhelm Schlegel fand ihm denn auch die klassischen Worte, die den romantischen Deutschen charakterisieren: „Sterben – schlafen –/Schlafen! Vielleicht auch träumen!“
Willi Winkler, 49, ist freier Journalist (unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“) und lebt in Hamburg.

Welche Shakespeare-Figur wären Sie gern?
Mit „Richard II.“ wagt der Künstler Shakespeare das Unmögliche. Er zeigt einen Schöngeist an der Macht und muss davon erzählen, wie er – in seiner Kunstwelt von Gottes Gnaden gefangen wie in späteren Jahrhunderten auf ganz andere Weise Ludwig II. von Bayern oder Oscar Wilde – zu Recht untergeht. Der politische Schwächling muss abtreten, und die Pragmatiker der Macht übernehmen das Geschäft. Doch mit seinem politisch berechtigten Untergang wird zugleich etwas anderes unwiederbringlich zerstört: die Aura der Schönheit und des Besonderen. Damit ist nicht nur Richards Dandyismus gemeint, sondern vor allem die Poesie seiner musikalisch-dichterischen Sprache. Aber der Mensch ist damit auch bei sich angelangt, authentisch in seinem Reich, aus dem er nicht mehr vertrieben werden kann und ganz frei ist. Dort liegt Shakespeares schmerzhafter und zugleich befreiender Realismus – wie im folgenden Stück, „Heinrich IV.“, auch die denkbar krasseste Gegenfigur zu Richard II. untergeht, nämlich Falstaff, der sinnlich-barocke und schmutzige Volksheld. Und am Ende des Zyklus steht der verzweifelte Ruf Richards III.: „Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!“ Alle müssen untergehen, der Mensch verliert den hybriden Kampf um Macht und Bedeutung. Shakespeares Welt ist ohne Alternativen.
Klaus Bachler, 55, ist Direktor des Wiener Burgtheaters und designierter Intendant der Bayerischen Staatsoper.

Haben Sie Angst vor Shakespeares Größe?
Angst macht mir immer wieder, wenn Forscher behaupten, Shakespeare, den Autor, habe es als solchen nie gegeben, man wisse nicht, von wem die Stücke wirklich stammten. Ist das nicht wurscht? Weiters macht mir Angst, wenn Theatermenschen behaupten, Shakespeare sei unser Zeitgenosse. Kein Brite, kein Muttersprachler, käme je auf so eine Idee: Der Mann lebte, wenn überhaupt, in der englischen Renaissance und sprach und schrieb entsprechendes „Tudorenglisch“ (Frühneuenglisch!). Nur uns, die wir Shakespeare bloß aus der Übertragung kennen, gelingt es, Shakespeare in die Gegenwart zu katapultieren. Wer aus mehr als 20 Übersetzungen pro Stück wählen kann, darf nicht vergessen: Zeitgenössisch ist bestenfalls der Übersetzer. Die in Shakespeares Stücken gewälzten Probleme, so ewig-menschlich sie sein mögen, sind nicht zwangsläufig mit unseren, mit heutigen zu verwechseln, und Macbeth ist nicht Ceausescu. Angst machen mir aber noch mehr Interpreten, die meinen, Shakespeare sei eben „der“ Klassiker, ein Evergreen, der möglichst visionsfrei, also „einfach nur vom Blatt“, gespielt werden müsste. Hier muss man sich nämlich fragen, von welchem Blatt – Folio oder nicht Folio ist da die Frage! Und nicht genug, dass es die unterschiedlichen Ausgaben gibt, hinter jedem Satz lauert die Fußnote! Niemand kann und darf so tun, als handle es sich um eine „Erstaufführung“ und Figuren oder Handlungsverlauf wären neu für Zuschauer heute. Es ist aber nicht minder schwierig, wenn sich SchauspielerInnen zu Probenbeginn ihren eigenen Reim auf oder aus dem Original gemacht haben, weil jeder schon immer wusste, wie diese Passage treffender oder – noch schlimmer – witziger zu übersetzen wäre (und weil man eh super in der Englisch-Matura war). Und abschließend harren alle angstvoll der Frage: Ist Julia ein Junge oder ein Mädchen? Sind Knabenschauspieler bloß Relikt oder Interpretationsansatz? Klar ist – und das macht Angst und Lust –, Shakespeare bedarf des Kunstgriffs, Shakespeare verlangt nach Interpretation, denn – frei nach Werner Schwab – nur geschnittenes Gras riecht nach Heu.
Andreas Beck, 41, ist Dramaturg am Burgtheater und designierter Intendant des Wiener Schauspielhauses.

Muss Shakespeare neu übersetzt werden?
Shakespeare ist eine Welt. Jeder Mensch, der die Welt betritt, beginnt sie zu deuten. Die Welt zu deuten ist unsere Art, Mensch zu sein. Kein Wunder, dass Shakespeare so viele Deuter findet, wie er Leser, Zuschauer, Schauspieler, Anglisten, Regisseure hat – und Übersetzer. Wer Shakespeares Original vergleichend mit einer Übersetzung liest, ist erschrocken, ja empört: Der hat ihn missverstanden, nichts von ihm verstanden! Mir war es gerade gelungen, diese Zeile, dieses Wort zu deuten (er, der Tausendgesichtige, zwang mich, sein Wort zu deuten) – und nun wagt es ein anmaßender Irgendwer, sein abgrundschönes Wort zu verdrehen, in Unsinn zu wenden! Es wird darum immer – und immer neue – Shakespeare-Übersetzer geben. Es wird, je nach Sprachkraft, bessere und schlechtere geben – aber im Grunde hat jeder von ihnen Recht. Einiges von dem, was sie schaffen, wird gedruckt, gespielt – einiges bricht nach fünf Zeilen im abendlichen Lehnstuhl ab. Ob ich Shakespeare übersetzen würde? Ich tu’s ja, von der Pubertät bis zum Tod. Aber das behalt ich für mich selbst.
Ivan Nagel, 75, Theaterintendant (unter anderem am Deutschen Schauspielhaus und bei den Salzburger Festspielen) sowie Autor zahlreicher Bücher, zuletzt „Drama und Theater. Von Shakespeare zu Jelinek“.

Was kann man bei Shakespeare über die Liebe lernen?
Wem eine latent romantische Veranlagung innewohnt und wer auf beinahe naive Art und Weise an dem Gedanken der wahrhaftigen, ewig dauernden Liebe festhält, der mag (vermutlich) vordergründig enttäuscht sein, denn bei Shakespeare
1. endet die wahre Liebe immer tödlich (die des ersten Blicks)
2. ist die Liebe ein rein soziales Konstrukt, eine Erfindung der Gesellschaft (siehe 5)
3. genügt Sexualität allein nicht, um Liebe zu begründen, und endet zeitweise in der Austauschbarkeit des Liebesobjekts
4. endet die Liebe nicht im Exzess, sondern in der Ehe
5. wird die Liebe durch „Intrige“ forciert oder zerstört (bezieht sich auf 2)
6. ist die Liebe in ihren verschiedenen Formen letztlich ein Machtkampf
7. wird die selbstlose Liebe durch die Liebe bei Gegenseitigkeit abgelöst
8. könnte die Liste endlos sein und bleibt dennoch plakativ.
Ich möchte an dieser Stelle Hölderlin zitieren und daran festhalten: „Geschiehet doch alles aus Lust und endet doch alles mit Frieden. Wie der Zwist der Liebenden, sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder. Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges, ewiges, glühendes Leben ist Alles.“ Das ist es. Die Kraft der eigenen Entscheidung, der Glaube an, das Vertrauen auf, das Innehalten in und eben doch immer und immer: die wahrhaftige, ewige Liebe.
Christiane von Poelnitz, 35, ist Schauspielerin am Burgtheater, derzeit zu sehen in Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“.

Welches Stück ist Shakespeares bestes?
Shakespeares bestes Stück ist immer jenes, das ich gerade inszeniere! Das liegt daran, dass auch bei seinen Nicht-Spitzenstücken man immer wieder Schätze entdeckt, die man vorher nicht bemerkt hat. Im Moment inszeniere ich „Was ihr wollt“ zum zweiten Mal, weil ich damals in Ulm so ein cleverer Jungregisseur war, der ganz viel dazuerfunden hat – wie das ja auch heute Regisseure gelegentlich tun. Jetzt bin ich gespannt, wie das Stück wirklich ist. Ich weiß nur, es ist sicherlich das beste.
Peter Zadek, 80, ist Theater- und Filmregisseur. Seine Inszenierungen von „Hamlet“, „Der Kaufmann von Venedig“, „Maß für Maߓ und „Othello“ schrieben Theatergeschichte.

Welches Stück ist Shakespeares schlechtestes?
Das schlechteste Meisterwerk von Shakespeare meiner Meinung nach ist „Macbeth“. Es mangelt an Dramaturgie. Es gibt zu wenig Motivation für Macbeths Verhalten. Es gibt zu wenig Reflexion und Selbsteinschätzung. Merkwürdig für Shakespeare. Es scheint mir, als ob wichtige Stellen gestrichen oder ausgefallen seien. Oder das Stück ist gar nicht von Shakespeare.
Theu Boermans, 56, ist Schauspieler und Regisseur. Am Burgtheater ist seine Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ zu sehen.

Hat Shakespeare die Soap Opera erfunden?
Wenn Sie meinen, Shakespeare brachte serienmäßig Sex, Gewalt, verbotene Liebe, weil er – anders als unser subventioniertes Hoftheater heute – darauf angewiesen war, dass seine Bude voll war: ja. Wenn die Frage darauf zielt, ob er der Erste war, war Aischylos, glaub ich, der Schnellere.
Matthias Hartmann, 43, ist Regisseur, Intendant des Zürcher Schauspielhauses und designierter Burgtheaterdirektor.

Mit welchem Shakespeare-Zitat kommt man leichter durchs Leben?
Zwei Wochen vor der Buchmesse, als ich gerade am Westbahnhof in der Schlange vor dem Kartenschalter stand, rief mich die Pressebetreuerin meines Verlags an: „Du musst dich jetzt entscheiden. Fliegst du nach Frankfurt, oder fährst du mit dem Zug?“ Drei Monate zuvor hatte ich ein Flugangstseminar absolviert. Es hatte durchaus geholfen, immerhin war ich nach Brüssel und zurück geflogen. Aber das lag eben Monate zurück. Als ich da in dieser Schlange stand und mir vorstellte, in ein Flugzeug zu steigen, drehte sich mir beinahe der Magen um. Zugleich wusste ich, wenn ich in zwei Wochen wieder hier stehe und nicht in Schwechat, war nicht nur das Seminar umsonst, ich werde auch weiterhin nur nach Italien und Kroatien auf Urlaub fahren können. In diesem Moment fiel mir eines meiner Lieblingszitate ein, ich glaube, es stammt aus „Julius Cäsar“: „Der Feige stirbt schon vielmals, ehe er stirbt.“
„Bravo“, sagte meine Pressebetreuerin.
Zwei Wochen darauf saß ich in der ersten Reihe Economy. Als ich endlich aufzuschauen wagte, sah ich in der letzten Reihe der Business Class Robert Menasse sitzen. Großartig, dachte ich, da traue ich mich endlich in ein Flugzeug, und mit mir fliegt ausgerechnet jemand, der ein Buch mit dem Titel „Schubumkehr“ geschrieben hat. Aber alles ging gut, und seither fliege ich oft. Mich ärgert bloß, dass es nicht einfacher wird, dass ich mir dieses Zitat schon vorsagen muss, wenn der City Airport Train in Wien-Mitte einfährt. Aber was soll’s. Denn ich glaube und vertraue Shakespeare.
Thomas Glavinic, 34, ist Schriftsteller, sein jüngster Roman „Die Arbeit der Nacht“ ist vergangenen Sommer erschienen.

Wer spielt Shakespeare am besten?
Nein, Angela Winkler war trotz gebührender Bewunderung als Peter Zadeks Hamlet nicht meine Traumbesetzung. Auch George Taboris Geschlechtsumwandlung Ursula Höpfners hat mich wenig begeistert – tant de bruit pour une Hamlette. Es war ein schwarzer Hamlet, der Brite Adrian Lester in der schwerelosen Regie von Peter Brook, der mir Shakespeares schwierigste, reichste Gestalt am eindrucksvollsten verkörperte. Unvergesslich: Dieter Dorns „Troilus und Cressida“ aus München 1987. Hinreißend die Cressida der Sunnyi Melles, kaum minder intensiv: Peter Lühr und Thomas Holtzmann. Eine Ensembleleistung sondergleichen. In meiner Erinnerung kommt ihr nur das fulminante Liebeshasspaar Gert Voss und Ignaz Kirchner nahe: Othello und Jago, von Tabori einst im Akademietheater in eine Boxarena gesteckt. Am interessantesten zuletzt: Jürgen Goschs fäkaliengesättigter „Macbeth“. Eine beste Shakespeare-Produktion gibt es für mich nicht, einen besten Shakespeare-Schauspieler schon: Gert Voss. Vor allem als Peymanns Dritter Richard und Zadeks Shylock jeweils am Burgtheater.
Ulrich Weinzierl, 52, ist Theaterkritiker und Wien-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“.

Kennen Sie Shakespeares Sonette?
Der bedeutende Dichter Günter Eich, der übrigens heuer 100 wäre, definierte die Tätigkeit des Gedichteschreibens als ein „Übersetzen“ aus einer Sprache, die es nicht gibt. Shakespeares Sonette dürften einer solchen Art von Sprache ziemlich nahe kommen. Die Anzahl von Übersetzern, die sich mit ihnen bisher auseinandersetzten, kommt der Anzahl von Sandkörnern in einer Sanduhr oder am Strand ziemlich nahe. Darunter finden sich fast alle einschlägigen deutschen Dichter, von Wieland bis Stefan George, von Tieck bis Celan, aber auch Fried und Biermann sind dabei und sicher auch Goethe samt Rilke. Angeblich gibt es eine hervorragende Übersetzung ins Plattdeutsche, aber ins Wienerische hat es meines Wissens noch niemand probiert (warum eigentlich nicht?), aber das wird sicher irgendwann nachgeholt. Shakespeares Sonette sind gleichzeitig sowohl kristallklar als auch rätselhaft verdunkelt, manchmal strahlen sie lachend und sonnenhell, obwohl sie dennoch vieldeutig verschlossen und undurchsichtig bleiben, nie alles hergeben, sondern stets einen bedeutenden Rest für sich behalten – zur eigenen Sicherheit oder zum Überleben? –, sodass bei fast allen polyglotten Poesiespezialisten die beinah zwanghafte Obsession aufkommt, die jeweils eigene Fassung oder Fasson zu erstellen. Dieser Sonettenkranz gehört somit zu jenen Gedichtsammlungen, in denen durch die Zeiten hindurch immer neu mit Sprache Unsagbares oder „das Unsagbare“ mitgeteilt wird: Shakespeares Sonette geben also keinerlei Antworten, sondern beantworten bestenfalls unstellbare Fragen … oje, wie das klingt! Das heißt aber auch, dass die Worte nicht das Wichtigste sind, sondern mindestens ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger noch: der Zwischenraum zwischen den Worten und Zeilen. Eine sehr schöne neue Übersetzung der Sonettte gibt es vom österreichischen Dichter Franz Josef Czernin. Am Waschzettel steht, nicht nur sei Czernin von Shakespeare beeinflusst, sondern Shakespeare auch von Czernin. Ja natürlich, wir alle sind nicht nur von Shakespeare beeinflusst, sondern Shakespeare ist auch von uns beeinflusst, und manchmal steht er unter unserer Fuchtel!
PS: Auf die Frage, wer zuerst war, Huhn oder Ei, hat Shakespeare nicht geantwortet, sondern nur geflucht: „Da will ein Ei das Huhn belehren!“ Dieser Satz steht nicht in den Sonetten.
Gert Jonke, 60, ist Autor zahlreicher Romane, Hörbücher und Theaterstücke. Zurzeit ist von ihm am Burgtheater „Die Versunkene Kathedrale“ zu sehen.

Was ist Shakespeares Erfolgsgeheimnis?
Diese Frage stellt sich die literarisch interessierte Welt seit dem 17. Jahrhundert. Es ist ja auch phänomenal, dass ein unscheinbarer junger Mann 1580 nach London zieht und zum größten Dramatiker aller Zeiten wird. Seine Stücke sind Staatsakt und Familiensaga, Liebesgeschichte und Horrortrip. In ihnen entwirft er den gesamten Kosmos der großen Gefühle und der kleinkrämerischen Gemeinheiten. Bei ihm ist der Mensch wunderbar zwiespältig – göttergleich und Unglückswurm, getrieben von Emotionen, blutrünstig, sexgeil, machtgierig, aber auch voller Witz, Poesie und Zartheit. Er entfächert ihn in seiner Wut und Gewalttätigkeit ebenso wie in seiner Liebesglut und jongliert mit Illusion und Enttäuschung. Gleichzeitig belässt er seine Figuren rätselhaft und unauslotbar, auch das macht sie wirklichkeitsnah und attraktiv und schürt unsere Neugier, hinter ihre Geheimnisse zu kommen, hinter ihre Welt, jenseits der Historie. Vor allem seit Hamlet sind seine Menschen in ihrer gepeinigten zweifelnden Innerlichkeit und Desorientierung Vorreiter der skeptischen Moderne, zeitlos in ihrer Präsenz. Shakespeare fällt kein Urteil – er nimmt die Menschen so, wie sie sind. Er macht Weltliteratur und Volkstheater. Er macht einfach Spaß.
Michael Schottenberg, 54, ist Schauspieler, Regisseur und seit 2005 Intendant des Wiener Volkstheaters.

Ist Goethe besser?
Müssten Goethes und Shakespeares Dramenfiguren in einem Fußballmatch gegeneinander antreten, würde ein solches Spiel wahrscheinlich remis enden. In der Verteidigung sehe ich beim SV Goethe leichte Vorteile für harte Burschen wie Götz von Berlichingen, während beim FC Shakespeare im Sturm ein Prospero natürlich schwer zu halten wäre (1:1). Beim Boxen hätte allerdings kaum eine Shakespeare-Figur eine Chance gegen Faust: Othello würde wegen ständigen Würgens disqualifiziert werden; Falstaff wäre zu fett, Lear zu alt, und Hamlet würde minutenlang überlegen, ob er zuerst rechts oder links zuschlagen solle (1:0 für Goethe). Beim Fechten hingegen kann Goethes Personage einpacken, da ist gegen Romeo, Troilus und Macduff nichts zu holen (1:0 für Shakespeare). Und beim Surfen steht Goethe ohnehin auf verlorenem Posten: 51 Millionen Web-Einträge für den Engländer, 21 Millionen für den Deutschen. Shakespeare würde zu seinem 3:2-Sieg über Goethe wohl sagen: „All’s Well That Ends Well.“
Kurt Palm, 51, ist Autor und Regisseur. Zuletzt erschienen: „Brecht im Kofferraum. Aufsätze, Anekdoten, Abweichungen“.

Brauchen wir Shakespeare noch?
Es gibt im Grunde kein Thema der Menschheitsgeschichte, kein Thema wie Eifersucht, Wirtschaft, Machtgier, Abdankung von Macht, Liebestod, Liebeserfüllung, Großzügigkeit, Misstrauen, Täuschung, Liebestäuschung, Illusion, Desillusion, Magie, Entzauberung, Geschlechterkampf, Homosexualität, Seelenkrankheiten, Pest, Verbannung, Familienzwist (Fehde), Familienzusammenführung (die späten Romanzen) und letztlich auch Versöhnung („Sturm“ und „Wintermärchen“), keine Themen und Ergründungen, die nicht im Shakespeare-Theater vorhanden wären. Es gibt keinen Menschen auf unserem Planeten, der nicht von dem elisabethanischen Dichter in irgendetwas angesprochen wäre! Schließlich hat Shakespeare eine Kosmologie geschaffen, ein Weltbild, das wir wie eine Bühne bespielen. Bis der Tod uns schnappt.
Luc Bondy, 58, ist Regisseur und Intendant der Wiener Festwochen, für die er heuer „König Lear“ inszeniert.

Graust Ihnen vor Macbeths Blutdurst?
„Auf unseren Bühnen werden die abscheulichen Spiele von Shakespeare aufgeführt. Ihm kann man seine sonderbaren Ausschweifungen wohl verzeihen; denn er lebte zu einer Zeit, da in England die Wissenschaften erst geboren wurden und man also noch keine Reife von denselben erwarten konnte. Aber erst vor einigen Jahren ist ein ‚Götz von Berlichingen‘ auf unserm Theater erschienen, eine abscheuliche Nachahmung jener schlechten englischen Stücke: Und doch bewilligt unser Publikum diesem ekelhaften Gewäsche seinen lauten Beyfall.“ So durfte nur einer schelten, nämlich Friedrich II. von Preußen: Shakespeare ist grauslig, Goethe grausliger. Heute dürfen wir das ganz anders sehen. Shakespeare ist gewiss grausamer, und Goethe hat seine „verteufelt humane“ Iphigenie geschaffen. Die Regisseure modernisieren den „Torquato Tasso“, indem sie den Hof von Ferrara in eine psychiatrische Klinik verwandeln. Solches brauchen sie bei Shakespeare nicht zu tun. Er ist also zeitgemäß.
Wendelin Schmidt-Dengler, 64, ist Professor für Germanistik an der Uni Wien.

Redaktion: Wolfgang Paterno, Peter Schneeberger