Theater-Porträt: Ego-Shooter

Michael Maertens zählt zu den führenden Schauspielern des deutschen Sprachraums und gilt als Spezialist für den gebrochenen Mann. Diese Woche tritt er in der Burgtheater-Premiere von Shakespeares „Julius Cäsar“ als Marc Anton an.

Den Status des Großschauspielers unterläuft Michael Maertens konsequent: Wann immer man den Hanseaten antrifft, wirkt der 43-Jährige so, als käme er gerade aus dem Bett. Das hat, wie Burgtheater-Direktor Klaus Bachler meint, „etwas durchaus Anrührendes“. Auch diesmal ist das braune Hemd ungebügelt, hängen die schmalen Schultern nach vorne und sind die halblangen Haare kunstvoll zerzaust. Angesichts dieser zerknautschten Präsenz klingt es irgendwie unglaubwürdig, wenn Maertens meint: „Die Situation versetzt uns gerade ein bisschen in Panik.“

Der Kantinenbetrieb des Akademietheaters läuft auf Hochtouren, die Kaffeemaschine lärmt, und die Bühnenarbeiter setzen dicke Zigarettenschwaden in die Luft. Maertens schlürft ein Cola Light und fingert an einer Packung Wrigley’s-Kaugummi herum. Seit einem halben Jahr stand Oscar Wildes „Ernst ist das Leben (Bunbury)“ nicht mehr am Spielplan. In wenigen Minuten beginnt die einzige Wiederaufnahmeprobe. Noch an diesem Abend kommt die turbulente Komödie auf die Bühne zurück.

„Ich konnte bloß gestern Abend ein bisschen ins Textbuch schauen, aber mein Kollege Roland Koch hatte überhaupt erst heute Vormittag dazu Zeit“, verleiht Maertens der Situation Dramatik.

Repertoire. Sein Gedächtnis freilich ist eine Festplatte: Selbst so ausufernde Rollen wie Shakespeares Jago sind als Textdokumente in seinem Kopf bombensicher abgespeichert. Im Moment hat Maertens acht Figuren abrufbereit und könnte wohl rund 24 Stunden lang rezitieren: Wildes Algeron („Ernst ist das Leben“), Kesselrings Mortimer („Arsen und Spitzenhäubchen“), Grillparzers Rudolf („König Ottokar“), Shakespeares Marc Anton („Julius Cäsar“), Kleists Amphitryon, Rezas Alain („Der Gott des Gemetzels“) und Tschechows Iwanow. Bereits zum 130. Mal ist er am Berliner Ensemble als Shakespeares Richard II. zu sehen.

„Es ist nicht so, dass mich so eine Figur wahnsinnig plagt und ich ihre Ängste und Depressionen persönlich mit nach Hause nehme“, räumt er mit dem Mythos seiner Profession gründlich auf: „Ich bin nicht die Figur, sondern Michi Maertens und ein Schauspieler. Mir ist es in ‚Richard II.‘ gelungen, dass ich die Zuschauer zu Tränen gerührt, mir in Wirklichkeit aber Sorgen darüber gemacht habe, ob der Fußballklub St. Pauli gerade gewinnt oder nicht.“

Maertens ist der Pragmatiker der Zunft: Mit technischer Perfektion stellt er die Protagonisten der Weltliteratur auf die Bühne. Als Weltenbummler Peer Gynt (Thalia Theater, 1997) verwandelte er sich vor den Augen der staunenden Zuseher vom jungen Schnösel zum wohlhabenden Geschäftsmann, schlitterte selbstmitleidig in eine veritable Midlife-Crisis und kroch als alter Greis in den Schoß seiner Mutter zurück. „Bei ihm hat man den Eindruck, er kann einfach alles“, streut ihm Regisseur Matthias Hartmann Rosen.

Ganz gewiss aber leidet keiner schöner: Maertens ist der Virtuose des Lamentos. „Das tut alles so weh“, klagte er als depressiver Anatol und schlurfte in Luc Bondys famoser Inszenierung des Schnitzler-Klassikers von einer emotionalen Baisse zur nächsten (Wiener Festwochen, 2002). Auch sonst waren Maertens’ Ehemänner durchwegs Jammerlappen: Sein Amphitryon durchlitt die tiefe Bitternis des Gehörnten, Don Juan war ein Wicht aus dem Kinderzimmer, selbst Grillparzers Krieger Jason ließ die Schultern hängen: das Alpha- als Pantoffeltierchen.

Was Publikum und Kritik gleichermaßen schätzen: Maertens weichgezeichnete Männer sind der moderne Gegenentwurf zu ihren hartgesottenen Vorlagen vieler Dramen. Selbst Shakespeares Helden bringen bei ihm nicht mehr die pathetische Größe einstiger Jahrhunderte auf: Bei Maertens legt Richard II., der skrupellose König von England, zum Billardspielen gemütlich die Krone ab.

Brusthaare. „Das Männerbild, das ich verkörpere, hat wohl mit meiner Person zu tun“, sagt Maertens nüchtern: „Ich habe kaum Bartwuchs und keine Brusthaare, und es wäre vollkommen idiotisch, wenn ich versuchen würde, dieselbe Erotik wie Marlon Brando herzustellen. Es macht mir auf der Bühne Spaß, Schwächen oder vermeintliche Schwächen zu offenbaren.“ Insofern tritt der Spezialist für den gebrochenen Mann die Nachfolge von Oskar Werner an.

Michael Maertens wurde ins Theater regelrecht hineingeboren: Er kam 1963 als Mitglied einer legendären deutschen Schauspielerdynastie auf die Welt. Opa Willy war Schauspieler, Papa Peter ebenso, und auch seine beiden Geschwister Kai und Miriam sollten den Beruf ergreifen. Mit dickerem Theaterblut kann nur noch der österreichische Hörbiger-Clan aufwarten – in den Maertens vergangenen Dezember via Mavie Hörbiger eingeheiratet hat.

Die Rebellion gegen die Familientradition hat das Theaterkind erst gar nicht probiert: Schon als Vierjähriger habe ihr Sohn den Wunsch geäußert, irgendwann auf der Bühne zu stehen, beteuert seine Mutter. Als er mit 16 die Schule abbrechen wollte, um in Berlin die Hochschule für Darstellende Kunst zu besuchen, gaben die Eltern ihren Segen – bloß die Professoren befanden, der Pennäler sei für die Profession wohl noch ein wenig zu jung.

„Es gibt niedere Gründe, Schauspieler werden zu wollen“, erklärt Maertens und macht diese für sich geltend: „Egoismus, Egomanie, Selbstverliebtheit und ein Aufmerksamkeitsdefizit.“ Er habe den Beruf nicht etwa ergriffen, weil er dem Publikum Tschechow habe näherbringen wollen, sondern um in der Arena zu stehen: „Als ich meinen Vater auf der Bühne sah und tausend Leute im Publikum geklatscht haben, dachte ich: Das möchte ich auch.“

Matthias Hartmann, der designierte Burgtheater-Direktor, nimmt seinen langjährigen Freund in Schutz: „Das Selbstbild, das Maertens von sich hat, deckt sich nicht mit dem, was er wirklich ist, nämlich ein echter Künstler.“ Erst unlängst sei der Mann um drei Uhr in der Früh erschöpft auf Hartmanns Sofa eingeschlafen, nachdem er stundenlang manisch über Kleists „Amphitryon“ räsoniert habe. „Er war erleuchtet von dem Thema.“

Maertens freilich bleibt dabei: „Schauspieler sind keine Künstler. Das sind Menschen, die Texte auswendig lernen, die andere geschrieben haben, und dann haben sie auch noch einen Regisseur, der ihnen sagt, wie sie’s machen sollen. Das ist kein künstlerischer Vorgang. Das ist ein schöner Beruf.“ Was seiner Arbeitswut allerdings keinen Abbruch tut.

Nomade. Wie kaum ein anderer hat sich Maertens dem Theater radikal verschrieben: Mehrmals pro Woche fliegt er zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz hin und her, um seine Engagements wahrnehmen zu können. „Er ist auf einem permanenten Trip“, beschreibt Klaus Bachler sein Ensemble-Mitglied und will das durchaus zweideutig verstanden wissen. Als Hartmann vor vielen Jahren erstmals vorstellig wurde, um Maertens den Part des Peer Gynt anzubieten, sagte ihm der Berserker offenherzig, dass es ihm im Grunde „scheißegal“ sei, wer Regie führe. Er sei bloß auf die Rolle geil.

„Das war absolut widerwärtig“, erinnert sich Hartmann, der beschloss, auf den frechen Mimen einfach zu verzichten. „Ich gab mir Mühe, ein netter Mensch zu sein, und der schaute mir bloß gelangweilt dabei zu.“

Am nächsten Tag schickte Maertens eine SMS, um sich zu entschuldigen, und seither spielte er in vielen Hartmann-Inszenierungen die Hauptrolle, umkreiste und umtänzelte seine Figuren, agierte als deren Spieler und Deuter zugleich. Im Unterschied zu hochrangigen Kollegen wie Sven-Eric Bechtolf, die mit ihren Rollen regelrecht zu verschmelzen scheinen, bewahrt Maertens Distanz und kehrt ostentativ hervor, dass er Theater macht. In der Bochumer Produktion des „Iwanow“ erlaubte ihm ein kompliziertes Arrangement das offene Zwiegespräch mit sich selbst: Maertens trat mit dem gefilmten Maertens mittels Leinwand in Dialog. Die Ich-Entfremdung der Moderne materialisierte sich zur Szene.

Cäsar. Diese Woche tritt Maertens in der Burgtheater-Premiere von Shakespeares „Julius Cäsar“ als Marc Anton an – und wird wohl auch diesmal jener Schauspieler bleiben, als den ihn sein Publikum kennt: Maertens wechselt seinen Stil nicht mit den Rollen, die er spielt. Zwar laufen seine Figuren dadurch Gefahr, nur aus Versatzstücken früherer Auftritte zu bestehen. Doch bislang konnte die Kritik von seinen modernen Menschen nicht genug bekommen: Gleich viermal war er für den Nestroy nominiert, im Jahr 2000 kürte ihn das Fachblatt „Theater heute“ zum besten Schauspieler. „Weil er immer alles unterläuft, gehört Maertens in die Welt von Woody Allen“, ordnet ihn Bachler unter die Stadtneurotiker ein.

Versagt hat der Profi in seiner 15-jährigen Karriere bislang nur einmal. Als er am 1. April vor zwei Jahren im Berliner Kanzlerviertel spazieren ging, klingelte um halb sieben Uhr abends sein Handy. Hartmanns Sekretärin aus Bochum war am Apparat.

„Hallo, hier ist Christine“, sagte sie. „Wann kommst du?“
„Wie? Wann komme ich?“
„Na, Vorstellung. Du spielst heute Iwanow.“

Fünf Minuten später lag Maertens sehr blass am Rasen in Berlin, und starrte vor sich hin. „Ich war wirklich schockiert“, erinnert er sich. „Nicht weil ich wusste, dass mich das 30.000 Euro Schadenersatz kosten würde. Eine Vorstellung ausfallen zu lassen ist uns Schauspielern wirklich sehr unangenehm.“ Dann jedoch geschah ein kleines Theaterwunder. Hartmann, der gewiefte Charmeur, fragte sein Bochumer Publikum, ob es nicht auf Maertens warten wolle. In der Zwischenzeit spendiere er jedem Gast ein Gläschen Sekt und plaudere über den Intendanten-Beruf. Das Publikum stimmte zu, Maertens stieg in die letzte Maschine und wurde vom Flughafen mit dem Kostüm im Auto abgeholt. Um 22.30 Uhr ging der Vorhang hoch.

Von Peter Schneeberger