Theater: Revolution vertagt

Michael Schottenberg, der neue Direktor des Wiener Volkstheaters, legte einen spektakulären Fehlstart hin. Das Haus kämpft indes nicht nur mit finanziellen und künstlerischen Problemen, sondern angeblich auch mit „sechsstelligen“ Altlasten.

Übertriebenes Interesse an repräsentativem Schnickschnack kann man diesem Mann nicht nachsagen: Statt schicken Designeranzügen trägt Michael Schottenberg nach wie vor lieber Jeans. Auch sonst hat der Neo-Volkstheaterdirektor keine herrschaftlichen Ansprüche. Man trifft sich zum Interview zwar in jenem hellen, schmucken Eckbüro, das bereits Vorgängerin Emmy Werner bewohnte, aber irgendwie wirkt Schottenberg hier selbst nur wie ein Gast. Gewöhnlich sitzen in diesem Repräsentierbüro zwei seiner Mitarbeiterinnen. Der Chef selbst tingelt lieber von einem Büro-Provisorium zum nächsten; während der ersten Monate war er sogar heimatlos. Es scheint, als fühle sich Schottenberg im Provisorischen wohl. Die gute Nachricht lautet also: Schotti, wie Schottenberg nicht nur von Kollegen liebevoll genannt wird, ist trotz neuer Intendanz der Alte geblieben. Seine unprätentiöse Off-Theater-Haltung hat er auch in festen Stadttheater-Strukturen bewahrt. Doch damit enden die guten Nachrichten.

Nach 17 Jahren Intendanz von Emmy Werner hatte Schottenberg das chronisch unterdotierte Haus (10,3 Millionen Euro Jahressubvention, was rund einem Viertel des Burgtheater-Etats entspricht) übernommen und vergangenen September mit „Spiegelgrund“ eröffnet, einem Abend mit viel politischem Willen und heftigen künstlerischen Defiziten: Sogar dem ansonsten so bildstarken Regie-Berserker Hans Kresnik fiel zu Christoph Klimkes thesenhafter Szenenfolge um den NS-Euthanasie-Arzt Heinrich Gross, der am Wiener Spiegelgrund Beihilfe zur Ermordung tausender Kindern geleistet haben soll und auch nach der NS-Zeit Karriere als Gerichtsgutachter machte, nur plakative Polit-Theater-Routine ein. Kurz zuvor erst hatte Christoph Marthaler dasselbe Thema bei den Wiener Festwochen unter dem Titel „Schutz vor der Zukunft“ ungleich überzeugender inszeniert.

Revolutionsposse. Trotz Sponsorengeldern wurde „Spiegelgrund“ eine teure Produktion – mit rund 360.000 Euro kostete sie doppelt so viel wie eine normale Volkstheater-Premiere, Geld, das bei den folgenden Produktionen eingespart werden musste. Da sich Schottenberg mit seinen beschränkten Mitteln keine großen Namen leisten kann, setzt er auf Newcomer und Quereinsteiger. Die junge Regisseurin Annette Pullen inszenierte Horváths Arbeitslosenballade „Kasimir und Karoline“, war dabei von der großen Bühne aber gänzlich überfordert und legte eine kreuzbrave, ja langweilige Arbeit hin. Ähnlich der am Theater unerfahrene Fernsehregisseur Thomas Roth, der Thomas Bernhards ohnehin nicht mehr sonderlich brisante Nazi-Komödie „Vor dem Ruhestand“ quasi vom Blatt spielen ließ. Schottenbergs eigene Inszenierung der Nestroy’schen Revolutionsposse „Freiheit in Krähwinkel“ war schauspielerisch zwar hoch motiviert, aber politisch harmlos – eine Arbeit, die genau so auch bei Emmy Werner hätte gezeigt werden können.

Besonders rosig sieht die künstlerische Bilanz der ersten vier Volkstheater-Monate unter Schottenberg also nicht aus. Die Auslastungszahlen liegen mit 64 Prozent im Haupthaus deutlich hinter Burgtheater und Josefstadt; hinzu kommen bereits zwei abgesagte Premieren. Ironischerweise hat ausgerechnet jene Inszenierung, die für die größte mediale Aufmerksamkeit sorgte, außerhalb der Bühne stattgefunden: Schottenbergs bislang größter Hit war die „Realsatire Hitler-Zimmer“. Im Oktober ließ Schottenberg die braune Holzvertäfelung, die 1938 in einem der Verwaltungsräume des Hauses eigens für Hitler angebracht worden war (der das VIP-Zimmer allerdings dann doch nie betreten hatte), auf eigene Faust abnehmen. Laut Bescheid des Bundesdenkmalamts hätte Schottenberg sie längst wieder anbringen lassen müssen – doch weil die Platten nach der Sanierung der Wände nicht mehr exakt hineinpassen, steht das Ende dieser Farce noch aus. Selbst hier lief Schottenbergs politischer Kampfgeist ins Leere.

Steckt das Volkstheater in der Krise? Das ist wahrscheinlich die falsche Frage. In die Krise gerät ein Haus mit einem solchen Etat zwangsläufig. Regisseure wie Martin Kusej und Christoph Marthaler hatten bereits im Vorfeld der Intendantensuche aus genau diesem Grund dankend abgelehnt. Dieses Haus erfordert einen Don Quichotte, einen Kämpfer gegen Windmühlen. Um seinen Job beneidet wird Schottenberg ohnehin keineswegs, sogar die einst schärfste Rivalin im Kampf um die Leitung des Hauses, Andrea Eckert, wünscht ihm alles Gute: „Sicherlich wäre auch mir anfänglich nicht alles gelungen, aber es ist gegen mein Denken, dem Haus und Michael Schottenberg etwas anderes als Glück und Erfolg zu wünschen.“

Schottenberg muss einen Spagat hinlegen, den er noch aus seinen Off-Theater-Zeiten kennt, als er im Zirkuszelt vor der Votivkirche Theater gemacht hat, um zu beweisen, dass Kunst auch ohne viel Geld möglich ist – allerdings wirkte seine Kunst schon damals entsprechend plakativ. Eines der vielen strukturellen Probleme des Volkstheaters vor Schottenberg: Mit seinen fast tausend Plätzen war es zwar eines der größten Theater im deutschsprachigen Raum, besaß aber keine Nebenspielstätte, keinen Ort, an dem man hätte experimentieren können.

Berlin-Flair. Der Hundsturm in der Margaretenstraße sollte daher so etwas wie eine Wiener Version von Frank Castorfs Berliner Prater werden, eine Dependance der großen Volksbühne: ein Ort für schnelle, trashige, junge Theaterabende. Kürzlich ließ Wojtek Klemm, einer der beiden Hundsturm-Hausregisseure, im Rahmen des Arbeitslosenstücks „3 von 5 Millionen“ spielerisch Geld sammeln. Man könne sich, ließ er verlautbaren, kein Theaterblut leisten. Es geht, kein Scherz, um den sagenhaften Betrag von 18,50 Euro pro Abend. „Der Hundsturm muss finanziell unterhalb der Mittel eines Off-Theaters arbeiten“, erklärt Klemm. So flexibel wie ein Off-Theater ist der Hundsturm aber noch lange nicht: Für jeden Nagel, den man einschlagen will, braucht man die Bewilligung des technischen Leiters. Jedes Make-up, jede Requisite, die man benötigt, setzt einen riesigen Apparat in Bewegung, gerade an einem Haus, das jahrelang so wenig herausgefordert wurde. Das gewünschte schnelle Off-Theater und das real behäbige Stadttheater stehen einander hier im Weg.

Patrick Wengenroth, der zweite Regisseur des Hauses, hat bereits mit Ende Dezember seinen Vertrag gekündigt und den Hundsturm verlassen: „Man muss klarer definieren, was dieser Ort soll. Zu sagen, das ist die neue Spielstätte, reicht eben nicht“, sagt er.

Wengenroth und Klemm, beide einst Assistenten von Frank Castorf, wurden geholt, um Wien ein wenig Volksbühnen-Flair zu verleihen. Abgesehen von den schwierigen strukturellen Bedingungen konnte man aber auch nicht den Eindruck gewinnen, dass sich die beiden den Ort zu Eigen machten: Ihre Arbeit erinnerte eher an Dienst nach Vorschrift. Autor Händl Klaus, dessen Stück „Ich ersehne die Alpen“ am Hundsturm vor wenigen Wochen in letzter Sekunde platzte (Regisseur Klemm war mit dem Probenergebnis nicht zufrieden), der aber bei einem recht gelungenen Autorenwochenende sein neues Stück präsentierte, meint diplomatisch: „Die Temperamente dort müssten halt schärfere sein.“

Klemm und der zurückgetretene Wengenroth verweisen mittlerweile auf ihr fehlendes Pouvoir: Sie seien lediglich als Hausregisseure und nicht Hundsturm-Leiter engagiert worden und somit nur für ihre eigenen Produktionen verantwortlich – die aber etwa im Fall von „Hedda Gabler. ego shooter“ in Wengenroths Regie auch eher dürftig aussehen. Die grundsätzliche Frage bleibt trotz künstlerisch bislang lauem Programm unbeantwortet: Kann man einen solchen Ort überhaupt ernsthaft ohne finanzielle Ressourcen betreiben? Spart Michael Schottenberg an der Kunst? „Ich mach eh dasselbe wie in meiner Off-Zeit: Mit extrem wenig Geld extrem viel auf die Beine stellen“, sagt Schottenberg im profil-Interview (siehe Kasten) – und freut sich inzwischen schon darüber, dass sich Orte wie die „Rote Bar“ im Haupthaus trotz geringer Investitionen gut etabliert haben.

„Claus Peymann hätte diesen Job wahrscheinlich gar nicht übernommen“, meint Schottenberg. Ist er ein Sparefroh? Will er sich mit niemandem anlegen? Ist er einfach zu nett? Wie intern zu hören ist, fühlt man sich auch im technischen Betriebsbüro nicht gerade motiviert. Dass Herbert Fritschs „Der Golem“, geplant für 18. Dezember, bereits im Vorfeld scheiterte und nun stattdessen Schottenbergs modifizierte Berliner Inszenierung von „Weiningers Nacht“ auf dem Programm steht (Premiere: 15. Jänner), liegt unter anderem auch daran, dass das Haus über zu wenig Stauraum für Bühnenbilder verfügt, was der Technik wohl erst im letzten Augenblick eingefallen ist. Herrscht am Volkstheater mehr Beamtenmentalität als an ähnlichen Häusern? Herbert Fritsch hat das Volkstheater bei seinem lautstarken Abgang als „Milliarden-Kompromisse-Theater“ bezeichnet.

Altlasten. Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Die steigenden Kollektiv-Vertragskosten werden nicht mitsubventioniert und machen pro Jahr zusätzlich 200.000 Euro aus. Es steht noch weiteres Ungemach ins Haus: Laut Insidern gibt es begründete Befürchtungen, wonach Emmy Werner Schottenberg das Haus nicht, wie versprochen, schuldenfrei übergeben habe. Von Verbindlichkeiten „im sechsstelligen Bereich“ ist die Rede, was auch Thema einer Aufsichtsratssitzung am 25. Jänner sein wird.

Emmy Werner war vor Redaktionsschluss nicht zu erreichen, Schottenberg kommentiert die Vorwürfe einsilbig: „Es gibt eine Aufsichtsratssitzung, der ich nicht vorgreifen will und darf.“ Auch Werners ehemalige Prokuristin und nunmehrige kaufmännische Direktorin des Volkstheaters, Marianne Ziesel, verweist bloß auf diesen Termin.

An der Wand im Büro, in dem Michael Schottenberg nur zu Gast ist, steht ein Regal mit Büchern – Schmöker seiner Vorgängerin, sagt Schottenberg. Einige sind noch eingeschweißt. Beim Stöbern stieß Schottenberg auf eine weitere Altlast: das Buch „Masken, Mimen und Mimosen“ von Hans Weigel. Es trägt den Stempel der Wiener Stadtbücherei.

Mitarbeit: Wolfgang Paterno
Von Karin Cerny