Tirol: Die Ehre des Patriarchen

Der profil-Bericht über Eduard Wallnöfers NS-Mitgliedschaft sorgt für Wirbel. Der Landeshauptmann hat neue Dokumente vorgelegt. Sie machen die Causa noch rätselhafter.

War es „eine politisch motivierte Aktion gegen LH van Staa“, wie „Kronen Zeitung“ und er selbst vermuten, oder ein Schurkenstreich aus dem Osten, wie deren Innsbrucker Konkurrenzblatt „Die Neue“ wähnt („Wiener wollen Walli zum Nazi stempeln“)?

Weder noch. Die Veröffentlichung der NSDAP-Mitgliedskarte des früheren Landeshauptmanns Eduard Wallnöfer im vorwöchigen profil basierte auf einem Zufallsfund im Berliner Bundesarchiv. Das Material war bis 1989 unter US-Verwaltung gestanden und nur schwer zugänglich gewesen. Dennoch hatte, wie sich nun herausstellt, der Innsbrucker Zeitgeschichtler Michael Gehler Wallnöfers NSDAP-Mitgliedskarte schon 1987 gesehen, deren Existenz aber verschwiegen. „Walli“ war damals noch am Leben.

Der Inhalt der Karte ist eindeutig: Eduard Wallnöfer, Sekretär der Bezirksbauernkammer Imst, beantragte am 30. Juni 1938 die Aufnahme in die NSDAP. Als Aufnahmedatum ist der 1. Jänner 1941 vermerkt. Mitgliedsnummer: 9.566.289.

Die delikate Enthüllung beschäftigte vergangene Woche Politik und Medien nicht nur in Tirol. Die „Neue Zürcher Zeitung“ titelte: „Eine Tiroler Legende gerät ins Wanken“. Alles, was Rang und Namen im Land hat, wurde zur Verteidigung aufgeboten. „Er war ein großer Demokrat“, befand Südtirols Altlandeshauptmann Silvius Magnago. „Niemand war sozialer“, erinnerte sich Wallnöfer-Nachfolger Alois Partl. „Seine Leistungen sind für mich unumstritten. Zur NSDAP zu gehen war allerdings eine Dummheit“, sah Ex-Staatssekretär Ludwig Steiner (ÖVP) die Causa etwas differenzierter.

Die Ehrenrettungsaktionen gewannen an Körper, als Landeshauptmann Herwig van Staa Dienstag Früh von seiner Indienreise im Gefolge des Bundespräsidenten heimkehrte. Schon Stunden später veröffentlichte das Landesarchiv einen Auszug aus Wallnöfers Wehrstammbuch. Es war 1939 angelegt worden, als Wallnöfer zur Wehrmacht eingerückt, als einziger Sohn eines Weltkriegsgefallenen aber bald wieder entlassen worden war. Die Eintragung bezieht sich auf den Besuch Hitlers in Innsbruck nach dem Anschluss: „Politisch unzuverlässlich. Machte bei der Führerrede nach dem Umbruch feindliche Äußerungen über Partei und Staat.“

Wallnöfer, vor diesen Märztagen ’38 Sekretär der Bezirksbauernkammer Imst, war trotz einer Durchsuchung seines Büros im Amt geblieben. Am 30. Juni 1938 stellte er einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP – „nach wiederholten Aufforderungen“, wie er nach dem Krieg in einer Eingabe an die Bezirkshauptmannschaft Imst behaupten sollte.

Hatte man dem damals 25-Jährigen den Parteibeitritt als Voraussetzung für den Verbleib im Job nahe gelegt? „Das entspräche nicht ganz der damaligen Praxis“, meint Brigitte Bailer, die neue Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands DÖW. „Nach dem Anschluss verhängte die NSDAP sogar eine sofortige Aufnahmesperre, die bis Ende 1939 dauerte, weil so viele in die Partei drängten.“

Die Durchleuchtung der „Märzveilchen“, wie die Nazis die Konjunkturritter spöttisch nannten, dauerte in einigen Fällen bis 1944: Da wurden politische Vergangenheit und „rassische Reinheit“ geprüft sowie lokale Kreisleitungen konsultiert. Die NS-Bürokraten waren in diesen Fragen ebenso penibel wie bei der Buchführung des Todes in den KZ.

Der zähe Prozess führte dazu, dass selbst Kreisleiter und stellvertretende Gauleiter jahrelang auf ein Parteibuch warten mussten, schreibt der Historiker Gerhard Jagschitz im Buch „NS-Herrschaft in Österreich“. Ironie am Rande: Die Bewerber mussten, obwohl noch gar nicht Mitglied, Parteibeitrag entrichten.

Im Fall Wallnöfer verzeichnet die NSDAP-Kartei die Aufnahme am 1. Jänner 1941, 30 Monate nach dem Antrag.

Wie Wallnöfer selbst die Ereignisse darstellte, ist zwei Nachkriegsakten zu entnehmen, die Landeshauptmann van Staa und Landesarchiv-Chef Richard Schober am Mittwoch vorlegten.

Österreichische Einstellung. Das erste Dokument ist eine Eingabe Wallnöfers an die Bezirkshauptmannschaft Imst vom 9. Juni 1947, in der er um die Streichung von der Nazi-Registrierungsliste ersuchte. Er habe zwar den Beitritt beantragt, nach seinem Einrücken zur Wehrmacht im November 1939 aber keinen Mitgliedsbeitrag mehr bezahlt (musste er auch nicht – Soldaten wurde der Beitrag erlassen, Anm.). Er habe auch nicht bezahlt, als er neun Monate später abrüstete und als Geschäftsführer beim Tiroler Braunviehzuchtverband anheuerte, schrieb Wallnöfer: „Dieser Wechsel meines Dienstortes von Imst nach Innsbruck gab mir die Möglichkeit, der nationalsozialistischen Bewegung den Rücken zu kehren.“ Schließlich verwies Wallnöfer auf ein Schreiben aus dem April 1946, in welchem er angegeben hatte, von der NSDAP weder Ausweis noch Ablehnung bekommen zu haben. „Direkte Beweismittel beizubringen bin ich ... nicht in der Lage.“

Der Behörde lag die NSDAP-Karteikarte mit dem Eintrittstermin 1.1.1941, aus der profil in der Vorwoche zitierte, offensichtlich nicht vor.

Schon zwei Monate später, am 13. August 1947, erreichte den damals 34-jährigen ÖVP-Gemeinderat von Obermieming-Barwies und Sekretär der Imster Bauernkammer der positive Bescheid der Bezirkshauptmannschaft: „Seinen Angaben wurde Glauben geschenkt. Seine österreichische Einstellung ist dem Amte bekannt“, heißt es in dem vom Landeshauptmann vorgelegten zweiten Dokument.

Wallnöfer wurde von der Registrierungsliste gestrichen, zwei Jahre später wurde er Landtagsabgeordneter – der Beginn einer großen Politiker-Karriere.

Sollte die NS-Bürokratie so schludrig gearbeitet haben, dass sie dem Bewerber Wallnöfer seine Aufnahme gar nicht mitgeteilt hatte? Sollte sie das Einheben des Parteibeitrags einfach vergessen haben? Für Landesarchiv-Direktor Schober ist alles klar: „Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Wallnöfer rechtlich nicht einmal Parteianwärter der NSDAP war.“

Dem Nationalsozialismus-Forscher Wolfgang Neugebauer ist Wallnöfers Argumentationskette nicht unbekannt. Für die kürzlich erschienene Aufarbeitung der fragwürdigen Geschichte des Bundes Sozialistischer Akademiker BSA (Neugebauer/Schwarz: „Der Wille zum aufrechten Gang“; Czernin Verlag) hat er hunderte Registrierungsverfahren ehemaliger NSDAP-Mitglieder analysiert. Neugebauer: „Die Erklärung Wallnöfers findet man häufig.“

Hakenkreuz. Ähnlich habe sich etwa auch der ehemalige SPÖ-Vizebürgermeister von Innsbruck, Ferdinand Obenfeldner, gerechtfertigt. Wäre Wallnöfers Mitgliedschaft gestrichen worden, wäre das auf der Karteikarte vermerkt, meint Neugebauer. Was jedoch nicht geschehen ist: Die Rubriken, in denen ein allfälliger Ausschluss wegen Nichtbezahlung von Mitgliedsbeiträgen zu vermerken gewesen wäre, blieben bei Mitglied 9.566.289 leer.

Dennoch ist es möglich, dass alles so lief wie von Wallnöfer dargestellt, dass er sich also spätestens 1939 von den neuen Herren abgewandt hatte. Ungeklärt bliebe dann, warum er sich 1940/41 für ein Privatfoto mit seiner Frau ein Hakenkreuzabzeichen ans Revers steckte.

Vielleicht kam Wallnöfer-Biograf Herwig Schmidl im Tirol-„Kurier“ der Wahrheit am nächsten: „Der damalige Kardinal in Wien empfahl den Österreichern ein klares Ja zu Hitler-Deutschland ebenso wie der zweimalige Republiksgründer Renner“, schreibt Schmidl, „und da sollte ein kleines Bäuerlein am Mieminger Plateau schon 1938 durchschauen, was erst viel später durchschaubar wurde?“