Tocotronic: Die Plüschgeborenen

Tocotronic sind kompliziert und verwirrend und deshalb seit 20 Jahren die bedeutendste Rockband Deutschlands. Sebastian Hofer über Konzeptpop zwischen Pathos und Schabernack.

Es gibt Popbands, die es einem leicht machen, und sich selbst auch, und den Radioredakteuren, Musikfirmenangestellten und TV-Moderatoren sowieso. Das zahlt sich für die Bands und Musikfirmenangestellten meistens aus, fürs Publikum nicht immer. Es gibt aber auch Bands wie Tocotronic, die Hürden aufbauen, Hindernisse erfinden und sich dahinter verstecken – nicht so gut, dass man sie gar nicht mehr finden würde, aber doch immerhin so gut, dass man sich unter Umständen schwertut, sie gut zu finden, wenn man sich nicht ein bisschen bemüht. Tocotronic sind ein Rätsel, das jeder für sich selbst lösen muss. Und sie sind es gern und mit Absicht, und man sollte sich bemühen.

Ein aktuelles Beispiel: In den Wochen vor dem Erscheinen ihres neuen, zehnten Albums „Wie wir leben wollen“ veröffentlichte die wichtigste deutsche Rockband der vergangenen zwei Dekaden 99 Thesen als Antwort auf ihr Titelthema, darunter relativ Eingängiges („20. Anders als die Anderen“) und weniger Einleuchtendes („58. Unaufhörlich Berichte schreibend“), bedingt Mehrheitsfähiges („84. Als Monchichis“) und heillos Verquastes („87. Als Teige der Teilung“). Es soll Menschen geben, die von Tocotronic schwere Poesieallergie bekommen, und man kann sie verstehen, muss jedoch zur Therapie raten: Hypersensibilisierung tut in diesem Fall wirklich not.

Punkrock und Konzeptkunst
Dabei begann alles so einfach, in Hamburg, vor genau 20 Jahren: Dirk von ­Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank, drei Studenten Anfang 20, entdecken ein gemeinsames Faible für Punkrock und Konzeptkunst und machen das Beste daraus, nämlich eine Band. Sie nennen sie Tocotronic und werden rasch zu Idolen einer Art von Jugendbewegung, in der man bunte Jacken trägt und zu krachigen, knappen, beherzt ­amateurhaft vorgetragenen Rocksongs tanzt, die nach Teenageralltag und Jungeleuteliebe klingen. Dass das schon zu diesem Zeitpunkt mehr Konzeptkunst ist als Punkrock, wird erst später deutlich, als die Rocksongs, die Tocotronic veröffentlichen, seltsamer werden, lyrischer, uneindeutiger, kunstvoller, und sich das Tocotronic-Publikum die Frage stellen muss, um die es bei Tocotronic auch schon vorher ging: ob das denn noch Pop sei beziehungsweise: was Pop denn überhaupt sei. Tocotronic antworten darauf: Wie du willst. Jeder löst sein Rätsel selbst. Besser verwirrt sein als gar nicht denken.
Trotzdem warnt Dirk von Lowtzow, Sänger und Texter der Band, vor übertriebenem Geheimniskrämertum: „Es muss schon alles auch unmittelbar erfahrbar sein und auf der Gefühlsebene ankommen bei der Hörerin oder beim Hörer – auch ohne dass irgendwelche Referenzen oder Anspielungen erkannt werden. Darum darf es nicht gehen. Das muss scheißegal sein.“ Es ist einfach Popmusik. Trotzdem darf natürlich goutiert werden, wie Tocotronic in ihren Songs die Beach Boys und Adorno aneinanderkuscheln, The Smiths, Charlotte Rampling und Monaco Franze in ein Boot setzen und übers Tränenmeer schicken.

Auf Facebook sind Tocotronic unter anderem Fans von Pierre Boulez, Comme des Garçons, René Pollesch, Buffy und der Initiative Pro Asyl. Hochkultur, Trash, Theater, Politik, Mode und Musik; eigentlich passt das doch alles gar nicht schlecht zusammen. Eigentlich ist es ganz normal, ganz grundverschiedene Dinge zu mögen, zwischen den Genres und Ebenen, zwischen Hohem und Tiefen zu oszillieren. Unrealistisch ist nur die künstliche Konzentration auf eine einzige Dimension, zum Beispiel auf das, was im Rockbusiness gern „Ehrlichkeit“ heißt und Bodenständigkeit meint und von Tocotronic vermieden wird wie ein Abend mit den Scorpions. Insofern sind Tocotronic-Lieder das Normalste von der Welt, auch wenn sie eben nicht wie normale Rocksongs klingen, sondern mit Erzählhaltungen jonglieren, Schwindeleien aufziehen, krachige Gitarren mit süßlichem Belcanto verbinden und Verse wie diese vertonen: „Exil vom Malestream / Stimmbruch im Splitscreen / Bis die keusche Königin / Vor Neid zerspring“ (aus dem neuen Stück „Exil“; im Hintergrund ertönt an dieser Stelle übrigens allen Ernstes ein Glockenspiel).

Pathos und Schabernack
„Wie wir leben wollen“ wurde von der Band vorweg als neues Kapitel nach der so genannten „Berlin-Trilogie“ (bestehend aus „Pure Vernunft darf niemals siegen“, „Kapitulation“ und „Schall & Wahn“) angekündigt, setzt aber deren Grundprinzip weitgehend fort – mit etwas anderen, poppigeren Produktionsmitteln: Dickes Pathos wird mit hinterfotzigem Schabernack vermengt, möglichst unter Verzicht auf peinlichkeitsreduzierende Ironie. Ja, die meinen das ernst. Sich selbst aber nicht unbedingt und jederzeit. Das reibt sich, und durch Reibung entsteht Wärme, und genau um diese Wärme geht es in Tocotronic-Stücken. Was wie Kitsch klingt, kann auch eine politische Ansage sein, wenn man nur will. In dem Stück „Neue Zonen“ heißt es dazu ganz konsequent, also inkonsequent: „Wir haben weiche Ziele / Wir sind Plüschophile.“

Tocotronic provozieren, indem sie offensive Naivität mit überlebensgroßer Prätention aufladen – oder umgekehrt – und beides verleugnen. Von Lowtzow: „Ich möchte wirklich kein großes künstlerisches Gewese und Mysterium darum machen. Das wäre doch wieder nur Songwriter-Kitsch. Wir kochen alle mit Wasser. Ich glaube nicht, dass unsere Stücke die Hörer überfordern oder gar verstören. Aber es gibt ganz bestimmt Leute, die uns doof finden. Das soll ja auch so sein. Logisch. Ich finde ja auch viele Sachen blöd.“ Soll heißen: Es gibt hier nichts zu entschlüsseln. Es gibt nur Songs zu hören, die so offen sind, dass eben sehr viel hineingeht. Es gibt Popsongs, die sind sehr klar und deutlich und höllisch langweilig. Und es gibt Tocotronic-Songs.

Interview
„Das war eine sehr wütende Frau“
Dirk von Lowtzow, Sänger, Texter und Gitarrist von Tocotronic, über…

… kunstgeschichtliche Zitate und Anspielungen in ­Tocotronic-Songs
Es handelt sich um eine Art Diebische-Elster-Syndrom. Man pickt sich etwas heraus und vergisst auch gleich wieder, dass es sich um eine Referenz handelt. Das fällt einem erst wieder auf, wenn bei Interviews Journalisten sehr gut vorbereitet sind und einen damit konfrontieren. Man muss aber auch wissen, dass wir mit einer Musik sozialisiert wurden, die zeitgleich mit der Appropriation Art aufkam und Mitte der achtziger Jahre sehr weit verbreitet war, ich würde sie als Zitatpop bezeichnen. Was heute Retro ist, war damals dieser Zitatpopsound. Damit ist man aufgewachsen, auch künstlerisch, und das hat einen natürlich wahnsinnig fasziniert. Weil es ja auch so verstörend ist, wenn jemand sich einfach irgendwas nimmt und aneignet. Aber ich lege schon Wert darauf, dass unsere Stücke keine reine Ausstellung von Fundstücken, keine Collagen sind. Das wäre mir doch etwas zu strebermäßig.

… das Polarisierende an Tocotronic
Ich glaube, dass sich das vor allem für Journalistinnen und Journalisten so darstellt. Ehrlich gesagt kann ich das nicht beurteilen. Wir kommen ja fast nur bei Konzerten mit unserem Publikum in Kontakt. Dabei habe ich schon das Gefühl, die Leute freuen sich. Und wir freuen uns. Die wissen schon ganz genau, worum es uns geht, und nehmen sich halt, was sie brauchen, inhalieren das und verarbeiten es für ihr ­eigenes Leben. Aber es gibt ganz bestimmt Leute, die uns doof finden. Das soll ja auch so sein. Logisch. Ich finde ja auch viele Sachen blöd.

… das tocotronische Lieblingsthema „Körper“
Vielleicht hat es schlicht mit dem Älterwerden zu tun. Der Körper wird einem immer fremder. Das ist doch ein hochinteressanter Vorgang. Im Übrigen finde ich das Thema Körper so interessant, weil es ein gutes Gegengewicht gegen die allgemeine Innerlichkeit ist. Musik und Kunst werden ja immer auf Gefühle, auf die Seele hin interpretiert. Für mich ist das unfassbarer Kitsch, diese Songwriting-Innerlichkeit, die speziell in Deutschland gepflegt wird.

… das Cover von „Wie wir leben wollen“
Unser Bassist Jan Müller hat beim Zivildienst eine ältere Dame namens Elsa Bablitzka betreut – in grauer Vorzeit musste man das ja noch machen. Daraus hat sich eine Brieffreundschaft entwickelt. Frau Bablitzka, die 1994 gestorben ist, hatte diese sehr eigentümliche Handschrift, die wie eine Mischung aus Sütterlin-Schrift und zeitgenössischer Schrift aussieht. Sie hat auch mit sehr viel Wut geschrieben. Das war eine sehr wütende Frau. Und eine große Künstlerin, die leider nicht in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Aus diesen Briefen der Elsa Bablitzka hat Jan das Cover gestaltet. Schön, nicht?

Tocotronic: Wie wir leben wollen (Universal: 25. Jänner)