Bin Ladens letztes ­Aufgebot

Die Attentäter ­Mohammed Merah steht für die reale Bedrohung, die noch vom islamistischen Terrorismus ausgeht – und gleich­zeitig für das Ende seiner politischen Bedeutung.

Die US-Präsidentenmaschine Air Force One mit Barack Obama an Bord abschießen; ein Kreuzfahrtschiff mit Hunderten Passagieren an Bord entführen; den amerikanischen Afghanistan-General David Petraeus ermorden: Das sind die hochfliegenden Attentatspläne, die das Terrornetzwerk Al Kaida laut Aufzeichnungen inhaftierter Muslim-Fundamentalisten und ihres im vergangenen Jahr getöteten Anführers Osama Bin Laden zuletzt gewälzt hat.

Drei unbewaffnete Soldaten hinterrücks abknallen, drei wehrlose jüdische Kinder und einen Rabbi vor einer Schule ermorden und schließlich aus dem Fenster springen: Das ist die Realität des von Al Kaida inspirierten islamistischen Terrorismus, die vergangene Woche in Frankreich sichtbar wurde.

Als Mitglied von Al Kaida soll sich Mohammed Merah, der Mörder von Toulouse, gegenüber der Polizei bezeichnet haben, bevor er nach 32 Stunden Belagerung durch Spezialeinheiten aus dem ersten Stock seines Wohnhauses stürzte und mit einem Kopfschuss getötet wurde.
Wie und warum sich der 23-jährige ­algerischstämmige Franzose radikalisiert hat, war Ende vergangener Woche erst ansatzweise bekannt. Vieles spricht dafür, dass Merahs Weg zum gewaltbereiten Islamisten keineswegs geradlinig verlief. Damit steht er für jenen Tätertypus, von dem tatsächlich die größte Gefahr für den Westen ausgeht – gleichzeitig aber auch für das Ende der politischen Bedeutung des Muslim-Terrors.
Merah ist fünf Jahre alt, als die Ehe seiner Eltern geschieden wird, der Vater verlässt die Familie. Die streng religiöse Mutter ist als Alleinerzieherin mit ihren fünf Kindern – zwei Töchtern und drei Söhnen – überfordert: Immer wieder werden die Geschwister in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht, Merah selbst fliegt bis zum Alter von 13 Jahren jedes Jahr von der Schule. Eine Lehre als Karosseriespengler endet nach einem Jahr, weil sein Chef den Vertrag nicht verlängert, eine zweite muss er wegen eines Gefängnisaufenthalts vorzeitig abbrechen.

Handtaschenraub, Diebstahl, Körperverletzung: 18 Anzeigen, 15 Verurteilungen und zwei Haftstrafen hat Mohammed Merah bis zu seinem 20. Geburtstag bereits ausgefasst. Das unterscheidet ihn nicht von vielen anderen perspektivlosen Jugendlichen, die – ob mit Migrationshintergrund oder ohne – als Kleinkriminelle auf einem Schlingerkurs durch ihr früh verpfuschtes Leben unterwegs sind.

Bis 2008: In diesem Jahr kehrt sein Vater endgültig nach Algerien zurück, Mohammed Merah tritt eine Gefängnisstrafe an, kommt unter Auflagen bald frei und unternimmt einen Selbstmordversuch. Ein psychiatrisches Gutachten, das danach angefertigt wird, beschreibt ihn als „höflich, korrekt und dialogbereit“. Merah sei zwar durchschnittlich intelligent, sein Potenzial aufgrund seiner schulischen Schwierigkeiten aber verringert. Auch von „großer neurotischer Empfindlichkeit“ aufgrund des fehlenden Vaters spricht das Gutachten. Empfehlung: Psychotherapie. Prognose: unklar.
Nichts in seinem Verhalten lässt damals auf eine Nähe zum radikalen Islamismus schließen, ganz im Gegenteil: Mohammed Merah habe sich vor allem für Autos, Frauen und Disco-Besuche interessiert, erzählten Bekannte.
Und dennoch ist er zu dieser Zeit bereits im Begriff, endgültig aus der Bahn zu geraten. 2010 will er bei der französischen Armee anheuern, wird aber wegen seiner Vorstrafen abgewiesen. Im November oder Dezember desselben Jahres fährt er zum ersten Mal nach Afghanistan, wird bei einer Verkehrskontrolle von der Polizei in Kandahar aufgegriffen und nach Hause geschickt, will anschließend der Fremdenlegion beitreten, lässt die Auswahltests dann aber sausen und taucht wenig später in Pakistan auf – weiterhin auf Schlingerkurs.

Oder steckt doch mehr hinter dieser Abfolge von Reisen und Versuchen, eine Militärlaufbahn einzuschlagen? Computerdateien aus dem Umfeld von Al Kaida, die aus dem Aktenbestand eines Gerichtsverfahrens gegen zwei deutsche Möchtegern-Dschihadisten stammen und jüngst von der deutschen „Zeit“ veröffentlicht wurden, könnten diesen Schluss nahelegen. Darin findet sich eine Reihe von strategischen Überlegungen der so genannten „Maktab al-Dawa“ (in etwa: „Büro für Mission“), einer Art Strategieabteilung des Terrornetzwerks für künftige Anschläge: Islamisten aus dem Westen, die sich dem bewaffneten Kampf anschließen wollen, sollen demnach Schnellsiedekurse in afghanischen oder pakistanischen Ausbildungscamps durchlaufen und danach möglichst sofort in ihre Heimat zurückgeschickt werden, um rasch einen Anschlag durchzuführen.

Das klingt nach einem Masterplan und verlockt dazu, Merah damit in Verbindung zu bringen – beweist aber wenig über ­seine tatsächliche Verbindung mit Al Kaida. Ob es diese in irgendeiner Form gegeben hat, bleibt letztlich aber zweitrangig. Die größte Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus geht von Anschlägen wie Merahs Mordserie aus: Sie haben im Gegensatz zu groß angelegten Attentaten, die komplexe Vorbereitungen erfordern und seit 2005 im Westen ausgeblieben sind, eine realistische Chance auf Umsetzung.

Einen neuen Fall Merah kann es also jederzeit wieder geben. Dutzende junge Muslime aus verschiedenen europäischen Ländern sind aktenkundig oder bereits angeklagt, weil sie Ausbildungen in Terrorlagern islamistischer Extremisten absolviert haben und nun verdächtigt werden, ihre dort erworbenen Kenntnisse in die Tat umsetzen zu wollen.

In Berlin etwa müssen sich bald zwei Deutsche vor Gericht verantworten, die sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet einer militanten Gruppe angeschlossen haben und danach offenbar von Al Kaida als „Schläfer“ in ihre Heimat zurückbeordert wurden. Der Bundestag hat inzwischen ein Gesetz verabschiedet, das es erlaubt, deutschen Staatsbürgern den Reisepass zu entziehen, wenn sie in ein islamistisches Terrorcamp reisen wollen.

In Wien bereitet die Staatsanwaltschaft einen Prozess gegen sechs Muslime vor, die eine Art Reisebüro für potenzielle Terroristen betrieben haben sollen. Auch unter ihnen befinden sich einige, die zunächst unbemerkt in den Islamismus abgeglitten sind.

Das Potenzial für Anschläge wäre also durchaus vorhanden. Nur: Viele Anlässe für die Empörung, die in die Radikalität führt, gehen nach und nach verloren.

Die Universalbegründung für den heiligen Zorn gegen den Westen – die Palästinenserfrage, auf die sich auch Merah bei seinen Taten berufen hat – dürfte zwar auf absehbare Zeit nicht obsolet werden. Frankreichs Beteiligung am Krieg in Afghanistan, auf die der Serienkiller von Toulouse ebenfalls Bezug nahm, ist aber mehr oder minder bereits vorbei: Nachdem im vergangenen Jänner vier französische Soldaten bei einem Anschlag erschossen und 15 weitere verletzt wurden, hat Präsident Nicolas Sarkozy die militärischen Operationen am Hindukusch de facto einstellen lassen. Längst steht auch das Jahr 2014 als Zeitpunkt für den Abzug der NATO aus Afghanistan fest. Und den Irak hat der Westen längst weitgehend sich selbst überlassen.

Freilich: Wer danach sucht, wird immer einen guten Grund für den Dschihad finden. Allerdings zeigen die Reaktionen auf die Morde gleichzeitig, dass – so schlimm die Taten im Einzelnen auch sind – die Wirkmacht des islamistischen Terrors deutlich nachgelassen hat.
Nach den verheerenden Anschlägen von Madrid (2004) und London (2005) breitete sich in ganz Europa ein Gefühl der Angst aus: Da schien eine global agierende und schlagkräftige Organisation am Werk zu sein, die sich im Untergrund über den gesamten Kontinent ausgebreitet hatte und dabei war, weiter zu wachsen.

Es war der Höhepunkt des von den USA angeführten Kriegs gegen den Terror – wobei die Reaktion des Westens auf die Anschläge von 9/11 die islamistische Bedrohung zunächst nicht beseitigte, sondern im Gegenteil die politische Bedeutung der Dschihadisten steigerte und ihnen vor allem unter jungen Muslimen Sympathien und Zulauf verschaffte.

Eines konnten Bin Laden und seine Getreuen in dieser Atmosphäre lange kaschieren, oder sie wollten es im Rausch ihres scheinbar historischen Erfolgs selbst nicht wahrhaben: dass der Al Kaida weitaus mehr zugetraut wurde, als sie tatsächlich zu leisten imstande war. Es gab keine straff organisierte, weltweit vernetzte Organisation von zu allem entschlossenen Kämpfern, die sich hätte aussuchen können, wo und wann der nächste Anschlag stattfinden sollte. Der Ermittlungs- und Präventionsdruck der Sicherheitsbehörden tat sicher ein Übriges, dass es seit 2005 in der westlichen Welt zu keinen größeren Anschlägen mehr gekommen ist.
Der Tod von Osama Bin Laden vor knapp einem Jahr setzte auch einen symbolischen Schlussstrich unter den Krieg gegen den Terror, und spätestens seit die arabischen Revolutionen ohne Beteiligung von Al Kaida stattfanden, ist die existenzielle Krise des Terrornetzwerks nicht mehr zu übersehen.

Damit geht aber auch ein Motivationsverlust für seine Anhänger einher: Wer möchte schon zum Märtyrer für eine Idee werden, die immer mehr an Attraktivität verliert?

Am ehesten jemand, bei dem sich Ideologie mit psychischer Zerrüttung verbindet. Das gilt für Merah, der seine Bestimmung im radikalen Islamismus gefunden zu haben glaubte, ähnlich wie am anderen Ende des Spektrums für den norwegischen Amokläufer Anders Breivik, der seinen persönlichen Wahn im gedanklichen Umfeld einer antiislamischen Paranoia auslebte.

2010 tritt der spätere Serienmörder von Toulouse bereits ziemlich durchgeknallt in Erscheinung. Er zwingt einen befreundeten Jugendlichen, sich blutrünstige Videos von der Enthauptung „Ungläubiger“ anzusehen. Als ihn die Mutter des Burschen anzeigt, taucht Merah nach Medienberichten in Tarnuniform vor ihrem Haus auf und brüllt: „Al Kaida, Al Kaida!“
Es ist eines von vielen Warnsignalen, die ignoriert wurden, obwohl die französischen Geheimdienste bereits auf Merah aufmerksam geworden waren. Jetzt haben sie einiges zu klären – und zu erklären: warum der junge Mann trotz seiner Vorgeschichte nicht besser beobachtet wurde, obwohl ihn sogar die USA bereits kurz­fristig auf ihre Flugverbotsliste gesetzt ­hatten, zum Beispiel. Wie er sich unbemerkt Kriegswaffen wie ein Kalaschnikow-Sturmgewehr und eine Uzi-Maschinenpistole besorgen konnte. Und ob er Komplizen hatte.

Aber egal, was dabei herauskommt, egal auch, ob Merah tatsächlich Verbindungen zur Al Kaida hatte: Die Reaktion Frankreichs und Europas war weit von der Panik entfernt, die nach islamistischen Anschlägen früher auszubrechen pflegte.

Damit können die Taten Merahs als das verortet werden, was sie sind – ein Verbrechen, das nur behauptet, politisch zu sein. Und dem Terror ist ein weiteres Stück Boden entzogen.

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