Tourismus: Aufbruchstimmung

Manchmal kommen Werbegags so gut an, dass man sie am besten vorzeitig einstellt. Die Schaufensterpuppen, die am Gehsteig vor dem Hotel Le Méridien die Eröffnung des Fünf-Sterne-Hauses am Wiener Opernring ankündigten, mussten dem Zugriff der Passanten förmlich entzogen werden.

Gehüllt in schwarzes Baumwolltuch mit der Aufschrift „Hotel Le Méridien Wien“, animierten sie Schaulustige einen Monat lang zu seltsamem Gehabe. „Viele Leute haben mit ihnen für ein Foto posiert, sie angesprochen und sie sogar geküsst“, erzählt Le-Méridien-Direktorin Gabriela Benz. In einem unbeobachteten Moment, weiß Benz zu berichten, soll eine der Puppen abhanden gekommen und später in Begleitung eines jungen Paares in der U-Bahn gesichtet worden sein. Weshalb jetzt, wenige Wochen vor der für 11. November geplanten Eröffnung, die Animierdamen aus Plastik entfernt wurden.

Souvenirjäger.
Im Hotel Das Triest, nur einige Straßenzüge weiter, hat die Geschäftsleitung mit Souvenirjägern ganz anderer Art zu tun. Dort gehören etwa die „Cold/Hot“-Keramikblättchen auf den Armaturen in den Badezimmern zu beliebten Erinnerungsstücken. So beliebt, „dass sie oft abgeschraubt und gefladert werden“, sagt Hotelmanager Manfred Stallmajer.
Andenkensammler werden in österreichischen Hotels bald noch mehr Gelegenheit haben, Gegenstände wie Kleiderbügel, Handtücher, Bademäntel und Essbesteck als Mitbringsel einzustecken. Nach Jahren, in denen sich die Anzahl der Vier- und Fünf-Sterne-Hotels kaum verändert hat, ist in nächster Zeit erheblicher Zuwachs zu erwarten. Allein in Wien sollen bis Ende 2005 zumindest 1000 neue Luxuszimmer und Suiten dazukommen, mindestens sieben Betriebe wollen eröffnen oder ausbauen. Aufbruchstimmung herrscht auch in den Bundesländern. Vor allem in der Region um den Kärntner Wörthersee sind mehrere neue Beherbergungsbetriebe der gehobenen Kategorie projektiert. Die Gründe für den sich abzeichnenden Hotelboom sind vielfältig:

  • Zum einen ist es typisch für die Hotelbranche, dass tatsächliche oder vermeintliche Marktchancen häufig von mehreren Betreibergesellschaften zu ähnlichen Zeitpunkten entdeckt werden. Franz Hartl, Geschäftsführer der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank: „Der Ausbau im gehobenen Segment erfolgt in Wellen. Jahrelang tut sich nichts, dann machen auf einen Schlag mehrere Häuser auf. Jetzt ist es wieder einmal so weit.“
  • Zum anderen hat sich das Reise- und Urlaubsverhalten der Hotelgäste in den vergangenen Jahren grundlegend verändert: „Wir können eine gewisse Polarisierung zwischen gehobener Hotellerie und neuen Billighotels beobachten“, erklärt Georg Weinlaender, Direktor des Grand Hotels am Kärntner Ring. Aktuelle Statistiken bestätigen den Trend. Nach Angaben des Fachverbands der Hotellerie ist die Zahl der Übernachtungen in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels zwischen 1998 uns 2002 um mehr als 15 Prozent gestiegen, während die Zahl der Übernachtungen in niedrigen Hotelkategorien rückläufig ist (siehe Grafiken).
  • Darüber hinaus orten Hotelexperten eine weitere Polarisierung, nämlich zwischen Urlaubs- und Geschäftsreisenden. „Im Urlaub wollen sich viele etwas Besonderes gönnen und sich verwöhnen lassen, weshalb die Zahl der Übernachtungen in Luxushotels zunimmt“, so Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler. Geschäftsreisende hingegen achten zunehmend auf ihr Reisebudget und buchen neuerdings auch in so genannten „Low-Budget-Hotels“ (siehe Kasten Seite 56).
  • Zu guter Letzt lässt der sich abzeichnende allgemeine Wirtschaftsaufschwung eine bessere Auslastung im Hotelgewerbe erwarten. „Nach den Ereignissen vom 11. September 2001 war 2002 für uns ein äußerst schwieriges Jahr“, meint etwa Alexander Csurda, Verkaufsdirektor im Wiener Radisson SAS Palais Hotel. Jetzt ist Besserung in Sicht. Branchenexperten des Investmenthauses Merrill Lynch rechnen bis Ende 2003 mit einer deutlichen Belebung des Geschäfts, für 2004 bereits mit einer „anhaltenden Aufwärtsentwicklung“.
    Alles in allem also eine gute Ausgangsbasis für neue Nobelherbergen, meinen deren Betreiber. Am 11. November eröffnet im Zentrum von Wien, am Opernring Nummer 13, Le Meridien. Drei Tage davor soll, nicht weit entfernt, an der Coburgbastei Nummer 4 das Palais Coburg als elegantes Suitenhotel seine Pforten öffnen. Noch ist das historische Gebäude, das 1840 von Herzog Ferdinand von Coburg-Kohary errichtet wurde, eine Baustelle. Für die ehemalige Girozentrale am Wiener Schubertring gibt es seit einer Woche die Baugenehmigung für ein Fünf-Sterne-plus-Hotel. Immobilienmakler Ariel Muzicant: „Wir sind bereits mit 40 Investoren, Entwicklern und Betreibern im Gespräch.“

Hoch oben. Das Traditionshotel Sacher gegenüber der Oper plant den Zubau von zwei Dachgeschossen mit rund 30 neuen Luxuszimmern, einem Fitnessbereich und einem Business-Club. Das Grand Hotel (vormals ANA Grand) am Kärntner Ring hat ebenfalls Ausbaupläne. Im Gebäude gegenüber sollen 64 zusätzliche Luxussuiten entstehen. Geplanter Baubeginn: Anfang 2004. Das Hilton in Wien Mitte wird gerade rundum erneuert und soll im kommenden Frühjahr wieder aufsperren. Und schließlich plant die Rezidor-SAS-Gruppe in Kooperation mit dem Modehaus Cerruti ein Lifestyle-Hotel in der Herrengasse 12, gleich gegenüber dem Café Central.

Aufbruch.
Auch in den Bundesländern herrscht rege Bautätigkeit. Gerade einmal zwei Jahre liegt die Eröffnung des Nobelhotels Schloss Seefels bei Pörtschach zurück. Das Castellani Parkhotel in Salzburg hat eben erst im Juli aufgesperrt, das Designhotel Aenea in Reifnitz am Wörthersee ist im Juni in Betrieb gegangen. Eine Investorengruppe um den steirischen Baumeister Hans-Werner Frömmel hat das Pörtschacher Seehotel Werzer Astoria abgerissen und errichtet dort ein neues Vier-Sterne-Hotel. Die Eröffnung ist für Juni 2004 geplant. Um eine bessere Auslastung und somit eine höhere Rendite zu erzielen, wird das Hotel um Luxuswohnungen ergänzt, die um 5400 Euro pro Quadratmeter im Eigentum zu erwerben sind.
Obwohl die Investitionskosten pro Hotelbett beträchtlich sind (laut einer Faustregel zumindest 70.000 Euro), ist Christian Schmück, Immobilienexperte bei Spiegelfeld Immobilien, überzeugt, dass sich derartige Investments rentieren – vor allem in der Kongressstadt Wien. Allein beim diesjährigen Kardiologenkongress, der vor zwei Monaten am Wiener Messegelände stattfand und zu dem 45.000 Herzspezialisten aus aller Welt anreisten, sei Wien praktisch ausgebucht gewesen. Etliche Kongressteilnehmer mussten zur Übernachtung sogar nach Budapest ausweichen. „Wien hätte in jenen Tagen gut 2000 Betten mehr gebraucht“, meint Georg Weinlaender, Direktor des Grand Hotels.
Auch Tourismusbank-Chef Hartl glaubt, dass sich die zusätzlichen Vier- und Fünf-Sterne-Häuser rechnen können. Vor allem wenn sie von internationalen Hotelketten geführt werden. „Nur die verfügen über ausreichend große Marketing- und Vertriebsstrukturen“, so Hartl, „und können damit relativ einfach zusätzliche Nachfrage generieren.“
Einen nicht unbedeutenden Anreiz für den Ausbau des Luxussegments bietet schließlich die offensichtlich gestiegene Investitionsbereitschaft von Immobilienfonds. Hatten sie jahrelang ihr Geld in großen Bürotürmen und Gewerbeimmobilien angelegt, sind dort nun fallweise hohe Leerstandsraten zu verzeichnen. „Die Investoren schichten deshalb schon auf Hotelimmobilien um“, sagt Karl Bier, Vorstand der UBM Realitätenentwicklung AG. Diese Beobachtung kann Immo-Experte Schmück bestätigen: „Viele deutsche Fonds sind aktuell auf der Suche nach rentierlichen Hotelprojekten in Wien.“ Die Auswahl ist immerhin so groß wie schon lange nicht.