Tourismus: Ballermann am Berg

Horst Christoph über das Gondeldrama in Sölden, das symptomatisch für eine Fremdenverkehrsregion ist, die die Spaßgesellschaft mit Rekorden ködert.

Es war Sonntag, früher Nachmittag, als die Gondelbahn auf dem Rettenbachferner in Sölden im Ötztal (Bergstation auf 3250 Meter Seehöhe) mit einem Ruck stehen blieb. Ein Steuerungskabel der hochtechnischen Anlage war gerissen und in der Folge von einer Windböe wie eine Peitsche um eine talwärts fahrende Gondel gewickelt worden. Bei einem Neustart riss das Kabel die Gondel 40 Meter in die Tiefe. Gottlob war sie unbesetzt. 113 Ski- und Snowboardfahrer saßen in den bergwärts fahrenden Gondeln fest. Acht Stunden dauerte es, bis der Letzte unverletzt geborgen war. Die Ermittlungen dauern an, die Anlage bleibt gesperrt.

Erstaunlich an den ersten TV-Interviews war, dass die Betroffenen mehrheitlich den Zwischenfall fast als kleines Abenteuer quittierten. Angst hätten sie nicht wirklich gehabt, in den Gondeln sei der Schmäh gelaufen, das größte Problem sei der Pinkeldrang gewesen. Männer hatten es dabei einfacher als Frauen. Nur jene Liftgäste, die in unmittelbarer Nähe den Absturz der einen Gondel erlebten, zeigten Schocksymptome. Für sieben von ihnen erhebt jetzt der Münchner Anwalt Michael Witti, der auch die Kaprun-Opfer vertreten hatte, Schmerzensgeldforderungen.

Warum indes die meisten der Betroffenen, zumindest in ihren ersten Äußerungen, in einer Art Trotz-Euphorie Ungemach und Angst verdrängten, kann nur durch das erstaunliche Freizeitverhalten einer jungen oder sich jung wähnenden Gesellschaft erklärt werden, die viel Zeit und Geld aufwendet, um Spaß zu haben – und diesen Spaß auch gegen jegliche Unbill verteidigt. Motto: Wir haben für Spaß bezahlt, und den kann uns auch kein Zwischenfall mehr nehmen.

Ballermann auf dem Gletscher, Halligalli im Hochgebirge. Was Mallorca oder Ibiza im Sommer, ist Ischgl und Sölden im Winter. Die touristische Monostruktur bedient die Erwartungshaltung der Spaßkonsumenten aufs Beste und lässt sich dazu immer Spaßigeres einfallen.

Ischgl beispielsweise, nur 50 Kilometer Luftlinie von Sölden entfernt, schickte Elton John samt Klavier zum Konzert auf 2000 Meter Seehöhe. Sölden zog mit schrägen Spektakeln nach. Die schwullesbische Szene trifft sich hier zum „Gay Snowhappening“; und jedes Jahr zum Winterfinale zieht nächtens Hannibal über die Ötztaler Alpen. Mit dutzenden beleuchteten Pistenbullys als Elefanten.

Letztlich zählt aber die Zahl und die Länge der Aufstiegshilfen. Mit 34 Beförderungsanlagen liegt Sölden in Österreich ganz vorne und kann deshalb auch die Preise hoch halten. Eine vierköpfige Familie blättert für die Sechstagepässe über 600 Euro hin. Mit Blick auf die Sensationen jagende Spaßgesellschaft vermarkten die Söldner ihr Gebiet auch mit Rekorden: „The Big“ sind die drei höchsten mit Bergbahnen erreichbaren Gipfel der „Ötztal Arena“ .

Seit Oktober 2003 ist auch der höchste dieser drei Berge, die Innere Schwarze Schneid (3370 Meter) bis knapp unter den Gipfel mit einer Achtergondelbahn erreichbar, eben jener, bei der es jetzt zum Zwischenfall kam. Üblicherweise werden die Steuerungskabel solcher High-Tech-Anlagen unter die Erde verlegt. Wegen der starken Eisbewegungen des Gletschers geschah dies hier nicht. Jetzt soll das Kabel einen Meter tief in den Schnee vergraben werden.

Mitentscheidend für den Bau dieser Anlage war ein Ereignis, das jedes Jahr Sölden in den Mittelpunkt der internationalen Sportwelt rückt: der Skiweltcup-Auftakt Ende Oktober auf dem Hang, den die Bahn erschließt. Fast 30.000 Menschen kamen heuer zu diesem Ereignis, 17.000 allein am Sonntag, als der Amerikaner Bode Miller im Riesentorlauf siegte. Der Weltcup-Auftakt ist aber nicht nur per se ein gewaltiges Ereignis, er ist auch Zugpferd eines schon früh im Oktober beginnenden „Ski Opening“-Zirkus, der Wochenende für Wochenende die Söldner Betten mit trainierenden Rennfahrern und Busladungen schneehungriger Holländer, Deutscher und Tschechen füllt. Die neuesten Carver-Ski von Salomon und Atomic testen, in der Gondel die gewaltigen Oberschenkel der gegenübersitzenden schwedischen Weltcupsiegerin Anja Pärsson bewundern und am Ende des Tages „Trinken bis zum Abwinken“ (Angebot einer In-Kneipe) – das ist für tausende der Lohn für eine Anreise, die oft länger dauert, als die letzten Geretteten in ihrer Gondel ausharren mussten.

Das Wetter im Spätherbst kann frühlingshaft schön sein. Am Fenstertag zwischen Weltcup-Sonntag und Nationalfeiertag hatte es heuer bei Windstille plus zehn Grad. Die Sonne brannte, der Schnee hatte aufgefirnt. Bernhard Gstrein, Ötztaler Slalomlegende (er hat einmal Alberto Tomba geschlagen), heute Promotion-Mann der französischen Sportartikelfirma Salomon, zieht gecarvte Langschwünge in den weichen Schnee, lobt die offene Beinhaltung eines Journalisten und verteilt auch gleich Visitenkarten mit dem Logo seines Arbeitgebers.

So schön ist es aber nicht immer. Die Adriatiefs, die wahrscheinlich schon vor 4000 Jahren „Ötzi“ im Eis erstarren ließen, wehen mit Schneefahnen und eisigen Winden über den Alpenhauptkamm. Kein Mensch, der nicht hunderte von Kilometern angereist ist und 65 Euro für den Wochenendliftpass bezahlt hat, möchte an so einem Tag auf 3000 Meter Höhe im Freien sein. Es hatte minus 15 Grad bei heftigem Wind, als sich der Gondel-Zwischenfall ereignete, und einige der Betroffenen waren vielleicht nicht ganz unglücklich, in der windgeschützten Gondel zu sitzen, statt von Böen über pickelharte Pisten gefegt zu werden. Drei Viertel des Wochenendtickets waren ja zu diesem Zeitpunkt bereits konsumiert. Der Zwischenfall hätte genauso bei schönem Wetter passieren können, dann hätte sich freilich das Kabel wahrscheinlich nicht in der leeren Gondel verfangen, und die Eingeschlossenen wären schneller geborgen worden. An den Vorwürfen hätte dies nichts geändert. Die Kehrseite der Spaßgesellschaft ist nämlich ihre Vollkasko-Mentalität, die sie entdeckt, wenn Schadenersatz winkt. Den will sich Opfer-Anwalt Witti von den Bergbahnen Sölden holen.

Deren Geschäftsführer, Jakob Falkner, ist der große Macher in Sölden. Sein Unternehmen ist weit über Sölden hinaus tätig. Es besitzt Bergbahnen im vorderen Ötztal und mischt bei zwei Indoorskianlagen in Holland mit. Zuletzt sind die Bergbahnen auch mit zwei Prozent beim derzeit größten Tourismusprojekt Österreichs eingestiegen, dem futuristischen „Aqua Dome“, einer „High-Alpine-Wellness-Anlage“ in Söldens Nachbargemeinde Längenfeld. 73 Millionen Euro wurden in Freiluft-Solebecken, die wie Satellitenschüsseln aussehen, in extravagante Saunen, Eiszonen und Massagebereiche investiert.

Ein „Raum der glückhaften Segnungen“ wurde drei Tage lang von einem Tiroler Schamanen eingeweiht. Dabei ernährte er sich von neun Oliven und neun Äpfeln. Seit 1. Oktober ist die Therme der Superlative offiziell offen. Nicht ohne Anfangspannen.

Da jetzt im Spätherbst die umliegenden Felder gedüngt werden, wird das Frühstücksbuffet des angeschlossenen Hotels von Scharen von Fliegen heimgesucht, und den schwarzen Barpianisten umweht zur Happy Hour würziger Mistgeruch. Am Tag nach dem Nationalfeiertag aalten sich Frühaufsteher bei Unterwassermusik im 35-Grad-Solebecken. Einige Stunden später musste die Therme wegen Chlorgasaustritts vorübergehend geschlossen werden.

Manche in Längenfeld unken, dass die Therme (Tageskarte 20 Euro) in Zeiten sinkender Nebenausgaben der Skitouristen ein Flop würde.

Jetzt wollen die Bergbahnen Sölden die in den Gondeln Festgehaltenen mit Aqua-Dome-Freikarten entschädigen.