„Traumatische Ereignisse schmerzen“

Der in New York lebende Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel, der 1939 vor den Nazis aus Wien flüchten musste, entdeckte die neuronalen Grundlagen des Gedächtnisses. Jetzt arbeitet er daran, Medikamente gegen altersbedingten Gedächtnisschwund und Alzheimer zu entwickeln.

profil: Sie waren neun Jahre alt, als Sie 1939 vor den Nazi-Pogromen aus Wien fliehen mussten. Wie sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?
Kandel: Ich erinnere mich noch an die Reichskristallnacht, so als ob es gestern gewesen wäre. Meine Familie wurde damals aus unserer Wohnung vertrieben. Wenige Tage später, als wir zurückkamen, war die Wohnung leer. Und daran erinnere ich mich so gut, gerade weil diese Ereignisse so traumatisch waren.
profil: Sie haben davon nichts vergessen?
Kandel: Einige Ereignisse aus jener Zeit hat mein Gehirn sicherlich gelöscht. Und das ist gut so, denke ich. Denn beständig über traumatische Ereignisse zu brüten, schmerzt nur. Deshalb entledigt sich unser Gedächtnis einiger Erinnerungen. Nur ist diese Fähigkeit bei manchen Personen außer Kraft gesetzt – und die benötigen dann Hilfe. Ich glaube, dass gesundes Leben sich dadurch auszeichnet, dass man positive Erinnerungen verstärkt und bewahrt, wohingegen man das wiederholte Erinnern an traumatische und letztlich schädliche Erlebnisse minimiert.
profil: Haben Ihre Erinnerungen Sie dazu animiert, das Gedächtnis zu studieren?
Kandel: Ja. Als ich in Harvard studierte, interessierte ich mich für alles, was mit dem Dritten Reich zu tun hatte. Und ich wollte mit den Mitteln der Psychoanalyse besser verstehen, wie sich Menschen so unmenschlich verhalten konnten. Sigmund Freud war damals sehr populär.
profil: Sie sind aber Neurowissenschafter geworden.
Kandel: Während meines Medizinstudiums an der New York University nahm ich mir die Zeit, mir die Hirnforschung näher anzusehen. Diese Wissenschaft entwuchs damals gerade ihren Kinderschuhen. Da beschloss ich, mich dem Studium des Gedächtnisses zu widmen. Das Gedächtnis spielt für die Psychoanalyse eine große Rolle – und es war klar, dass sich das im Gehirn nachweisen lassen musste.
profil: Die Gedächtnisforschung war Mitte der fünfziger Jahre aber nicht besonders hoch angesehen.
Kandel: Die meisten Forscher hielten es für zu kompliziert. Ich forschte zunächst über den Hippocampus, von dem wir heute wissen, dass er eine wichtige Schaltstelle für das Gedächtnis ist. Daten werden dort zuerst verarbeitet, dann an die Großhirnrinde geleitet und gespeichert – übrigens genau an der Stelle, wo ursprünglich der Reiz empfangen wurde.
profil: Sie sind aber vor allem für Ihre Forschungen an Meeresschnecken bekannt.
Kandel: Obwohl ich damals mit meinen Kollegen wichtige Erkenntnisse über den Hippocampus beim Menschen gewann, fragte ich mich, ob sich die Frage nach der Speicherung von Information nicht auf grundlegenderer Ebene beantworten ließe. Ich machte mich auf die Suche nach einem Versuchsobjekt – und fand es in der Meeresschnecke Aplysia.
profil: War das nicht gewagt? Die Meeresschnecke ist doch nicht einmal ein Wirbeltier.
Kandel: Aber sie verfügt über ein ordentliches Nervensystem – und sie lernt, bildet also Erinnerungen. Ihre Zellen waren außerdem so groß, dass ich ihnen damals sogar Namen geben konnte. Und binnen kurzem stellte ich damals fest, dass sich nicht die Neuronen selbst ändern, wenn man sie stimuliert, sondern die Verbindungen zwischen ihnen: die Synapsen. Wenn Aplysia ein neues Verhalten lernte, änderte sich die Intensität dieser Verbindungen untereinander.
profil: Was hat die Schnecke denn gelernt?
Kandel: Beispielsweise keine Angst zu haben. Auf einen zunächst als gefährlich empfundenen Reiz reagierte sie damit, die Kiemen in die Atemröhre einzuziehen. Doch die Meeresschnecke ist intelligent und lernte mit der Zeit, dass sie vor diesen Reizen keine Angst zu haben braucht. Dieses Wissen kodierten die Synapsen. Seitdem forsche ich daran, wie und warum sich die Synapsen bei der Erinnerung verändern.
profil: Wie funktioniert das im Detail?
Kandel: Das habe ich mich damals auch gefragt, und ich begann, die molekularen Grundlagen zu erkunden. Wir haben herausgefunden, dass sich das Kurzzeitgedächtnis bildet, indem die Kopplung zwischen den Neuronen verstärkt wird. Um dagegen eine Erinnerung ins Langzeitgedächtnis abzulegen, muss der Zellkern die Bildung neuer Proteine veranlassen. Dabei bedient sich der Zellkern wiederum eines Proteins, das man CREB1 nennt. Zellkern und Synapsen arbeiten also sehr eng zusammen.
profil: Können Erinnerungen im Langzeitgedächtnis verdrängt werden, wie die Psychoanalyse behauptet?
Kandel: Mit letzter Gewissheit können wir noch nicht sagen, ob es so etwas wie Verdrängung tatsächlich gibt. Immerhin scheint es die menschliche Fähigkeit zu geben, Dinge bewusst zu vergessen. So hat meine Mutter oft zu mir gesagt: „Denk nicht mehr daran!“ Bis zu einem gewissen Grad klappt das tatsächlich. Man vergisst, und es geht einem besser. Das ist aber natürlich das Gegenteil dessen, was die Psychoanalyse beabsichtigt: Die will über alles reden.
profil: Verdanken Sie diese Einsicht ihrer Lebensweisheit?
Kandel: Nein, es gibt in der Tat erste Studien des Gehirns, die einen solchen Verdrängungsmechanismus nahe legen. Doch die eigentliche kritische Frage, die dahinter steht, ist: Woher wissen wir, dass das, woran wir uns erinnern, auch tatsächlich so geschehen ist? Solange es keinen unabhängigen Dritten gibt, der uns bestätigt, dieses oder jenes sei tatsächlich so passiert, können wir letztlich nie sicher sein, ob unsere aus dem Dunkel hervorgeholten Erinnerungen auch der Wirklichkeit entsprechen.
profil: Ihre Entdeckungen helfen Ihnen bei der Entwicklung von Medikamenten gegen das Vergessen. Haben Sie dabei immer schon daran gedacht, Medikamente gegen Alzheimer zu entwickeln?
Kandel: Das wurde erst ernsthaft besprochen, als wir erfolgreiche Versuche an Mäusen mit altersbedingten Gedächtnisstörungen durchführten. Ihr Gedächtnis verbesserte sich, wenn wir ihnen Wirkstoffe injizierten, welche die Bildung des Langzeitgedächtnisses unterstützten. Ein Kollege von mir entdeckte außerdem, dass diese Therapie bei Mäusen mit Alzheimer im Frühstadium ebenfalls wirkt.
profil: Ist denn altersbedingter Gedächtnisschwund womöglich nur eine Vorstufe für die Alzheimer-Krankheit?
Kandel: Man könnte das glauben – beide sind im Frühstadium nahezu ununterscheidbar. Aber sie haben verschiedene Ursachen und zeigen einen völlig unterschiedlichen Verlauf. In beiden Fällen sind aber Proteine zur Gedächtnisbildung involviert. Deshalb könnten Wirkstoffe, die hier eingreifen, womöglich auch bei Alzheimer helfen – zumindest im Frühstadium. Ist die Erkrankung des Nervensystems erst einmal weit fortgeschritten, helfen wohl auch diese Medikamente nichts mehr.
profil: Wie weit ist die Entwicklung dieser Medikamente gediehen?
Kandel: Die von mir 1998 mitgegründete Firma Memory Pharmaceuticals entwickelt Wirkstoffe gegen altersbedingten Gedächtnisverlust. Nach den erfolgreichen Tests mit Labormäusen müssen wir die Ergebnisse der ersten klinischen Tests abwarten. Ob das klappt, ist bis dato noch nicht abzusehen. Derzeit besteht nur die Hoffnung, die Alzheimer-Krankheit auf diesem Wege eines Tages eindämmen oder gar ganz stoppen zu können.
profil: Das ganze Projekt könnte auch scheitern?
Kandel: Auf lange Sicht gesehen, glaube ich das nicht. Schließlich dürfte das Gedächtnis die erste kognitive Fähigkeit sein, die wir auf molekularer Ebene bald vollständig verstehen. Ich bin nur nicht sicher, ob es unsere Firma sein wird, die diesen Erfolg einstreicht; es gibt schließlich noch andere Unternehmen, die an diesem Problem arbeiten.
profil: Wie lange wird es denn dauern, bis wir ein solches Medikament in Händen halten?
Kandel: Fünf Jahre, denke ich.
profil: Warten Sie persönlich darauf?
Kandel: Nicht unbedingt. Ich bin körperlich und geistig noch recht fit. Nicht, indem ich Tabletten oder Ähnliches schlucke. Ich ernähre mich gesund, treibe viel Sport und bin intellektuell sehr aktiv. Diese Art von Medizin reicht mir einstweilen.

Eric Kandel, 74, geboren als Sohn eines Spielwarenhändlers in Wien, floh 1939 in die USA. Er studierte zuerst am Harvard College Geschichte und Literatur, dann an der New York University Medizin. Seine psychiatrische Ausbildung genoss er an der Harvard University und am Institut Marey in Paris. Er war Professor in Harvard und an der Columbia University in New York. Für seine Erforschung des Gehirns und des Gedächtnisses erhielt er im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis.