Traumforschung: Schlafes Bruder

Die neuesten Erkenntnisse über den „Königsweg ins Unbewusste“, wie unterschiedlich Männer und Frauen träumen und was von Freuds „Traumdeutung“ blieb.

In regelmäßigen Abständen wird der Meister des literarischen Albtraums im Schlaf von folgender Horrorvision heimgesucht: Vor der Tür von Stephen Kings Schreibmansarde wartet ein Psychopath mit einem Skalpell. Arbeitet der Schriftsteller nicht effizient genug, wird die Tür aufgebrochen. Bevor der Irre jedoch King verletzen kann, pflegt der schweißgebadet zu erwachen.

Aus therapeutischer Sicht wäre es unzulässig, Kings nächtliches Schreckensszenario ohne intime Kenntnis seiner biografischen Erlebniswelt zu deuten. Fest steht nur, dass „kreative Menschen“, so die Wiener Traumforscherin Brigitte Holzinger, die zurzeit an einem Forschungsprojekt über Albträume arbeitet, „intensiver träumen, weil sie aus ihren Traumwelten Ideen schöpfen und sich auch bewusster damit auseinander setzen“.

Federico Fellini hatte das Finale seines Meisterwerks „8 1/2“ geträumt, Paul McCartney gab an, dass ihm Text und Musik des Songs „Yesterday“ im Schlaf erschienen waren, Arthur Schnitzler reflektierte über die Magie des Zustands in seiner „Traumnovelle“, und Salvador Dalí, der Protagonist des Surrealismus, erklärte, dass seine Bilderwelten nichts als „Fotografien seiner Träume“ darstellten.

Neben Künstlern seien psychisch kranke oder in Krisensituationen stehende Menschen, deren emotionale Hirnzentren unter ständiger Überbeanspruchung stehen, weit anfälliger für Horrorfahrten des Unbewussten. „Ich blickte in den Spiegel, als eine schreckliche Fratze – die Fratze eines Tieres – plötzlich über meine Schulter sah“, notierte die an Depressionen erkrankte Schriftstellerin Virginia Woolf zwei Jahre vor ihrem Selbstmord einen immer wiederkehrenden Albtraum.

Sozialminister Herbert Haupt hat da, zumindest was seine Traumarbeit betrifft, die deutlich besseren Karten gezogen. Träumt er doch immer wieder von satten Wiesen und äsenden Rehen.

Rund 30 Prozent seiner Lebenszeit verschläft der Mensch; 150.000 „Königswege ins Unbewusste“, so Sigmund Freuds Definition des Traums, absolviert er dabei. Zirka vier Jahre verbringt er in der traumintensiven REM-Phase (die Initialen stehen für Rapid Eye Movements – schnelle Augenbewegungen), die 1953 erstmals von dem Team rund um den ersten „offiziellen“ Schlafforscher Nathaniel Kleitmann in den USA erforscht wurde. Erstmals wurde bewiesen, dass das menschliche Hirn wesentlich leistungsfähiger als das Bewusstsein ist.

1977 traten die beiden US-Psychiater Allan Hobson und Robert McCarley zum temporären Denkmalsturz von Sigmund Freud an, als sie entdeckten, dass der Hirnstamm während des Träumens elektrische Signale ausschickt, die die optischen und akustischen Großhirnzentren anfeuern. Träume, so der Schluss der Schlafforscher, wären nichts als ein Zufallsprodukt von Nervenaktionen; eine Art Lockerungsübung des Hirns, die dazu diene, so Hobson, „das Gedächtnis zu trainieren und Überflüssiges zu löschen“.

Freud-Rehabilitierung. Freuds These vom „Schattenreich der Lüste“, das sich nachts seinen Weg bahne, weil es in der Realität nicht zum Zug komme, hielten die Neurophysiologen damit für überholt.

Inzwischen kam es längst zu einer Rehabilitierung des Freud’schen Gedankengebäudes; die Neurophysiologie und die Psychologie haben einander die Hand gereicht. Bei einem internationalen Kongress anlässlich des 100. Geburtstags von Freuds „Traumdeutung“ im Jahr 2000 in London erklärte der renommierte Psychiater und Neurologe Mark Holms: „Der derzeitige Forschungsstand gibt uns allen Grund, Freuds radikale Hypothese, dass Träume motivierte Phänomene und ihre Triebkraft Wünsche sind, ernst zu nehmen.“

1895, im Alter von 39 Jahren, begann der vielfach angefeindete Nervenarzt mit der Arbeit an seinem epochalen Werk „Traumdeutung“, die vier Jahre dauern und zu „einer großen Quälerei“, wie er in einem Brief anmerkte, eskalieren sollte. Durch das Analysieren von mehr als tausend Träumen, darunter auch viele eigene wie der legendäre Traum von „Irmas Injektion“, kam Freud zu der These, dass die Funktion des Traumes einer „Wunscherfüllung“ gleichkomme, die vor allem sexueller Natur sei.

Freud nannte Träume „abnorme physische Gebilde“, er begriff sie als Abstiegsleitern in die Dunkelwelt des Unbewussten und „als Königsweg“ zum Charakter des Schlafenden. In wilden Metaphern würden sich Sehnsüchte Ausdruck verleihen, die der Schlafende sich im Wachzustand niemals eingestehen könnte. Deswegen durchforstete Freud, der von seiner „Traumdeutung“ in voraussehendem Zweifel nur 800 Exemplare drucken ließ, die auch erst nach fünf Jahren verkauft waren, das Traummaterial wie besessen nach stabförmigen Gebilden und Hohlräumen, die er als Symbole für die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane interpretierte.

Freuds These vom Traum als Entlastungsmechanismus für sexuell Verdrängtes muss im soziokulturellen Kontext des späten 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Alles, was mit Sexualität, Erotik und Triebleben zu tun hatte, wurde von der herrschenden Zeitmoral damals mit gnadenloser Konsequenz unterdrückt. Die Verständnislosigkeit, die die Publikation seines Werkes nach sich zog, ist zusätzlich mit den Nachwirkungen der Aufklärung zu erklären. Verabschiedete sich doch jene Epoche vom jahrtausendealten Mythos des Traums als überpersönliche Erscheinung, die einem kosmische Botschaften einflüstern sollte. Die Beschäftigung mit Träumen, in welcher Form auch immer, wurde auch noch von der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts als Okkultismus und heidnisches Relikt abgetan.

Was blieb von Freud? Wissenschaftlich widerlegt wurde inzwischen die These, dass Träume vor allem sexuell orientiert sind und ausschließlich unbewusste Wünsche in Bildersprache überführen.

Die Siesta-Studie, für die neun europäische Schlaflabore ihr Datenmaterial zusammentrugen, zeigt auf, dass erotische Inhalte nur einen unwesentlichen Teil des Traumgeschehens ausmachen.

Dass das Kino des Unbewussten für die Zustandsbeschreibung der Schläfer-Psyche von immenser Bedeutung ist, wie Freud das als Erster zu formulieren wagte, ist inzwischen ein durch alle therapeutischen Schulen anerkanntes Faktum. „Das Deuten von Träumen“, so die Psychotherapeutin Rotraud Perner, „ist ein wesentlicher Teil in meiner Arbeit.“ Mittels der Dechiffrierung der geträumten Bildsprache des Klienten ließen sich „ungelöste Konflikte, ungelebte Bedürfnisse und emotionale Defizite“ orten. Träume hätten aber auch die Funktion eines „Frühwarnsystems“: „Immer wieder erzählen mir Klienten, die hart an einem Burnout-Syndrom schrammen, vom wiederkehrenden Traum eines stehen gebliebenen Autos, das sie nicht mehr anzustarten imstande sind.“ Frauen, so auch eine Erkenntnis der Siesta-Studie, würden ihren Traumerlebnissen einen weit höheren Bedeutungsgrad beimessen und sie zu Selbstreflexion nützen.

Traum-Esoterik. Gleichzeitig laufen sie auch weit öfter Gefahr, den Konflikten ihrer Existenz mit esoterischen Krücken beikommen zu wollen. Die wissenschaftlich als inakzeptabler Humbug klassifizierte „Traumdeutung“, in der erträumten Dingen, Personen und Szenarien kollektive symbolische Bedeutung zugeordnet werden, boomt auf Websites und im Buchhandel.

Allen desillusionierenden Fakten zum Trotz avanciert der seit den alten Ägyptern betriebene Volkssport der Traumdeutung in einer durch Wirtschaftskrisen und Terrorangst extrem verunsicherten Gesellschaft zum Massenplacebo und zur Lebenshilfe. Denn die Sehnsucht, esoterische Phänomene für die Widrigkeiten des eigenen Lebens mit verantwortlich zu machen, trägt erheblich zur eigenen Psychohygiene bei. Die Traumdeutung fungiert, ebenso wie die Astrologie, das Kartenlesen oder die Numerologie, als Sedativum gegen die narzisstische Kränkung des Individuums, nichts weiter als ein Augenblicksereignis in der 20 Milliarden Jahre alten Geschichte des Universums zu verkörpern. Der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno bezeichnet den kollektiven Drang zum Esoterischen als „einen verzweifelten Kurzschluss“ der Menschheit, „dem Sinnlosen irgendeinen verborgenen und grandiosen Sinn zu verleihen“.

Als ein willfähriges Opfer für alle esoterischen Marktnischen entpuppte sich die privat zutiefst verunsicherte Princess of Wales, die in den letzten 18 Monaten ihres Lebens eine eigene Traumdeuterin beschäftigt hatte. Jene Joan Hanger ließ wenig Zeit verstreichen, Dianas seelische Bilderwelten nach deren Unfalltod gegen Bares in aller Ausführlichkeit zu schildern. Charles soll ihr dabei oftmals „als bissiger Hund“ erschienen sein, der sich auf sie stürzte und ihre Kleidung zerfetzte. Einmal träumte Diana davon, dass ihr untreuer Ehemann sich ständig die Krone aufsetzte, die aber mit ebenso unerbittlicher Konsequenz wieder hinunterrutschte.

Die tragische Filmdiva Marilyn Monroe begab sich in ihrer Verzweiflung in fachkundigere Hände. Freuds Tochter Anna suchte die völlig aus dem seelischen Lot geratene Schauspielerin mit mehreren Sitzungen drehfähig zu machen. Auch aufgrund der Analyse der Träume, in denen die Monroe häufig nackt auftrat, resümierte die Psychoanalytikerin: „Marilyn ist extrem selbstmordgefährdet. Ein Großteil ihrer Persönlichkeit wird noch immer von diesem herumgestoßenen Waisenkind bestimmt, das sich ekelig benimmt, um wenigstens durch Bestrafung Aufmerksamkeit zu erfahren.“

Träume überführen die Gedanken, Ängste, Defizite und Bedürfnisse eines Menschen in Larger-than-Life-Bilderwelten. Sie fungieren damit als die direktesten Zustandsbeschreibungen des eigenen Ichs. „Träume sind unser Größtes“, erklärt der deutsche Schriftsteller Martin Walser in einem Interview, „der Traum geht wüst um mit unseren Wirklichkeitskommandos und bringt sie zur allerhöchsten Deutlichkeit, die eigentlich keiner Deutung bedarf.“