Traumjob Krieg: Was Söldner riskieren, was sie verdienen – und warum es immer mehr gibt

Sie stellen nach den USA die zweitgrößte Armee im Irak. Sie machen den Krieg zum Privatgeschäft und riskieren dabei ihr Leben: wie Söldner und Sicherheitsunternehmen Schritt für Schritt traditionelle Aufgaben staatlicher Armeen übernehmen.

In der Stadt Moyock im US-Bundesstaat North Carolina steht, an einem künstlich angelegten Teich mit sanft geschwungenem Ufer, ein Monument: die in Bronze gegossene Gestalt eines kleinen Jungen, der mit seinen Armen eine zusammengefaltete amerikanische Flagge umklammert.

Es ist ein Kriegerdenkmal, gewidmet dem „Andenken unserer gefallenen Brüder und Helden“. Die Toten, um die hier getrauert wird, sind jedoch keine Soldaten der US-Streitkräfte, sondern Mitarbeiter des Sicherheitsunternehmens Blackwater. Man könnte sie auch „Söldner“ nennen. Von ihrem Arbeitgeber werden sie mit einem Zitat aus dem 6. Buch Jesaja geadelt. „Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?“, heißt es darin. „Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!“

Nicht Gott schickt die Seinen in den Kampf. Auch nicht ein Staat. Sondern gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen.

Das staatliche Gewaltmonopol bröckelt auf allen Kontinenten. Sicherheit und Ordnung, bisher Aufgabe von Regierungen, sind zu einem der lukrativsten Geschäftszweige der globalisierten Ökonomie geworden. Die einstmals scharfe Trennlinie zwischen Eigentums- und Hoheitsrechten gilt nicht mehr. Das Öffentliche und das Private fließen ineinander. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ziehen sich die Staaten sogar aus der Kriegsführung zurück – eine Entwicklung, deren Folgen noch kaum abzusehen sind.

Nicht weit von der Blackwater-Weihestätte liegt ein 25 Quadratkilometer großer Truppenübungsplatz, mehrere Schießplätze und eine nachgebaute Stadt zum realistischen Üben von Häuserkampf-Szenarios inklusive. Diese Woche, ab 27. November, ist der Kurs „Protective Specialist Level II“ für Personen- und Objektschützer angesetzt. Mitzubringen: zwei Handfeuerwaffen, 4000 Schuss Munition, zehn Stück Plastikhandschellen. Kosten: 1250 Dollar.

Dick im Geschäft. Wer den Kurs absolviert hat, kann sein Know-how schon bald in die Praxis umsetzen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit im Irak, wo Blackwater dick im Geschäft ist. Das Unternehmen zählt weltweit zu den größten Sicherheitsunternehmen – und damit zu einer Branche, der hierzulande erst Augenmerk geschenkt wird, seit der 25-jährige Oberösterreicher Bert Nussbaumer am 16. November im Südirak gekidnappt wurde.

PSCs (Private Security Companies) und PMCs (Private Military Companies) verzeichnen schier astronomische Zuwachsraten. Internationale Schätzungen gehen davon aus, dass die Branche Aufträge im Volumen zwischen 100 und 200 Milliarden Dollar pro Jahr lukriert – Tendenz steigend. „Was private Sicherheitsunternehmen und Armeen betrifft, befinden wir uns wohl erst am Beginn einer weit reichenden Entwicklung“, vermutet Brigadier Walter Feichtinger, Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) im Verteidigungsministerium.

Im ersten Irak-Krieg 1991 standen nur rund 50 private Soldaten und Sicherheitsberater aufseiten der Anti-Saddam-Koalition unter Vertrag. Heute, dreieinhalb Jahre nach der US-Invasion, sind es rund 20.000, die für etwa 160 Unternehmen arbeiten. Nach dem US-Kontingent von 150.000 US-Soldaten stellen die privaten Sicherheitsfirmen die zweitgrößte bewaffnete ausländische Gruppierung im Irak.

Nach dem Ende des Kalten Krieges ordnete sich die Weltkarte neu. Viele Staaten zerfielen. Sowohl im Westen als auch im Osten schrumpften die staatlichen Heere zusammen. In seinem Buch „Corporate Warriors“ führt der Militärfachmann P. W. Singer aus, dass es heute weltweit rund sieben Millionen Soldaten weniger gibt als 1989. Die US-Armee verfügt inzwischen um ein Drittel weniger als zu Zeiten, als sich der Westen und der Ostblock hochgerüstet gegenüberstanden. Anfang des 21. Jahrhunderts hat sich das Bedrohungsbild verändert. Die Gefahr zwischenstaatlicher Kriege ist kleiner geworden. Ethnische Konflikte und terroristische Bedrohungen haben zugenommen.

Blutiges Handwerk. Moderne Gesellschaften sind überfordert, wenn reguläre Soldaten sterben, analysiert der US-Politologe Edward Lutwak. Denn je weniger Kinder eine Familie durchschnittlich hat, desto wertvoller wird jedes einzelne. So trifft sich ein Überangebot an militärischem Personal mit dem Bedürfnis, der Gesellschaft das blutige Handwerk des Krieges zu ersparen. Die Folge: Seit Anfang der neunziger Jahre gibt es von Albanien bis Zimbabwe kaum noch einen bewaffneten Konflikt auf der Welt, an dem nicht Unternehmen verdienen.

Laut einer Studie der Weltbank brechen Bürgerkriege meist dort aus, wo Armut herrscht. Ab 1991 wurde Sierra Leone von Rebellen terrorisiert, die folterten, vergewaltigten und wahllos Zivilisten massakrierten. Nach vier Jahren stand die Regierung am Abgrund, in Scharen liefen die Soldaten zu den Rebellen über. Doch 1995 wendete sich das Blatt. Völlig überraschend attackierte eine unbekannte Streitmacht die Rebellen aus der Luft und am Boden; innerhalb weniger Wochen waren sie vertrieben.

Bald stellte sich heraus: Der Regierung waren Angestellte des privaten Söldnervermittlers Executive Outcomes zu Hilfe geeilt – eines Unternehmens, das Anfang der neunziger Jahre vom Briten Simon Mann in Südafrika gegründet wurde. Vor zwei Jahren machte Mann noch einmal Schlagzeilen – er wurde bei Vorbereitungen für einen Putsch in Äquatorialguinea verhaftet.

Die Bürgerkriegszonen Westafrikas wurden zum Eldorado für profitorientierte Warlords. In den bewaffneten Auseinandersetzungen in Angola zählte Singer mehr als 80 Privatfirmen. Das afrikanische Land hatte 1993 ebenfalls Experten von Executive Outcomes angeheuert. Sie schulten nicht nur die staatliche Armee, sondern flogen auch Angriffe gegen Aufständische. Im Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea kamen auf beiden Seiten gedungene russische Piloten in Kampfjets zum Einsatz – und trafen teilweise in der Luft aufeinander.

Doch die Privatisierung des Krieges beschränkt sich nicht auf den Schwarzen Kontinent. Überall, wo Staaten nicht mehr ausreichend für Sicherheit sorgen, eröffnen sich Absatzmärkte. In den Balkan-Kriegen wurde Kroatien vom US-Unternehmen Military Professional Resources Incorporated (MPRI) beraten. Im Kosovo-Konflikt ließen sich die amerikanischen Truppen von Brown & Root Services aus Texas assistieren.

Söldner stehen im Dienst ihrer Auftraggeber. Politische oder weltanschauliche Vorbehalte kennen sie kaum. Zu ihren Kunden zählen Staaten ebenso wie Rebellen, Hilfsorganisationen, NGOs und UN-Truppen.

Als wichtige Drehscheibe jeder Art von Militär- und Sicherheitsleistungen gilt London. Die britische Navy vergab die Schulungen für ihre nuklear betriebenen Unterwasserboote an Private. 2001 kündigte das Verteidigungsministerium an, Teile des Militärs komplett auszulagern: darunter die Wartung der königlichen Luftwaffe oder die Einheit, die für das Auftanken der Kampfjets in der Luft zuständig ist. Beide Bereiche spielten 1998 im Kosovo und 2001 im Afghanistan-Konflikt eine entscheidende Rolle. Die US-Regierung wiederum heuerte Dyncorp und East Inc. für den Antidrogenkampf in Kolumbien an. Ironie der Geschichte: Auch die Bosse der Kartelle pflegen mit privaten Söldnern aufzurüsten.

Kämpfer, Beschützer. Längst hat sich die Wissenschaft des Phänomens angenommen – und bemüht sich zu differenzieren. Denn die Bezeichnung „Söldner“ umschreibt die Angehörigen der Branche unzureichend.

Da gibt es einerseits die PSCs, die privaten Sicherheitsunternehmen. Sie sind in erster Linie mit defensiven Aufgaben befasst: dem Schutz von Personen und Objekten (Politiker, Gütertransporte und Ölanlagen beispielsweise). Daneben existieren die PMCs – die privaten Militärfirmen. Sie übernehmen auch Kampfeinsätze.

In der Praxis sind die zwei Sparten schwer voneinander zu trennen. Wozu gehören etwa Wachsoldaten, die ein Gebäude der irakischen Regierung im sunnitischen Rebellengebiet schützen, dabei Tag für Tag angegriffen werden und versuchen, die Angreifer abzuwehren? Wo verläuft die Grenze zwischen Defensive und Offensive?

Nicht zuletzt deshalb tun professionelle Sicherheitsunternehmen alles, um sich vom Ruch der Söldnerei zu befreien. Erst vor Kurzem veranstaltete die British Association of Private Security Companies (BAPSC), ein Zusammenschluss von 14 Sicherheitsunternehmen, in London einen Kongress. Die – nach eigener Definition – seriösen Anbieter wollten sich einen Verhaltenskodex verpassen. Das hat das US-amerikanische Gegenstück der BAPSC, die International Peace Operations Association (IPOA), deren Mitglied unter anderem Blackwater ist, schon vor Längerem getan.

Nur wer absolut seriös auftritt, kann auf lukrative Aufträge durch Regierungen hoffen. Gleichzeitig ist gerade im Irak das Militär vollständig auf Private angewiesen. „Die Streitkräfte können ohne ihre Unterstützung nicht in den Krieg ziehen“, sagt die Politikwissenschafterin Deborah Avant von der George Washington University. Sicherheitsfirmen sorgen für die Wartung von Panzern, Kampfjets und Helikoptern; sie bauen Truppenunterkünfte und Landebahnen; oder sie trainieren und schulen einheimische Soldaten und Polizisten – sowohl in juristischen Belangen als auch an Waffensystemen. In der korrekten Durchführung von Vernehmungen, aber genauso in Verhörtaktik. Oder in Foltertechnik, je nachdem, wie man es sieht.

So waren laut einem Untersuchungsbericht der US-Armee Angestellte der amerikanischen Söldnerunternehmen Caci International und Titan Corp in den Folterskandal des Abu-Ghraib-Gefängnisses verwickelt. Ein Caci-Mitarbeiter soll Hunde auf Gefangene gehetzt, einem verletzten Gefangenen Schmerzmittel vorenthalten und einen anderen gezwungen haben, zur Erniedrigung Frauenkleider zu tragen. Erst im vergangenen Mai, immerhin drei Jahre nach Kriegsbeginn, gab das US-Verteidigungsministerium einen Erlass heraus, der Vertragsnehmer des Pentagons verpflichtet, sich an die Genfer Konvention zu halten.

Private Unternehmen agieren in einer Grauzone. Die kritischen Stimmen mehren sich. Nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein trat im Frühling des Jahres 2003 Exgeneral Jay Garner sein Amt als offizieller Chef der Besatzungsmacht an. Bewacht wurde er von einer Einheit des britischen Security-Unternehmens Global Risk Strategies. „Das war die Genesis“, erinnerte sich Garner gegenüber der „New York Times“. Bald setzte der Aufstand den Amerikanern und Briten zu, und die Übergangsregierung beauftragte private Security-Unternehmen mit der Sicherung ihrer Stützpunkte.

Keine Debatte. Garner wurde von Paul Bremer abgelöst, die privaten Bodyguards blieben. Die Zahl der Angriffe auf westliche Einrichtungen nahm rasch zu. Das Pentagon lagerte immer mehr Aufgaben, die gewöhnlich die US-Truppen erledigen, an Private aus. Der Öffentlichkeit wurde diese Entwicklung verschwiegen. Es gab keine Debatte, keine offizielle Entscheidung der Regierung. Das Verteidigungsministerium ließ nur wissen, die Sicherheitsunternehmen übernahmen „keine im engeren Sinn militärischen Funktionen“.

Doch die Realität sieht anders aus.

Im April 2004 wurden Security-Leute des US-Unternehmens Triple Canopy in Kriegshandlungen mit der al-Mahdi-Armee des schiitischen Geistlichen Muqtada al-Sadr verwickelt, die den US-Stützpunkt in der ostirakischen Stadt Kut angriff. Das Gefecht mit hunderten Aufständischen erfüllte nach Augenzeugenberichten alle Kriterien einer „im engeren Sinn militärischen Funktion“. Es endete mit der Flucht der Triple-Canopy-Söldner, unterstützt durch US-Kampfhubschrauber.

Schlimmer war es Wochen zuvor vier Lohnsoldaten von Blackwater ergangen. Sie hatten einen Versorgungslastwagen zu einer US-Militärbasis begleitet und waren von Aufständischen erschossen worden. Der Mob schleifte ihre Leichen, an Autos gebunden, durch die Straßen und hängte sie an einer Brücke in Falludscha auf.

Wenige Tage später griffen Blackwater-Hubschrauber ins Kampfgeschehen ein, als Schiiten-Milizionäre im südirakischen Najaf zum Sturm auf den von US-Marineinfanteristen bewachten Sitz der Provinzregierung ansetzten. Die Helikopter brachten den Verteidigern Munitionsnachschub und flogen einen verletzten GI aus.

Zwölf US-Senatoren schrieben einen Brief an den mittlerweile zurückgetretenen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: „Sicherheit in einem umkämpften Gebiet ist eine klassische militärische Mission“, mahnten sie. Rumsfeld hatte durchaus ideologische Gründe für das Outsourcing. Seine Idealvorstellung war eine schlanke, flexible Armee, die alle logistischen Aufgaben von Zulieferern erledigen lässt. Dazu kam ein Problem: Der Stratege des Irak-Krieges wollte nicht zugeben, dass die entsandten Truppenkontingente angesichts der Anarchie im Land nicht mehr ausreichten. Da immer mehr US-Soldaten im Irak getötet wurden, wäre eine Truppenaufstockung schwer durchzusetzen gewesen. Da kamen Söldner gerade gelegen.

Berufsrisiko. Entführt oder getötet zu werden gehört für sie zum Berufsrisiko. Sie werden gut dafür bezahlt: Die Gehälter reichen von 500 bis 1500 Dollar pro Tag. 800 Dollar bekomme er auf die Hand, erzählte der Steirer Mario M. profil im Jahr 2004 bei einer zufälligen Begegnung im Bagdader Ausländerhotel Rimal. Die Aufgabe des 33-Jährigen bestand darin, einen US-Experten für Kommunalpolitik bei Reisen in die Provinz zu schützen. „An die Gefahr denkst du nicht“, meinte der ehemalige Bundesheersoldat: „Du konzentrierst dich auf den Job, und das ist es.“

Aufseiten der US-Streitkräfte wurden bislang über 3100 Tote verzeichnet. Statistisch gesehen haben Mitarbeiter von Sicherheitsunternehmen im Irak ein fast genauso hohes Risiko umzukommen wie reguläre Soldaten.

Niemand kennt die genaue Zahl der Söldner, die Firmen agieren im Irak ohne Lizenz. Vom Pentagon beauftragte Unternehmen schließen Verträge mit Subunternehmen ab, keine staatliche Stelle übt effektive Kontrolle aus. Aufgrund eines irakischen Gesetzes, das noch aus der Zeit der amerikanischen Übergangsregierung stammt, unterliegen ausländische Söldner nicht dem irakischen Strafrecht, könnten also nur nach internationalem oder US-Strafrecht verfolgt werden. Doch wie sollen Iraker – vielfach beklagte – Übergriffe anzeigen? Laut Presseberichten gab es bereits hunderte Fälle, in denen Security-Personal auf Zivilisten geschossen hat.

Je gefährlicher die Lage im Irak wird, umso mehr steigt der Bedarf an risikofreudigen Sicherheitsleuten. Um Aufträge brauchen sich die Sicherheitsunternehmen auch in Zukunft kaum Sorgen zu machen. Im Irak wird das Chaos in absehbarer Zeit nicht enden – und die Weltbank bewertet international 60 Staaten als „Licus“ (Low Income Countries Under Stress), also als potenzielle Konfliktherde. Und damit als Hoffnungsmärkte für Söldner.

Von Edith Meinhart, Martin Staudinger und Robert Treichler Mitarbeit: Gregor Mayer