Trend: Glücksfalle

Die Glücksindustrie boomt. Von Buch-Ratgebern über Psycho-Seminare bis hin zu Gewürztees: Ein Leben im Dauerhoch, so die verführerische Botschaft, ist kein Problem. Im besten Fall sind die Instant-Glücksverheißungen harmlos, im schlechtesten Fall lebensgefährlich.

Es begann mit dem harmlosen Griff ins Ratgeberregal und endete mit einem psychischen Totalzusammenbruch: Als Roman P. vor einem Jahr in eine Buchhandlung in Wien spazierte, war er ein Mann, dem es nach außen hin an nichts fehlte: Mitte 30, verheiratet, Leiter einer kleinen Abteilung einer Bank. Und doch hätte ihm die Frage, ob er im Großen und Ganzen glücklich sei, einen Stich versetzt: Das war er eindeutig nicht.

Seit längerem hatte sich in seinem Kopf der Gedanke festgesetzt, dass er aus seinem Leben mehr hätte machen können, dass er strahlender dastehen könnte. Er könnte ein Sieger sein wie der Bestsellerautor Kurt Tepperwein, dessen Bücher inzwischen ganze Laufmeter in den Ratgeberregalen füllen. Die Titel, die Roman P. ins Auge stachen, waren eine einzige Aufforderung, selbst am Rad des Schicksals zu drehen, nach dem Motto: Das Glück ist machbar, du musst es nur wollen!

Hilf dir selbst. Roman P. wollte. Er war bereit dafür, die „Krise als Chance“ zu begreifen, bereit für die Lektion „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner“, bereit, die „Kraftquelle Mentaltraining“ zu erschließen, bereit für das „Loslassen, was dich nicht glücklich macht“. Roman P. war sogar bereit für den „Weg zum Millionär“.

Die Bücher waren schnell durchgeackert. Danach war Roman P. bereit, „über sich hinauszuwachsen“. Er schrieb sich für ein mehrtägiges Seminar beim Guru der Mentaltrainer ein, wo es schnell zur Sache ging: Hypnosen, Trancezustände, fünfzehn Minuten volle „Om“-Dröhnung, dann war sein Gehirn für neue Botschaften aufbereitet. Eine lautete: „Sie müssen jegliche Verbindung unterbrechen, um glücklich zu werden.“

Nach zwei Monaten, berichtet seine Frau, sei ihr Mann „geistig und emotional unerreichbar“ gewesen. Eines Tages packte Roman P. seine Koffer, zog in eine andere Wohnung und reichte die Scheidung ein. Kurz darauf brach der Mann psychisch zusammen. Sein Leben war ein Trümmerhaufen. Roman P. hatte seine Familie, Freunde und Bekannte und zum Schluss sogar seinen Job verloren. Nun war er bereit für eine Psychotherapie.

Die leidvollste und zugleich lehrreichste Lektion hatte Roman P. weder ein Ratgeber noch ein Mentaltrainer, sondern das Leben selbst erteilt: Das Glück ist kein Programm, das man sich an einem Wochenende auf die Festplatte spielen kann.

Doch diese Botschaft verkauft sich schwer. Der Glaube an die Machbarkeit des Glücks – und das Geschäft damit – boomt. Jedes Jahr erscheint ein neuer Stapel an Turbo-Guides zum Instant-Glück.

Laotse würde sich an die Stirn tippen, könnte er einen Blick auf den neuzeitlichen Büchertisch werfen. Zeitlebens hatte er sich den Kopf zerbrochen, um die paradoxe Beschaffenheit des Glücks auf eine Formel zu bringen, mit der auch die Nachwelt etwas anfangen konnte. Wer immer fieberhaft dem Glück nachjage, erkannte der Weise im alten China schließlich, würde es nie zu fassen bekommen. Denn das vollkommene Glück liege im „Nichtvorhandensein des Strebens nach Glück“.

Frohsinns-Ratgeber. Anno 2004 biegen sich die Bücherbalken unter der Last unzähliger Frohsinns-Ratgeber. „Sei glücklich!“, „Hotline zum Glück“, „Findet mich das Glück?“, „Die Glücksformel“, „Glücksbalance“, „Abnehmen mit Glücksgefühl“, „Glück ist kein Zufall“, „Die Glückstrainer“, „48 Stunden bis zum Glück“, „512 Wege zum Glück“, „Glücksgefühle bis zum Abwinken“.

Die gedruckten Anleitungen zum Leben im Dauerhoch decken nur ein kleines Segment am Markt für Glücksversprechen ab. Von Sportgeräten und Autos über Schokolade, Gewürztees und Diäten bis hin zu Yogakursen und Coaching-Einheiten – was mit dem Prädikat „macht glücklich“ versehen ist, verkauft sich wie von selbst.

„Die Idee, Glück zu erwerben, ist die höchste Form des Konsums“, sagt der deutsche Trendforscher Peter Wippermann. Lifestyle-Gazetten ermuntern ihre Leser, Fragebögen zur Ermittlung ihres persönlichen Glückstyps auszufüllen. Im Nachmittagsfernsehen verraten Experten, wie man das Urlaubs-High in den Alltag rettet; am Abend holen sich die Zuseher dann bei Call-in-Astro-Shows sterngesteuerte Lebenshilfe. Und in die von Karriere-, Fitness-, Farb-, Stil-, Wohn-, Ernährungs-, Beziehungs- und Persönlichkeitscoaches dicht besiedelte Berater-Nische drängen immer mehr professionelle Trainer, die gegen Entrichtung einer gesalzenen Seminargebühr dabei helfen, ein von Frust und Ärger bedrücktes Bewusstsein auf positive Emotionen umzupolen.

„Wenn dein Dasein das nicht leistet, kann ich dir ein Wässerchen geben, den Kontakt zu deinem Engel herstellen oder dir zumindest sagen, was du ändern musst“, ätzt Martin Felinger, Geschäftsführer der österreichischen Gesellschaft für Sekten und Kultgefahren, der den gewinnträchtigen Tanz um das Glück mit wachsendem Argwohn betrachtet. Schon der scheinbar harmlose Griff zum Ratgeberbuch kann böse enden. Felinger: „Psychologie und Scharlatanerie stehen in einem Regal.“

Im besseren Fall sind die Mittel und Wege zum Glück wirkungslos, im schlechteren Fall bringen sie den Glückssuchenden um Seelenfrieden und Verstand. „Schon bei den seriösen Ratgebern gibt es unerwünschte Nebenwirkungen“, sagt der Wiener Psychotherapeut Stephan Rudas: „Die Beratung erfolgt ohne Untersuchung und geht deshalb oft an den Ursachen vorbei.“ Jemandem zu erklären, was er gegen seine Angst tun soll, ohne zu wissen, woher sie kommt, sei unseriös. Verfehlt die Glückstechnik ihre Wirkung, ist selbstverständlich der Anwender schuld. „Aus psychotherapeutischer Sicht verhängnisvoll“, klagt Rudas. „Jeder Ratgeber garantiert den Erfolg. Stellt sich der nicht ein, denkt der Leser: Ich bin schuld, ich bin zu dumm, ich bin ein Pechvogel – oder: Mein Unglück ist so groß, mir kann niemand helfen.“

Die Suche des modernen Menschen nach einfachen Antworten sei verständlich und therapeutisch aufzugreifen, so Rudas: „Die Frage ist nur, wie man mit dieser Suche umgeht.“ Rudas rät, das „Glück zum Nachhüpfen“, das dem „Glück zum Schlucken“ der Prozac-Ära folgte, grundsätzlich vorsichtig zu dosieren und den eigenen Verstand dabei nie auszuschalten.

Glückstraining. „Es soll sich jeder herauspicken, was für ihn gut ist“, meint auch Heide-Marie Smolka, bis vor wenigen Jahren Psychologie-Studentin ohne berufliche Perspektive. Diese erschloss sich schlagartig, als Smolka auf die aus Amerika nach Europa schwappende „positive Psychologie“ stieß. Der von Martin E. P. Seligman – Autor des im Vorjahr auf Deutsch erschienenen Sachbuchbestsellers „Der Glücks-Faktor“ – begründete Forschungszweig lässt das seelische Leiden links liegen, um sich den psychischen Stärken zu widmen. Das imponierte der Jungakademikerin, die aus den Erkenntnissen der positiven Psychologie flugs ein Glückstraining bastelte.

Die Mappe, die Smolka den Teilnehmern ihrer zweitägigen Seminare und Firmentrainings aushändigt, bietet ein Sammelsurium aus Banalem und (Halb-) Wissenschaftlichem: Mehr im Jetzt sein. Der Liebe einen Platz im Leben einräumen. Öfter das kleine Glück genießen, statt auf das große zu warten. Mehr Bewegung machen. Nahrungsmittel zu sich nehmen, die die Produktion von Serotonin fördern. Und: Öfter einmal grundlos lachen.

„Ich sehe auf dem Gesicht viel öfter jetzt ein Grinsen lauern“, postete eine begeisterte Seminarteilnehmerin auf Smolkas Homepage (www.glueckstraining.at). Ein Arzt schwärmt: „Es gibt sie wirklich, die vielen kleinen und großen Tricks für mehr Freude in und am Leben.“ Ein Architekt, den die Ehefrau zum Geburtstag mit einem Seminarticket zwangsbeglückte, weiß jetzt, „wie man Spielverderber des Glücks gelegentlich“ ausschaltet.

Vieles im Waren- und Dienstleistungsangebot der Glücksindustrie ist pure Geldverschwendung. Der amerikanische Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi, der seit drei Jahrzehnten den „Flow“ erforscht, hat dafür wenig übrig. Es mache ihn „immer ein wenig betrübt, wenn meine Bücher in dieselben Regale gestellt werden wie diese ,How to be happy‘-Ratgeber“.

Geld verdienen lässt sich freilich auch im anspruchsvollen Fach. Csikszentmihalyis 1992 erschienenes Werk „Flow – das Geheimnis des Glücks“ gehört weltweit zu den „Steadysellern“ des Genres und wurde allein im deutschsprachigen Raum 100.000-mal verkauft. Das Sachbuch des „Spiegel“- und „Geo“-Journalisten Stefan Klein „Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen“ erreichte ähnliche Dimensionen. „Alles Zufall. Die Kraft, die unser Leben bestimmt“, Kleins jüngstes Buch, hat inzwischen ebenfalls die „Spiegel“-Bestsellerliste erklommen.

Die Wienerin Karin Eder findet nichts dabei, „wenn jemand am Strand so ein Buch liest und sich ein paar Anregungen herausnimmt“. Bedenklich wird es für Eder, die die unseriösen Praktiken des Glücksgewerbes am eigenen Leib erfahren hat und selbst Mentaltrainings anbietet, wenn „irre Glücksversprechen“ gegeben werden: „In manchen Trainings wird den Leuten eingeredet, sie müssen nur ganz fest an das glauben, was sie sich wünschen, und schon fällt es ihnen zu. Da sitzen die Leute dann wie die hypnotisierten Kaninchen und warten darauf, dass das Glück bei ihnen vorbeischaut.“

Das Ausgangsmaterial für das Waren- und Dienstleistungsangebot der Glücksindustrie liefert die Wissenschaft. Die Pionierarbeit leisteten amerikanische Soziologen. Anfang der neunziger Jahre sprang der Funke auf Europa über. Damals gründete Alfred Bellebaum im deutschen Vallendar ein Institut für Glücksforschung, und Ruut Veenhoven, ein Wegbereiter der empirischen Glücksforschung in Europa, baute an der Universität in Rotterdam eine „World Database of Happiness“ auf, die er mit den jüngsten Erkenntnissen aus Soziologie, Staatstheorie, Ökonomie, Hirnforschung und Anthropologie speist.

Glücksforschung. In Österreich fühlte sich Herbert Laszlo vor zwei Jahren berufen, „die Glücksforschung auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen“. Zu diesem Zweck gründete der Chef des Pressedienstes „Observer“ das „Institut für experimentelle Glücksforschung“. Noch leide sein Untersuchungsobjekt an terminologischen Schwächen; jeder definiere das Glück auf seine Weise, klagt Laszlo. Er selbst fand inzwischen eine sperrige, seiner Ansicht nach aber „präzise und tragfähige“ Beschreibung: „Glück ist das Gefühl, das vom Wunsch begleitet wird, man möge sich auch in Zukunft so fühlen.“

Niemand könne sich an die eigene Schulter lehnen. Auch zum Glücklichsein brauche es andere, meint Laszlo: „Wenn man unglücklich ist, geht man zu jemanden, der einen glücklich macht. Das kann der Frisör sein oder das Puff. Andere glücklich zu machen ist ein Bombengeschäft.“

Tatsächlich hält das „Warenhaus für das kleine Glück“ (Christian Morgenstern) zahllose Spezialangebote bereit: NLP-Kurse, Feng-Shui-Beratungen, Polarity-Massagen, Reisen in innere Welten, Meditationsanleitungen, Horoskope – sogar Philosophen zum Mieten. Für ihr jüngstes Sommercamp buchte die ÖVP den freischaffenden Denker Eugen-Maria Schulak, Betreiber der ersten philosophischen Praxis in Wien, der die Gedankenwelt des antiken Glücksphilosophen Epikur für ein zeitgenössisches Publikum aufbereitete.

„Je stärker die Eigenverantwortung des Individuums wird, umso größer wird die Sehnsucht, dass jemand anderer etwas für das eigene Glück tut“, konstatiert der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann. Die Kirchen hätten ihre Zuständigkeit auf diesem Gebiet verloren. Das Nahziel, ein „glückliches Leben“ zu führen, ersetze heute das Fernziel, irgendwann in den Garten Eden aufgenommen zu werden.

Der Durschnittsmensch ahnt, dass das Glück auf allen Linien nicht zu halten ist. „Trotzdem macht ihn dieses Scheitern traurig“, sagt Andrew Solomon, Autor von „Saturns Schatten – Die dunkle Welt der Depression“. Allein in Österreich gelten rund 800.000 Menschen als depressiv. Bis 2020 prognostiziert die Weltgesundheitsorganisation weltweit einen Zuwachs bei Depression von 20 Prozent.

„Zu lange hat man uns eingeredet – und wir haben es treuherzig geglaubt –, dass die Suche nach Glück uns das Glück bescheren wird“, resümierte der Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick im Vorwort zu seinem Erfolgsbuch „Anleitung zum Unglücklichsein“ (1983). Immerhin hat die seriöse Beschäftigung mit dem Thema zu grundsätzlichen Erkenntnissen geführt, etwa jener, dass das Glücksgefühl nicht mit dem Wohlstand mithält: In den Industrieländern stieg das Realeinkommen in den vergangenen 50 Jahren deutlich stärker als das Niveau der Lebenszufriedenheit.

Günstige Lebensumstände führen nicht automatisch zu freudvollen Momenten. Für diese Erkenntnis brauchte der 1881 verstorbene Schriftsteller und Direktor des Burgtheaters, Franz von Dingelstedt, allerdings keine empirische Datenbasis. Seine eigene Existenz bot ihm Anschauungsmaterial genug. Auf seinen Grabstein ließ er sich folgende Worte meißeln: „Er hat im Leben viel Glück gehabt und ist doch niemals glücklich gewesen.“