Trendforschung: Wohnen 2020

Eine umfassende Erhebung skizziert zentrale Entwürfe für die urbanen Wohn- und Lebensformen der Zukunft.

Eineinhalb Jahre lang hat das Projektteam gearbeitet, hat einschlägige Literatur gesichtet, Experten konsultiert, Umfragen durchgeführt. Inzwischen liegt das Ergebnis dieser Tätigkeiten in Form einer Studie mit dem Titel „Gebaut 2020“ vor. Unter Patronanz des Österreichischen Ökologie-Instituts abgewickelt, sollen darin die wichtigsten Trends und großen gesellschaftspolitischen, sozialen und architektonischen Entwürfe über Lebensformen und Wohnwelt in den kommenden 20 Jahren dargestellt sein. Es handle sich, so ist der Einleitung des Papiers zu entnehmen, um eine „konzentriert durchgeführte Sondierung von Zukunfts-trends für das Bauen von morgen“.

Das Datenmaterial selbst lag zwar im Wesentlichen bereits vor zwei Jahren vor, doch erst jetzt, heißt es, würden die Ergebnisse von einem breiteren Interessentenkreis intensiv diskutiert: „Derzeit finden laufend Vorträge zu dem Thema statt“, berichtet Petra Oswald, im Ökoinstitut für Bauen und Wohnen sowie soziale Ökologie zuständig. „Im Moment findet eine starke Öffnung seitens der Bauträger für dieses Thema statt, und wir werden immer wieder eingeladen, unsere Ergebnisse zu präsentieren.“

Die Resultate sollen dabei vor allem einen Ausblick auf längerfristige gesellschaftliche Trends ermöglichen, welche wiederum ihren Niederschlag in bau- und wohnungspolitischen Maßnahmen haben. Nach Meinung der Studienautoren werden beispielsweise im Lauf der nächsten beiden Jahrzehnte öffentliche Investitionen in den Wohnbau kontinuierlich reduziert werden. Die Folgen dieser Entwicklung werden sowohl steigende Wohnpreise als auch erhöhte Kosteneffizienz seitens der Bauwirtschaft sein. Konkret könnte sich dieser Trend, so glauben die Forscher, in vermehrter Konzentration auf Fertigteilbauweise manifestieren – anders als bisher üblich auch für den mehrgeschoßigen Wohnbau im urbanen Bereich. „Hervorzuheben ist insbesondere die Zunahme an rationellen Bautechnologien wie Vorfertigung und haustechnischen Modullösungen“, heißt es in dem Papier. Die Vorteile: Bauen mit vorgefertigten Teilen ist schnell, billig und erlaubt es, auf die Wünsche der künftigen Bewohner einzugehen. Noch dazu ermöglicht das leichte Gewicht der Baumaterialien etwa die unkomplizierte Errichtung von Dachgeschoßwohnungen, die vermutlich nach wie vor begehrt sein werden.

Single-Haushalte. Die rationelle und flotte Bauweise soll aber auch einer anderen prognostizierten Entwicklung gerecht werden – dem weiterhin steigenden Bedarf an Wohnraum aufgrund des anhaltenden Trends zu Single-Haushalten. In Wien beträgt der Anteil der Einpersonenhaushalte durch Scheidung, Überalterung, aber auch gezielt gewählte Lebensformen bereits jetzt rund 40 Prozent. „Auch wenn die Leute in Zukunft weniger Geld haben werden, wird das Bedürfnis nach Wohnraum weiter steigen“, konstatiert Christa Angelmaier, eine der Expertinnen für die Studie und künstlerische Leiterin des Projekts „Zuhause: auf den Spuren historischer und aktueller Praktiken und Experimente zum Wohnen“. „Ich glaube allerdings nicht, dass die Leute in Miniwohnungen zurückgehen werden“, so Angelmaier. „Und wenn jeder Alleinlebende zumindest 50 Quadratmeter haben will, wird es in Bezug auf die verfügbaren Kapazitäten eng.“

Die Mehrheit der vorhandenen Angebote gilt dabei als nicht unbedingt adäquat: 70 Prozent des Wohnbestandes wurden vor 1980 errichtet und sind nach Auffassung der Experten spätestens in 20 Jahren renovierungs- und sanierungsbedürftig. Diese Wohnsubstanz, wird konstatiert, sei „bis 2020 nicht zukunftsfähig“. Deshalb wird weiters ein Trend zu vermehrter Renovierungstätigkeit geortet – jedenfalls für gut erschlossene Gegenden mit passabler Infrastruktur. Qualitativ mangelhafte Bauten, vor allem aus den siebziger und achtziger Jahren, in infrastrukturell mäßigen Regionen würden hingegen in Zukunft hohe Leerstandsraten aufweisen.

Nach Meinung des Projektteams werden die Stadtbewohner jedoch nicht nur mehr und besser geeigneten Wohnraum benötigen, sondern zugleich auch mobiler werden – zumindest innerhalb ihrer Bezirke oder näheren Umgebung. Lag der Anteil jener Wiener, die nahezu jährlich ihre Wohnung wechselten, vor zehn Jahren noch bei drei Prozent, ist er inzwischen auf etwa neun Prozent angestiegen. Die Studienautoren prognostizieren deshalb auch für die Zukunft verstärkte „Nahwanderung“ – tendenziell in Gebiete mit hoher Infrastrukturdichte. Sie unterscheiden dabei zwischen gut erreichbaren, „schnellen“ Regionen und „langsamen“ Regionen an der Peripherie oder mit schlechter öffentlicher Anbindung.

Demgegenüber werde allerdings weiterhin ein Trend zur Stadtflucht bestehen – zumindest in attraktive und entsprechend erschlossene Gebiete am Stadtrand. „Solange sich die Wohnbau- und Stadtpolitik nicht in Richtung einer Durchgrünung der Stadt und der Rückholung der Natur in die Stadt orientieren, wird diese Entwicklung nicht wirksam eingebremst werden“, meint der Architekt und Projektberater Harry Glück. Vor allem die geplanten U-Bahn-Ausbauten verstärken die Nachfrage nach vom Zentrum entfernten Stadtrandlagen. Die geplanten Verlängerungen der U1 Richtung Stammersdorf und der U2 Richtung Aspern werden, so die Annahme, aus diesen bisher ruhigen Orten dynamische Entwicklungsgebiete machen.

Flexibles Wohnen. Die allgemein zunehmende Wohnmobilität soll zudem neue, spezifische Formen des Wohnens und des Einrichtens bedingen: Mobile, transportable Systeme wie Möbel im Stecksystem, Herde und sonstige Küchengeräte auf Rollen oder adaptive Wohnelemente im weitesten Sinn hätten steigendes Marktpotenzial. Inzwischen wurden in Bezug auf die architektonischen Komponenten solcher Lebensentwürfe Begriffe wie „Catalogue Home“ geprägt – gewissermaßen das Haus von der Stange mit Katalog-Elementen wie modulartig kombinierbaren Gegenständen.

„Durch die kommende Modulbauweise wird der Grundriss einer Wohnung völlig verändert werden können, ganz schnell und ohne Bauschutt“, meint Karin Walch, Projektleiterin von „Gebaut 2020“. „Man kann sich also praktisch übers Wochenende eine neue Wohnung zusammenstöpseln, je nachdem, welche Bedürfnisse man gerade hat.“ Im Extremfall, so ein weiterer in der Studie beschriebener bautechnischer Trend, würden sich die Menschen mit so genannten „Homtels“ anfreunden – architektonischen Hybriden aus konventionellen Eigenheimen und flexiblen, adaptier- und austauschbaren Wohngelegenheiten.

Derart soll allerdings nicht nur Erfordernissen wie steigender Mobilität entsprochen werden. Zugleich, glauben Experten, gehe es auch um die Signalisierung einer gewissen Lebensart. Denn Wohnen, so der Linzer Meinungsforscher Werner Beutelmeyer, der auch als Mitglied des Projektteams fungierte, werde immer mehr als Bühne der Selbstdarstellung verstanden. „Ich zeige dir, wie ich wohne“, formuliert Beutelmeyer, „und ich zeige dir damit meine Einzigartigkeit, meine Persönlichkeit, meine Originalität. Es wird ein sehr buntes Wohnen werden.“

Patchwork-Architektur. Das bunte Wohnen soll zur urbanen Patchworkfamilie passen, die nach Ansicht des Projektteams auch ein „Patchwork an Architekturen“ nach sich zieht: In Wien wächst bereits jedes dritte Kind in einer anderen Familienzusammensetzung auf als in der, in der es geboren wurde. Lebensabschnittspartner mit und ohne Kinder kommen und gehen, Alleinerziehende leben eine Zeit lang in Wohngemeinschaften – so wie die Familien zunehmend nicht aus einem Guss sind, so werden es auch die Wohnungen angeblich nicht sein.

Freilich wird es auch vermehrt ziemlich konträr wirkende Lebens- und Wohnformen geben müssen – vor allem in jenem Bevölkerungssegment, das den meisten Prognosen zufolge kontinuierlich anwachsen wird: 2020 soll es bundesweit um rund eine Viertelmillion Menschen mehr als heute geben, die mehr als 60 Jahre alt sind. Mit den stärksten Zuwächsen älterer Mitbürger wird dabei – neben den westlichen Bundesländern – in Wien gerechnet. Spezielle Wohnformen für ältere Menschen, die wesentlich aktiver und agiler sein werden als die heutigen Senioren, gelten daher als Zukunftsmarkt. Wer rüstig genug ist, wird zwar – wie schon jetzt – alleine leben wollen, aber nicht in Isolation. Robert Lechner, ebenfalls einer der Projektleiter, über eine mögliche Lösung: „Vorstellbar sind Wohnanlagen, die sowohl medizinische Versorgung als auch Unterhaltung bieten. Man reserviert etwa Räume sowohl für Heimkino an als auch für gemeinschaftliche Aktivitäten.“