Trendgültig: die Prognosen der Zukunftsforscher

Wie man leben wird: Die Prognosen der Zukunftsforscher verheißen 2013 einen Lifestyle, der von Ökobewusstsein und Krisenflexibilität geprägt ist.

Zugegeben: Trendforscher und Lifestyle-Wünschelrutengänger umweht der ­Geruch der achtziger und neunziger Jahre und somit eine gewisse Aura des Anachronismus. Schließlich prägte diese Zunft auch der Einsatz von bisweilen sinnentleert anmutendem Werbeesperanto, in dem Sätze wie „Man wird immer seine Patchwork-Identität evaluieren“ oder „Die Hacker erobern den Alltag, wobei Hacking nicht mehr nur die technikaffinen Computernerds erfasst, sondern das Rütteln am Status quo einer jungen Generation“, so der „Trend-Report 2013“ des Kelkheimer Zukunftsinstituts, durch die Luft gewirbelt werden. Immer häufiger befiel einen bei der Lektüre dieser Trend-Monitore der flaue Verdacht, dass in dieser Branche eine gewisse Anything-goes-Nonchalance herrschte. Was auch mit den Heerscharen von so genannten Trendscouts zusammenhing, die von solchen Unternehmen in die freie Wildbahn geschickt wurden, um in Szenelokalen, auf Flohmärkten und bei Jugendveranstaltungen zu sondieren, ob Koriander das neue Zitronengras wird oder Bikerboots eine Renaissance erfahren werden. Die Beute ihrer Erkenntnis wurde dann gerne in jene unsäglichen In- und Outlisten gegossen, die zum Jahreswechsel in den Hochglanzmagazinen Eingang fanden.
Beim Scanning der Prognosen für 2013 konzentrierte sich profil auf eigene Beobachtungen, Statistiken und die Richtungslinien renommierter Konsum-Kassandras wie der Holländerin Li Edelkoort, die neben der Amerikanerin Faith Popcorn zur Creme der Trendologie zählt. Stark geprägt ist das Lebensgefühl und das damit verbundene Konsumverhalten der kommenden Jahre von einem Ökologiebewusstsein, innovativen Anpassungsmaßnahmen, die aus den finanziellen Verwundungen der globalen Wirtschaftskrise resultierten, und einem starken Drang zum Rückzug aus einer kalten, verunsichernden Welt.

Der Pionier der Trendforscher war übrigens Jules Verne, der in seinem Roman „Paris im 20. Jahrhundert“ 1863 bereits Internet und Fax vorwegnahm, diese Innovationen allerdings bereits für 1960 ankündigte. Sein prominenter Nachfolger Herman Kahn, Chefvisionär des amerikanischen Think-Tanks RAND, hatte größere Prognosepleiten zu verkraften. Laut Kahn müssten wir uns längst nur mehr in Minihubschraubern fortbewegen und sollten Krankheiten wie Aids aufgrund eines allgemeinen Immunstatus gegen Bakterien und Viren nur mehr aus medizinischen Lexika kennen.

Bastel-Lifestyle
In den achtziger Jahren stand DIY – Do It Yourself – für Punk, Politik und für alles, was gegen Kommerz, Industrie und Mainstream gerichtet war. Heute steht DIY noch immer für Do It Yourself, aber auch für eine wohlig-warme Biederkeit und eine neue Art von alternativem Mainstream: Das Burda-Strickmuster ist im Großstadthipster-Blog angekommen. In den USA hat das große Basteln schon vor einigen Jahren eingesetzt, weshalb in den angesagteren Stadtteilen von New York oder Chicago schon mehr Siebdrucker und Silberschmiede herumlaufen als Künstler oder Krachmusikmacher. Der Mensch will zurück vor die Industrialisierung, in eine Zeit, die noch nicht so stressig und unübersichtlich war – die Zeit, aus der auch die schönen Dinge im „Manufactum“-Katalog stammen. Via Berlin, wo die Nähcafés auch schon länger blühen, kommt der Trend nun langsam nach Österreich. Interessierte informieren sich in ansprechend gestalteten Publikationen wie dem „Cut Magazine“ (Motto: „Leute machen Kleider“) über das fachgerechte Bedrucken von Strumpfhosen oder die schönsten Muffin-Ideen zum Silvesterbrunch. Auch eine Art von No Future.

Big Data, die große Hoffnung
Big Data soll Malaria ausrotten und Hungersnöte abschaffen. Big Data soll neuen Industrien 500 Milliarden an Wertschöpfung erzielen helfen. Big Data soll die Zukunft vorhersagen. Big Data, das große IT-Schlagwort der Saison, hat noch ziemlich viel vor. Sehr grob gesagt, geht es darum, die enormen Datenmengen, die heute täglich produziert werden (von Handys, Satelliten, GPS-Geräten etc.), mit neuen Hochleistungsrechnern und -statistikprogrammen zu durchforsten und nutzbringend zu verwerten: Wo entwickeln sich in diesem Moment neue Moskitokolonien, die akute Impfprogramme nötig machen? Wie wird das Wetter in zwei Wochen? Die Anwendungsmöglichkeiten von Big-Data-Analysen sind so unüberschaubar wie das vorhandene Datenmaterial, ihr Nutzen aber noch nicht so ausgemacht, wie Digitalgurus das gern behaupten. Der prominente Statistik-Nerd und „New York Times“-Blogger Nate Silver warnt in seinem neuen Buch „The Signal and the Noise“ vor übertriebenem Daten-Optimismus. Man muss schon auch wissen, was genau man im Heuhaufen sucht: eine Nadel? Oder vielleicht doch einen roten Faden?

Brutalfeminismus
Schluss mit dem Verständnisgelaber, das doch nirgends hinführt. Mit der radikalen Theoretikerin Hanna Rosin, deren Buch „Das Ende der Männer“ im Jänner auf Deutsch erscheint, hat der ­Feminismus die Faust ausgefahren. Denn die These der gebürtigen Israelin ist schlichtweg die Bankrotterklärung des Mannes, der längst von allen Frauen überholt wird. Im Fahrwasser von Rosin, die unter keinen Umständen als Männerhasserin etikettiert werden will, schwimmen auch Naomi Wolf, die ein Buch über ihre Vagina verfasst hat, und Lena Dunham, die in der HBO-Serie „Girls“ „Sex and the City“ posthum zu einer reaktionären Veranstaltung degradiert.

Die Drucker-Revolution
Für die einen ist es Inventar aus dem Raumschiff Enterprise, die anderen haben es bereits in ihrer Werkstatt stehen. Als Science-Fiction-Spinnerei geistert der 3D-Drucker schon lange durch die Popkultur, seit Kurzem steht er an der Schwelle zum Heimgebrauch: Aus digitalen Designvorlagen produzieren 3D-Drucker reale Objekte, indem sie Schicht für Schicht des Ausgangsmaterials aneinanderkleben. Am MIT wird derzeit am „Form 1“ gearbeitet, einem leistungsstarken Gerät mit angepeiltem Handelspreis von etwas mehr als 2000 Dollar. Die Revolution im Haushalt wird sich einstweilen noch in Grenzen halten; gravierender wird sich die neue Technologie (Designprototypen und Maschinenbauteile werden bereits standardmäßig damit hergestellt) in der produzierenden Industrie auswirken. Sogar der eher nüchterne „Economist“ schwärmt von einer „neuen industriellen Revolution“ mit dramatischen Folgen: Bauteile werden nicht mehr dort produziert, wo die Arbeit am billigsten ist, sondern da „gedruckt“, wo sie aktuell gebraucht werden: Globalisierung, the next
generation.

Elsa Schiaparelli – das Comeback des Jahres
In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es in der Pariser Mode genau zwei wichtige Frauen: Coco Chanel und Elsa Schiaparelli. In den fünfziger Jahren gab es nur noch eine. Schiaparelli, die die Grenzen der Couture in Richtung Dada und Surrealismus geöffnet hatte, traf den Nachkriegszeitgeist nicht mehr und musste ihr Atelier 1952 schließen. Fünfzig Jahre später wird die italienische Mode-Visionärin – als Label – nun endlich zurückkehren. Diego Della Valle, CEO des italienischen Luxuswarenherstellers Tod’s und Inhaber der Markenrechte, kündigte für das erste Halbjahr 2013 eine neue Schiaparelli-Kollektion an. Als Chefdesigner wurde zuletzt der ehemalige Dior-Zampano John Galliano kolportiert, eine offizielle Entscheidung über das neue Kreativteam im altehrwürdigen Haus an der Place Vendôme steht allerdings noch aus. Der Luxus des Ewigen – auch so funktioniert Mode 2013.

Flowerpower
Es wird das Jahr, in dem florale Muster nicht mehr nur Laura-Ashley-Fans erfreuen werden. Blumen werden ein neues Biedermeier einläuten – auf Tapeten, Tischdecken, Couch­überzügen. Der Rückzug in die großmütterliche Gemütlichkeit verspricht Schutz und Geborgenheit vor der kalten Welt da draußen. Modemarken wie Lanvin und Calvin Klein gehen sogar noch einen Schritt weiter und hüllen den Mann von morgen in geblümte, pyjamaartige Ensembles. Hier wurde das Prinzip Metrosexualität doch ein wenig in die falsche Richtung überspannt.

Glamping
Dieser Trend nimmt dem Urlaubsspaß Camping den Spira-Faktor. Denn mit dem Schlafen in muffigen Wohnmobilen, dem Schlangestehen in verdreckten Duschen und Nachbarn, die einem in das Gurkensalatglas schauen, hat diese Synthese aus Camping und Glamour rein gar nichts mehr zu tun. „Glampers“ nächtigen in Luxuszelten, die sie nicht selbst aufbauen, oder in Nostalgie-Fetischen von Wohnmobilen und bekommen frische Croissants und internationale Zeitungen zum Frühstück serviert. Hochburgen des gehobenen Nomadenurlaubs sind die Niederlande und Frankreich, wo unter anderem der ehemalige Cartier-Chef Alain Dominique Perrin auf einer Atlantikinsel eine Glampingsite errichtete. Auf Internetseiten wie http://go glamping.net und http://glampinggirl.com kann man sich ein Bild von dieser neuen Urlaubsform machen, die Luxus und ökologisches Bewusstsein vereint.

„Houseband“
Hurra, er ist endlich angekommen, der Mann, dessen Ego durchaus keine empfindlichen Kratzspuren abbekommt, wenn er sich den Mühlen der Leistungsgesellschaft entzieht und zu Hause nach den Kindern und der Mülltrennung sieht, während seine Frau da draußen die großen Brötchen bäckt. Die Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek erwies sich bereits vor Jahren als Avantgardistin, als sie bei ihrem Amtsantritt verriet, dass sie ihrem Gatten eine ganze Bügelstation gekauft hat. Die renommierte holländische Trendforscherin Li Edelkoort prognostiziert auf ihrer Website „Trend Tablet“, „dass dieser neue Mann Kinder großziehen wird, für die jede Geschlechterdebatte völlig fremd ist und obsolet wird und die zu gleichen Teilen die Fürsorge von Vätern und Müttern erlebt haben …“ Was dann aus dem Ödipuskomplex werden soll, hat Frau Edelkoort im Dunkeln belassen.

Kreative Kredite
Der Konflikt zwischen dem GEA-Chef Heinrich Staudinger und der Finanzmarktaufsicht liegt im Trend: Die FMA wirft Staudinger vor, sein Unternehmen unrechtmäßig mit Privatkrediten zu finanzieren, Staudinger beharrt auf seinem „Sparverein“. Der Fall ist deswegen bemerkenswert, weil derartige Finanzierungsmodelle zunehmend alltäglich werden: Mit der Bankenkrise werden Kredite knapper, wer Geld braucht, sucht es sich anderswo, zum Beispiel bei Online-Kapital-Vermittlern wie Kickstarter, Prosper oder MarketInvoice. Die Geldwirtschaft erreicht das Zeitalter der digitalen Tauschbörse à la Napster. Aber auch professionelle Anleger springen in die Lücke, die die Bankenklemme hinterließ: Große Vermögensverwalter wie BlackRock lassen das Geld ihrer Kunden bereits milliardenfach in Privatkredite fließen. Zumindest mit Sparvereinen hat das dann aber wirklich nichts zu tun.

Opening Ceremony – das Label der Stunde
Opening ­Ceremony, die einflussreichste Konzept-Boutique New Yorks, erfindet sich selbst neu und die Mode gleich mit. Ersteres als welt- und internetweit operierender Fashion-Konzern mit Läden in Tokio, New York, Los Angeles und London sowie stilbildenden Blogs, ­eigenem TV-Kanal, Magazin und seit Kurzem auch eigenen Kollektionen; Zweitere als eine Art globales Style-Surfing: In ihren Linien für Adidas und Kenzo zeigten die OC-Zeremonienmeister Carol Lim und Humberto Leon, wie Mode heute funktioniert: fließend, umfassend, als Mischform, in der exotische Mitbringsel, High Fashion, Internethypes, Neues, Altes, Billiges und Teures miteinander spielen, in der gestreifte Espandrillos genauso zum Kultobjekt taugen wie koreanische Floralprint-Kleider oder strenge belgische Avantgarde. Der Google-Suchverlauf als Inspirationsquelle, das Flüchtige als Luxus – so funktioniert Mode 2013.

„Recycling Design“
Das Konzept, Restposten, Alltagsgegenstände und Sperrmüll zu Kunst- und Designobjekten zu verwandeln, hat Marcel Duchamp erstmals 1913 eingesetzt, als er einen Flaschentrockner mit seiner Unterschrift in den Kunststatus überführte. Jetzt hat die Wiederverwertung von alten Materialien, Möbeln und Objekten weniger einen konzeptuellen
als einen ideologischen Hintergrund bekommen. Allein in Österreich landen jährlich geschätzte 700.000 Tonnen Möbel auf der Müllkippe. Die Attacke auf die Mittelschicht durch die wirtschaftlichen Erdrutsche in Kombination mit dem Öko- und Nachhaltigkeitsbewusstsein der Generation Bobo haben das „Aus Alt mach Neu“-Prinzip inzwischen zu einer ernst zu nehmenden Stilrichtung wachsen lassen. In Deutschland wurde unlängst auf der Uni Dortmund das Projekt Ecomöbel ins Leben gerufen, bei dem 15 Möbelmacher aus inzwischen schadstoffbefreitem Sperrmüll neue Unikate gestalten. Auch in Österreich existieren einige ambitionierte Jungunternehmen, die auf dieser Basis ihre Produkte herstellen: Bei Lignum verwandelt man „vom Ölfass bis zur ausgedienten Badewanne“ alles zu neuen Produkten. In der Wiener „Trash Design Manufaktur“ werden von Langzeitarbeitslosen und Behinderten hergestellte Unikate angeboten, die vorrangig aus alten Elektronikgeräten gefertigt wurden – mit dem Erwerb dieser Produkte kann man also praktischerweise sowohl sein ökonomisches als auch sein soziales Gewissen in Ruhestellung bringen. „Natürlich wird dieser Trend nicht die Welt retten“, resümierten die US-Zukunftsforscher von „trendwatching.com“, „aber die ‚New Life Inside‘-Ideologie hat starken symbolischen Charakter, der das Wohngefühl und den Designmarkt entscheidend verändern wird.“

Supper Clubs
Der 30-jährige Amerikaner Craig Thornton ist der Superstar einer neuen Gastrowelle, die Hedonismus und soziale Lotterie vereinen. Seit zwei Jahren sind die „Wolvesmouth Dinners“, die er allwöchentlich in einem Loft in L.A. wirft, zur härtesten Reservierungs-Herausforderung kalifornischer Foodies gereift. Nicht mehr als sechzehn Leute werden pro Abend zugelassen, und bei der Auswahl der Angemeldeten wird größter Wert auf die richtige Mischung (nicht zu viele Pärchen, unterschiedliche Branchen) gelegt. Das Phänomen, dass Hobby- und Profiköche in ihren eigenen Wohnungen oder ungewöhnlichen Locations zu Tisch bitten, ist nicht mehr ganz neu. Es erweitert den „Pop-up“-Esprit der letzten Jahre, der sich meistens auf den temporär beschränkten Verkauf von Mode an originellen Locations bezogen hat, auf die Gastroebene. Und wird sicherlich noch breitenwirksamer werden, da so die Fixkosten für Personal und Lokalmiete erheblich gesenkt werden und dem ganzen Prinzip zusätzlich der unwiderstehliche Geruch der Anarchie anhaftet. Auf der Website gusta.com kann man sich einen Überblick über die angesagtesten Hauben-Nomaden erwerben.

Yellow
Alljährlich zerbrechen sich Farbphilosophen, Stilforscher und Modemacher den Kopf, welche Farben in den kommenden zwei Kollektionen das Geschmacksdiktat ansagen werden. Noch befinden wir uns in den Ausläufern des Farbmonopols von Ochsenblut, jenem melancholischem Rot, das die Herbst/Winter-Saison 2012/2013 dominierte, doch mit den ersten Sonnenstrahlen wird die Welt Gelb sehen. „Yellow is the new pink“ lautet die Parole, und zwar in seiner grellsten Nuance – vergleichbar mit dem Federkleid junger Kanaris oder frecher Zitronen. Und für diese Schreckensnachricht gibt es auch einen philosophischen Hintergrund, wie die Farbspezialistin Sarah McLean auf ihrem Blog „specs + spaces“ erläutert: „Wir durchleben eine Art Renaissance, die sich vom Pessimismus und der Nostalgie-Besessenheit der vergangenen Jahre unterscheidet. Deswegen hat eine Farbe wie Gelb, die Gefühle wie Optimismus und Erneuerung symbolisiert, jetzt Oberwasser.“ Und wird uns alle verdammt blass aussehen lassen.

YOLO
Abkürzung für „You Only Live Once“ – nach OMG („Oh my God“) und LOL („Laughing Out Loud“) der immer lauter hörbare Kampfschrei der digitalen Eingeborenen alias der Ur­generation Facebook, sich vor allem dem Hier und Jetzt zu widmen und den Fuß auf das Spaßpedal zu setzen, da sie ihre Zukunft – Jobangebot, Jugendarbeitslosigkeit – ohnehin durch die schwarzen Sonnenbrillen sehen.