Trick mit den Tuareg: Wie die Freilassung
der Sahara-Geiseln zustande kam

Österreich besteht darauf: Für die Freilassung von Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner wurde kein Lösegeld bezahlt. Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass eine nervenaufreibende Hinhaltetaktik zu einem Deal führte.

Zwei Österreicher in den Händen von Entführern, verschleppt in das Grenzgebiet von Algerien und Mali. Ein Video, Drohungen, Ultimaten. Allein die Identität der Terroristen ließ das Schlimmste befürchten: eine Gruppe der Al Kaida im Islamischen Maghreb. Acht Monate später ist die Geiselaffäre Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner nur noch eine Episode mit gutem Ausgang. Der Fall ist gütlich gelöst, ohne Blutvergießen, aber auch ohne Lösegeldzahlungen. Letzteres behaupten zumindest alle Beteiligten – die verantwortlichen Minister genauso wie Mitarbeiter des Krisenstabs, Verhandler und die Geiseln selbst. Und doch sind wesentliche Fragen ungeklärt. profil hat Insider der Affäre befragt und kann anhand ihrer Darstellungen den Ablauf der langwierigen Verhandlungen nachzeichnen.

März 2008. Am Anfang war Hektik. Das Bekenntnis der Al Kaida im Islamischen Maghreb, Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner in ihrer Gewalt zu haben, rief schreckliche Assoziationen wach: Video­bilder der Terrororganisation, auf denen westliche Geiseln vor laufender Kamera die Kehle durchschnitten wurden. Da erwies es sich als Glück im Unglück, dass die beiden Salzburger ausgerechnet nach Mali verschleppt worden waren. Amadou Toumani Touré, der Präsident des Landes, hatte sich drei Wochen vor Beginn der Geiselnahme bei einem Staatsbesuch von Bundespräsident Heinz Fischer in Bamako mit seinem österreichischen Amtskollegen angefreundet. Und als bald darauf der von Außenministerin Ursula Plassnik entsandte Sonderbotschafter Anton Prohaska mit einem Brief bei ATT (so wird Touré in seiner Heimat genannt) vorstellig wurde, in dem Fischer um Hilfe bei der Befreiung der beiden Salzburger bat, willigte der Staatschef gern ein.

Als Erstes habe er die Situation beruhigt und „die Ultimaten wegverhandelt“, erinnert sich ein Mitglied des österreichischen Krisenstabs. ATT ist ein ungewöhnlicher Mann. Obwohl zum Elitesoldaten einer Spezialeinheit ausgebildet, setze er bei allen Konflikten auf Gespräche, egal, wie langwierig diese sein mögen, berichten Diplomaten. Die „Methode ATT“ wird im Land zwar oft kritisiert, doch Touré hält daran fest. Im Norden von Mali, wo die teils rebellischen Stämme der Tuareg leben, hat der Staat ohnehin wenig Macht. Eben dorthin waren Kloiber und Ebner verschleppt worden. Touré, der die Befreiungsstrategie selbst ausgeheckt haben soll, setzte darauf, dass die arabischen Entführer in der abgelegenen Wüstenregion Fremde waren, die nicht unbemerkt bleiben konnten und ohne das Entgegenkommen der Tuareg keine Chance hatten.

Botschaft. Für die Geiselnehmer, so die Überlegung, waren Kloiber und Ebner von Anfang an eine Art Lebensversicherung. Über Emissäre ließ ihnen ATT eine einfache, aber klare Botschaft übermitteln: Solange es den Österreichern gut geht, wird es auch den Kidnappern nicht schlecht gehen. Passiert den Touristen etwas, geht es auch den Terroristen an den Kragen. Gleichzeitig ließ Touré überall im Norden, insbesondere in der Provinz Kidal, unter den Tuareg die Nachricht verbreiten, dass die beiden Europäer geschützt werden müssten, weil sie Österreicher seien und der Anführer der Österreicher sein Freund. Von Tourés Gewissheit, dass diese Taktik zum Erfolg führen würde, hätten sich auch die österreichischen Verhandler nach und nach überzeugen lassen, berichtet einer von ihnen.

Inzwischen war es Anfang April geworden, der bereits beigelegt geglaubte Tuareg-Aufstand gegen die Zentralregierung in Bamako flammte wieder auf, und Mali wandte sich an Libyen um Vermittlung. Es kam zu diplomatischen Treffen in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Doch umgehend signalisierte Malis übermächtiger Nachbar Algerien, dass es undenkbar sei, dass Algier bei bedeutsamen Friedensverhandlungen umgangen werde. Also wandte sich Mali erneut Algerien zu. Dies wiederum hatte für die Geiselaffäre Konsequenzen. Denn die Regierung von Abdelaziz Bouteflika legte ein Veto gegen jegliche Zugeständnisse an die Al-Kaida-Gruppe ein, die in Algerien immer wieder grausame Terroranschläge verübt hat.

Touré ließ die Kontakte mit den Entführern langsam versickern. Die Gespräche kamen zum Stillstand. Doch auch dahinter habe eine Strategie des gewieften Präsidenten gestanden, sind sich die Österreicher sicher. ATT habe die Geiselnehmer damit gezwungen, von sich aus neue Kontaktmöglichkeiten zu suchen. So war es auch. Die Entführer wiesen Wolfgang Ebner an, Sonderbotschafter Prohaska anzurufen. Dieser logierte permanent in Bamako und stand in engem Kontakt mit Präsident Touré und Außenministerin Plassnik, die den Staatschef im Juni in Bamako aufsuchte. Der Auftrag, den Prohaska gemäß Tourés Plan zu erfüllen hatte, war denkbar schwierig: Er musste die Geiselnehmer hinhalten, konnte aber Ebner und Kloiber nicht einweihen – die damit in ihrer misslichen Lage den Eindruck bekamen, der Diplomat sei untätig. Und entsprechend sauer reagierten. Wieder änderten die Entführer ihre Taktik. Als Nächstes verlangten sie von den Geiseln, bei ihren Angehörigen in Österreich anzurufen. Damit sollte der Druck auf die Verhandler verstärkt werden.

Das gelang. Wolfgang Ebner bat seinen Sohn Bernhard eindringlich, etwas zu unternehmen. Dieser setzte sich schließlich Anfang Oktober ins Flugzeug, reiste nach Bamako und wurde umgehend von Präsident Touré empfangen, der zu ihm sagte: „Du siehst aus wie mein Sohn. Du bist mein Sohn. Ich werde dir deinen Vater wiederbringen, aber du musst Ruhe bewahren.“ Dann nahm er sich binnen drei Tagen zweimal zwei Stunden Zeit, um Bernhard Ebner zu erklären, auf welche Gegebenheiten er Rücksicht nehmen müsse: die Befindlichkeit Algeriens, die unterschiedliche Ausrichtung der Tuareg-Stämme, von denen einige ihm gegenüber loyal seien, andere nicht. „Ich muss tun, was für meine zehn Millionen Bürger gut ist. Ich würde dieselbe Entscheidung treffen, wenn es um meinen Sohn ginge.“

Wieder war ein Versuch der Geiselnehmer fehlgeschlagen, ihre Forderungen mittels Druck durchzusetzen. Die Zeit verrann, ihre Nachschubdepots in der Wüste leerten sich immer mehr, die Gastfreundschaft der lokalen Stämme nahm merklich ab. Immer wieder kamen Emissäre der malischen Regierung, um zumindest Kontakt zu halten. Sie lebten manchmal wochenlang mit den Geiselnehmern. Sie brachten auch Essen mit, offiziell für die Geiseln, tatsächlich mussten immer öfter auch die Entführer auf die Lebensmittel der malischen Regierung zurückgreifen.

Land Gottes. Die Männer der Al Kaida im Islamischen Maghreb fühlten sich in den endlosen Weiten der Wüste zu Hause, sie betrachteten es als „Land Gottes“, in dem sie sich frei bewegen konnten. Die Gesandten des Präsidenten machten ihnen jedoch klar, dass ATT das ganz anders sah: Gott habe das Land der Bevölkerung von Mali anvertraut, die Kidnapper seien nur geduldete Gäste. Auch wenn sich die Terroristen als Teil der weltweit gefürchteten Al Kaida begreifen, so hatten sie sich jedenfalls in eine Lage manövriert, in der ihr Handlungsspielraum begrenzt war. Darauf hatte Touré gesetzt. Und er war dabei kein allzu großes Risiko eingegangen, denn obwohl drei Gruppierungen der Al Kaida im Islamischen Maghreb in Mali Quartier bezogen haben, wurde bisher auf malischem Territorium kein einziger Terrorakt verübt. Die nördlichen Provinzen dienen den Terroristen ausschließlich als Ruheraum. Von da wollen sie nicht vertrieben werden.

Ende Oktober schließlich kam ein Deal zustande. Nach österreichischer Darstellung bestand er darin, dass die Al Kaida den Norden Malis weiterhin als sicheres Rückzugsgebiet benutzen kann – offenbar mit Zustimmung Algeriens. Wäre Ebner und Kloiber etwas passiert, hätte das umfangreiche Militäraktionen gegen die Entführer um Abdelhamid Abu Zaid alias Hamadou und andere Fraktionen der Terrorgruppe bedeutet. Die Tatsache, dass die Terroristen nunmehr eine Art informelles Aufenthaltsrecht in Mali genießen, lässt sich auch aus der Rede von Präsident Touré anlässlich der Freilassung von Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner schließen. Darin betonte ATT, dass „die Geiselnehmer nicht identifiziert worden“ seien. Tatsächlich waren sie auf den Bildern deutlich zu erkennen, die sie zu Beginn der Affäre geschossen hatten, um zu beweisen, dass sie die Österreicher in ihrer Gewalt hätten.

Doch ATT spielte bis zuletzt den Unwissenden: „Heute sind sie in Mali, morgen findet man sie in benachbarten Ländern“, führte er aus und zitierte am Ende die Geiselnehmer selbst: „Sie sagen, dass das Land Gottes keine Grenzen kennt, deshalb bleiben sie nie an einem Ort.“ Anschließend bedankte sich Touré besonders bei den Stammesführern und Händlern der Kommunen Tessalit und Aguelhoc, im Norden der Region Kidal gelegen. Dort waren Kloiber und Ebner von der Al Kaida festgehalten worden.

Dass tatsächlich kein Lösegeld geflossen sei, könne man aber aus dem offiziellen Verhalten Algeriens ableiten, sagt Sonderbotschafter Prohaska: Am 1. November, dem algerischen Nationalfeiertag, gratulierte Präsident Bouteflika der österrei­chischen Botschafterin ausdrücklich zur Befreiung der Geiseln. Algeriens Außenminister griff zum Telefon, um seine österreichische Amtskollegin zum guten Ausgang der Affäre zu beglückwünschen. Und das, so Prohaska, wäre undenkbar, hätte Österreich gegen den Willen Algeriens für die Freilassung gezahlt.

Von Martin Staudinger und Robert Treichler