Trittbrettfahren

Wenn eine „emanzipiert, aber keine Feministin“ ist, was ist sie dann?

Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner überraschte uns nicht nur mit der Eröffnung, dass sie Mensch zu sein beabsichtige, sondern auch mit dem Geständnis, zwar emanzipiert, aber keine Feministin zu sein.1)

Was wollte sie uns mit diesem Geständnis sagen? Vermutlich etwa das: Aufgepasst, liebe Leute, ich bin ja zwar einerseits irrsinnig zeitgemäß, aber trotzdem, keine Angst, ganz toll weiblich und unheimlich liebenswürdig.

Abgesehen davon, dass die Gefahr, ein breiteres Publikum könnte Frau Ferrero für eine Art Alice Schwarzer im Lammfell der höheren Dame halten, vermutlich gering ist – was bedeutet die Aussage „Ich bin emanzipiert, aber keine Feministin“ im Klartext?
Sie bedeutet: Ich bin eine Trittbrettfahrerin.
Sie bedeutet: Ich nehme zwar gerne für mich in Anspruch, was andere Frauen durchgesetzt haben, hüte mich aber, mich meinerseits für andere Frauen stark zu machen. Und: Mir geht’s um mich, aber nicht darum, wie es Frauen insgesamt geht.

Nun ist es natürlich Frau Ferreros gutes Recht, mit Feminismus nichts am Hut zu haben – wie es überhaupt das Recht jedweder Kandidatin für jedwedes Amt ist, jedwede politische Position auf dem Boden der Verfassung zu vertreten – nur: Weshalb spielt Frau Ferrero dann die Frauenkarte aus?
Auf die Frage, warum man sie zur Präsidentin wählen sollte, antwortet sie nämlich: „Weil ich die erste Frau in diesem Amt wäre.“

Sie will also gewählt werden, damit es erstmals eine Bundespräsidentin gibt, sagt aber gleichzeitig explizit, dass ihr Fraueninteressen nicht am Herzen liegen. Wer, glaubt sie, ist daran interessiert, dass eine Frau Präsidentin wird, wenn nicht ein Publikum, dem Fraueninteressen am Herzen liegen? Und warum sollte dieses Publikum ausgerechnet eine Frau wählen, der diese Interessen egal sind?

Eine Frau als Präsidentin: ein Signal! Aber wofür? Dafür, dass Frauen eine Menge erreichen können, wenn sie nur nicht darauf bestehen, sich auch für andere Frauen stark zu machen?

Obwohl: Es ist gar nicht gesagt, dass Ferreros Argumentation ins Auge geht. Emanzipiert, aber nicht feministisch wollen viele Frauen sein, Nutznießen ist ja auch viel attraktiver, als sich eventuell unbeliebt zu machen. Ohnehin werden Feministinnen nicht zuletzt von Frauen als quasi Kampfhunde gesehen, nach denen gepfiffen werden kann, wenn es Drecksarbeit zu erledigen gibt. Kaum passiert Sexistisches, kommt der empörte Aufschrei: Und wo bitte bleiben jetzt die Feministinnen?, als ob nicht jede/r selber den Mund aufmachen könnte gegen unliebsame Zustände und Vorfälle.

So gesehen ist die Präsidentschaftskandidatin vielleicht gar keine schlechte Identifikationsfigur für erfolgreiche Geschlechtsgenossinnen, die glücklich geänderte Rollenbilder für ihr Vorankommen nützen und sich gleichzeitig sorgfältig von all jenen distanzieren, denen sie die Änderungen verdanken.

Frau Ferrero versucht, neben den neuen auch die alten Rollenbilder zu bedienen. Was herauskommt, ist ein erschütternd nichts sagendes Schwifelschwafel. Sie selber, sagt sie, wäre auch mit Kindern berufstätig geblieben, denn mit Hilfen könne man das organisieren, wobei sie gleichzeitig Hochachtung vor Frauen habe, die sich zu Hause verwirklichten, indem sie Kinder großzögen, denn oft sei es nicht leicht, beide Rollen zu vereinen, entscheidend sei, wie sich eine Frau besser verwirklichen könne.1)

Hä? Das Frauenleben als einziger Selbstverwirklichungstrip, egal, ob an der Supermarktkassa oder als Hausfrau ohne eigenes Einkommen? Und was soll uns die Binsenweisheit, dass mit Hilfen organisierbar wäre, was ansonsten oft nicht leicht vereinbar ist?

Zur Klarstellung: Auch wenn Frau Ferrero zu frauenpolitischen Fragen nicht viel zu sagen hätte, bestünde dennoch theoretisch die Möglichkeit, dass sie durch andere beeindruckende Positionen besticht. Aber zu Frauenfragen gar nichts vorzubringen zu haben, sich von feministischen Anliegen zu distanzieren und dabei treuherzig zu verlangen, ausgerechnet fürs Frausein gewählt zu werden – das ist mehr als kurios.

Weil ich schon ahne, welche Entgegnungen auf mich zukommen, gebe ich in vorauseilender Beantwortung zu: Ja, auch Präsidentschaftskandidat Heinz Fischer ist bisher nicht wirklich durch mutiges Vorpreschen in Sachen Feminismus aufgefallen. Und dass er seine Geschlechtszugehörigkeit nicht ins Spiel bringt, ist weniger verdienstvoll als selbstverständlich, der Slogan „Wählen Sie wieder einen Mann zum Präsidenten“ wäre wohl kaum der ultimative Heuler.
Aber umkehren kann man die Parole halt auch nicht (Wählen Sie diesmal keinen Mann …), wenn man nicht mehr ins Treffen zu führen hat als die Tatsache, kein Mann zu sein.

Bleibt, dass Fischers eine Ehe mit konservativer Rollenverteilung führen. Soll man das kommentieren? Privatangelegenheit, einerseits. Andererseits erklärt Frau Fischer den Umstand, dass sie mit der Geburt ihres ersten Kindes ihren Beruf aufgab, so: „Uns war es besonders wichtig, unsere Werte an unsere beiden Kinder weiterzugeben.“1) Das schmerzt. Vermutlich nicht zuletzt die SPÖ-Frauen, die seit Jahrzehnten propagieren, dass Berufstätigkeit von Müttern die Weitergabe von Werten nicht ausschließt.