Triumph und Abgrund der Filmbranche: ÖFI- Direktor Teichmann über Film-Förderungen

Die Filmförderung gehört zu den Hauptanliegen der Kulturministerin. Um ihre Versprechen zu halten, müsste sie fast 40 Prozent ihrer neu erkämpften Subventionsmillionen zusätzlich ins Kino investieren.

In der Filmbranche liegen Triumph und Abgrund nah beieinander. Während die Finanzkrise ein Unternehmen nach dem anderen vom Tisch fegt, verzeichnet Österreichs Kino stark steigende Besucherzahlen: Lag der Marktanteil heimischer Filme 2007 noch bei mageren zwei Prozent, so wird er sich 2008 – wegen der Kassenerfolge „Die Fälscher“, „Let’s Make Money“, „Nordwand“ und der Falco-Kinobiografie – „locker verdreifachen“. Dies jedenfalls kündigt Roland Teichmann, Direktor des Österreichischen Filminstituts (ÖFI), im Gespräch mit profil an: „Österreichs Film bewährt sich also auf einem schwierigen, tendenziell rückläufigen Markt. Und er sorgt für massive Wertschöpfung: Film ist ein kulturelles Produkt mit ökonomischem Mehrwert, die Arbeitsteilung generiert Steueraufkommen und Sozialeffekte.“ Bei Kulturministerin Claudia Schmied rennt Teichmann mit solchen Argumenten Schwingtüren ein: „Das ÖFI-Budget wird auf jene 20 Millionen erhöht, die ich seit Februar als Zielwert vor Augen habe“, erklärt sie gegenüber profil.

So weit die guten Nachrichten.
Die schlechten im Überblick: Der schwer defizitäre ORF droht als Filmförderungspartner demnächst komplett wegzufallen (für 2009 gibt es noch keinen Budgetbeschluss); in den kommenden beiden Jahren ist – infolge des drastischen Rückgangs an Auftragsproduktionen aus Fernsehen und Werbung – die Insolvenz etlicher hiesiger Filmproduzenten zu erwarten. Und von Steuermodellen, die private Investitionen in Kinoprojekten begünstigen würden (und in weiten Teilen Europas längst üblich sind), ist Österreich weiter denn je entfernt. Und auch Claudia Schmied hat noch eine ungünstige Nachricht in petto: Ob sich die dringend nötige Erhöhung des ÖFI-Etats „nun in einem Schritt 2009 verwirklichen lässt oder ob wir es in zwei Etappen 2009 und 2010 schaffen werden, muss ich in der Budgetgesamtplanung entscheiden“.

Roland Teichmann kommentiert die Lage so: „Es ist wichtig, dass dieses zusätzliche Geld kommt, noch wichtiger wäre, dass es schnell kommt. Es besteht akuter Handlungsbedarf. Auf die versprochenen 20 Millionen Euro fehlen aktuell siebeneinhalb Millionen: 2008 belief sich unser Jahresbudget auf 12,5 Millionen, drei zusätzliche Millionen wurden als außerordentliche Erhöhung zugeschossen, als ­Oscar-Effekt gewissermaßen.“ Es wird nicht leicht für die Ministerin sein, ihre Entscheidung für das ÖFI den Kulturmitbewerbern zu erklären: 7,5 Millionen Euro stellen immerhin fast 40 Prozent ihrer gerade erst erkämpften Kulturbudgeterhöhung dar.

Mit der Zusage der seit Jahren geforderten ÖFI-Subventionssteigerung konzentriert sich Teichmann nun auf sein größtes verbleibendes Handicap: den Österreichischen Rundfunk. „Der ORF ist ein Problemfall, der massiv auf die Branche ausschlägt“, stellt Teichmann fest. „Ich habe das Gefühl, dass im ORF eine ganz falsche Strategie gefahren wird: Gerade bei österreichischem Content, in jenem Bereich, der eigentlich Schaufenster eines öffentlich-rechtlichen Senders ist, wird gespart. Der ORF braucht österreichische Identität aber zur Profilierung, sonst droht er zur Medienkolonie zu werden. Die Gebühren versickern im schwarzen Loch, nicht im Programm. Tatenlos dabei zuzusehen, wie der ORF zu einem Sanierungsfall wird, ist verantwortungslos. Jetzt sind Richtungsentscheidungen und Strukturreformen notwendig. Wir reden ja nicht von Unsummen. Es geht um relativ wenig Geld, das aber einen sehr, sehr hohen Multiplikatoreffekt hat.“ Für den desolaten Zustand des ORF findet Teichmann eine sarkastische Formulierung: „Wenn es jetzt den Bach runtergeht, dann sicher nicht deshalb, weil man im ORF zu sehr auf den österreichischen Film gesetzt hat.“

Kritikern, die auch den Film gern der freien Marktwirtschaft überließen, entgegnet Teichmann kämpferisch: „Kino muss sich nicht rechnen, sondern legitimieren – über künstlerischen oder wirtschaftlichen Erfolg. Im Idealfall über beides. Das Wort rechnen ist mir zu simpel: Man kann bei einem kulturellen Produkt wie dem Film nicht alles zählen, wiegen und messen.“ Zu den Hauptproblemen der Branche zählt der ÖFI-Chef „die hohe Diskontinuität der Beschäftigung. Ein Regisseur wie Götz Spielmann kann in Österreich alle drei, vier Jahre einen Film machen, das ist viel zu wenig.“

2009 wird aller Voraussicht nach trotz allem ein gutes Jahr fürs Kino: Neue Arbeiten von Michael Haneke und Jessica Hausner und potenziell breitenwirksame Werke wie Wolfgang Murnbergers dritte Wolf-Haas-Bearbeitung „Der Knochenmann“ und Stefan Ruzowitzkys Familienkomödie „Die Hexe Lili“ werden die vielen Richtungen und Handschriften des österreichischen Films erneut demonstrieren. Zudem will Teichmann das Filmförderungsgesetz, das im Kern noch aus dem Jahr 1981 datiert, demnächst überarbeiten: Es müsse „dringend novelliert werden“, denn es sei „ein viel zu detailverliebtes Regelwerk, extrem überreguliert und unflexibel“.

Von Stefan Grissemann

Fotos: Peter M. Mayr