Türkei-Proteste: „Erdogan denkt, er ist ein König“

Türkei Proteste - Türkei-Proteste: „Erdogan denkt, er ist ein König“

Türkische Demonstranten erzählen profil online, warum sie gegen den amtierenden Regierungschef Recep Tayyip Erdogan auf die Straße gehen – und was sie sich von den Protesten erwarten.

Für den 43-jährigen Istanbuler Kerem Erdem, Direktor eines globalen Technologie-Konzernes, war die Teilnahme an den Demonstrationen gegen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan eine Pflicht: „Ich habe es für meine achtjährige Tochter getan. Hätte ich in dieser wichtigen Zeit nicht ein Zeichen gegen dieses Regime gesetzt, wie hätte ich ihr später erklären sollen, warum ich diese einmalige Chance verstreichen habe lassen? Die Chance, ein Land zu verändern in dem sie leben und aufwachsen muss.“

Es begann im Park
Erdem ist einer von tausend Demonstranten, die seit Tagen in Istanbul und anderen türkischen Städten gegen das Regime Erdogans protestiert. Auslöser für die unerwarteten Krawalle war eine an sich friedliche Demonstration gegen ein Bauvorhaben, dem der Gezi-Park am Istanbuler Taksim-Platz zum Opfer gefallen wäre. Die Polizei ging jedoch derart gewaltsam gegen die Protestierenden vor, dass die Nachrichten sich über das Internet und die sozialen Netzwerke verbreiteten. Hunderte und tausende Park-Besetzer schlossen sich an und fordern nun den Rücktritt Erdogans.

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Als er von den brutalen Übergriffen hörte, war Erdem einer der ersten, die sich in den Gezi-Park begaben. „Ich wollte mit eigenen Augen sehen, was da vor sich ging“, sagt Erdem. Er erreichte den Taksim-Platz einige Stunden nachdem die Polizei mit Tränengas gegen die Demonstranten vorging. Es hatten sich bereits zahlreiche andere eingefunden. Zu seiner Überraschung stellte der Manager fest, dass sich hauptsächlich junge Menschen hier engagierten. „Junge, hoch gebildete Menschen, die wir immer für unpolitisch, egoistisch und vergnügungssüchtig hielten, agierten hier plötzlich unbeschreiblich tapfer und smart.“ Auch radikale Gruppen, vor allem stark links-gerichtete und kurdische Minderheiten, zeichneten sich in der Masse ab.

Konservative Moslems gegen Erdogan
Und dann geschah etwas: Eine offensichtlich radikal-islamische Gruppe mit kopftuchtragenden Mädchen trat auf. Sie fielen sofort in dem eher links-liberal angehauchtem Gemenge auf und wurden skeptisch beäugt. Die meisten dachten, dass dies Erdogan-Befürworter seien, die sich gegen die Demonstranten richten wollten. Doch sie waren muslimische Anti-Kapitalisten und wollten sich nur den Erdogan-Kritikern anschließen. Sie riefen Parolen wie „Wir wollen keine Diebe unter uns Moslems!“ und „Wir können es gemeinsam beenden!“. Kerem Erdem war gerührt: „Ich habe begonnen zu klatschen und sie angefeuert. Nun hatte ich endlich Hoffnung auf ein baldiges Ende der Erdogan-Ära. Denn nun hatte ich endlich gesehen, dass sich auch konservativere Moslems gegen ihn richten.“

Proteste waren absehbar
Auch der 32-jährige Marketing-Manager Murat Ekmekçioğlu ist ein Demonstrant der ersten Stunde. Er war die letzten sechs Tage auf der Straße und erlebte die Gewalt der Polizei. „Die Türkei ist normalerweise ein Polizeistaat, der sich seine Bevölkerung durch Angst gefügig macht. Doch dieses Spiel funktioniert nicht mehr,“ so Ekmekçioğlu. Er kritisiert vor allem, was auch von vielen anderen in den letzten Tagen zu hören war: Erdogan würde sich nur für jene Hälfte der konservativ-muslimischen Bevölkerung einsetzen, die ihn gewählt hat. Die andere würde er ignorieren – oder eben bekämpfen. „Erdogan ist seit zehn Jahren an der Macht und hat nun den Eindruck, er ist ein König und könne tun und lassen, was er will,“ so der Marketing-Manager.

Zu Demonstrationen wäre es früher oder später ohnehin gekommen, ist Ekmekçioğlu überzeugt. Denn vor allem junge Menschen stießen die konservativen Gesetze sauer auf, die das persönliche Leben immer drastischer beschränken – so verfügte Erdogan beispielsweise, dass nach zehn Uhr Abends kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf. „Ich glaube, die Demonstrationen werden weiter gehen, wenn sich Erdogan nicht entschuldigt und endlich auf die Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung eingeht – sonst werden die sozialen Unruhen vor allem unter jungen Menschen endgültig außer Kontrolle geraten.“