Tutanchamuns Nachbarn

Archäologie. Neueste Funde in Ägypten liefern bisher unbekannte Einblicke in die „Hochtechnologie“ der Pharaonenzeit und geben überraschende Antworten auf die Frage, mit welchen Mitteln das Volk am Nil derartige Höchstleistungen hervorbrachte.

Ganze 14 Meter ist der Fundort von der Grabstätte des Tutanchamun entfernt. Ein steinerner Schacht führt zu einer unterirdischen Kammer, wo ein US-Grabungsteam der University of Memphis unter der Leitung von Otto Schaden in den vergangenen Wochen bisher sieben Sarkophage sowie dutzende Vorratskrüge aus der Pharaonenzeit entdeckte. Noch lässt sich nicht abschließend beurteilen, welche Geheimnisse die von den Wissenschaftern mit der Bezeichnung KV-63 versehene Grabkammer in sich birgt, aber so viel steht jetzt schon fest: Bei dem vor wenigen Monaten entdeckten unterirdischen Raum handelt es sich um den ersten Grabfund im Tal der Könige, seit Howard Carter im Jahr 1922 die Goldschätze des Tutanchamun entdeckte.
Nach der Bekanntgabe der Entdeckung im vergangenen Februar liefen die vorsichtige Bergung und Konservierung der Fundstücke an. Fünf der bisher geöffneten sechs Sarkophage enthielten allerdings keine Mumien, sondern zerbrochene Tongefäße, Natronsalz, kleine Tierknochen, Leinentücher, Holzgegenstände und diverse andere Begräbnisutensilien. Offenbar wurde die Kammer zuletzt nicht als Grabstätte, sondern als Arbeitsraum für die Mumifizierung genutzt. Umso überraschender war es, als vor Kurzem im Inneren des sechsten Sarkophags ein vergoldeter Kindersarg sowie sechs 3000 Jahre alte Kopfpölster entdeckt wurden. Nun spekulieren die mit der Bergung des Grabinventars befassten Ägyptologen sogar, ob eventuell in dem noch ungeöffneten siebenten Sarkophag eine Mumie aus dem Umfeld von Tutanchamun liegen könnte. Jetzt soll der Sarg zunächst mit Röntgenstrahlen durchleuchtet und am 10. Juli behutsam geöffnet werden. Insgeheim hoffen die Forscher, dass sich der neue Fundort womöglich als weitaus bedeutsamer herausstellen könnte als bisher angenommen.
Schon einmal hatte sich ein als zunächst klein und unscheinbar wirkendes Grab im Tal der Könige letztlich als umfangreiches Labyrinth mit zahlreichen unterirdischen Korridoren und verschütteten Räumen erwiesen. Der Eingang zu dem 1825 entdeckten Grab KV-5 galt lange Zeit als verschollen. Als der US-Ägyptologe Kent Weeks und sein Team diesen wieder fanden und ab 1995 vorsichtig die Schuttmassen aus einer einsturzgefährdeten Pfeilerhalle entfernten, entdeckten sie Gänge, die in ein verwirrendes System von mehr als hundert Kammern führen. Inschriften lassen vermuten, dass hier einst die zahlreichen Söhne des Pharao Ramses II. bestattet wurden. Noch ist das gesamte Ausmaß des Labyrinths nicht erforscht. Denn an drei Stellen führen noch verschüttete Korridore weiter in die Tiefe und müssen erst freigelegt werden.

Jeder dieser neuen Funde liefert neue Erkenntnisse über die Hochkultur der alten Ägypter und deren erstaunlich leistungsfähige Technologie. Bis heute beschäftigt die Wissenschaft die Frage, wie es Menschen vor Jahrtausenden zuwege brachten, gewaltige und präzise geformte Steinblöcke aus dem Fels zu schlagen, um damit Bauwerke enormer Größe zu errichten, etwa die Pyramiden des Alten Reichs, obwohl zu dieser Zeit noch nicht einmal das Wagenrad erfunden war. Wie konnten die Ägypter Jahrhunderte später, im Neuen Reich, ausgedehnte unterirdische Grabanlagen errichten, ohne dass Eisenwerkzeuge existierten? Was wussten sie von der restlichen Welt?

Steinzeitkultur. „Das Pharaonenreich war im Grunde eine Steinzeitkultur“, erklärt der international renommierte Wiener Ägyptologe Manfred Bietak. „Auch wenn bis zu einem gewissen Grad Metalle verwendet wurden: Viele Erfindungen wurden aus dem Vorderen Orient übernommen, Ägypten war eher Empfänger als Geber.“ Doch wie schafften es die Menschen, ohne Eisenwerkzeug derart große Obelisken zu errichten? Etwa jene beiden Exemplare aus rötlichem Granit mit einst vergoldeter Spitze, welche die Herrscherin Hatschepsut vor mehr als 3450 Jahren in der Tempelanlage von Karnak aufstellen ließ, als Monument für den Schöpfer- und Sonnengott Amun-Re? Nur der nördliche Obelisk steht noch aufrecht, der umgestürzte südliche liegt heute beim Heiligen See. Wie gelang es, diese massiven, fast 30 Meter langen und 323 Tonnen schweren Monolithe aus einem einzigen Steinblock zu meißeln, zu transportieren und aufzurichten?
Erst vor wenigen Monaten wurden im südägyptischen Assuan, unweit des dortigen Granitsteinbruchs, Spuren des Steintransports gefunden, die sogar mehr als tausend Jahre älter sind als diese Obelisken. Mitte Februar berichtete der Schweizer Archäologe Cornelius von Pilgrim, bei einer Grabung mitten im Stadtzentrum von Assuan seien Reste einer steinernen Rampe aus der Pyramidenzeit gefunden worden, auf der Steinblöcke (vermutlich auf glitschigem Schlamm) zum Nil geschleift wurden. Eine Rampe aus der Pharaonenzeit wurde auch beim zweiten Nil-Katarakt gefunden, wo zur Umgehung des Wasserfalls Schiffe auf Gleitbahnen aus befeuchtetem Schlamm über Land gezogen wurden.

Steinwerkzeuge. Nach heutigem Wissen wurde der rötliche Assuan-Granit mit Kupfermeißeln sowie mit Steinwerkzeugen aus extrem hartem Dolerit bearbeitet. In solcherart geschaffene Spalten wurden Holzkeile getrieben und so lange mit Wasser beträufelt, bis das quellende Holz das Gestein auseinander sprengte. Der größte je geplant gewesene Obelisk sollte beachtliche 42 Meter hoch und 1200 Tonnen schwer werden, aber ein bei der Bearbeitung entstandener Riss im Gestein vereitelte das Vorhaben. Das unvollendete Objekt liegt noch immer, halb mit dem Gestein verbunden, im Steinbruch bei Assuan. Transportiert wurden die Obelisken vermutlich per Schiff auf dem Nil, das Aufstellen wurde wahrscheinlich mithilfe von Lehmziegelrampen und Gerüstkonstruktionen bewerkstelligt, deren Struktur aber noch immer umstritten ist.
Die Präzision vieler Bauwerke ist bis heute rätselhaft. So wurden etwa die Pyramiden der vierten Dynastie exakt auf den Rotationspol des Himmels im Norden ausgerichtet. Das ist umso erstaunlicher, als zu dieser Zeit der Polarstern als Orientierungspunkt fehlte. Denn aufgrund der Kreiselbewegung, welche die Erdachse im Lauf der Jahrtausende beschreibt, zeigte diese zur damaligen Zeit in eine andere Richtung. Auf drei Winkelminuten exakt ist die Nordseite der Cheopspyramide nach Norden ausgerichtet. Ein ungewöhnlicher Schacht im Inneren der Pyramide, ausgehend von einer Kammer mit einem Granitsarg, zielt genau auf diesen Drehpunkt des Himmels. Vermutlich symbolisierten jene Sterne, die um den Himmelspol kreisen und niemals untergehen, die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit. Dorthin sollte die Seele des verstorbenen Herrschers wandern.

Roboterfahrzeug. Andere Schächte im Inneren der Pyramide scheinen blind mitten im Gestein zu enden, ihre Bedeutung ist einstweilen unklar. Ein erneutes Vordringen mittels Roboterfahrzeug in diese langen engen Hohlräume soll in den nächsten Monaten helfen, die Bedeutung dieser Schächte zu verstehen.
An der Südseite der Cheopspyramide wurden 1954 unter meterhohem Sand zwei steinerne Kammern entdeckt, welche die in über tausend Teile zerlegten Totenschiffe des Cheops enthielten. Eines der 4500 Jahre alten, 43 Meter langen Schiffe aus Zedernholz wurde inzwischen wieder zusammengesetzt und kann heute vor Ort besichtigt werden. Das Schiff besitzt zwölf Ruder und einen Zeltbaldachin. Die Holzplanken enthielten keinen einzigen Metallnagel, sondern wurden mit Schnüren fest verbunden. Ob diese Schiffe einst beim Begräbnis des Cheops auf dem Nil segelten oder aber den Aufstieg des toten Herrschers zum Himmel symbolisierten, ist nicht geklärt. Jedenfalls gab es aber schon damals seetüchtige Schiffe, die nicht nur den Nil, sondern auch das Meer befuhren, wie Reliefs und Funde bezeugen.
Ende Jänner 2006 berichteten Forscher der Universitäten von Boston und Neapel, sie hätten in fünf Höhlen nahe Safaga am Roten Meer Reste von Tauen und Planken aus der Zeit der Pharaonen gefunden. Auf Teilen einer Holzkiste ist der Name des Pharao Amenemhet III. (Mittleres Reich) vermerkt sowie die Hieroglyphenzeichen für „Wunder des Landes Punt“. Es ist ein konkreter Hinweis auf Expeditionen, welche die Ägypter in ein ostafrikanisches Land namens Punt unternahmen, dessen genaue Lage unbekannt ist. Vermutlich befand es sich am Horn von Afrika, beim heutigen Eritrea, möglicherweise aber auch weiter südlich. Bisher waren diese Fahrten nur aus Hieroglyphentexten bekannt.
Ausführliche, etwa tausend Jahre später entstandene Bilddarstellungen einer solchen Fahrt sind im prachtvollen Felsentempel der Pharaonin Hatschepsut bei Luxor erhalten. Fünf Schiffe segelten das Rote Meer entlang nach Süden, von wo aus die Mannschaften zu Fuß das Land Punt erreichten. Gold, Ebenholz, Elfenbein und Raubkatzenfelle, vor allem aber Weihrauchharz zum Räuchern in den Tempeln gab es dort. Auch wurden lebende Myrrhebäume in Töpfen mitgenommen, von denen laut Hieroglyphentext 31 Exemplare die lange Rückfahrt überlebten. Die Reliefs zeigen nicht nur die Segelschiffe, sondern auch den afrikanischen „Fürsten des Landes Punt“ und seine extrem fettleibige Ehefrau.
Hinweise auf Seereisen existieren auch aus frühester Zeit. In 5000 Jahre alten Gräbern aus prädynastischer Zeit, also lange bevor Ägypten unter einem Pharao vereint war, fanden Archäologen Lapislazuli-Perlen aus Afghanistan und sumerische Figuren aus Mesopotamien, die vermutlich per Schiff ins Land kamen. Sir Arthur Evans, der Ausgräber des Palasts von Knossos auf Kreta, berichtete über vorgeschichtliche ägyptische Keramik in der ältesten Grabungsschicht dieses Bauwerks. Offensichtlich fuhren die Schiffe damals schon über das offene Meer und nicht nur vorsichtig die Küste entlang. Aus der Zeit des unmittelbaren Cheops-Vorgängers Snofru existiert ein Bericht über 40 Schiffe, die Zedern aus dem Libanon holten. Eine sehr lebendige Schilderung einer solchen Seefahrt gibt auch die „Geschichte des Schiffbrüchigen“, ein Papyrustext aus der Zeit des Mittleren Reiches.

Flottenstützpunkt. Der Wiener Ägyptologe Manfred Bietak, der schon seit 1966 umfangreiche Grabungen im östlichen Nildelta nahe der heutigen Stadt Tell el-Daba leitet, legte dort in den vergangenen Jahren Überreste eines großen Flottenstützpunktes an einem Mündungsarm des Nil frei. Vermutlich handelte es sich um den Schiffshafen Peru-Nefer, dessen Namen man bereits aus Hieroglyphentexten kannte, wie Bietak, eben erst von einer Grabungssaison zurückgekehrt, berichtet. Seit Jahren arbeitet sein Team auch an der Freilegung von Teilen eines mit 160 Me-ter Länge erstaunlich großen, einst von Pharao Tuthmosis III. errichteten Palastareals. Tuthmosis III., Stiefsohn und Nachfolger der Pharaonin Hatschepsut, herrschte über ein Großreich, das vom Sudan im Süden bis Syrien im Norden reichte.
Besonders erstaunt die Archäologen, dass der Palast von Tuthmosis III. mit wunderschönen kretischen (minoischen) Wandmalereien geschmückt war. „Wir fanden dort bereits mehr minoische Malereien, als es in der gesamten Ausgrabungsstätte von Knossos gibt“, erzählt Bietak. Offenbar ließ der Pharao für die Innenbemalung des Palasts kretische Künstler kommen – auch dies ein Beweis für die damaligen Kontakte auch über offenes Meer. Unter anderem sind auch die für Knossos so typischen, über Stiere springenden Menschen dargestellt, das meiste ist jedoch noch nicht ausgewertet und publiziert, da die Wandmalereien nur in vielen Bruchstücken erhalten sind, deren puzzleartige Zusammensetzung Jahre erfordert.
Unterdessen entdeckten Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts in einem Vorort von Kairo die Überreste eines großen Sonnentempels aus der Pharaonenzeit, der vermutlich noch eine Reihe neuer Überraschungen bereithält. Statt eines geplanten Kaufhauses entsteht dort jetzt eine archäologische Stätte. Sobald die glühenden Sommertemperaturen nachlassen, werden auch die Grabungen in Tell el-Daba fortgesetzt. Und im Gangsystem von KV-5 ist, neben der Erforschung der bisher bekannten über 120 Kammern, die Freilegung weiterer verschütteter Abschnitte geplant (www.kv5.com). Besonders gespannt wartet die Ägyptologenzunft jedoch auf die Öffnung des siebenten Sarges im Grab KV-63 ( www.kv-63.com ) am 10. Juli, die vom US-TV-Sender Discovery Channel live übertragen werden soll.

Von Gerhard Hertenberger