TV: Ein kommunikatives Kerlchen

Der ORF ruft am Valentinstag landesweit zum „Großen Liebestest“ auf. Präsentiert wird die interaktive Herzschmerz-Show von Dodo Roscic, die so ganz und gar nicht den landläufigen Moderatorinnen-Klischees entspricht.

Zuerst sagt Dodo Roscic einmal gar nichts. Dann gibt sie kurze, eher unanständige Laute von sich, so ein Brummeln und Grummeln, bis das Spektakel vorbei ist und der Bildschirm schwarz wird. Der Redakteur fährt die MAZ zurück, und das Ganze beginnt wieder von vorn: kopulierende Elefanten, 32 Sekunden lang, ein Ausschnitt aus der Sendereihe „Universum“. Roscic verfolgt das animalische Treiben und murmelt nur hin und wieder „Mhmm“.

Im ORF-Zentrum am Küniglberg werden in dem ansonsten für Sportübertragungen reservierten Studio 4 Werbetrailer für den „Großen Liebestest“ produziert. Über einen kleinen Monitor flimmern einschlägige Szenen, zum Beispiel aus dem „Landarzt“: Barbara Wussow fragt einen blonden Schönling, ob er verheiratet sei, ob er Kinder, eine Freundin habe. Oder aus der Serie „Sex in the City“, in der ein Mann nach vollzogenem Akt der Heldin Carrie Süßliches ins Ohr flötet. Oder eben: Elefantenliebe. In den fertigen Trailern werden diese Szenen schließlich zu sehen sein, dann erscheint Roscic vor waberndem Orange und kommentiert die gezeigten Filmminiaturen mit zwei, drei Sätzen. Folgt noch der entscheidende Programmhinweis: „Der Große Liebestest mit Dodo Roscic, 14. Februar, 21.10 Uhr, ORF 1.“ Danke.

Wort-Stakkato. Die leicht ranzigen Sätze, die ein Redakteur auf einen Zettel geschrieben hat, will Roscic vor der Kamera dann aber doch nicht lesen, weil, stellt sie unmissverständlich und mit wahnwitzigem Tempo klar: „,Sag’s beim Nachspiel durch die Blume‘, das ist furchtbar. ‚Nachspiel‘ ist ein furchtbares Wort. ‚Durch die Blume‘ ist platt, unsexy. Wo ist übrigens Andrea? Ist Bettina schon aufgetaucht? Und Heinrich? Wäre ‚konkrete Fragen, konkrete Antworten‘ in diesem Fall nicht besser? Das passt doch überhaupt nicht zu diesen Elefanten: ‚Stürmisch oder schüchtern? Wie gehen Sie vor bei der Partnersuche?‘ Ja? Nein? Vielleicht? Weiß nicht? Antworten, bitte! Eine Sekunde, das linke Auge. Tränt. Der viele Puder.“

In einer froschgrünen Weste, die aussieht, als würde sie bei der geringsten Bewegung quietschen, die Frisur eine ungezähmte Mähne, nur mit Haarspray zu bändigen, spaziert Roscic, 1,75 Meter groß, mit ständig losem Mundwerk und einer Durchschnittsenergie für zehn zwischen sechs daneben lethargisch anmutenden Mitarbeitern herum. Man probt und tüftelt bis in die späte Nacht.

Der ORF wird den „Großen Liebestest“, nach dem im vergangenen Oktober abgehaltenen, ebenfalls von Roscic moderierten „Großen Persönlichkeitstest“, in anrollenden Wellen bewerben. In der am Valentinstag ausgestrahlten Show wird Roscic als Cupido durch die Gegend tänzeln und das interaktive Konzept (siehe Kasten auf Seite 97) erklären: wie die 48 gestellten Fragen nach dem Liebesleben zu beantworten sind und wie die Zuschauer schließlich zu ihrem Ergebnis kommen. Roscic im Wort-Stakkato: „Man sitzt mit den Füßen am Couchtisch und dem Pizzakarton am Bauch, beantwortet ein paar interessante Fragen, die einen zum Grübeln bringen, tippt die Resultate ins Handy, schickt ein SMS ab und bekommt von uns in einer im TV noch nie da gewesenen Reife von Interaktivität etwas sehr Intimes – schnell! – zurückgesandt: das Resultat, also den persönlichen Beziehungstyp. Dann sieht man weiter fern, um zu sehen, was das nun genau heißt, dieser Typ zu sein. Und am Montag im Büro kann man dann mitreden.“

So viel jedenfalls steht schon fest: Dodo Roscic, 31, redet viel, gern und laut, seit April 1997 auch öffentlich. Die branchenüblichen Moderatorenkärtchen zum Ablesen hat sie noch nie gebraucht, Texte lernt sie grundsätzlich nicht auswendig. Die eingehenden Anrufe ihrer beiden Handys bewältigt sie mühelos. „Ich bin ein kommunikatives Kerlchen“, sagt Roscic, und es klingt nicht so, als ob ihr das unangenehm wäre. Roscic ist auch keine porzellangesichtige ORF-Beauty mit festgezurrtem Lächeln und eingefrorener Pose, sie wird nicht, wie viele ihrer moderierenden Kolleginnen, von Anfällen unerklärlichen Frohsinns geschüttelt – wenn ihr dergleichen passiert, hat das meist Grund, Sinn und Methode. Um Bändigung von Gefühlen und Gesichtsmuskeln ist sie jedenfalls selten bemüht.

„Hallo, Mausi! Servus, Schatzi!“ Oberfläche und Tiefsinn greifen im Leben von Dodo Roscic auf eigentümliche Weise ineinander: Sie wortschwallt, verwendet im Redeschub absonderliche Begriffe („Karlikatastrophski“, „Hopplahopphopp“), sagt wolkige Sätze („,Taxi Orange‘ zeigt das Leben – und das Leben hat nicht nur schöne Seiten“) oder dahingeplapperte Sätze („Hallo, Mausi!“, „Servus, Schatzi!“) und feiert fröhlich die eigene unbeschwerte Oberflächlichkeit – um dann zu erklären, dass letzte Nacht nur nach viel Rilke und Doderers Tagebuchaufzeichnungen ein Einschlafen möglich war. Dodo dodert gern, wie das Grimm’sche Wörterbuch, Band 2, Seite 1218, ein altes Wort in der Bedeutung „schnell und heftig reden“ kennt.

Angefangen hat sie damit 1997 beim Wiener Privatfernsehen Wien 1, dem Vorläufer von ATV+. „Wiener G’schichten“ hieß die Sendung, die Sorgen und Nöte der Vorstadt wurden zu kurzen, von Roscic moderierten Beiträgen verdichtet. Am 2. Februar 1998 hörte man sie dann zum ersten Mal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Ö3 feierte das Duett Roscic und Hary Raithofer als neues Traumpaar der Marke Heidi und Geißenpeter, Roscic durfte im „Ö3-Wecker“ „Moaageen“ ins Mikro knödeln und ab und zu Raithofer übers Maul fahren („Das war einer der furchtbarsten Sätze der achtziger und neunziger Jahre“).

Noch was? Noch was: Dodo ist die Schwester von Bogdan Roscic, damals Chef von Ö3, heute Vice President Artist & Repertoire bei der Deutschen Grammophon. Den Vorwurf der Vetternwirtschaft pariert Dodo Roscic bis heute in der ihr eigenen Atemlosigkeit: „Die Kollegen haben mich in der ersten Presseaussendung bereits als ‚Schwester des Ö3-Chefs‘ angekündigt. Ich war fassungslos. Ich wurde angeworben, weil viele Menschen davon überzeugt waren, dass ich das kann, was verlangt wurde. Wovon auch immer die Rede gewesen sein mag: Es war harte Arbeit am Mikrofon und kein gemütliches Die-Schwester-von-irgendjemandem-Sein. Mittlerweile heißt es auch schon manchmal: der Bruder von Dodo Roscic. So ist das: Panta rhei – alles fließt.“

TV-Frontfrau. 1998 war Roscic zum ersten Mal als Moderatorin der ORF-Sendung „Lust auf Liebe“ zu sehen, es folgte „6 im Sommer“. Mit „Taxi Orange I & II“ (2000/2001) avancierte Roscic schließlich zur ebenso verehrten wie heiß gehassten TV-Frontfrau: Während die einen den Kulturauftrag des ORF im Mahlstrom unsäglichen Wegwerffernsehens versinken sahen, schwärmten andere von der „Turbo-Durchstarterin“ („tv-media“), bescheinigten Roscic, wie etwa ihr „6 im Sommer“-Co-Moderator Andreas Jäger, „Wortgewandtheit, Intelligenz, Spontaneität und Neugier“. Kritiker und Neider höhnten von oben unverhohlen auf Roscic herab, doch der ORF landete Traumquoten.

Im Jahr 2000 übersiedelte Roscic in die Programm-Entwicklungsabteilung, Büro 3226, gut versteckt, und bastelte an Formaten wie der Jugendschiene „25 – Das Magazin“ mit. Das große interaktive Persönlichkeits- und Liebes-TV-Testen hält die ORF-Programmentwicklerin, wenig verwunderlich, für zukunftsweisend.

Dodos Welt. Die Reporter vom Ressort Klatsch haben mittlerweile herausgefunden: Maroni sei Roscics favorisiertes Eis (stimmt nur halb: „Bröckerln“ müssen dabei sein), sie sammle Froschfiguren (stimmt nicht), Schneekugeln und Bücher (stimmt); sie habe ihr Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Germanistik im Eilzugstempo absolviert („Das Bild Amerikas in der neueren österreichischen Literatur“, Diplomarbeit, eingereicht von Doroteja Roscic, 29. März 1996); sie spreche mehrere Sprachen (Serbokroatisch, Italienisch, Französisch, Englisch) und sei, so eine aktuelle Spötterin, zum „Plaudertäschchen mutiert“, ganz im Gegensatz zu früher. Früher, ja, da sei Roscic eher leise, überlegt, zögerlich und geradezu lesesüchtig gewesen. Hier schreit Roscic auf: „Ich war nachweislich nie introvertiert. Lesesüchtig ja, aber nie introvertiert. Würde ich in meinem Leben vorsichtig antworten, hätte ich mir viel erspart, glaube ich. Ich war ein schüchternes Kind, von daher muss ein Umbruch, und so ähnlich erinnere ich mich auch, als Jugendliche passiert sein. Ich hab mir irgendwann gedacht: So wird das nix.“

David Schalko, der Erfinder der hoch gelobten „Sendung ohne Namen“ im Rahmen der ORF-Donnerstagnacht-Schiene, hat mit Roscic bereits zweimal gearbeitet. Für den „Persönlichkeitstest“ hat er mit Roscic einige Kurzfilme, die in der Live-Sendung zugespielt wurden, produziert, auch im „Liebestest“ wird Roscic unter Schalkos Regie in vier kurzen, in die Show eingespielten Filmen („Dodos Welt“) zu sehen sein. Die „Melange aus modernem Mädl und mitfühlender Mutti“, wie der „Kurier“ launig analysierte, kann Schalko in Roscic nicht erkennen. „Dodo spielt Dodo hervorragend. Für alle anderen ist das schwierig. Sie hat kein Allerweltsgesicht und kommt auch nicht aus der Kellerfabrik der ORF-Klon-Moderatoren. Sie kommt ehrlich rüber, das ist das Wichtigste überhaupt. Wo steht geschrieben, dass gute Arbeit emotionslos sein muss?“

In dem Buch „Wollen täten s’ schon dürfen“, gerade im Deuticke Verlag erschienen, zerbrechen sich Politprofis wie Heinrich Neisser oder Peter Pilz darüber den Kopf, wie in Österreich Politik gemacht werde. Auch Roscic hat einen Beitrag dazu geliefert, ihren ersten überhaupt zu einem Buch. „Hauptsache fesch“ hat sie ihn übertitelt, über den „schönen Schein der Demokratie“ unterhält sie sich in einem fiktiven E-Mail-Dialog mit der minderjährigen Hannah, die „verwundert schaut“ ob eines gerade konsumierten TV-Wahlkampf-Duells. Dodo schreibt an Hannah, „Subject: Wahlkampf. Es geht immer bloß ums ‚Rüberkommen‘, um die Wirkung, um die Verkaufe.“

Mit einer Haderer-Karikatur von Karl-Heinz Grasser, treudoof blickend, einen kleinen Schoßhund in den Händen, ist ihr Buchbeitrag illustriert. Hannah dürfe, mahnt Dodo dort, den Politikern keinesfalls blind vertrauen, „Augen auf, Ohren auf, zuhören, nachfragen, lesen, mitdenken, Hannah!“ Und ja nicht dem unaufhörlichen „Blablabla“ und „Blubbblubbblubb“ auf den Leim gehen.