Umwelt: Sturmwarnung

Die jüngsten Tankerunfälle im Schwarzen Meer erinnern an den Untergang der „Prestige“ nahe Spanien vor fünf Jahren. Die Folgen der Katastrophe waren geringer als befürchtet.

Bei orkanartigen Sturmböen jagten haushohe Wellen durch die Meer-enge von Kertsch zwischen dem Schwar-zen und dem Asowschen Meer. Gleich mehrere Schiffe gerieten am Sonntag der Vorwoche in Seenot. Drei Seeleute kamen ums Leben, 20 weitere werden vermisst. Im Hafen Kawkas sank ein Transportschiff mit 2000 Tonnen Schwefel an Bord. Aus dem in zwei Teile zerbrochenen russischen Tanker „Wolgoneft-139“ ergossen sich 2000 Tonnen Erdölrückstände ins Meer.

Das Tankerunglück samt den katastrophalen Folgen für die Umwelt erinnert an den Untergang des Tankschiffes „Prestige“ vor der spanisch-galizischen Küste vor genau fünf Jahren. Der Riesentanker war in der aufgepeitschten See leck geschlagen, entzweigebrochen und gesunken. 40.000 Tonnen Schweröl waren ins Meer geflossen, hunderttausende Seevögel und Meerestiere verendet, 2000 Kilometer der spanisch-portugiesischen Küste mit Ölschlick verseucht. Es war die größte Tankerkatastrophe in der europäischen Geschichte.

Zwar beschloss die EU nach dem „Prestige“-Desaster, dass ab 2010 Tankschiffe mit besonders umweltgefährdender Schwerölfracht nur dann in EU-Hoheitsgewässer einlaufen dürfen, wenn diese über einen doppelwandigen Rumpf verfügen. Auch fasste die Internationale Schifffahrtsorganisation (IMO) nach dem „Prestige“-Unglück und dem von der EU verfügten neuen Reglement den Entschluss, das vollständige Verbot einwandiger Tankschiffe vom Jahr 2015 auf 2010 vorzuziehen, doch den Umweltschutzorganisationen reichen diese Schutzmaßnahmen bei Weitem nicht. Noch immer ist jedes dritte Tankschiff mit einfacher, leicht leck schlagender Bordwand unterwegs.

Und die galizische Küste gehört zu den von Tankerunglücken am meisten heimgesuchten Regionen der Welt. Von den 20 größten Ölpesten, die sich im Zeitraum 1970 bis 2002 ereigneten, trafen allein vier die Küstenregion im Nordwesten Spaniens. Doch trotz weiterhin bestehender Bedrohung gibt es für die dortigen Bewohner auch eine positive Nachricht: Nur fünf Jahre nach der „Prestige“-Katastrophe hat sich die Küste fast vollständig von den Folgen der Ölpest erholt. „Niemand von uns hätte damals so etwas für möglich gehalten“, sagt Victoriano Urgorri, Professor für Meeresbiologie an der Universität von Santiago de Compostela. „Selbst die Bestände empfindlicher Muschelarten wie die Herz-, Venus- und Entenmuscheln sind wieder auf dem gleichen Niveau wie vor dem Tankerunglück.“

Erholung. Starke Strömungen und Wellengänge des Atlantiks haben laut Urgorri nicht nur den Meeresgrund vom giftigen Öl befreit, sondern auch zur ökologischen Erholung der Küstengebiete beigetragen. Der rasche Einsatz tausender freiwilliger Helfer und professioneller Putzkolonnen besorgte den Rest. Heute sind alle 750 verseuchten Strände wieder sauber. Selbst die 50 Uferstreifen, an denen die Strömung das Öl bis zu drei Meter tief unter den Sand gegraben hatte, konnten im Vorjahr komplett gesäubert werden. Über 700 Millionen Euro hat die spanische Regierung insgesamt für die Ölbergungsarbeiten aus dem Wrack, für Säuberungsarbeiten sowie für Entschädigungszahlungen ausgegeben.

Der mit Schweröl beladene Tanker „Prestige“ war am 13. November 2002 bei stürmischer See leck geschlagen und nach einem sechstägigen Abschleppmanöver rund 250 Kilometer vor der Küste auseinandergebrochen und schließlich am

19. November mit 40.000 Tonnen Öl gesunken. Der giftige Ölschlick verseuchte die gesamte galizische Küste Spaniens und teilweise auch jene Portugals.

Nach Ansicht vieler Fachleute führte erst der Entschluss der damaligen spanischen Regierung, die havarierte „Prestige“ aufs offene Meer hinauszuschleppen, zum Untergang des Tankers. Angesichts der im Winter vorherrschenden Winde und Strömungen hätte von vornherein klar sein müssen, dass sich die Ölflut weiträumig verteilen und an die Küste gelangen würde, meint auch Urgorri.

Die von der Bürgerinitiative Nunca Mais („Niemals wieder“) organisierten Massenproteste gegen das miserable Krisenmanagement der damaligen konservativen Regional- und Zentralregierung sowie der Ruf nach mehr Schutzmaßnahmen gegen weitere Tankerunglücke zeigten Wirkung: Die Regionalregierung wurde nach über dreißig Jahren an der Macht abgewählt und die neue sozialdemokratische Regierung zum Handeln gezwungen.

Neben einem neuen Katastrophenplan und strengeren Gesetzen schaffte Spanien zum besseren Schutz der galizischen Küste vier Ölreinigungsschiffe, vier Schleppboote, zahlreiche Hubschrauber sowie ein Spezialflugzeug zur Lokalisierung von giftigen Stoffen im Meer an. Die galizische Umweltschutzorganisation Adega fordert zusätzlich einen Nothafen für havarierte Tanker. „Wir brauchen ein strikteres Fahrverbot für Schiffe mit gefährlicher Fracht vor der Küste“, erklärt Adega-Sprecher Fins Eirexas. Mehr als ein Drittel der insgesamt 45.000 Schiffe, die jedes Jahr am Cap Finesterre vorbeifahren, transportieren gefährliche Ladungen. Viele davon verfügen zudem nur über eine einfache Bordwand.

Angesichts der Tatsache, dass die Region seit 1976 von vier großen Ölkatastrophen heimgesucht wurde, lebt die wirtschaftsschwache Region im äußersten Nordwesten Spaniens in ständiger Angst. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt direkt oder indirekt vom Meer. Mehr als 120.000 Fischer, Muschelsucher, Konservenhersteller, Spediteure und natürlich auch Hoteliers und Restaurants waren durch das „Prestige“-Unglück in ihrer Existenz bedroht. Eine Studie der Universität von Santiago de Compostela schätzt die durch das Tankerunglück verursachten wirtschaftlichen Verluste auf knapp zwei Milliarden Euro.

Von Manuel Meyer, La Coruña