Unaufhaltsamer Fortschritt

Trotz Bush – eine liberale Epidemie hat die USA erfasst. Zumindest, was die Homosexualität betrifft.

Möglicherweise ist die Frage nicht wahlentscheidend. Ganz unwichtig ist das Schwulenthema aber nicht im amerikanischen Wahlkampf.
Vergangene Woche gab es bei den Republikanern zwei Weichenstellungen, die den Zug in verschiedene Richtungen fahren lassen: In ihrer Wahlplattform haben die Ultrakonservativen eine Passage reingezwungen, in der sie fordern, dass das Verbot der Homo-Ehe in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben wird – so wie auch Präsident George W. Bush es will. Dessen Vize Dick Cheney aber, nicht gerade als Mann des Fortschritts und der Liberalität in der Bush-Regierung bekannt, hat sich deklariert: „Freiheit bedeutet die Freiheit für alle“, verkündete er in einem Wahlkampfauftritt. „Die Menschen sollten die Freiheit haben, die Art der Beziehung einzugehen, die sie wünschen“, sagte er und lieferte den Hintergrund für seine überraschende Kehrtwende nach: „Da meine Frau Lynne und ich eine homosexuelle Tochter haben, berührt dieses Thema unsere Familie sehr stark.“
Nun wird darüber spekuliert, ob der ehemalige Halliburton-Chef und jetzige Kriegsfalke in der Administration bloß taktisch gehandelt hat oder ob er sich ehrlich schwulenfreundlich gibt; ob er durch ein liberaleres Image nur seine miserablen Popularitätswerte verbessern will oder ob er aus Erfahrung mit seiner lesbischen Tochter und aus Liebe zu ihr einfach zu dieser Position gekommen ist.
Auch ist nicht eindeutig, ob Cheneys öffentliches Bekenntnis den Republikanern im Wahlkampf nützt oder schadet. Wird ein Teil der homophoben Fundi-Christen – Kerntruppe des Bushismus – verärgert beim Urnengang desertieren? Oder handelt es sich um ein intelligentes Manöver der Regierungspartei, die bislang ganz rechts regiert hat? Will man im Endspurt gezielt Signale an die Mitte senden, um da doch noch ein paar Prozentpunkte zu lukrieren?

Voraussagen lassen sich schwer machen. Sicher aber ist, dass Cheney mit seinen Äußerungen dem Zeitgeist Tribut zollt. Die Umfragen in den USA zeigen einen dramatischen Mentalitätswandel: Nur mehr in der Gruppe der über 45-jährigen US-Bürger gibt es Mehrheiten gegen das Recht der Schwulen und Lesben zu heiraten. Noch vor wenigen Monaten sah eine stabile Majorität in der Ehe ein exklusives Privileg der Heteros. Und wenige Jahre zuvor wäre allein die öffentliche Erwägung der Möglichkeit einer Homo-Ehe undenkbar gewesen. Es scheint eine Epidemie der Liberalität die USA erfasst zu haben.
Und nicht nur da. Angesichts der sukzessiven legistischen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften in immer mehr europäischen Staaten empörte ich mich noch Ende Mai an dieser Stelle über den Skandal, „dass in Österreich das Thema nicht einmal ernsthaft politisch diskutiert wird“. Und ich diagnostizierte: „Wir befinden uns im tiefen Hinterwald.“
Eineinhalb Monate später ist der Wald verlassen. Herausgeführt hat uns seltsamerweise die steirische Filiale der christlichen Familienpartei ÖVP. Sie preschte vor. Und nicht etwa die große Opposition SPÖ, die sich bislang scheute, offensiv die völlige Gleichberechtigung der Schwulen und Lesben zu propagieren.

Die Menschen aber sind offensichtlich nicht so dumpf, wie Politiker oft vermuten. Die Umfragen, die profil vergangene Woche publizierte, sind sensationell: Mit Ausnahme des Rechtes, ein Kind zu adoptieren, will eine überwältigende Mehrheit der Österreicher die Gleichstellung schwuler und lesbischer Partnerschaften mit der traditionellen Ehe. Und bei der Adoption sind auch bereits 36 Prozent dafür. Tendenz steigend. Es ist ein Privileg der Älteren, zu ermessen, welche Revolution in der österreichischen Seele da stattgefunden hat. Noch bis Anfang der siebziger Jahre war die gleichgeschlechtliche Liebe ein kriminelles Delikt, das mit Haft bestraft wurde. Und tief sitzende Vorurteile und offene Aggressionen gegenüber den „Warmen“, ein böses Klima der Homophobie, waren in der österreichischen Gesellschaft allgegenwärtig.
Bei derartigen profunden Zivilisationsschüben erscheint es egal, wer gerade regiert. Unter der antiaufklärerischsten US-Präsidentschaft der letzten hundert Jahre hat die homosexuelle Bürgerrechtsbewegung letztlich ihre Anerkennung gefunden. Und ausgerechnet in der schwarz-blauen Ära in Österreich scheint nun der Weg zum Ende der Homo-Diskriminierung eröffnet zu sein. Die Gegner führen bloß Rückzugsgefechte.
In anderen Lebensbereichen ist Ähnliches zu beobachten. Just in der Zeit, in der der Mann im Weißen Haus sitzt, der als texanischer Gouverneur die meisten Todesurteile in ganz Amerika unterschrieben hat, ist der Anteil jener Amerikaner, die für die Todesstrafe eintreten, drastisch gesunken – von über siebzig auf sechzig Prozent.
Und bei uns hat sich in den vergangenen Jahren einiges in der Beziehung zu den Ausländern geändert. Als vor kurzem im ORF eine „Alltagsgeschichte“ der Elizabeth T. Spira über Schrebergärten aus dem Jahre 1992 gesendet wurde, erschien der Streifen eigenartig anachronistisch – wie aus einer anderen geschichtlichen Epoche. Die Vehemenz, Bösartigkeit und Ungeniertheit, mit der die alten Wiener da über die Fremden herzogen, wäre heute undenkbar. Offenbar ist in diesem Dutzend Jahren die Xenophobie doch auch drastisch zurückgegangen. Was man nicht zuletzt am FPÖ-Niedergang ablesen kann, der ja nicht nur auf die miserable Performance ihrer Führung zurückzuführen ist.
Offenbar gehen solche zivilisatorische Entwicklungen und gesellschaftliche Reifungsprozesse relativ unabhängig von der Politik vor sich. Man könnte fast überoptimistisch meinen: Der Fortschritt ist unaufhaltbar.