Unbedankt

Wiederaufbau war mühseliger Alltag. Nachdenken über die Trümmerfrauen.

Wo bleibt, im Gedankenjahr, das Denken an unsere Mütter und Großmütter?, fragt mich eine Leserin des Jahrgangs 1939. Frauen meines Alters finden, schreibt sie, dass es höchste Zeit ist, diese Frauen zu ehren, die unsere Generation großgezogen und einen Großteil der Aufbauarbeit nach dem Krieg geleistet haben.
Das hat was für sich, einerseits. Denn wie so oft wird auch jetzt gerade wieder Geschichte als das Werk männlicher Machthaber dargestellt. Wichtige Staatsmänner trafen einander zu wichtigen Zusammenkünften, handelten wichtige Verträge aus, gaben entscheidende Aufträge, und Österreich war befreit – ganz frei – wieder aufgebaut.

Unterschlagen wird wie so oft der Alltag, dessen Mühsal in einem hohen Ausmaß die Frauen zu tragen hatten. Trümmer wegräumen, Lebensmittel beschaffen, mit nix zu essen Kinder ernähren, Kinder anziehen und nicht wissen womit, in Ruinen hausen, frieren. Anpacken, arbeiten gehen, die abwesenden Männer ersetzen, im Beruf und daheim, Arbeit und Kinder vereinbaren ohne Kindergarten oder Hort. Arbeitsplätze wieder räumen für die zurückkehrenden Männer. Sparen.

Bescheidenen Besitz pflegen, sauber machen ohne Staubsauger, waschen ohne Waschmaschine, Vorräte konservieren ohne Kühlgeräte (einlegen und einkochen), nähen ohne Nähmaschine. Löchrige alte Pullover auftrennen, Wolle entknoten, aufwickeln, neue Pullover stricken. Aus zwei schleißigen Leintüchern eins machen, das keine Löcher hat (dafür eine Naht in der Mitte, die drückt, aber wer kann es sich schon leisten, empfindlich zu sein?). Einkaufstaschen voller Erdäpfel zu Fuß heimschleppen, einen weiten Weg, weil sie auf dem Markt billiger sind als beim Greißler um die Ecke. Keine Freizeit, kein Urlaub, zu wenig Schlaf.1)

All das war Wiederaufbau. Frauen haben ihn geleistet. Frauen haben geschuftet, Steuern gezahlt, Kinder großgezogen, wurden als Verschubmaterial erst auf den Arbeitsmarkt geholt und dann wieder weggeschickt. Heute leben sie, wenn sie noch leben, nicht selten an der Armutsgrenze. Über viele von ihnen ist der Krieg hereingebrochen, wie auch der braune Terror davor, ohne ihr Zutun und gegen ihre Intentionen.

Andererseits aber, und auch das darf man nicht unterschlagen, waren sie nicht alle schuldlos, ahnungslos und friedliebende Opfer. Frauen waren nicht nur am Wiederaufbau beteiligt, sondern auch am Zerstörungswerk, das ihn notwendig gemacht hat.

In den Erzählungen meiner Mutter kamen sie oft vor, die Nazissen von nebenan, nicht unbedingt spektakuläre Übeltäterinnen, sondern klein und kleinlich in ihrem Fanatismus, aber bereit, dich für jede winzige Verfehlung gegen den herrschenden Ungeist nach Dachau zu liefern.

Da war die Nachbarin, die sie beim Ortsgruppenleiter anzeigte, nachdem meine Mutter ihr Heil Hitler mit Guten Tag! erwidert hatte. Da war die Bäuerin auf dem Land, die einer anderen mit Anzeige drohte, weil sie Schwarz trug und trauerte, nachdem ihr Sohn gefallen war, statt stolz zu sein, dass sie ihn für Führer und Vaterland opfern hatte dürfen. Da waren die strammen BDM-Führerinnen und Mutterkreuzträgerinnen. Und da war die Frau, die, als das fehlgeschlagene Attentat vom 20. Juli bekannt wurde, hysterisch schluchzend auf die Gasse lief und schrie: Unseren Führer
haben sie ermorden wollen! Dieselbe Person spuckte nach Kriegsende flink einer aus Hamburg gebürtigen Nachbarin ins Gesicht und nannte sie reichsdeutsche Nazi-Sau.

In den Geschichten, die ich als Kind mitangehört habe, war öfter und eindrucksvoller von der ständigen Angst die Rede, in der man bis 1945 gelebt habe, als von den Entbehrungen der Nachkriegszeit. Um denunziert zu werden, musste man nicht im Widerstand gewesen sein, es genügte innere Distanz zur befohlenen Ideologie. So stellte es sich für mich dar, und ich erinnere mich, dass ich mich fragte, wie man diese düstere Zeit voll Furcht und Finsternis überhaupt überleben hatte können. Erst später traf ich Leute, deren Erinnerungen sich weniger bedrückend anhörten und die zu meinem Erstaunen so redeten, als habe es damals auch ein normales Leben gegeben.

Ob man zu den Angstvollen gehörte, zu den Unbekümmerten oder zu den begeisterten MitläuferInnen, war keine Frage des Geschlechts. Zwar ist Hitler, entgegen einer nicht auszurottenden Legende, keineswegs durch die Frauen an die Macht gekommen, aber alle Frauen nachträglich zu unbefleckten Regimegegnerinnen zu erklären wäre gelogen. Darum denke ich zwiespältig über die Generation der Trümmerfrauen. Sie – wie das offizielle Österreich – auszuklammern aus Erinnerung und Wahrnehmung ist freilich eine Ignoranz, die nichts mit differenzierender Gerechtigkeit, sondern viel mit generalisierender, ungerechter Geringschätzung zu tun hat.

Themawechsel, aber nicht völlig: Die Angehörigen des kürzlich verstorbenen Autobusunternehmers Richard haben in den Todesanzeigen für ihn neben seinen Titeln auch seine Zugehörigkeit zur Zweiten Panzerdivision der deutschen Wehrmacht angeführt; in der Aufzählung diverser Ehrungen finden sich sechs Weltkrieg-II-Auszeichnungen, darunter die Medaille Winterschlacht im Osten und die Medaille Besetzung von Böhmen und Mähren.

Bang frage ich mich, was als Nächstes kommt: Stolze Kundmachungen, dass der Opa Ariernachweisinhaber, Blockwart, Reichskristallnachtteilnehmer war?