Ungarn: Nach der Giftschlamm-Katastrophe stehen korrupte Seilschaften am Pranger

Warum nach der Giftschlammkatastrophe die profitgierigen Seilschaften der postkommunistischen Ära zur Verantwortung gezogen werden.

Von Gregor Mayer, Budapest

Zoltan Bakonyi und Lajos Tolnay hatten es ziemlich eilig. Gleich nachdem die beiden Manager der Aluminium-AG (MAL) am vergangenen Mittwoch im west­ungarischen Dorf Kolontar eine Presseerklärung abgegeben hatten, verschwanden sie in dem kugelsicheren Volkswagen einer privaten Sicherheitsfirma.

Bakonyi und Tolnay sind zu Hassfiguren in Ungarn geworden. Sie stehen symbolisch für all jene korrupten Wirtschaftstreibenden im Land, die nach dem Ende des Kommunismus Fabriken billig aufgekauft hatten, sich bereicherten – und ihre maroden Bauten in all den Jahren nicht renovierten.

Montag vergangener Woche passierte es.
Eine giftige, rote Schlammbrühe aus dem geborstenen Speicherbecken von Bakonyis und Tolnays Aluminium-AG überschwemmte Kolontar und vier weitere Ortschaften Westungarns. Mindestens vier Menschen ertranken in den Schlammmassen, 150 weitere wurden von der natronlaugenhaltigen Brühe verätzt. Donnerstag vergangener Woche starb ein weiteres Opfer an den Vergiftungen. 400 Bewohner der Region verloren ihr Hab und Gut, Felder wurden verwüstet. Im Fluss Marcal starb alles Leben. Die Langzeitfolgen des Desasters lassen sich noch nicht absehen.

Geschäftsführer Bakonyi hatte bereits am Tag nach der Katastrophe die Opfer in Rage gebracht. „Niemand braucht sich zu fürchten“, redete der Enddreißiger das Ausmaß der Gefahr herunter. „Der Rotschlamm ist nicht giftig, nur baden muss man darin nicht unbedingt.“ Die Laborergebnisse von Umweltschutzorganisationen zeigen ein anderes Bild: Der Giftschlamm enthalte gefährliche Dosen von Quecksilber und Arsen, warnte Greenpeace Freitag vergangener Woche.

Viele in Kolontar glauben, dass der Damm am Speicher 10 schon lange undicht war. „Da waren immer Lecks“, behauptet etwa ein Mann mittleren Alters in einem ­Video des Internetportals „index.hu“. „Das war ein offenes Geheimnis, die MAL-Chefs haben es unter den Teppich gekehrt.“

Amateurbilder von der Anlage, die im Internet auftauchten, zeigen Zeichen der Vernachlässigung: rostige Röhren, verrottete Pumpen, ölige Schmutzlacken am Fuß des Damms. Dabei ist die offene Lagerung des Rotschlamms ohnehin problematisch. Die laugenhaltige Brühe dickt zwar im Laufe der Jahre ein. Aber ein Durchsickern ins Grundwasser ist ebenso wenig auszuschließen wie das Entstehen eines hochgiftigen Feinstaubs an der Oberfläche der Speicher.

Privatisierung.
Die MAL, die auch Gruben und Werke in Bosnien, Slowenien und Montenegro besitzt, gehört drei der reichsten Männer des Landes. Der Direktionsratschef Tolnay hält mit einem Vermögen von 80 Millionen Euro Platz 21 auf der Liste der reichsten Ungarn. Die Miteigentümer Arpad Bakonyi, der Vater des Geschäftsführers Zoltan Bakonyi, und Bela Petrusz werden auf jeweils 60 Millionen Euro taxiert. Vor der Wende waren sie Ingenieure und mittlere Kader in der sozialistischen Industrie. Nach 1994, als sich die regierende post-kommunistische Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) auf Technokraten und Geschäftsleute der jüngeren Generation stützte, kamen sie bei der Privatisierung der Aluminiumindustrie zum Zug. In immer neu arrangierten Unternehmenskonstellationen erlangte das Trio die Kontrolle über den Aluminiumstandort Ajka und die nahen Bauxitgruben.

Die neuen Eigentümer erwarben sie um wenig Geld. Oft nahmen sie Kredite auf, für die der Staat bürgte. Sie zerschlugen die Mammutunternehmen, gliederten die Filetstücke aus und eigneten sich die Profite an. Ende der neunziger Jahre stellte die staatliche Privatisierungsagentur APV in einem Bericht fest, dass die Republik Ungarn beim Abverkauf der Aluminiumindustrie rund 100 Millionen Euro verloren hatte.

Doch wie ist es möglich, dass in einem Land, das seit mehr als sechs Jahren Mitglied der Europäischen Union ist, Sicherheits- und Umweltstandards so einfach umgangen werden können? Oft besteht die Kunst auch darin, Arbeitsmarkt- oder Umweltschutzförderungen zu bekommen, um die damit verbundenen Gegenleistungen nur auf dem Papier zu erfüllen und die Subvention in die eigene Tasche zu stecken. „In diesem Land kannst du gegen entsprechende Bezahlung für alles eine Bestätigung, ein Papier bekommen“, meint die bekannte Aufdeckungsjournalistin Iren Karman.

Wie nachlässig die neuen Aluminium­magnaten mit der Umweltproblematik umgehen, zeigte sich auch beim Katas­trophen-Unternehmen in Ajka. Der Dammbruch wurde offenbar dadurch ausgelöst, dass mehr Schlamm in den Speicher gefüllt wurde, als der Damm aushielt. Die einzelnen Segmente seien völlig überlastet worden, befanden Experten aus der Region.

Zusätzliche Schutzvorrichtungen fehlten, alles hänge von einem einzigen Damm ab. An der Pannon-Universität der nahe gelegenen Stadt Veszprem, die seit Jahrzehnten die Ingenieure für Bergbau und Industrie der Region ausbildet, erließ Rektor Akos Redey einen Maulkorberlass: Die Professoren und Assistenten dürfen nicht mehr mit Journalisten reden. Vor der Macht des Politkartells geht die akademische Freiheit offenbar in die Knie.
Jetzt fragt die Bevölkerung: Wann und wo kommt die nächste Katas­trophe?

Insgesamt 55 Millionen Ton­nen Rotschlamm lagern nach wie vor in Ungarn. Becken wie in Ajka gibt es auch in Almasfüzitö und Mosonmagyarovar. Beide Orte liegen an der Donau, an einem Abschnitt mit Aulandschaften und großen Grundwasserreservoirs. Allerdings gibt es dort keine Bauxitverarbeitung und damit keinen frischen Rotschlamm mehr. Der dort lagernde Abfallschlamm ist bereits eingedickt. Manche Experten halten deshalb einen Dammbruch wie in Ajka für unwahrscheinlich. Das Risiko einer Grundwasser- und Feinstaub-Kontamination besteht aber auch dort.
Die Rotschlammbecken in Mosonma­gyarovar gehören dem Unternehmen MOTIM, das vom ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyur­csany kontrolliert wird. Nach eigenen Angaben wandte MOTIM im Jahr 2000 rund vier Millionen Euro auf, um die Becken an die geltenden Umweltstandards anzupassen. Doch bis heute sind die brachliegenden MOTIM-Becken nicht rekultiviert, das heißt nicht zugedeckt und durch den Anbau von Pflanzen wieder in die Landschaft integriert. Vor vier Jahren zeigte die Umweltschutzorganisation Levegö Munkacsoport (Arbeitsgruppe Saubere Luft) das Unternehmen wegen Nichterfüllung der Umweltstandards an. Die Staatsanwaltschaft wies die Anzeige ab und berief sich auf ein Gutachten des Umweltschutzamtes. Das Amt habe aber „die Anklagebehörde unter starkem politischem Druck irregeführt“, konstatierte die Tageszeitung „Nepszabadsag“. Gyur­csany war damals Ministerpräsident.
Auch bei der MAL vermeldete man 2001 stolz den Vollzug einer „umfassenden und erfolgreichen Umweltschutz-Modernisierung“. Unter den angeblich aufgepeppten Rotschlammspeichern war auch das nunmehr geborstene Becken 10. Ob und wie viele Subventionen das Unternehmen dafür erhielt, ist nicht bekannt. „Verhältnismäßig viele ­leben verhältnismäßig gut von pfuschartigen, aber stets aus öffentlichen Geldern finanzierten Schadensbegrenzungsversuchen“, schrieb „Nepszabadsag“ in diesem Zusammenhang.

MAL-Miteigentümer Lajos Tolnay gilt als Vertrauter von Ex-Premier Gyurcsany. Seit Mai dieses Jahres regiert im Land die populistische Rechte. Ministerpräsident Orban kündigte nach der Katastrophe von Kolontar an, dass die Verursacher zur Verantwortung gezogen würden. Der Regierungschef und der ins Zwielicht geratene Aluminium-Baron Tolnay sind einander nicht unbekannt. 2005, als Orban in der Opposition schmachtete, lud er einige Wirtschaftskapitäne zu „wirtschaftspolitischen Konsultationen“ ein. Unter ihnen war auch Tolnay. Warum der Tycoon aus der roten Reichshälfte in dieses vor allem mit Parteigängern der Rechten besetzte Beratergremium geholt wurde, erschloss sich damals auch Eingeweihten nicht. Aber vielleicht macht sich das gerade jetzt bezahlt.

Mitarbeit: Gunther Müller