Unsere 68er - Die gemütliche Revolution gegen Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit

Während in Paris und Berlin der Straßenkampf tobte, polarisierten in Österreich vor allem die Künstler das Land. Prominente Zeitzeugen schildern den damaligen Zustand einer Republik, die von Antisemitismus, Borniertheit und tief verwurzelter Frauenfeindlichkeit geprägt war.

­­Mit allem hatten die Beamten gerechnet, damit allerdings nicht. Als die eilig herbeigerufene Polizeistaffel den Festsaal des Gasthauses zum Grünen Tor in der Wiener Lerchenfelder Straße stürmte, bot sich ihr ein Bild des Grauens: Gäste wie Veranstalter des angeblichen Studentenfests waren in hellem Aufruhr, man brüllte wild durcheinander, bewarf einander mit Semmelknödeln, auf der Bühne zerdrosch jemand eine Kücheneinrichtung, ein anderer Teilnehmer blies ein unförmiges, aber großes Objekt auf, in dem brennende Wunderkerzen steckten, von der Decke hing ein blutüberströmter Lammkadaver. Ein Tohuwabohu biblischen Ausmaßes. Und der Beginn einer typisch wienerischen Revolution.

Vielen, die dabei waren, gilt das legendäre Zock-Fest vom 21. April 1967 als Anstoß und früher Höhepunkt der Wiener 68er-Revolte. Das hat durchaus seine Berechtigung, schließlich war diese Revolte, anders als jene in Berlin oder Paris, keine dezidiert politische, sondern vor allem eine der wilden Kunst und seltsamen Allianzen: Hauptakteure des Zock-Fests waren die Wiener Aktionisten (als Küchenkastlzertrümmerer agierte Otto Mühl, als Lammgestalter Hermann Nitsch, als Gaststar und Pneumatik-Künstler Christian Ludwig Attersee), veranstaltet wurde es – ausgerechnet – von der CV-Verbindung Austria. Avantgardekünstler und konservative Studenten verband zwar nicht viel, das gemeinsame Unbehagen an den österreichischen Verhältnissen überwand aber alle anderen Differenzen. Die Zeit war tatsächlich reif für eine Veränderung.

Verklärung und Verhöhnung. Zum 40. Mal jährt sich heuer die 68er-Revolution. Wie schon bei vorangegangenen Jubiläumsanlässen wird die publizistische Wiederaufbereitungsmaschinerie, je nach politischer Ausrichtung, zwischen romantischer Verklärung und pauschaler Verhöhnung pendeln. Die österreichische Variante des gesellschaftlichen Befreiungsschlags wird rückblickend gern als „Mailüfterl“ und „heiße Viertelstunde“ apostrophiert. Im Vergleich zu den Straßenschlachten in Paris und Berlin verlief der Aufstand hierzulande tatsächlich eher „gemütlich, poetisch und auch ein bisserl chaotisch“, so der damalige linke Studentenaktivist Robert Schindel. Vorlesungen wurden zwar gestürmt, um die Professoren ob ihrer „praxisfernen Vorträge“ verbal zu attackieren, aber die Zwischenrufe blieben ohne Handgreiflichkeiten. Bei „Love-ins“, wie sie in der Aula der Wiener Universität abgehalten wurden, flogen schwarze Blumen und Parolen wie das Bert-Brecht-Diktum „Glotzt nicht so romantisch!“. Während auf der Universität und in den wenigen Szenelokalen wie dem Hawelka oder dem Café Savoy in der Wiener Himmelpfortgasse die Verhältnisse langsam, aber stetig zum Tanzen gebracht wurden, lag der Rest des Lands „unter einer Wolke aus Beton“, so der Kunsttheoretiker Peter Weibel.

In der Banalität des Alltäglichen manifestierte sich der Geist der Beschränkung. In Vorarlberg war das Tragen von Bikinis behördlich verboten. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wurde im Frühjahr 1968 auf Betreiben des Innenministers Franz Soronics „wegen zur ­Lüsternheit aufreizender Schreibweise“ beschlag­nahmt. Trafikantinnen brüllten Blumenkindern „Es g’hearts alle eing’sperrt!“ hinterher; Tax­ler verweigerten Passa­gieren mit zu langen ­Haaren den Zustieg; Mädchen in Miniröcken wurden in der Straßenbahn lauthals als „Flitscherln“ und „Schlampen“ beschimpft, erinnert sich das damalige Top-Model Susanne Widl. Verklemmtheit war der gesellschaftliche Grundtenor: „Es gab keine Pornoläden und keine Bordelle, und ich hatte vor meiner Defloration noch keine nackte Frau gesehen. Nicht einmal meine eigene Mutter“, erzählt Robert Schindel.

Seit 1961 war die Antibabypille auch in Österreich auf dem Markt; zu Frühlingsbeginn 1968 schlug das Boulevardblatt „Express“ angesichts des wachsenden ­Anti­babypillenkonsums unter Teenagern Alarm. Während die deutsche Apo-Bewegung den ehemaligen Freud-Jünger Wilhelm Reich und dessen Thesen von der sexuellen Unterdrückung als Ursache für alle Übel dieser Welt adoptierte, frönte man in Österreichs Studenten- und Künstler-WGs vorrangig der seriellen Monogamie. „Es gab da gewisse Musen“, so Peter Weibel, „die sind von Bett zu Bett gehüpft. Die wurden aber in unseren Kreisen geschätzt und respektiert. Die Künstler selber waren ja ziemliche Machos.“

Die Frauenbewegung selbst war im Revolutionsjahr 1968 in Österreich noch nicht vorhanden. Wie Simone de Beauvoir in Frankreich waren auch die linken Studentinnen in Österreich voll des Vertrauens, dass der Sozialismus die weibliche Gleichstellung ohnehin programmatisch betreiben würde. Da wie dort erwies sich diese Annahme als ungerechtfertigt. Eine autonome Frauenbewegung sollte erst 1972 in Form der AUF (Aktion unabhängiger Frauen) entstehen; im Wesentlichen entsprang sie dem Aktionskomitee zur Abschaffung des Paragrafen 144: Abtreibung war in Österreich seit Maria Theresia mit Haft bedroht, in der NS-Zeit sogar mit Todesstrafe. De facto trat die Fristenlösung nach langen ermüdenden Kämpfen in Österreich erst 1975 in Kraft.

„Die, die es sich leisten konnten, sind zu den einschlägig bekannten Ärzten gegangen und haben dort 20.000 Schilling auf den Tisch gelegt“, erinnert sich Susanne Widl. „Die sozial Schwachen haben Engelmacherinnen konsultiert, die in Hinterzimmern die Eingriffe vornahmen.“ In jedem Fall fühlten sich die Frauen, egal in welchem medizinischen Ambiente der illegale Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wurde, wie „Schwerverbrecherinnen“, so Widl.

Patriarchat. Eine Wolke aus Beton lag auch auf dem Ehe- und Familiengesetz. Erst 1970 wurden uneheliche mit ehelichen Kindern rechtlich gleichgestellt. Bis 1975 galt der Mann laut einem aus dem Jahr 1811 stammenden Gesetz als „Haupt der Familie“, dem das Recht zustehe, „das Hauswesen zu leiten“. Die Gattin, so hieß es im Paragraf 91 des Allgemeinen ­Bürgerlichen Gesetzbuchs, „erhält den Namen des Mannes und genießt die Rechte seines Standes“. In der Praxis durfte keine Frau ohne Genehmigung ihres Mannes einen eigenen Pass beantragen und auch ohne Einverständnis des Ehemanns keinen Beruf ausüben.

„An die Befreiung der Frau habe ich im Jahr 1968 keine Sekunde geglaubt“, resümiert die damalige Burgtheater-Elevin Erika Pluhar: „Sämtliche aufmüpfigen 68er waren ja außerdem ausgesprochene Machos.“
Zeitungsartikel aus dem Jahr 1968 dokumentieren einerseits die beklemmende geistige Enge, aber auch die skurrilen Ausformungen des österreichischen Revolutionsgeistes. „Wien war damals so verfasst, dass sich ein Langhaariger nach dem anderen auf der Straße umgedreht hat“, beschreibt André Heller, im Jahr 1967 Gründungsmitglied von Ö3, das Lebensgefühl.

Blumenkinder. Auf einem Faschingsfest in der Secession, das unter dem Motto „Kitsch-in“ stand, ging der „schon tot gesagte Bund der Blumenkinder“ (der „Kurier“ vom 20. Jänner 1968) in die Offensive und stürmte die ­Kostümprämierung nach Mitternacht. Zum Faschingausklang am 10. Februar beschloss der Oberste Sanitätsrat, LSD nicht auf die Suchtgiftliste der Republik zu setzen. Im Voom-Voom, der legendären Abschleppdisco in Wien-Neubau, amüsierte das die Dealer. „Stewardessen und Models“ (Peter Weibel) ließen sich von den dort abhängenden Künstlern in das Geheimnis körperlicher Liebe ohne emotionale Konsequenzen einführen. Danach ging es oft „ins Hotel Orient vögeln“, bringt der Maler Walter Schmögner den Geist der Revolte auf den Punkt: „Zimmer Nummer vier hatte das große, breite Bett mit dem Baldachin und dem Spiegel, in dem das Fleisch zuckte unter der mitternächtlichen Sonne.“

Den Prototypen des österreichischen 68ers trieb laut Schmögner vor allem eines um: „die nächste Vögelei“. Imperialismuskritik und die Solidarisierung mit ­Vietnam oder dem Proletariat standen, im Unterschied zu dem Programm der Revolutionäre in Paris oder Berlin, nicht an der Spitze der politischen Tagesordnung. Der Dichter und damalige Studentenaktivist Robert Schindel beschreibt das ideologische Dilemma in dem Essayband „Die Fantasie und die Macht“ (Czernin Verlag): „Unakzeptabel waren die reinen Genussspechte, die sich in der Art äußerten: Was geht mich Vietnam an, ich habe Orgasmusschwierigkeiten. Ich wollte dazwischen sein. Keine Orgasmusschwierigkeiten, aber Solidarität mit Vietnam.“

Schindel, Jahrgang 1944, war Mitbegründer der Studentengruppe „Kommune Wien“ und der Literaturzeitschrift „Hundsblume“ Er stammte aus einer Familie, in der er „den Marxismus mit der Muttermilch aufgesogen“ hatte, und war zum Leidwesen seiner Mutter 1967 aus der kommunistischen Partei ausgetreten. Im selben Jahr hatte er sich bereits in Berlin in der legendären „Kommune 1“ revolutionär vorgebildet. Im Alter von 23 Jahren war er über einen Freund in die „politisch aktivierte Wohngemeinschaft“ in der Wohnung von Hans Magnus Enzensberger gestoßen, wo Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und Fritz Teufel das Spaß- und Lustprinzip zur obersten Maxime erhoben. Man übte sich im „nächtelangen Durchdiskutieren“, wobei Kunzelmann dem jungen Österreicher mit „freundlicher Herablassung“ begegnete: „Für den war ich einer aus dem niedlichen Wien, der über den Berg gekommen war, um Revolution zu schnuppern.“ Dort lernte Schindel auch Gudrun Ensslin, die spätere Mitbegründerin der linksextremistischen Terrorgruppe RAF, kennen: „Die hat mich fasziniert. Das klingt heute politisch sehr inkorrekt, aber für mich war es damals neu, dass schöne Frauen auch so intelligent sein können.“ Von den sexuellen Gepflogenheiten der „K 1“ – jeder sollte/durfte mit jeder, solange nur alle dabei zusehen konnten – ließ sich Schindel nicht inspirieren: „Ich hatte damals eine Freundin. Und das Prinzip der freien Liebe habe ich nie gelebt. Man hat ja sehr schnell begriffen, dass das promiske Leben einen unausweichlich in die Einsamkeit stürzt.“

Stille Post. Als Souvenir brachte Schindel das von der Berliner Studentenbewegung zur Perfektion ausgefeilte Prinzip der „Spaziergangsdemonstrationen“ nach Wien: „Mittels stiller Post verständigt, bewegten sich die Demons­tranten so rasch von einem Ort zum anderen, dass die Polizei mit ihren Einsatzkommandos immer zu spät kam.“ Die Einschätzung der Professionalität der Demonstrationen divergiert in der Erinnerung der Zeitzeugen allerdings beträchtlich. André Heller etwa wird „bis ans Totenbett“ die „Lächerlichkeit der Demonstranten“ präsent bleiben: „Bei einer Demo vor dem Unterrichtsministerium wurde als Forderung tatsächlich die Parole ,Mehr Turnen‘ skandiert. Diese Demos wurden dann ja auch meistens von Müttern und Vätern aufgelöst, als sie ihre Kinder abgeholt haben, damit die endlich ihre Hausübung machen.“

Ein Bravourstück in der Disziplin Chaos in der Rebellion war ein geplanter Sturm auf das Burgtheater unter der Ägide des Aktionisten und Schriftstellers Ossi Wiener, Vater der heutigen Starköchin Sarah Wiener. „Da lief alles schief, was nur schieflaufen konnte“, lacht Peter Weibel. Auch Heller ist das Fiasko noch genau gegenwärtig: „Die Pluhar hat uns damals die Pläne des Burgtheaters besorgt, damit wir uns einschleichen können. Man gab einen Hochhuth, und der Wussow stand auf der Bühne. Wir wollten hinauf und dort ein Manifest verlesen.“ Der Sturm der Demonstranten auf die Bühne wurde jedoch durch die Polizei bereits im Vorfeld vereitelt, die Staatsmacht war gewarnt: „Der Ossi Wiener hat auf der Unirampe ein Megaphon in die Hände genommen und den Sturm auf das Theater angekündigt.“

Zugleich etablierte sich der liberale Zeitgeist auch an unerwarteter Stelle. Der Generalintendant des ORF, Gerd Bacher, überraschte etwa durch eine öffentliche Aufforderung zur Pro­gressivität mittels eines „Schnulzenerlasses“. Bacher in einem Schreiben an die Radiomitarbeiter im Juli 1968 : „In den letzten Monaten beginnt eine mir unerklärliche Schnulzeninvasion über Ö3 hereinzubrechen. Wann immer man aufdreht, säuselt einem ein germanischer Schwachsinniger in die Ohren. Da ich mein Ersuchen seit Wochen an diverse Ö3-Damen und -Herren richte, würde ich nach meiner Rückkehr entsprechende Konsequenzen ziehen …“

Ö3-Discjockey Heller, der vom GI aufgefordert worden war, seinen Namen von André auf Andreas zu ändern, bezeichnet Bacher heute als „begnadeten Ermutiger“, der sich bei der Ent-Roy-Blackisierung der Jugendkultur zugunsten von Frank Zappa, den Rolling Stones und Led Zeppelin und der allgemeinen „Durchlüftung“ als Verbündeter erwies. Wie die meisten Künstler der Generation attestiert Heller der österreichischen 68er-Welle keine politische Relevanz: „Hier gab es weder eine politische noch musikalische oder modische Bewegung. Es gab die Kunst und die Literatur – aber da vor allem Einzelaktionen von begabten Menschen.“ Bis heute wird das österreichische Jahr 1968 vor allem mit dem Begriff „Uni-Ferkelei“ in Zusammenhang gebracht, der vom damaligen „Express“-­Reporter und heutigen „Krone“-Journalis­ten Michael Jeannée geprägt wurde.

Nackte Männer. Am Abend des 9. Juni 1968 beschlich den Philosophiestudenten Peter Weibel ein Gefühl der Beklemmung. Und des Erstaunens: „Man war wirklich überrascht, wie sehr der Staat Angst vor solchen wie uns hatte.“ An jenem Abend verlieh der Wiener Polizeipräsident Josef Holaubek in den Nachrichten seiner wilden Entschlossenheit Ausdruck, „die nackten Männer“, die am Freitag, den 7. Juni, im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes „eine unbeschreiblich perverse Orgie“ vollführt hatten, hinter Gitter zu bringen. „Forscht sie aus und bestraft sie!“, lautete der Aufruf.

In den folgenden Wochen war mediale Empörung angesagt. Begriffe wie „Sex-Kommunisten“, „Kakademiker“, „Stoffwechselparty“, „Sex-Orgien“ und „bei­spielloser Skandal“ rauschten durch die Tagespresse. Ursache der Empörung war ein Vortrag zum Thema „Kunst und Revolution“ im neuen Institutsgebäude der Wiener Universität gewesen, veranstaltet von der sozialistischen Studentenvereinigung SÖS. Der Vortrag war zu einer Aktion eskaliert, deren Protagonisten unter anderem die Nicht-Studenten Günter Brus, Otto ­Muehl, der Schriftsteller Oswald Wiener und der „Wiener Journalist mit masochis­tischen Neigungen“ mit dem Pseudonym Laurids stellten. Peter Weibel, der sich bei dem Event auf einen kunsttheoretischen Vortrag beschränkte, beschreibt die Geschehnisse auszugsweise in seinem Buch „Wien“: „Günter Brus brachte sich zum Erbrechen … dann Brus auf dem Pult liegend und onanierend … Nackt hielten sie sich die Bierflaschen vor ihre Schwänze, rieben auf und ab … mit keuchendem und stöhnendem Geschrei ließen sie die Bierflaschen spritzen … Muehl ließ seine ­Mitarbeiter um die Wette brunzen. Die erreichten Weiten wurden gemessen und an der Tafel notiert … Dann peitscht Muehl den Masochisten Laurids mit ­einem ­Lederriemen aus …“

Um Störungen rechtsradikaler Studenten zu vereiteln, hatte Oswald Wiener ein spezielles Sicherheitssystem ersonnen: Mittels eigens angefertigter Holzpflöcke wurden die Türen so verbarrikadiert, dass sie von außen nicht mehr zu öffnen waren. Der Bund sozialistischer Studenten SÖS distanzierte sich nach dem Eklat eilig von den Aktionen der Künstler. „Die haben uns reingelegt“, so der damalige Studentenaktivist Robert Schindel, „wir wussten nicht, was da abgehen wird.“ Allen voran heizte in Folge der „Express“ mit seinem jungen Reporter Michael Jeannée die Volksstimmung zu „einem Pogromklima“ auf, so Peter Weibel: „Ein Wogen des Austro-Faschismus, worin die Demokratie, Verfassung, Grundrechte jauchzend untergingen …“

Staatsschädlinge. Die Hauptakteure des „Fäkalfests der Sex-Kommunisten“ (Jean­née), Günter Brus, Oswald Wiener und Otto Muehl, wurden im August vor Gericht gestellt. Wiener wurde freigesprochen, der damals 42-jährige Otto Muehl wegen Verächtlichmachung der Bundeshymne zu vier Wochen unbedingter Haft verurteilt. Günter Brus, der die Hymne sang, während er defäzierte, und sich in Folge mit seinen Exkrementen beschmierte, ­fasste aufgrund dieser „Herabwürdigung staatlicher Symbole“ mit sechs Monaten unbedingt die härteste Haftstrafe aus. Er flüchtete nach Berlin ins Exil und entging somit dem Gefängnis. Die Gräben zwischen Künstlern und studentischen Aktivisten, ein österreichisches 68er-Spezifikum, waren auch weiterhin nicht zu schließen.

„Das war eine ganz spezielle Lösung in Wien“, erinnert sich der Maler und Bildhauer Walter Pichler. „Der politische Linksruck hat sich in intellektuellen Kreisen gar nicht abgespielt. Studenten und so – ich war grässlich mit denen. Die Kunstwelt, in der ich verkehrt hab, die hätte sich mit so was nie eingelassen. Studententum war für uns etwas Entsetzliches …“ Als die „Sex-Kommunisten“ in die Salonfähigkeit überführt wurden, war der Fraktionskampf zwischen Kunst und Politik ohnehin obsolet. Oswald Wiener besitzt heute ein Ehrendoktorat der Universität Klagenfurt und gilt als führender Kopf der einzig relevanten Strömung der Nachkriegsliteratur – der Wiener Gruppe. Der Wiener Aktionismus erfuhr als die einflussreichste Avantgarde-Bewegung der bildenden Kunst nach 1945 internationale Anerkennung. Otto Muehl blieb als einziger seinem im Jahr 1968 erworbenen Ruf treu, indem er das Kommunenexperiment „Friedrichshof“ 1970 ins Leben rief, das bald sektenähnliche Züge aufzuweisen begann. 1991 wurde Muehl wegen Unzucht mit Minderjährigen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Und der studentenbewegte Dichter und Schriftsteller Robert Schindel schaffte 1992 mit seinem Roman „Gebürtig“ seinen literarischen Durchbruch und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen überhäuft.

Die Diffamierung und Verharmlosung, die der 68er-Periode heute oft zuteil wird, erklärt er so: „Da regiert einerseits der Neid jener, die sie verschlafen und nicht mitgekriegt haben. Und dass die Kinder der 68er gegen den Geist der Zeit rebellieren, ist ja wohl nachzuvollziehen.“ Aber irgendwo zwischen völliger Verächtlichmachung und totaler Idealisierung müsse man sich doch irgendwann einpendeln: „Denn schließlich fand damals die erste Umwälzung der Welt nach dem Wiederaufbau statt.“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer

Nächste Woche im profil: Wie die 68er-Bewegung die Sozialdemokratie an die Macht schwemmte.