Unter Löwen

Simbabwe. Langzeitherrscher Robert Mugabe hat sein Land fester im Griff denn je. Dass er es damit in den Ruin führt, ist ihm gleichgültig.

Auch finstere Autokraten haben zuweilen lichte Momente. Als Robert Mugabe nach seinem berauschenden Wahlsieg vergangene Woche vor die Presse trat, strotzte der 81-jährige Dauerpräsident vor Kraft und guter Laune. „Habt keine Angst vor ihnen“, zeigte er scherzend auf zwei ausgestopfte Löwen, zwischen denen er sich auf der Terrasse seines opulenten Amtssitzes in Harare den Reporterfragen stellte: „Sie sind genauso harmlos wie ihr Besitzer.“
So viel Sinn für Humor hätte „Comrade Mugabe“ kaum jemand zugetraut. Gewöhnlich präsentiert er sich hitlerbärtig und schwingt zornig seine Fäuste, um Erzwidersacher Tony Blair zurechtzustutzen: Dieser sei das „größte Desaster, das Großbritannien jemals zustieߓ, befand er jüngst.
Doch plötzlich ist aus dem bedrängten Eiferer wieder ein souveräner Staatsmann geworden. Einer, der Tony Blair großzügig die Hand zur Versöhnung reicht und seinen Kontrahenten, Oppositionschef Morgan Tsvangirai, mit jovialer Süffisanz aufmuntert, die vernichtende Wahlniederlage seiner Bewegung für demokratischen Wandel (MDC) nicht als „das Ende der Welt“ zu sehen. Auf die Frage, wie lange er denn noch im Amt bleiben wolle, scherzte der seit 25 Jahren regierende Marathonpräsident: „Zumindest bis ich hundert bin.“

Mugabe hat erreicht, was kaum jemand für möglich hielt. In einem fünfjährigen Kampf, der das Land an den Rand des Abgrunds trieb, hat der Chef der Regierungspartei Zanu/PF die größte Bedrohung für seine Herrschaft kaltgestellt: die vom städtischen Bürgertum, der Unternehmerschaft, schwarzen Arbeitern, weißen Farmern sowie vom westlichen Ausland unterstützte Oppositionsbewegung MDC.
Kaum zwei Kilometer von Mugabes löwenflankiertem Auftritt entfernt stellt sich auch Oppositionschef Morgan Tsvangirai der Presse – in einem schmuddeligen Konferenzraum im schmucklosen Hauptquartier seiner Partei. Der 53-jährige ehemalige Eisenbahnarbeiter ist erschöpft und gereizt: „Stehe ich hier etwa vor Gericht?“, blafft er auf die Frage, was die Oppositionspartei nach ihrer überraschend deutlichen Niederlage bei den – zweifellos hochgradig manipulierten – Wahlen zu tun gedenke.

„Die Wahrheit ist, dass die MDC gar keinen Plan mehr hat“, sagt ein simbabwischer Journalist. Und tatsächlich: Wenige Tage später werden MDC-Jugendliche das Parteihauptquartier stürmen, um von ihrer Führung entschiedenere Aktionen zu verlangen. Auch Pius Ncube, katholischer Erzbischof von Bulawayo, klagt öffentlich, dem simbabwischen Volk fehle ein Moses, der es aus der Knechtschaft führen könne. Dass der glücklose Morgan Tsvangirai aufgibt, scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Machiavelli. „Man kann Robert Mugabe vieles nachsagen, nur nicht, dass er ein schlechter Stratege ist“, sagt Elizabeth Sidiropoulos, Direktorin des Südafrikanischen Instituts für Internationale Angelegenheiten. „Er ist seinen Gegnern immer einen Schritt voraus.“ Nur einmal, im Jahr 2000, wurde der afrikanische Machiavellist auf dem falschen Fuß erwischt, als eine Verfassungsänderung zur Zementierung seiner Macht vom Volk überraschend zurückgewiesen wurde. Fünf stürmische Jahre später hat er erreicht, was ihm damals verwehrt blieb: Mit der neu errungenen Zweidrittelmehrheit wird er alle damals geplanten Verfassungsreformen realisieren.

Es ist zwei Uhr Mittag, die Sonne brennt erbarmungslos. Jabulani Sibanda hat die schweren Gardinen seines Wohnzimmers zugezogen und eine James-Bond-DVD eingelegt. Mit ohrenbetäubendem Krach bahnt sich im Film der Showdown an, der 46-Jährige lächelt entzückt. Sibandas sanften Gesichtszügen ist nicht anzusehen, dass er jahrelang im Busch für die Befreiung kämpfte. Nur wenn er spricht, scheppert es. „Ich bin Soldat“, sagt der Vorsitzende der simbabwischen Kriegsveteranen-vereinigung, „und kenne keine Furcht.“
Sibanda war Mugabes Mann fürs Schmutzige. Nachdem der Regierungschef die weißen Farmer als finanzielles Rückgrat der Opposition ausgemacht hatte, erklärte er ihnen den Krieg: Sibandas Veteranen wurden zur Besetzung tausender Farmen ausgesandt. Dabei wurden gleich auch einige Gutsbesitzer und zahllose schwarze Farmarbeiter totgeschlagen. Inzwischen sind 90 Prozent der einst über 4000 weißen Landwirte entschädigungslos enteignet und von ihren Höfen verjagt worden – ihren Besitz haben sich vor allem Mitglieder der Regierung und der Parteihierarchie unter den Nagel gerissen.

Nicht weniger rigoros ging Mugabe mit den Köpfen der Oppositionsbewegung um – zu diesem Zweck wurde Politikprofessor Jonathan Moyo ins Kabinett geholt. Als Informationsminister verdiente sich Moyo bald den Spitznamen „Goebbels von Simbabwe“: Er ließ regierungskritische Zeitungen schließen, schottete das Land vor ausländischen Journalisten ab und zog in den staatlichen Medien gegen „britische Neokolonialisten“ und die „Onkel Toms der MDC“ zu Felde. Tatkräftig unterstützt wurde Moyos und Sibandas „zweiter Befreiungskrieg“ von den „Grünen Bombern“, der paramilitärisch organisierten Zanu-Parteijugend, die Folterzentren unterhielt und Jagd auf Oppositionelle machte. Millionen Simbabwer flohen vor dem Terror. Allein in Südafrika halten sich derzeit über zwei Millionen Flüchtlinge auf, London wird in Simbabwe scherzhaft „Harare Nord“ genannt.
Der martialische Feldzug beschädigte allerdings Mugabes Ruf im Ausland. Die US-Regierung geißelte Simbabwe als „Vorposten der Tyrannei“. Wollte der 81-Jährige nicht isoliert wie Mobutu enden, musste er das Steuer herumreißen. Und tatsächlich: Mit einem Coup, der nach den Worten Sibandas „Hitler alle Ehre gemacht hätte“, trennte sich Mugabe kurz vor den Wahlen von seinen „jungen Wilden“ Moyo und Sibanda. „Wir wurden wie leere Patronenhülsen fallen gelassen“, schimpft der Veteranenführer, der nun seinen Adrenalinspiegel mit James-Bond-Filmen hochhalten muss.

„Mugabe braucht gar keine Gewalt mehr, um Wahlen zu gewinnen“, sagt Lovemore Madhuku, Chef der Nationalen Verfassungsversammlung, der größten unabhängigen Organisation des Landes. „Alles war bestens eingefädelt, um den Urnengang zu einer großen Bestätigungsshow des Präsidenten zu inszenieren.“ Ein Großteil der Oppositionellen ist außer Landes getrieben, die zu Hause Gebliebenen sind eingeschüchtert, die Presse gleichgeschaltet, die Wahlkommission mit Militärs besetzt und Wahlbeobachter lediglich aus Afrika, Russland und China zugelassen. „Da konnte nichts mehr schief gehen“, ist Lovemore Madhuku überzeugt.
Es wird schon dunkel, doch Dakarai Manyara lässt seinen Hammer noch lange nicht fallen. Er wird noch bis Mitternacht im Kerzenschein in der drei Meter tiefen Grube schuften, die er in den vergangenen Tagen ausgehoben hat. Aus allen Richtungen sind vom Hämmern unterbrochene Stimmen zu vernehmen. Das mehrere Quadratkilometer große Gelände außerhalb der Provinzstadt Kwekwe gleicht einem Käse: Tausende Männer kratzen hier tagaus, tagein eine Goldader aus.
Dakarai Manyara war Landarbeiter, bevor sein weißer Chef von dessen Gut vertrieben wurde. „Es gibt hier hunderte wie mich“, sagt der 29-Jährige. „Uns blieb nichts anderes übrig, als unser Glück unter der Erde zu suchen.“
Goldschürfen war in Simbabwe bislang verboten. Doch seit sonst kein Geld mehr zu verdienen ist (die Arbeitslosenquote liegt bei 70 Prozent) und die Regierung jede Unze Gold zur Aufstockung ihrer geplünderten Devisenreserven braucht, hat sie den Raubbau legalisiert – solange die „Makorakosa“ ihr Gold dem Staat verkaufen. Wie das Edelmetall gewonnen wird, ist den Behörden egal. Manyara wäscht das Gold, wie alle Kumpel, mit bloßen Händen im Quecksilberbad aus den zertrümmerten Steinen.

Politisch mag die Rechnung Mugabes aufgegangen sein, doch am wirtschaftlichen Preis, den das Land für seinen Größenwahn zu zahlen hat, droht Simbabwe zu zerbrechen. Die agrarische Produktion der einstigen Kornkammer des Kontinents ist um über die Hälfte gesunken, das Bruttosozialprodukt um ein Drittel niedriger als vor fünf Jahren. Die Inflation bewegt sich zwischen 160 und 600 Prozent, Simbabwes einstige Vorzeigebürger – die Lehrer – können sich von ihren Gehältern nicht einmal mehr Lebensmittel leisten. Wie Oscar Pemhiwa aus dem Township Mabvuku bei Harare versuchen sich die meisten Lehrer deshalb nebenher als Kleinunternehmer: Pemhiwa verkauft nachmittags Holzfurniere. „An Unterrichtsvorbereitung ist schon lange nicht mehr zu denken“, sagt der Geschichtslehrer resigniert.
Zunächst kam Mugabe die akute Wirtschaftsnot sogar gelegen – nicht nur, weil sie lästige Kritiker außer Landes trieb. Im vergangenen Jahr befahl der Regierungschef der UN, ihre Nahrungsmittelhilfe einzustellen. „Wir brauchen diese Hilfe nicht“, wetterte der Präsident. „Wir haben hier genug zu essen.“ In Wahrheit wollte Mugabe, dass nur die Regierungspartei Mais verteilen und damit politisches Wohlverhalten erpressen konnte.
Inzwischen sind auch die Silos der Regierungsbehörde leer, die diesjährige Ernte wird höchstens ein Drittel des Bedarfs decken, und vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. „Mugabes meisterhafte Strategie gleicht dem Versuch, den Untergang der Titanic mit dem Verschieben der Deckstühle aufzuhalten“, meint Moeletsi Mbeki, Direktor des Südafrikanischen Instituts für Internationale Angelegenheiten. „Um einen Staat über längere Zeit hinweg gegen den Willen der städtischen Bevölkerung zu beherrschen, muss man schon Pol Pot heißen“, sagt Mbeki.

Pol Pots mörderische Klasse hat Simbabwes erster und bislang einziger Präsident noch nicht erreicht. Bis zu seinem 100. Geburtstag bleiben Robert Mugabe allerdings noch 19 Jahre Zeit.

Von Johannes Dieterich