Unter Mädels

Mentoring ersetzt keine Gleichstellungspolitik. Und: der ungeborene Konsument.

Weil Netzwerke so wichtig seien, hat die Österreichische Bundesjugendvertretung das Projekt „genderize!“ gestartet. „Erfahrene Frauen des öffentlichen und politischen Lebens“ sollen als Mentorinnen „ihr Wissen an junge Frauen weitergeben, sie unterstützen und beraten“. Ein Jahr lang, so ist es vorgesehen, „begleitet“ eine Mentorin einen Schützling, die Mentee, „auf ihrem Karriereweg“. „Das Mentoring-Programm“, lautet die Zielsetzung, „soll die Teilnehmerinnen ermutigen, ihre Ansprüche und Wünsche an eine politische Mitarbeit in der Gesellschaft zu formulieren und sich selbstbewusst in die Belange unserer Gesellschaft einzumischen.“

Klingt gut. Hat nur leider einen Haken: In der Gesellschaft, in welche die jungen Frauen sich einmischen sollen, findet derzeit keine Frauenpolitik statt. Sollen sich die Mentees selber eine erfinden? Sollen sie schaffen, was die Regierung offensichtlich nicht will und die Opposition nicht zustande bringt, nämlich strukturelle Änderungen, welche die Grundvoraussetzung für mehr Partizipation von Frauen an Führungsaufgaben wären?

Wird, fürchte ich, nicht möglich sein.

Oder geht es eh nur darum, unter Mädels zu beplaudern, wie frau mehr oder weniger listig mit dem Patriarchat zurande kommt?

Oder ist, noch schlimmer, das Ganze am Ende bloß eine Ablenkung von den Versäumnissen der Regierung? Mentoring statt Gleichstellungspolitik – nach dem Muster Charity statt Sozialpolitik?

Mentoring wird schon seit geraumer Zeit – von allen möglichen politischen Parteien und Gruppierungen – immer wieder als feministisches Patentrezept beworben, jetzt im Bereich des politischen Engagements, häufig auch als Mittel zum Zweck des beruflichen Fortkommens: Eine erfolgreiche Frau nimmt, das ist das Prinzip, eine andere für einen bestimmten Zeitraum quasi huckepack und zeigt ihr, wie Karrieremachen geht.

Ein problematisches Konzept. Es impliziert und signalisiert nämlich:

  • Frauenförderung ist vor allem Frauensache. Wenn es den Weibern nicht gelingt, einander die Karriereleiter hinaufzupushen, dann sind sie selber schuld. Dass männlich dominierte Systeme in bestimmten Positionen nicht mehr als ein paar gezählte Alibifrauen zulassen, wird dabei ausgespart.
  • Strukturänderungen sind nicht nötig. Wenn es zu wenige Frauen in Führungspositionen gibt, dann nicht, weil gesellschaftliche Bedingungen das bewirken, sondern weil die paar Weiber oben die anderen noch nicht nachgeholt haben.
  • Es gibt einfache Durchsetzungsstrategien. Männer wissen darum und sind erfolgreich, weil sie ihr Wissen immer schon mit anderen Männern geteilt haben. Frauen haben bisher bloß nicht gewusst, wie’s geht, beziehungsweise ihr Wissen nicht weitergegeben.
  • Geschlechtsspezifische Hürden existieren nicht oder sind mit weiblichem Geschick zu umgehen.

Wäre es doch bloß so einfach. Ist es aber nicht. Männer sind nicht deswegen in größerer Zahl an den Machthebeln, weil sie in brüderlicher Gutherzigkeit Erfolgsrezepte ausgetauscht haben, sondern weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihnen bessere Erfolgschancen geben.

Ohne Änderung der Rahmenbedingungen läuft daher nix, und das können Frauen nicht unter sich ausmachen, womöglich unter gleichzeitiger Akzeptanz patriarchaler Muster.

Mentoring könnte daher allenfalls ein ergänzendes Instrument der Frauenförderung sein, wenn es eine aktive Frauenförderung, sprich: Gleichstellungspolitik, gäbe. Als Ersatz für strukturelle Maßnahmen taugt es hingegen wenig.

Vernetzung ist durchaus wichtig, aber Frauennetzwerke gibt es bereits. Frauen tauschen Informationen, helfen, stützen und beraten einander seit geraumer Zeit. Dass sie damit weniger erreichen als die Old Boys Clubs, liegt nicht an der Qualität ihrer Zusammenarbeit, sondern daran, dass die Old Boys Schlüsselpositionen zu vergeben haben, die Frauennetzwerke jedoch nicht. Den Frauen einzureden, eifriges Netzwerken genüge als Zugang zu Schlüsselpositionen, geht daher leider an der Realität vorbei.

Netzwerken ist gut und nützlich, hebt aber behindernde Rahmenbedingungen nicht auf, schon gar nicht, wenn die Netzwerkerinnen auf individuelle „Erfolgsrezepte“ einer Mentorin verwiesen werden, statt sich erst einmal auf gemeinsame politische Ziele zu einigen.

Die Bundesjugendvertretung will es, höre ich, nicht beim Mentoring bewenden lassen. Das wird gut sein.

Themawechsel: Im Kampf gegen den Schwangerschaftsabbruch fand der deutsche CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer kürzlich gegenüber der deutschen Tageszeitung „Münchner Merkur“ zu folgender Argumentation: „Es ist skandalös, dass Geld für Kinderspielplätze fehlt, aber für die Abtreibung vorhanden ist. Jedes Kind, das geboren wird, ist ein Konsument – zuerst von Pampers und später von Autos. Und wir brauchen Konsumenten.“

Interessante Erkenntnis. Lasst uns diskutieren: Wann beginnt – nein, nicht die menschliche, sondern die Existenz des Konsumenten? Bei der Befruchtung, bei der Einnistung, im Morula-Stadium?

Und was brauchen wir noch alles? Billiglohnsklaven, Konsumentengebärmaschinen, williges Stimmvieh, menschliche Verschubmasse im Interesse des Shareholder Value?

So viel zum Respekt vor dem ungeborenen Leben, der es angeblich erfordert, Schwangerschaftsabbrüche strikt zu verbieten.

Und: Wenn so was keine Lust aufs Kinderkriegen macht, was dann?