Untergegangen

USA. Ein Jahr nach Hurrikan Katrina ruft Regisseur Spike Lee seinen Landsleuten eine Katastrophe in Erinnerung, die sie viel zu schnell vergessen haben.

Im Gesicht von Ray Nagin, dem Bürgermeister von New Orleans, mischen sich ehrliche Überraschung und ein defensives Lächeln. Es ist Frühjahr, sechs Monate sind vergangen, seit Hurrikan Katrina seine Stadt völlig verwüstet hat, und soeben hat ein älterer Herr in der Bürgerversammlung das Mikrofon ergriffen: „Wir haben zwar jetzt endlich Wohnwägen“, sagt er. „Aber 90 Prozent davon sind unbenutzbar: Sie haben keinen Strom!“ Der Bürgermeister hört das offensichtlich zum ersten Mal.

Die Szene ist nur ein winziger Ausschnitt aus der vierstündigen Dokumentation „Als die Dämme brachen – ein Requiem in vier Teilen“, die am Dienstag, 29. August, dem Jahrestag der Katastrophe, erstmals in voller Länge vom amerikanischen Kabelsender HBO ausgestrahlt wird. Gedreht wurde sie von Spike Lee, einem Protagonisten des afroamerikanischen US-Kinos. Lee reiste im vergangenen Jahr neunmal nach Louisiana und interviewte mehr als hundert Personen. Sein Film zeigt nicht nur die Verwüstung, die Toten und das Versagen sämtlicher Regierungsebenen von Präsident George W. Bush abwärts. Er dokumentiert auch, dass die größtenteils schwarzen Einwohner von New Orleans nach einer kurzen Welle von medialer Aufmerksamkeit, Anteilnahme und allerlei Ankündigungen wieder allein gelassen wurden.
Der New Yorker Spike Lee hat in seiner 20-jährigen Karriere als Regisseur („Do the Right Thing“, „Malcolm X“, zuletzt „Inside Man“) das Thema Rassismus aus immer neuen Blickwinkeln bearbeitet, konsequent wie kaum ein anderer und oft kontroversiell. In der Dokumentation überlässt er den Hurrikan-Opfern das Wort: Frauen, deren Kinder ertranken, Männern, deren Mütter an Entkräftung starben. Spike Lees Werk gerät zu einer beißenden Anklage des vergessenen Volkes an seine Politiker – nicht immer chronologisch, nicht immer analytisch, aber dafür umso wütender.

Bürgermeister Nagin kommt dabei noch am besten weg. Sein emotionaler Ausbruch in einem Live-Radio-Interview drei Tage nach dem Bruch der Dämme bedeutete einen Wendepunkt: Zunächst fluchend, dann weinend versuchte er, die Notlage zehntausender zurückgebliebener Einwohner von New Orleans zu vermitteln. Bald hielten sich auch Journalisten nicht mehr zurück, wie Soledad O’Brien auf CNN, die Michael Brown, den ahnungslosen Chef der Katastrophenschutzbehörde FEMA, offen attackierte. Die bestürzte amerikanische Öffentlichkeit schien zum ersten Mal ihre schwarze Unterklasse zu entdecken.

Vergessenes Amerika. „Katrina hat den Amerikanern gezeigt, was bei uns alles schief läuft“, sagt Jazztrompeter Wynton Marsalis in Lees Film – und er meint die systematische Vernachlässigung der ärmsten, oft schwarzen Bevölkerungsschichten, die sich nicht nur an der schleppenden Katastrophenhilfe zeigte: Die Dämme in ihren Wohngegenden waren schon seit Jahrzehnten mangelhaft. Zaghaft begannen US-Medien in der Folge, Armut und Rassismus zu thematisieren – Probleme, die es im amerikanischen Selbstverständnis nicht gibt, weil es sie nicht geben darf. Sogar Präsident Bush sprach plötzlich von der „Pflicht, der Armut mit mutigen Taten zu begegnen“.
Doch das Vergessen setzte schnell wieder ein. Seit damals hat Bush das Wort „Armut“ nur noch sechsmal öffentlich gebraucht, rechnet die „Washington Post“ vor. Spike Lee muss für seine Dokumentation auf Ausschnitte aus britischen Nach-richtensendungen zurückgreifen: Sie sprechen Begriffe wie „die schwarzen Armen“ oder „die Vergessenen Amerikas“ ohne Umschweife aus, sie halten Amerika den Spiegel vor, in den es freiwillig nicht blickt. Die US-Medien berichten lieber von den steigenden Kriminalitätsraten in Städten wie Houston, Texas, in die es besonders viele Hurrikan-Opfer verschlagen hat.

Die von Bush großzügig versprochene Wiederaufbauhilfe ist bisher weit gehend ausgeblieben. Zahllose Pläne zur Revitalisierung komplett zerstörter Stadtteile gingen in politischen Streitereien unter, die Einwohner von New Orleans sind weiterhin auf 49 Bundesstaaten verteilt. Nur etwas mehr als ein Drittel der Geflohenen ist zu-rückgekehrt und versucht inmitten der Trümmer einen Neuanfang, meist auf eigene Faust.

„Amerikaner haben eine sehr, sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne“, sagt Spike Lee. „Hoffentlich ruft diese Dokumentation dem amerikanischen Volk dieses Fiasko, diese Travestie wieder in Erinnerung. Und vielleicht kann die Öffentlichkeit ein paar Politiker dazu bringen, ihre Ärsche zu bewegen.“

Von Sebastian Heinzel, New York