Untersuchungsausschluss

Die SPÖ vermeidet den „Kriegsfall“ und will vorerst keine parlamentarische Untersuchung der Vorgänge im Innenministerium. Damit ist ja praktisch alles wieder in Ordnung.

Martin Bartenstein schien nicht gänzlich überzeugt. „Breiter!“, mahnte er. Und dann: „Höher!“ Und schließlich vollmundig: „Herzlicher!“
Dem letzten Hinweis schloss sich auch Ursula Plassnik vollinhaltlich an: „Herzlicher, genau. Weil, jetzt schaut es eigentlich weniger wie ein Lachen aus. Mehr wie Blähungen.“Willi Molterer schnaubte verächtlich. Martin Bartenstein und Ursula Plassnik rieten ihm also zu einem herzlicheren Auftreten. Das war in etwa so, als würde Richard Lugner ein leidenschaftliches Plädoyer für die humanistische Bildung halten.

„Ich werd es ja jetzt eh nicht brauchen“, sagte Molterer schnippisch. Dann nahm er sein schönstes Wahlkampflächeln wieder ab und legte es zurück in das mit schwerem bordeauxfarbenem Brokat ausgekleidete Kistchen, das seit Generationen von ÖVP-Vorsitzendem zu ÖVP-Vorsitzendem weitergegeben worden war – nur unter Wolfgang Schüssels Ägide war es unter einem Stapel von „Wer, wenn nicht er“-Foldern eine Zeit lang in Vergessenheit geraten – und auf dem in verschnörkelten Goldbuchstaben stand: „Vorsicht! Zerbrechlich!“ „Du wirst es nicht mehr brauchen? Was macht dich da so sicher?“ Seit Hannes Missethon erklärt hatte, dass Liese Prokop „klug und richtig“ gehandelt habe, als sie damals die Kampusch-Panne unter den Teppich gekehrt hatte – nur einen Tag nachdem Günther Platter im Fernsehen festgestellt hatte, dass da sicher niemand auch nur irgendwas unter den Teppich gekehrt habe –, wirkte er irgendwie ständig unausgeschlafen. Wahrscheinlich schaute er zu viel fern.

„Die Kieberer vom BIA“, erwiderte Molterer, ohne von seinem Laptop aufzusehen, von dem er gerade eine Penis-Verlängerungs-Spam-Mail mit einem klug eingebauten Trojaner an Alfred Gusenbauers private E-Mail-Adresse absetzte. „Die haben das recherchiert. In bewährter Manier.“
Andrea Kdolsky wieherte charmant. „In bewährter Ma­nier? Ah ja. Dann waren sie wahrscheinlich bei der Fußpflegerin von der Frau, die der Nachbarin von der Putzfrau vom Kalina regelmäßig die Tarotkarten legt. Und die hat gesagt, dass die Roten sicher keinen Untersuchungsausschuss machen werden.“ Jetzt sah Willi Molterer doch von seinem Laptop auf. Und dann sagte
er: „Woher weißt du das?“ Zur selben Zeit saß Josef Kalina übellaunig im War-Room der SPÖ und spielte Schifferlversenken gegen sich selbst. „Wir sollten …“, nuschelte er gedankenverloren. „Wir müssten …, nein, kein Konjunktiv: Wir müssen unbedingt!“ Alfred Gusenbauer legte leicht genervt sein persönliches Exemplar der ansonsten vergriffenen Erstausgabe des Bestsellers „Alfred Gusenbauer. Ein Porträt“ zur Seite. „Und dann?“, fragte er scharf.

Kalina zog den Kopf ein. Er kannte das schon. Wann auch immer der Chef scharf „Und dann?“ frug, wollte er in der Regel eine Antwort haben. Nun verhielt es sich aber dummerweise so, dass dies die Führungsebene der SPÖ war – also naturgemäß kaum jemals einer eine Antwort parat hatte. Die Stille, die nach den „Und danns“ des großen Vorsitzenden regelmäßig durch den Parteivorstand waberte, hieß intern „Bures-Vakuum“. Das war zwar irgendwie gemein, aber Werner Faymann hatte gefunden, es sei schließlich die einzige Chance, dass einmal etwas nach ihr benannt würde. Nur Norbert Darabos war es seit dem Regierungseintritt einmal gelungen, diesbezüglich zu punkten, aber da hatte der Chef auch nur gefragt, was man nach dem gemeinsamen Besuch des Länderspiels gegen Deutschland noch unternehmen könne. „Zum Wirten“, hatte Darabos wie aus der Pis­tole geantwortet, und der Tag war gerettet gewesen. Kalina seufzte sozial gestaffelt. „Aber wir könnten’s doch genauso machen wie beim Eurofighter-Ausschuss. Zuerst stimmen wir für seine Einsetzung und ham unser Gesicht gewahrt. Und wenn dann die Gefahr zu groß wird, dass ma auf was draufkommen, hör ma geschwind wieder auf – und die Koalition is gerettet.“

Gusenbauer trommelte mit den Fingerspitzen unduldsam auf sein Gesicht auf dem Buchumschlag. „Das könnte theoretisch funktionieren“, sagte er mit schneidender Stimme. „Aber wenn sie die Nerven weghauen und Neuwahlen wollen?“ Kalina wurde blass. „E 4“, murmelte er tonlos. „Flugzeugträger versenkt.“ „Ich hoffe, die behalten die Nerven“, sinnierte Martin Bartenstein in genau dieser Sekunde. „Ich kann Wahlkämpfe nicht leiden. Dauernd Autogramme geben und so …“ Willi Molterer hatte schon länger den Verdacht gehegt, dass Bartenstein nur bei sich zu Hause wahlkämpfte – und selbst dort Scheckbuchpolitik betrieb. Aber in der Sache hatte er natürlich Recht. Alles, nur das nicht. Alfred Gusenbauer klappte sein Buch wieder auf. Er musste jetzt endlich einmal Ruhe finden, in dieser kniffligen Situation. Und dann das Richtige tun. Das taktisch Brillante. Das, was man von einem Bundeskanzler wie ihm erwarten konnte und durfte. Also: nichts. Am Abend sagte er dann das geplante Essen mit Willi Molterer ab. Ein bisschen Strafe musste ja schon sein.