US-Demokraten: Der Zorn der Basis

Die Parteimitglieder wollen Anti-Bush-Politik und den Vermont-Gouverneur Dean. Das Partei-Establishment hat Angst vor einem zu linken Wahlkampf.

Das Washingtoner Repräsentantenhaus verlor sie 1994, die Präsidentschaft im Jahr 2000, den Senat bei den Wahlen 2002: Die Demokratische Partei, noch 1993 an allen drei Schalthebeln amerikanischer Macht, ist nur noch ein Schatten einstiger Stärke, zermürbt von der Militanz der amerikanischen Rechten und unsicher über ihre ideologische Ausrichtung. Ihre Gegner sind formidabel: ein noch immer populärer republikanischer Präsident, der für den Präsidentschaftswahlkampf 2004 Spendengelder in Rekordhöhe bunkert, dazu eine konservative Medienmaschine von Radio- und TV-Moderatoren, die frohgemut auf alles eindrischt, was sich links der politischen Mitte bewegt.

So zögerlich agieren die Kongressmitglieder der Partei, dass erhebliche Teile der demokratischen Parteibasis inzwischen rebellieren. Weil sie glauben, George W. Bush habe sich das Amt mithilfe übler Tricks und konservativer Richter erschlichen und sei zudem der gefährlichste Präsident seit Menschengedenken, blasen demokratische Parteiaktivisten zum Aufstand gegen die Washingtoner Jammerlappen. Mit wachsendem Grimm verfolgten sie, wie demokratische Amtsträger einknickten und dem Präsidenten eine Blankovollmacht für den Krieg gegen Saddam erteilten. Nun verlangen viele demokratische Getreue eine härtere Gangart.

"In 25 Jahren als Meinungsbefrager" habe er keinen größeren Zorn registriert als den des demokratischen Parteivolks auf Bush, staunt der demokratische Demoskop Geoffrey Garin. Was Wunder also, dass die angeschlagene Partei nach einem Präsidentschaftskandidaten sucht, der Bush 2004 das Fürchten beibrächte. Und ausgerechnet ein Nobody im Feld der bislang neun demokratischen Kandidaten verspricht genau das: der Arzt Howard Dean, 54, bis 2001 Gouverneur des ländlichen Kleinstaats Vermont.

Dean habe "den Ärger und die Frustration der Demokraten angezapft", erklärt der demokratische Stratege Joe Lockhart den überraschenden Aufstieg des noch zu Jahresbeginn nahezu unbekannten Außenseiters. Direkt und zuweilen rabiat attackiert er den Amtsinhaber im Weißen Haus, wirft ihm den flauen Arbeitsmarkt ebenso vor wie das hohe Budgetdefizit und eine Steuerpolitik zugunsten der Wohlhabenden.

Kriegsgegner. Vor allem aber griff der Doktor mit der kurzen Lunte und der oftmals bärbeißigen Miene den Präsidenten frühzeitig wegen dessen Irak-Politik an. Derweil andere demokratische Präsidentschaftskandidaten wie die Senatoren John Kerry und Joe Lieberman den Feldzug gegen Saddam guthießen, lehnte Dean das irakische Abenteuer strikt ab - und versetzte vor allem linke Demokraten damit in Verzückung. Nun liegt der Kriegsgegner bei Umfragen in den wichtigen, weil ersten innerparteilichen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire sensationell an der Spitze des Kandidatenfelds.

"Wenn Sie mich vor sechs Monaten gefragt hätten, ob ich in meiner heutigen Position sein würde, hätte ich geantwortet: Machen Sie sich nicht lächerlich", beschreibt Dean seine eigene Überraschung. Doch so sehr die Dean-Fans frohlocken, hier recke endlich einer die Faust Richtung Weißes Haus: Dem demokratischen Establishment graut vor einer Präsidentschaftskandidatur des Doktors. Denn Dean, so ihre Angst, zerre die Partei so weit nach links, dass die Wahl im November 2004 mit einem Debakel enden werde.

Abseits. Mit Schaudern erinnern sich demokratische Altvordere an das Desaster der Präsidentschaftswahlen 1972, als der Vietnamkriegsgegner George McGovernvon Richard Nixon demoliert wurde. Der Marsch nach links, warnte Senator Lieberman vergangene Woche, "könnte uns Demokraten für eine lange Zeit zurück in die politische Wildnis bringen".

Aus diesem Abseits hatte vor allem Bill Clinton mit seiner zentristischen, auf kleine Schritte bedachten Politik die Partei herausgeführt. Und obwohl Howard Dean darauf verweisen kann, als Gouverneur einen gemäßigten Kurs verfolgt zu haben, graut den Parteiführern in Washington vor allem im konservativen amerikanischen Süden vor einer deftigen Niederlage.

"Ja, das ist der, den wir wollen", entfuhr es Bushs engstem Berater Karl Rove, als bei einer Parade in Washington eine Schar von Dean-Anhängern an ihm vorbeimarschierte. Diverse demokratische Strategen glauben jedoch, der Zorn der Parteibasis auf den Präsidenten sei so gewaltig, dass bei den Vorwahlen im Endeffekt der Kandidat siegen wird, der die besten Chancen hat, Bush zu schlagen. "George W. Bush wird die größte einigende Kraft für unsere Partei sein", hofft jedenfalls der demokratische Parteivorsitzende Terry McAuliffe.