„Die Hölle, Mann“

US-Marines (nicht von der beschuldigten Einheit) in der Provinz Helmand

US-Marines (nicht von der beschuldigten Einheit) in der Provinz Helmand

Ein Video, das Soldaten der US-Marines bei der Schändung getöteter Afghanen zeigt, sorgt für Empörung. profil-Reporter Martin Staudinger war im vergangenen September mit den Marines in der Provinz Helmand unterwegs, wo sich der Vorfall ereignet hat – und bekam Einblick in die Lebenswelt der Soldaten.

Die Provinz Helmand in Afghanistan ist mit Sicherheit eine der beschissensten Gegenden der Welt: Dort, wo es kein Wasser gibt, besteht sie aus einer von Sandstürmen geschmirgelten Wüste – und wo es Wasser gibt, also am einzigen nennenswerten Fluss, gibt es Aufständische, Opiumbauern und Moskitos. Die US-Marines, die hier stationiert sind, brauchen für eine Beschreibung nur zwei Worte: „Hell, man“ – „die Hölle, Mann“.

Helmand ist auch jene Provinz, in der der Afghanistan-Krieg am brutalsten geführt wird. Mehr als 800 NATO- Soldaten wurden dort in den vergangenen Jahren getötet, doppelt so viele wie in der ebenfalls schwerst umkämpften Nachbarprovinz Kandahar und fast ein Viertel aller westlichen Opfer des Konflikts. Offizielle Zahlen für die Toten unter den Aufständischen und der Zivilbevölkerung gibt es nicht. Es besteht aber kein Zweifel, dass hunderte ums Leben gekommen sind.

Vor zwei Jahren marschierten die Marines in Helmand ein, um dem Staat Afghanistan das Machtmonopol zu verschaffen, das er hier nie wirklich beanspruchen konnte. Sie trafen dort auf eine Gesellschaft, die sich in der Geschichte noch keiner Macht von außen gebeugt hat. Seither hat sich die Lage der Provinz spürbar verbessert (profil 40/2011): In einigen Distrikten wird zwar weiterhin gekämpft, in anderen haben es die Marines gemeinsam mit anderen Einheiten der westlichen Militärkoalition aber geschafft, zumindest temporär stabile Verhältnisse herbeizuführen. Darauf sind sie ziemlich stolz.

Und jetzt dieses Video, aufgenommen in Helmand, über YouTube an die Öffentlichkeit gelangt: Marines, die feixend auf die blutigen Körper getöteter Gegner urinieren – ein widerlicher Akt von Leichenschändung, dessen Bekanntwerden all die mühsam errungenen Fortschritte gefährdet.

Es wäre zu einfach, sich die Marines als einen Haufen schießwütiger Cowboys vorzustellen. Wer in Helmand mit ihnen unterwegs ist, lernt Soldaten kennen, die am iPad die „New York Times“ lesen, während sie auf einen Einsatzbefehl warten – und Rednecks aus dem Mittleren Westen, die nur so ungefähr wissen, wo sie sich gerade befinden. Evangelikale Christen, die an Gott und die Durchsetzbarkeit des Guten glauben – und Desperados, die zum Militär gegangen sind, weil sie sich nur so einer Haftstrafe entziehen konnten. Universitäts-Absolventen von der Ostküste, die eine vielversprechende Karriere im Finanzgeschäft aus Abenteuerlust aufgegeben haben – und Immigranten aus Mittelamerika, die ihre vierjährige Verpflichtung als einzige Möglichkeit sehen, danach ein Hochschulstudium antreten zu können.

Unter ihnen befinden sich auch, wiewohl wenn sie das natürlich nicht nach außen zu erkennen geben, höchstwahrscheinlich auch durch Sozialisierung in einer Gewaltkultur verrohte Machos, Gewaltjunkies mit perversen Neigungen und Psychopaten, die tatsächlich darauf erpicht sind, Menschen abzuknallen wie wilde Tiere. Vielleicht aber auch Produkte dessen, was der Krieg mit Menschen macht: selbst ernannte Rächer, die Vergeltung für gefallene Kameraden üben wollen zum Beispiel.

Die US-Marines verstehen sich als hochmobile Kampftruppe, die genau dort hin geschickt wird, wo es besonders gefährlich ist. Die einfachen Infanteristen, die „Grunts“ (Grunzer), ziehen einen grimmigen Stolz daraus, unter möglichst spartanischen Bedingungen dahinzuvegetieren. Auch das gehört zu einem komplizierten Ehrenkodex, der Zivilisten nur ansatzweise zugänglich ist.

Als bewaffnete Sozialarbeiter wollen sie keinesfalls gesehen werden. Allerdings kümmern sie sich in jenen Teilen von Helmand, die derzeit als ruhig gelten, durchaus um Hilfsprojekte. Dort sind ihre Offiziere auch bestrebt, genau diesen Ansatz herauszustreichen: „Wenn Sie einen der Burschen etwas in der Art sagen hören, dass er hier ist, um irgendjemanden zu killen, dann reduzieren Sie uns bitte nicht darauf“, ersuchte der Kommandant jener Einheit, mit der profil im vergangenen September zwei Wochen in Helmand „embedded“ verbrachte: „Uns geht es darum, einen Auftrag zu erfüllen, der darin besteht, Stabilität in unserem Einsatzgebiet herzustellen und den Aufbau der staatlichen Strukturen zu unterstützen.“

Tatsächlich fluchten die Grunts natürlich, und zwar den ganzen Tag. Sie beschwerten sich, dass rund um ihren Vorposten zu wenig geschossen werde und der ganze Distrikt „verdammt beschissen langweilig“ sei. Und sie beendeten nur relativ wenige Sätze ohne die Verwendung des Wortes „fuck“. In keinem Fall aber wäre dabei jene Mordlust und Menschenverachtung angeklungen, die aus dem auf YouTube veröffentlichten Video spricht.

Das mag daran liegen, dass sich die Marines in Gegenwart des profil-Reporters zurückhielten; vielleicht auch daran, dass das Platoon zu diesem Zeitpunkt noch keine Verluste hinnehmen musste, die möglicherweise das Bedürfnis nach einem Rachefeldzug geweckt hätten.

Das Basislager der Marines in Helmand heißt Camp Leatherneck und liegt mitten in der Wüste. In der ganzen Provinz verteilt befinden sich ein Netz immer kleiner werdender Vorposten (Forward Operating Bases). Auf den kleinsten davon schieben Gruppen von nicht mehr als einem dutzend Soldaten wochenlang Dienst ohne jegliche Annehmlichkeiten. Gegessen werden „combat rations“, in Plastik eingeschweißte Hochkalorien-Nahrung ohne nennenswerten Eigengeschmack. Duschen geht nur aus der Wasserflasche, als Toiletten dienen so genannte „wag bags“ – Plastiksäcke, die nach verrichtetet Notdurft verbrannt werden. Gelebt, wenn man das so nennen will, wird in Zelten, geschlafen auf bretterharten Pritschen oder am Boden.

Tag für Tag absolvieren die Marines stundenlange Fußpatrouillen. Die Märsche können den Zeck haben, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen, sich ein Bild der aktuellen Lage zu verschaffen, Aufklärung zu betreiben oder schlicht Präsenz zu zeigen. Wenn es gut geht, passiert dabei gar nichts. Wenn es schief geht, kommen einer oder mehrere der Soldaten nicht mehr zurück. In manchen Gebieten werden die Einheiten regelmäßig beschossen; anderswo haben sich die Aufständischen darauf spezialisiert, Sprengfallen zu verstecken. Oft besteht die Grenze zwischen sicherem und gefährlichem Terrain nur aus einem Feldrain oder einer Hecke, manchmal gibt es sie auch gar nicht.

Wenn sie nicht „out of the wire“ (also: außerhalb des Zauns) sind, bleiben nicht viele Möglichkeiten, die Zeit tot zu schlagen. Die Soldaten betreiben Bodybuilding, notfalls mit improvisierten Trainingsgewichten wie Steinen und Eisenstangen; sie surfen im Internet, das auf fast jedem Stützpunkt zugänglich ist; sie spielen am Computer, gerne mit Ego-Shootern wie Call of Duty; oder sie schlafen einfach.

Krieg in Afghanistan, das heißt: Hitze, Staub und das ständige Bewusstsein von Gefahr, das irgendwann in ein trügerisches Gefühl der Sicherheit kippen kann, wenn lange genug nichts passiert; quälende Langeweile, die möglicherweise von einem Moment auf den anderen durch wenige Augenblicke von unvorstellbarem Stress zerrissen werden, in der jede falsche Entscheidung fatale Folgen haben kann oder es gar nicht mehr möglich ist, eine Entscheidung zu treffen.

Sechs Monate verbringen US-Marines im Regelfall auf diese Art und Weise. Dann geht es für ein paar Monate zurück in die Vereinigten Staaten, und danach in einen neuen Einsatz irgendwo auf der Welt.

Aber auch wenn ihre Dienstzeit schließlich endet: Ein Teil von jedem bleibt in einer ganz anderen Welt, die sich Außenstehenden nicht vermitteln lässt – und in der er sich möglicherweise selbst vergessen hat.