US-Studentin Amanda Knox: Jung, schön - und eines Sexualmordes verdächtigt

Die US-Studentin Amanda Knox wurde in Italien zur „TV-Persönlichkeit des Jahres“ gewählt. Jung, schön – und eines Sexualmordes verdächtigt. Jetzt droht ihr lebenslange Haft.

Italiens Maler der Renaissance hätten sich einst wohl darum gerissen, dass Amanda Knox für sie Modell steht: zarte 22 Jahre jung, rotblondes Haar, blitzblaue Augen, volle Lippen und ein Lächeln, das ein Geheimnis birgt.
Und was für eines: Die Studentin aus Seattle steht im Verdacht, in Italien einen Menschen umgebracht zu haben.

Seit über einem Jahr sitzt Knox in Untersuchungshaft in der Stadt Perugia. Gemeinsam mit dem italienischen Medizinstudenten Raffaele Sollecito und dem Ivorianer Rudy Guede soll sie ihre Mitbewohnerin, die 22-jährige Britin Meredith Kercher, bei einer Sex-Orgie brutal niedergestochen haben. Am 16. Jänner wird das Gericht das Urteil über Knox und Sollecito verkünden. Ihnen droht lebenslange Haft. Guede, der dritte Verdächtige, wurde vor wenigen Wochen in Deutschland gefasst und in einem Schnellverfahren zu 30 Jahren Haft verurteilt. Für alle Beteiligten gilt bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.

Heiratsanträge. Seit einem Jahr bewegt der Fall die italienische Öffentlichkeit mehr als jeder Mafiaprozess. Im Mittelpunkt steht immer sie: Amanda Knox. Vor wenigen Wochen wurde sie zur „TV-Persönlichkeit des Jahres“ gewählt. Tausende Liebesbriefe, auch Heiratsanträge, hat sie in ihre Zelle geschickt bekommen. Ein bildhübsches Mädchen mit abartigen sexuellen Fantasien und einem Killerinstinkt; „Basic Ins­tinct“ in Italiens Studentenmilieu – das weckt Männerfanta­sien und ist obendrein ein gefundenes Fressen für Silvio Berlusconis seichte, Glamour liebende TV-Sender. Den „eiskalten Engel von Perugia“ nennt Italiens Klatschpresse die junge Frau heute.

Wie tausende andere Ausländer, die Italienisch lernen und la Dolce Vita genießen wollen, verschlug es Knox im September 2007 von Seattle in die mittelalterliche Stadt Perugia. Die dortige Università per Stranieri ist eine der renommiertesten des Landes. Gemeinsam mit der Britin Meredith Kercher bezog sie ein hübsches Apartment unweit des Zentrums. Amanda schlug sich in den Clubs die Nächte um die Ohren und wechselte häufig ihre Begleiter. Eine ihrer Affären war der Medizinstudent Raffaele Solle­cito. „Foxy Knoxy“ („durchtriebenes Luder“) nannte man Knox auf der Uni, den Spitznamen gab sich Knox auch auf ihrer Internetseite. Dort hatte sie ihre Kurzgeschichten veröffentlicht. In einer davon geht es um Vergewaltigungen.

Im Kontext einer promisken Studentin, die in ihrem Auslandsjahr auf den Putz hauen will, musste all das nichts Schlimmes bedeuten. Doch dann kam die Nacht zum 2. November 2007. In der Früh meldeten Nachbarn der Polizei, dass eine Fensterscheibe in der Studentenwohnung eingeschlagen worden sei. Die Carabinieri kamen und fanden Kercher halbnackt mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Boden liegend. Das kaputte Fenster deutete zunächst auf einen Raubmord hin.

Aber Knox verhedderte sich bei Polizeibefragungen in Widersprüche. Erst sagte sie, sie habe die Nacht bei ihrem Freund Raffaele verbracht. Dann, sie sei doch zu Hause gewesen. Patrick Lumumba, ein kongolesischer Lokalbesitzer, wäre bei Meredith zu Besuch gewesen. Einen Schrei habe sie gehört und sich dann einfach die Ohren zugehalten. Lumumba wurde verhaftet, doch nach wenigen Tagen wieder frei gelassen. Knox widerrief ihre ­Aussage. Sie sei unter Druck ­gestanden und habe sich geirrt. Schließlich: Sie könne sich an nichts mehr erinnern.

Da waren sie und ihr Freund Sollecito bereits die Haupt­verdächtigen. In Raffaeles Wohnung fanden die Ermittler ein Messer mit DNA-Spuren von Amanda und Blutspuren von ­Meredith. Die Wohnung von Knox und Kercher war zwar gründlich ­gereinigt worden. Dennoch war sie mit Spuren des Liebespaares und Rudy Guede übersät, einem Drogendealer von der Elfenbeinküste, der in ­Perugia eine neue Heimat ­gefunden hatte alles in allem recht eindeutige Beweise gegen die drei ­Verdächtigen. Doch was ist in jener Nacht wirklich passiert? Morbide Gruppensexspielchen, in denen auch Drogen im Spiel waren, die irgendwann ­außer Kontrolle gerieten, weil Meredith Kercher nicht mitmachen wollte?

Amanda lese heute am liebsten die Bibel und sei ein geläutertes Mädchen, das vielleicht mal Dummheiten gemacht hat, aber ganz sicher niemanden ermordet hat, sagen Knox’ Verteidiger. „Ich weiß, dass die Wahrheit ans Licht kommt“, schreibt die Amerikanerin in ihrem ­Tagebuch. „Ich bin unschuldig.“ Zuletzt wurde in Italien eine Dokumentation über die imaginären Ausbruchsversuche von Häftlingen abgedreht. Der Star des Films: Amanda Knox, die darin auch Shakespeare und Rimbaud zitiert. Vielleicht kann ein Zitat von Letzterem das Rätsel ihrer Persönlichkeit beschreiben: „Ich ist ein anderer.“

Von Gunther Müller