US-Wahl 2004: Ein wunder Held

USA: Verzweiflung im demokratischen Lager: John F. Kerry hat sich von der Propagandamaschine der Republikaner überrollen lassen. Um Präsident Bush am 2. November zu besiegen, braucht er Themen – und mehr Skrupellosigkeit.

Es ist eine Geschichte, die man den Kindern später einmal am Kaminfeuer erzählt, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht: Freundschaft und Mut. Damals, 1969, war John F. Kerry im vietnamesischen Mekong-Delta stationiert. Seine Schnellboot-Einheit war ein Himmelfahrtskommando, der Feind allgegenwärtig, zu manchen Zeiten kamen neun von zehn Soldaten nicht heil von ihren Einsätzen zurück. John fürchtete sich, aber er war nicht feige. Als ein Boot unter Beschuss geriet und ein Kamerad, Jim Rassmann, über Bord ging, sprang er ihm im Kugelhagel nach und rettete ihm das Leben.

Es ist eine jener Geschichten, wie sie sich ein Spin-Doktor nur wünschen kann. Das Bild von der Umarmung der ehemaligen Kameraden; die Slogans von uneigennütziger Mannhaftigkeit im Angesicht der Gefahr: Was hätte George W. Bush, das verwöhnte Söhnchen, das sich seinerzeit dank Protektion vor dem Kriegsdienst drückte, dem wohl entgegenzusetzen? „Stärke“ und „Mut“ lauteten lange Zeit die Lieblingsworte in Kerrys Kampagne, seine Lebensgeschichte war sein bestes Argument, der militärische Gruß sein Erkennungszeichen. Auf der Harley-Davidson fuhr er in einer Talkshow vor – bereit, den Macho-Wettbewerb gegen den Amtsinhaber aufzunehmen.

Der Plan war gut. Und doch ist er nicht aufgegangen.

Sechs Wochen vor der Wahl liegt John Kerry, der dekorierte Held, hinter George Bush, dem Drückeberger. Nur eine Minderheit der Amerikaner traut Kerry zu, Oberbefehlshaber der Armee zu sein; auch in der Wirtschaftskompetenz hat Bush ihn jüngst überflügelt. Sogar bei den weiblichen Wählern, bei denen Kerry lange haushoch geführt hatte, bröselt die Sympathie. Ein wenig hat er vergangene Woche wieder aufgeholt. Doch nach wie vor scheint ein Bush-Sieg vorgezeichnet.

„Alles läuft außerordentlich gut“, sagte der Herausforderer im Nachrichtenmagazin „Time“. „Ich bin sehr zuversichtlich. Ich fühle mich großartig.“ Es klingt wie Pfeifen im Wald.

Ihr Kandidat, versichert Kerrys Wahlkampfzentrale, sei jemand, der angesichts einer drohenden Niederlage erst zur Höchstform auflaufe. Dennoch geht es dort derzeit drunter und drüber. Hektisch werden die Beraterteams umgebaut, Strategen aus dem ehemaligen Clinton-Lager angeheuert, um eines noch rechtzeitig zu schaffen: den Themenwechsel. Kerry müsse endlich weg vom Krieg, von der Vergangenheit, hin zu jenen Dingen, die im Alltag der Amerikaner wirklich zählen: der steigenden Arbeitslosigkeit, den Steuergeschenken für Millionäre, der wachsenden Kluft zwischen Reich und Arm – so hatte Bill Clinton 1992 gegen George Bush senior gewonnen, der inmitten seines Irak-Feldzugs die Sorgen seiner Landsleute aus den Augen verloren hatte.

Wie Dschingis Khan. Kerry hätte zu diesen Themen tatsächlich einiges zu sagen. Sein Plan für das marode Gesundheitswesen: Mit Steuerfreibeträgen sollen Kleinbetriebe die Krankenversicherung für ihre Mitarbeiter finanzieren, bei teuren Behandlungen soll der Staat drei Viertel der Kosten übernehmen. Kerry will Firmen subventionieren, die Jobs in den USA schaffen. Und er will über die Maschinengewehre reden, die im Land der Waffenfreiheit künftig jeder legal erwerben kann, weil Bush sich weigert, das ausgelaufene Verbotsgesetz zu verlängern.

Das wäre vernünftig, das wäre populär. Doch Kerry kommt damit nicht durch. In den vergangenen Wochen haben sich Gegenwart und Vergangenheit unentwirrbar ineinander verheddert – der Vietnam- und der Irak-Krieg, der Krieg gegen den Terror und der Zweite Weltkrieg. Bushs Strategen betreiben diese Vermischung mit System – denn nichts kommt ihnen gelegener als die Perpetuierung des Ausnahmezustands. Und der Herausforderer muss ohnmächtig zuschauen, wie ihm seine eigene Biografie zusehends entgleitet.

„Sie versuchen alles, um die Aufmerksamkeit von den wirklich wichtigen Fragen abzulenken“, klagt Kerry. „Er hat mit Vietnam angefangen“, kontert kühl Karl Rove, das allmächtige Mastermind der Republikaner. „Jetzt muss er da auch durch.“

Also folgt, immer und immer wieder, der zweite Teil der Geschichte aus dem Mekong-Delta. Er spielt 1971 und erforderte wahrscheinlich noch mehr Mut, aber sicher noch mehr Intelligenz als der erste Teil. Nach drei Verwundungen und fünf Auszeichnungen kehrte John Kerry nach Hause zurück, ernüchtert, bis ins Mark enttäuscht von der grausamen Realität eines Krieges, an dessen Rechtmäßigkeit er anfangs fest geglaubt hatte. Er gründete die „Veteranen gegen den Krieg“ und zog vor den Senat: Er sagte aus über die Kriegsverbrechen an der Front („In manchen Dörfern wüteten sie wie Dschingis Khan“) und die unbezwingbare Feindseligkeit des Gegners, der sich standhaft weigerte, sich von den Amerikanern befreien zu lassen. „Wie kann man von einem Mann verlangen, für die falsche Sache zu sterben?“, rief der charismatische junge Aktivist und warf in einem feierlichen Akt der Verzweiflung seine Orden auf die Stufen des Kapitols.

Alphatier Bush. Es war eine große Geste. Sie stand am Anfang jener Friedensbewegung, die in den kommenden Jahren einen Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit erfassen sollte. 13.000 weitere Soldaten mussten fallen, ehe die USA gedemütigt aus Vietnam abzogen. Kerry war auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden und hatte für den Mut zur Wahrheit gekämpft. Auch das wäre guter Stoff für eine Kampagne – in Zeiten der Lügen und eines ungerechten, unpopulären Krieges mit bislang 1000 toten US-Soldaten.

Doch wieder hatte Kerry nicht mit Karl Rove gerechnet.

Dieser erzählt, mit Erschütterung in der Stimme, bei jedem Interview, zu dem er geladen wird, von seinem Onkel, ebenfalls Vietnam-Veteran: wie sehr es diesen damals verletzt habe, für die Erfüllung seiner patriotischen Pflicht im Nachhinein schlecht gemacht zu werden; wie schäbig es gewesen sei, den Kameraden an der Front in den Rücken zu fallen, ihnen kollektiv Kriegsverbrechen anzudichten. Wer damit gemeint ist, muss nicht weiter ausgeführt werden: der Verräter Kerry. Wie kann einer, der Orden wegwirft, sich selbst als Patrioten bezeichnen?

In einer gewagten Volte setzte Vizepräsident Dick Cheney noch einen drauf: Nicht nur die Soldaten an der Front, nein, die USA selbst seien in Gefahr, sollten die Amerikaner im November „die falsche Entscheidung treffen“. Unter einem Präsidenten Kerry wachse die Gefahr eines neuerlichen Terrorangriffs auf die USA. Das war ein böser Untergriff, so böse, dass Cheney ein Stückchen zurückruderte.

Doch die Botschaft ist angekommen und wird seither, vielfach variiert, in die Köpfe gehämmert: Bush ist das hemdsärmelige Alphatier; er wirft nach Feierabend den Grill an und das rohe Fleisch ins Feuer. Kerry hingegen ist das Weichei, der zaudernde, wehleidige Patrizier. (Hat er nicht auch seine Kriegsverletzungen ein bisschen übertrieben?) Dass er Französisch spricht ist, ist kein Indiz für Weltläufigkeit, sondern eine Chiffre für verkappte Homosexualität, und dass er reich geheiratet hat (die Ketchup-Erbin Teresa Heinz), macht ihn zum Schoßhündchen starker Frauen.

Charakterfrage. Wochenlang weigerte sich Kerry, sich den bösartigen Attacken zu stellen. Das werde vergehen, die Wähler mögen keine Schlammschlachten, trösteten ihn seine Berater, während die Kampagne ungebremst in jene seichten Gefilde abrutschte, die man in den USA die „Charakterfrage“ nennt: Wenn einer sich weigert zurückzuschlagen, wenn es um seine persönliche Ehre geht, was tut er dann bloß, wenn sein Land angegriffen wird? Die noble Zurückhaltung sei ein schwerer strategischer Fehler gewesen, kommentiert das Nachrichtenmagazin „Time“ nüchtern, „eine massive Fehlinterpretation dessen, was die Wähler nach 9/11 suchen“.

Die vollständige Umkehrung der Ausgangslage verrät viel über die Kulturunterschiede zwischen den beiden Parteien. Die eiserne hierarchische Disziplin im republikanischen Lager sorgt dafür, dass die Reihen nach außen hin dicht geschlossen wirken. James Carville, vor zwölf Jahren Mastermind der Clinton-Kampagne, analysiert das Erfolgsgeheimnis der Gegenseite: „Man multipliziert den Effekt, indem man subtrahiert. Je weniger man sagt, desto eher wird man gehört.“ Widersprüche verschwinden, werden sie konsequent ignoriert, und Unwahrscheinliches wird wahr, wenn es nur oft genug mit leuchtenden Augen wiederholt wird.

Auf der anderen Seite sind die Demokraten ihr Image als Debattierklub nie ganz losgeworden. Zweifel – ob am Sieg oder am Kandidaten – werden öffentlich ausgetragen. Immer noch hält man sich für zu nobel und anständig, um in die allerunterste Schublade zu greifen. Im Zweifelsfall fehlt das letzte Quäntchen Entschlossenheit. Das Bush-Team, berichtet das Magazin „New Yorker“, hat jeden Satz, den Kerry jemals gesagt oder geschrieben hat, digital archiviert, um ihm Widersprüche sofort unter die Nase reiben zu können. Vier Angestellte dokumentieren auf mehreren Bildschirmen jede Wahlrede. Bei den Demokraten macht diesen Job ein einziger Volontär.

„Die Republikaner sind brillante und professionelle Demolier-Experten“, resümiert der scharfzüngige Journalist und Bestsellerautor Joe Klein („Primary Colors“). „Die Demokraten spielen da nur auf Regionalliganiveau.“

Zweideutigkeiten. Doch auch der Kandidat selbst trägt Mitschuld am Stottern seiner Kampagne. „Tödlich langweilig, langsam beim Reagieren“, analysiert Klein – und das Wichtigste: „Bush sieht aus, als glaube er, was er sagt. Kerry nicht ganz.“ Der Senator aus Massachusetts spricht über vieles, er spricht lang – doch selbst wer genau zuhört, weiß am Ende nie so recht, welche drei wichtigen Gründe Kerry angeführt hat, ihn zu wählen. Bush treffe die „falschen Entscheidungen“, lautet der jüngste Stehsatz in Kerrys Reden; der Irak-Krieg sei der „falsche Krieg am falschen Ort zur falschen Zeit“, und mit den 200 Milliarden Dollar, die er die Steuerzahler koste, könne man Sinnvolleres anfangen.

Doch da ist sie wieder, die Zweideutigkeit: Würde ein Präsident Kerry diesen Irak-Krieg sofort beenden oder nicht? Hätte er ihn an Bushs Stelle gar nicht erst angefangen oder vielleicht? Da will der Herausforderer sich nicht festlegen.

Kerry stimmte als Senator für den Irak-Krieg: Die Drohung sollte Saddam Hussein zum Einlenken zwingen. Anschließend votierte Kerry gegen ein 87-Milliarden-Dollar-Paket für die Besatzungskosten im Irak – eine Art Misstrauensvotum gegen die Art, wie dieser Krieg geführt wurde. Kerry wirft Bush vor, das Volk über die Massenvernichtungswaffen im Irak belogen zu haben – aber er gibt zu, er hätte auch für den Krieg gestimmt, wenn er gewusst hätte, dass es diese Waffen nicht gibt. Kerry sagt, es müsste möglich sein, den Großteil der Soldaten in fünf Jahren aus dem Irak abzuziehen – doch ein simples „Holt unsere Jungs nach Hause!“ käme ihm nie über die Lippen.

„Kerry scheint den Eindruck erwecken zu wollen, dass er gegen den Krieg ist, ohne es auszusprechen“, resümiert die „Washington Post“.

Stromaufwärts. Sechs Wochen hat der Herausforderer noch Zeit. Er hat einen wichtigen Verbündeten, gesegnet mit allen Gaben des Populismus, der sich ursprünglich den ganzen Oktober freigenommen hatte, um im Wahlkampf beizustehen: Bill Clinton. Kürzlich führte er ein langes Telefongespräch mit dem Kandidaten. „Sprich nicht mehr über Vietnam“, lautete sein guter Rat, doch viel mehr kann er derzeit nicht tun – nach seiner vierfachen Bypass-Operation ist Clinton rekonvaleszent.

Auch andere Wegbegleiter sind wenig hilfreich. George Butler zum Beispiel, ein alter Freund, hat eben einen Film präsentiert, der am 1. Oktober in die amerikanischen Kinos kommt. „Stromaufwärts – der lange Krieg des John Kerry“ heißt er und ist ein dokumentarisches Heldenepos aus der Vietnam-Zeit. So gut das gemeint war – in Zeiten wie diesen ringt es Kerrys Strategen wohl eher einen Seufzer der Verzweiflung ab.

Richtig auf Kurs liegt der Film allenfalls im Titel. Es geht noch sechs Wochen lang gegen den Strom, und wenn weiterhin der Präsident die Regeln bestimmt, dann ist Kerrys Krieg noch lange nicht vorbei.