US-Wahlen: Rambo ist gut fürs Geschäft

Ob sie George W. Bush oder John Kerry am 2. November ihre Stimmen geben, will die Hälfte der Amerikaner von der Wirtschaftskompetenz der Kandidaten abhängig machen.

Wenn österreichische Ökonomen Gelegenheit haben, an US-Eliteuniversitäten ein paar interessante Gastsemester zu verbringen, nehmen sie diese Gelegenheit meist begeistert wahr. Karl Aiginger, Wirtschaftsprofessor und stellvertretender Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), arbeitete alles in allem rund drei Jahre lang unter anderem im kalifornischen Stanford und am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Um sodann mit vielen neuen Facheindrücken nach Wien zurückzukehren und ein interessantes Papier zu verfassen: „Wettbewerb zwischen den USA und Europa: Welches Wirtschaftsmodell ist erfolgreicher?“

Aigingers Antwort: das amerikanische. So weit, so klar. Die Frage nach der Zukunft, also dem Zusammenhang mit den bevorstehenden Wahlen, die Frage nach der Gestaltung des politischen Systems und deren Auswirkung auf die künftige wirtschaftliche Muskelkraft der USA – diese Frage wird in dem Papier nicht gestellt. Aber auch durch Aigingers Arbeit schwingt die leise Verwunderung des Europäers über ein offenkundiges Phänomen:

Nahezu selbstverständlich gehen Europäer davon aus, dass sich ab einem bestimmten Wohlstandsniveau von Volkswirtschaften quasi automatisch ein Gefühl gesellschaftlicher Verantwortung dafür einstellt, dass im Zug des Fortschritts keine Gruppe gänzlich außen vor gelassen werden darf. Sobald Länder wie Pakistan materiell aus dem Gröbsten heraus seien, sagen die Optimisten in Europa beispielsweise, werde – im Zug des quasi automatisch damit verbundenen materiell-zivilisatorischen Fortschritts – die dort verbreitete Kinderarbeit ganz von selber verschwinden.

Gegenbeispiel. Die USA sind das reichste Land der Erde, da stellt sich die Frage natürlich anders als in Pakistan. Dennoch strafen die USA diesbezügliche Optimisten Lügen. In Aigingers Diktion: „Was das Erreichen ökonomischer Ziele im engsten Sinn angeht, also bezogen auf Einkommen, Produktivität und Wachstum, ist das US-System Weltspitze.“ Beziehe man aber „volkswirtschaftliche Ziele im weiteren Sinn“ in die Betrachtung mit ein, also Themen von allgemeiner Wohlfahrt über Kindersterblichkeit bis hin zur durchschnittlichen Lebenserwartung, dann sei „das Bild wohl nicht mehr so klar“.

„Darwinismus“. Die US-Wahlen und die Wirtschaft: In der Ära Clinton verglich man die US-Demokraten gerne mit Proponenten einer Art europäischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Die Demokraten hätten ihre diesbezüglichen Ziele deshalb nicht durchsetzen können, pflegte man in Europa zu sagen, weil zwei Jahre nach Clintons Amtsantritt bei den Senats- und Kongresswahlen die Republikaner zulegten und Clinton danach für die beabsichtigten Gesetzesänderungen keine Mehrheit mehr fand. Auf der anderen Seite erweckt das Gesellschaftsbild der Republikaner, besonders unter George W. Bush, aus europäischer Warte nicht selten den Eindruck eines Rückfalls in ökonomischen Wildwest-Darwinismus.

In beiden Eindrücken steckt bezüglich Bush und Kerry ein Körnchen Wahrheit. Insofern bei den Wahlen nun tatsächlich zwei Prinzipien dieser Art gegeneinander antreten, stellt sich die interessante Frage, ob das eine oder das andere System dem Erreichen der Ziele „Gewinn, Produktivität und Wachstum“ förderlicher sei. Im Klartext: ob zwischen der geschilderten „darwinistischen“ Gesellschaft und dem puren Wirtschaftserfolg ein Zusammenhang besteht. Die Antwort ist unklar.

Inwieweit die US-Bürger im November nicht über Irak & Terrorismus, sondern über Fragen dieser Art abstimmen werden, beleuchten regelmäßig durchgeführte Erhebungen über die Wahlmotive. Der gegenwärtige Stand gemäß „Wall Street Journal“ vom 22. September: 47 Prozent der Wählerschaft gab den Faktor „Wirtschaftslage und Jobs“ als hauptbestimmenden für ihre Wahlentscheidung an (im Juni waren es noch 52 Prozent gewesen). Von diesen 47 Prozent würden 43 Prozent jetzt Bush und 49 Prozent Kerry wählen (im Juni waren 44 Prozent dieser „Wirtschaftswähler“ für Bush, 38 Prozent für Kerry).

Nicht unwesentlich ist auch die Einschätzung der Amerikaner, welche Wirtschaftssektoren sich unter einem Präsidenten Bush und welche sich unter einer Kerry-Präsidentschaft besser entwickeln würden. Wall-Street-Umfragen (und die „Wetten“ der Investoren an den Finanzmärkten) vermitteln den Eindruck, dass sich die US-Bürger unter Bush einen weiteren Aufschwung für den Ölsektor und die großen Pharma-, Versicherungs- sowie Rüstungsgesellschaften erwarten. Kerry plant Gesetze gegen teure Medikamente, er will strengere Emissionsbestimmungen und eine Förderung erneuerbarer Energien durchsetzen; die Rüstungsindustrie wiederum befürchtet unter demokratischer Präsidentschaft einen generell niedrigeren Testosteronspiegel im Weißen Haus.

Fannie & Freddie. Andererseits erhoffen sich etwa Anteilseigner der großen halböffentlichen US-Hypothekargesellschaften (Fannie Mae und Freddie Mac) unter Kerry eine weit bessere Kursentwicklung ihrer Papiere als unter Präsident Bush.
Generell sehen die meisten Kommentatoren weder in der einen noch in der anderen Konstellation besondere Vor- oder Nachteile für den gesamten Aktienmarkt. Zwar heißt es traditionellerweise, ein Sieg der Republikaner sei gut für Wall Street. „Aber schauen Sie sich an“, schreibt die „Washington Post“, „wie Bill Clinton diesen alten Spruch widerlegt hat.“