USA: Der Antiheld

Die Enthüllung der Identität des mysteriösen Watergate-Informanten „Deep Throat“ platzt mitten in eine selbstkritische Debatte der US-Medien: Wie geht man mit anonymen Informanten um?

Timothy Noah traute seinen Ohren nicht. Als der Journalist am 9. August 1999, exakt ein Vierteljahrhundert nach der Rücktrittsrede von US-Präsident Richard Nixon, die Telefonnummer von W. Mark Felt in Kalifornien wählte, bekam er eine Tonbandstimme zu hören: „Wenn Sie eine Nachricht für Joan, Rob, Nick oder Deep Throat hinterlassen wollen, sprechen sie nach dem Piep.“ Hatte Noah gerade „Deep Throat“ gefunden? War Felt tatsächlich jener mythenumrankte Informant von Bob Woodward, dem Journalisten der „Washington Post“, der mit seinem Partner Carl Bernstein zwischen 1972 und 1974 den Watergate-Skandal aufgedeckt und Nixons Sturz eingeleitet hatte? Doch die Tonbandnachricht erwies sich als Scherz von Felts Tochter Joan, die wusste, dass ihr hochbetagter Vater als ehemalige Nummer zwei der US-Bundeskriminalbehörde FBI immer schon als „Deep Throat“-Kandidat gehandelt worden war. Es sollten jedoch weitere drei Jahre vergehen, bis Felt seiner Tochter gestand, tatsächlich Woodwards geheime Quelle gewesen zu sein, und mehr als fünf Jahre, bis das bestgehütete Geheimnis der amerikanischen Mediengeschichte auch öffentlich gelüftet wurde.

Dienstag vergangener Woche zündete das Monatsmagazin „Vanity Fair“ die Bombe – mitten in einer Diskussion über den Umgang mit anonymen Informanten, mit der sich die US-Medien seit einigen Wochen quälen. Ausgelöst wurde sie durch eine Falschmeldung des Nachrichtenmagazins „Newsweek“, das am 9. Mai unter Berufung auf eine namenlose Quelle in Regierungskreisen geschrieben hatte, Wachpersonal im US-Gefangenenlager Guantanamo habe den Koran geschändet. Der Bericht löste Massenunruhen in Afghanistan mit 15 Toten und zahlreichen Verletzten aus, worauf „Newsweek“, nicht zuletzt unter massivem Druck der Bush-Administration, die Meldung zurückzog.

Alter Mann. Die Enthüllung der Identität von „Deep Throat“ hat der Debatte einen neuen Dreh gegeben. Zunächst sorgte Felts Outing für Ernüchterung. Dieser 91-jährige, leicht altersdemente Mann, auf Gehhilfen gestützt und von einem Schlaganfall gezeichnet, soll jener Allwissende aus dem Kreis der Mächtigen gewesen sein, der die amerikanische Republik von einem korrupten Präsidenten befreite? „Das ist die größte Enttäuschung in der Geschichte des Hype“, war in den Internetforen zu lesen. „Es hätte so viele interessantere Kandidaten gegeben.“ Mehr als 30 Jahre lang war ebenso wild wie erfolglos über das Phantom „Deep Throat“ spekuliert worden: Nixons mächtiger Außenminister Henry Kissinger, der spätere Präsident George Bush senior, aber auch William Rehnquist, der Vorsitzende des Höchstgerichts, galten unter Watergate-Experten als einschlägige Kandidaten. Sogar die „New York Times“ bedauerte die Auflösung des Rätsels: „Es ist ein bisschen so, wie zu erfahren, dass Supermans geheime Identität Clark Kent war.“

Die Enttäuschung ist verständlich: Der Watergate-Skandal, der sich ab 1972 in Washington entspinnt, ist das Heldenepos der US-Medien schlechthin. Die Hauptrollen spielen zwei ambitionierte Journalisten in ihren späten Zwanzigern, die anschaulich zwei Gesichter Amerikas repräsentieren: Bob Woodward, bekennender Republikaner aus gutem Elternhaus und Abgänger der Eliteuniversität Yale, hat nach fünf Jahren bei der Navy seine Berufung als Reporter entdeckt; der langhaarige College-Abbrecher Carl Bernstein, Sohn kommunistischer Eltern und Kind der Gegenkultur, ist ein begnadeter Formulierer und öffnet mit seinem robusten Charme viele Türen. Gemeinsam stellen sie in einer Serie von Artikeln in der „Washington Post“ einen direkten Zusammenhang zwischen dem Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel und dem Weißen Haus her, in dem seit 1969 der Republikaner Nixon residiert.

Wenn die Reporter dabei in die Sackgasse geraten und den Mut zu verlieren drohen, verschiebt Woodward eine unscheinbare Topfpflanze auf dem Balkon seiner Wohnung. Das ist das Zeichen für den mysteriösen „Deep Throat“, der verlässlich um zwei Uhr in der darauf folgenden Nacht in einer Tiefgarage auftaucht und Woodward entscheidende Tipps gibt. „Follow the money!“ (Folgt der Spur des Geldes!) lautet sein entscheidender Hinweis. Am Ende der Geschichte steht die denkbar größte Konsequenz journalistischer Arbeit: der Rücktritt des mächtigsten Mannes der Welt, des Präsidenten der USA. Gegen das Versagen der Exekutive und der Gerichte angesichts der Korruption an der Staatsspitze haben die Medien erfolgreich ihre Kontrollfunktion ausgeübt.

Heldenepos. 1974 schrieben Woodward und Bernstein ein erstes Buch über ihre Watergate-Enthüllungen, „All the President’s Men“, das zwei Jahre später von Hollywood mit Robert Redford und Dustin Hoffman verfilmt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits eine neue Generation junger, ambitionierter Investigativjournalisten das „Woodstein“-Erbe angetreten und jeden Respekt vor den Mächtigen über Bord geworfen. „Watergate zerstörte den Status des US-Präsidenten als Halbgott“, meint Stephen Hesse von der Brookings Institution, einem der angesehensten Think Tanks in Amerika.

Während Bernsteins weitere Karriere eher erratisch verlief, zählt Woodward bis heute zu den renommiertesten Journalisten der USA und genießt praktisch uneingeschränkten Zugang zu den höchsten Ebenen der amerikanischen Politik, wie seine beiden jüngsten Bücher über die Administration von George W. Bush zeigen. Die Identität und die Motive von „Deep Throat“ allerdings blieben über drei Jahrzehnte lang ebenso im Dunkeln wie die Gesichtszüge seines Darstellers Hal Holbrook in der Hollywood-Verfilmung – bis vergangene Woche. Und was seither über ihn bekannt wurde, ist wenig heroisch.

Nixon und sein Stabschef H. R. Haldeman, der später ins Gefängnis wanderte, vermuteten schon im Oktober 1972 in Mark Felt die undichte Stelle: Felt sei unzufrieden, weil er nicht FBI-Chef geworden war. Ihre zweite, auf Tonband dokumentierte Vermutung, dass Felt Jude und somit Teil einer jüdischen Verschwörung sei, war hingegen falsch: Felt ist irischer Abstammung und konfessionslos.

Tatsächlich galt Felt als logischer Nachfolger von FBI-Chef J. Edgar Hoover, als dieser wenige Wochen vor dem Einbruch ins Watergate-Hotel verstarb. Anstelle Felts setzte Nixon seinen Günstling L. Patrick Gray in den Chefsessel, der die Watergate-Ermittlungen des FBI bald abwürgte. Dem ausgebildeten FBI-Agenten Felt, der im Zweiten Weltkrieg deutsche Spione auf US-Boden gejagt hatte, war die politische Einflussnahme zuwider, er fürchtete um das Ansehen und die Unabhängigkeit des FBI. „Es gibt wenig Zweifel, dass Felt das Nixon-Team für Nazis hielt“, schrieb Bob Woodward vergangene Woche in der „Washington Post“.

Zwielicht. Felt, der seinen Dienst beim FBI 1973 quittierte, war freilich selbst kein Heiliger. Ironischerweise wurde er 1979 gerichtlich verurteilt, weil er illegale Einbrüche von FBI-Agenten bei Mitgliedern der kurzlebigen linken Stadtguerilla „Weather Underground“ autorisiert hatte. US-Präsident Ronald Reagan begnadigte ihn wenige Monate später.

Die Überzeugung, dass es unehrenhaft sei, FBI-Interna auszuplaudern, sowie die Angst vor weiterer juristischer Verfolgung dürften Felt dazu bewogen haben, seine Rolle als „Deep Throat“ sogar vor seiner eigenen Familie hartnäckig zu verschweigen. Erst vor Kurzem überzeugte Joan Felt ihren skeptischen Vater von den Vorteilen einer Enttarnung – mit profanen Argumenten: „Bob Woodward wird all den Ruhm dafür bekommen, aber wir könnten zumindest genug Geld machen, um ein paar Rechnungen zu bezahlen“, sagte sie gegenüber „Vanity Fair“.

Vergangene Woche standen Buchverlage und Hollywood-Studios auch prompt Schlange vor der Tür der Felts: Die Erinnerungen von „Deep Throat“ sind ihnen sechs- bis siebenstellige Dollarbeträge wert. Auch Felt selbst hat seine anfänglichen Skrupel inzwischen abgelegt: Er wolle „ein Buch schreiben und so viel Geld wie möglich machen“, rief er den vor seinem Haus lagernden Reportern vergangene Woche zu. Das Erinnerungsvermögen des 91-Jährigen sei jedoch schon stark getrübt, meinte Bob Woodward auf CNN.

Rachsucht. Ist das nun also alles, was vom Mythos „Deep Throat“ bleibt: ein frustrierter FBI-Grande, der mit schmutzigen Methoden arbeitete, aus Rachsucht gegen den Präsidenten Regierungsgeheimnisse ausplauderte und der kurz vor seinem Tod mit der Geschichte seines Lebens noch einmal abcashen will?

Nixon-Apologeten reiten jedenfalls heftige Attacken gegen W. Mark Felt: „Verräter“ und „Schlange im FBI“ faucht Pat Buchanan, der polternde Rechtsaußen der amerikanischen Politik und Nixons ehemaliger Redenschreiber. Auch Greg Mueller, Berater der Republikanischen Partei, gesteht Felt keine heroischen Qualitäten zu: „Ich weiß nicht, ob wir einen Superhelden aus ihm machen sollten. Er hat geholfen, einen Präsidenten zu stürzen, der gerade den Kalten Krieg führte.“ Selbst Präsident George W. Bush mochte sich keinen positiven Kommentar über „Deep Throat“ abringen. Er wollte nicht entscheiden, was patriotischer ist: zur Absetzung eines korrupten Präsidenten beizutragen oder Loyalität gegenüber der Staatsführung zu wahren. „Es ist schwierig, das zu beurteilen“, wich Bush den Reportern aus.

Für die amerikanische Presse war nach der ersten Verblüffung schnell klar: Watergate bleibt die Sternstunde ihrer Geschichte und „Deep Throat“ ein Held. Seine wenig noblen Motive spielen dabei eine untergeordnete Rolle. „Es ist schön, dass wir ihn noch zu Lebzeiten mit seinem richtigen Namen ehren können“, freute sich die „Washington Post“. Mark Felts Enttarnung erinnert die Journalisten daran, dass anonyme Quellen bei der Kontrolle der herrschenden Kaste unverzichtbar sind und bleiben – zumindest, wenn ihre Informationen mithilfe anderer Quellen überprüft werden, wie dies Woodward und Bernstein im Zuge ihrer Watergate-Recherchen beispielhaft praktizierten.

Der Adrenalinschub kommt für die US-Presse in einem Moment der Krise. Weit gehend hilflos musste sie in den vergangenen Jahren mit ansehen, wie Präsident Bush im Namen der nationalen Sicherheit die Macht der Exekutive ganz im Stile Nixons immer stärker ausbaute. Viel zu lang habe sie unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September 2001 Bushs Krieg gegen den Terror unkritisch mitgetragen, räumte etwa die „New York Times“ bereits im Vorjahr zerknirscht ein. Und als sich die US-Medien in der Folge des Irak-Kriegs aus der Lähmung zu lösen begannen und kritischer berichteten, fuhr die Bush-Regierung härtere Geschütze auf: Sie suchte nach undichten Stellen in ihren Reihen und schreckte auch nicht davor zurück, Journalisten vor Gericht zu zerren. Judith Miller von der „New York Times“ und Matthew Cooper vom „Time“-Magazin kämpfen derzeit vor dem Höchstgericht dafür, ihre Informanten geheim halten zu dürfen.

Pannen. Dummerweise leisteten sich auch die Medien peinliche Pannen. „Die Watergate-Affäre hat Journalisten zwar kurzzeitig zu Helden gemacht, aber sie könnte auch zu den langfristigen Glaubwürdigkeitsproblemen der Zunft beigetragen haben. Allzu viele Journalisten sind schlampig im Umgang mit anonymen Quellen geworden“, schreibt „Washington Post“-Kolumnist Howard Kurtz. So saß Dan Rather, der legendäre Anchorman des Fernsehsenders CBS, im vergangenen Präsidentenwahlkampf gefälschten Dokumenten über George W. Bushs Armeedienst auf. Und „Newsweek“ löste die jüngste Debatte aus, indem es sich fahrlässig auf nur eine namenlose Quelle gestützt hatte.

Für das Weiße Haus war der Lapsus von „Newsweek“ ein gefundenes Fressen. Mit Verve stürzte sich der Präsident persönlich auf die Medien und geißelte ihre „verantwortungslosen“ Recherche-Methoden. Erschrocken kündigten einige Zeitungen an, in Zukunft auf anonyme Quellen zu verzichten, und mancher sah bereits das Ende des investigativen Journalismus heraufdräuen.

Diese Gefahr dürfte vorerst wieder gebannt sein. Die nunmehr zu Ende geschriebene Geschichte von Watergate und „Deep Throat“ mache ein für alle Mal klar, meint Howard Kurtz, „dass es einen Grund dafür gibt, dass manche Menschen nur ohne Namensschild mit Journalisten sprechen“.

Von Sebastian Heinzel