Gouverneur schönes Haar

Martin Kilian über Rick Perry, den republikanischen Shootingstar und gefährlichsten Obama-Herausforderer.

Er erinnert an einen anderen Texaner. Wie dieser trägt er Cowboystiefel. Wie der andere sagt er manchmal verquere und erstaunliche Dinge. Auch ist er zutiefst religiös – wie der andere. Sein Vorgänger im Amt des texanischen Gouverneurs, ein Mann namens George W. Bush, landete im Weißen Haus. Und gleichfalls dorthin zieht es James Richard „Rick“ Perry, den amtierenden Gouverneur von Texas.

„Gouverneur schönes Haar“ nennen sie ihn etwas spöttisch in der texanischen Staatshauptstadt Austin. Vom Aussehen her gäbe Perry, 61, zweifelsohne einen Bilderbuchpräsidenten ab: das volle Haar, das etwas gegerbte Gesicht, das selbstbewusste Auftreten. Und wer glaubte, Texas habe den Amerikanern mit George W. Bush einen kaum zu übertreffenden Konservativen beschert, sieht sich getäuscht: Rick Perry ist mindestens ebenso konservativ wie Bush, ohne indes wie der Ex-Präsident ein „mitfühlender Konservativer“ sein zu wollen.

Früher war Perry einmal Demokrat und leitete 1988 sogar den Wahlkampf des jungen Präsidentschaftskandidaten Al Gore in Texas. Das war einmal. Gore, sagt Perry jetzt, „ist in die Hölle gegangen“. Perry andererseits hofft, 2012 in den Himmel zu kommen, ins Weiße Haus nämlich. Seit er vor zwei Wochen seine Bewerbung für die republikanische Präsidentschaftskandidatur bekannt gab, ist das Feld gehörig aufgemischt worden. Der bisherige Spitzenreiter Mitt Romney muss sich ebenso vor dem Texaner fürchten wie Michele Bachmann, die Diva der Tea Party und des Jesus-Flügels.

Wie Bachmann hat auch Rick Perry den Katechismus der amerikanischen Rechten verinnerlicht. Darwins Evolutionslehre, erklärte er unlängst, sei „eine Theorie“ mit „einigen Lücken“ – weshalb er, Perry, lieber an die intelligente Schöpferhand Gottes glaube. Auch den Erderwärmungssorgen kann er nicht viel abgewinnen: Eine „beträchtliche Zahl von Wissenschaftern“ habe „die Daten manipuliert“, behauptet der Skeptiker.
Selbstverständlich entzückt es die zunehmend nach rechts driftende Parteibasis, wenn der Gouverneur verspricht, als Präsident werde er „jeden Tag arbeiten, um Washington belanglos zu machen“. Er möchte die Einzelstaaten stärken und der Bundesregierung den Geldhahn abdrehen. Die staatliche Rentenkasse will Rick Perry ebenso abschaffen wie eine Vielzahl anderer Aufgaben und Verpflichtungen des Bunds.

Den Staat auszutrocknen ist sein Ziel, doch bleibt ungewiss, ob ihm die Amerikaner folgen werden. Perry zu unterschätzen ist gleichwohl gefährlich: Noch nie hat der Texaner einen seiner insgesamt zehn Wahlkämpfe verloren. Ehrfurchtsvoll meint einer seiner ehemaligen demokratischen Gegner, gegen Perry anzutreten sei so, „als ob du gegen Gott antrittst“.

Die republikanische Senatorin Kay Bailey Hutchison weiß davon ein Lied zu singen. Angestachelt von George W. Bushs Gefolgsleuten, die Perry am liebsten auf den Mond schießen würden, wollte die texanische Senatorin den Gouverneur im Vorjahr aus dem Amt drängen. Dieser aber demolierte sie bei der innerparteilichen Vorwahl.

Erst bei der Befragung einer Testgruppe von Wählern dämmerte Hutchisons Stab, wie sehr konservative Texaner den Machismo ihres Gouverneurs goutieren. Ob es sie störe, dass Perry für die Hinrichtung eines höchstwahrscheinlich unschuldigen Menschen namens Cameron Todd Willingham verantwortlich sei? Überhaupt nicht, erwiderte ein Mann in der Gruppe. Schließlich brauche es „einigen Mut, einen Unschuldigen hinzurichten“.

Diese Art texanischer Befindlichkeit aber verkauft sich nicht unbedingt im Rest des Lands. Perry möchte deshalb die Wahrnehmung der Wähler vorzugsweise auf das „texanische Wirtschaftswunder“ lenken: In keinem US-Staat sind seit 2007 so viele Jobs geschaffen worden wie in Texas. Niedrige Steuern, wenig Regulierung sowie das gezielte Werben um Unternehmen aus anderen Staaten seien das Geheimnis des Erfolgs, brüstet sich Perry. „Ich bin für die Wirtschaft und entschuldige mich dafür nicht“, sagt er.

Seine Widersacher im demokratischen Lager halten ­dagegen, die meisten neuen Jobs in Texas habe der Staat ­geschaffen. Nirgendwo ist die US-Wirtschaft jedoch ähnlich robust wie in dem Südstaat, dessen Bevölkerung rasant wächst und dessen Gouverneur es mit Auflagen und Vorschriften eben nicht so genau nimmt. „Er ist eine totale Hure, was Umweltverschmutzer angeht, und außerdem betreibt er eine Günstlingswirtschaft“, schimpft Jim Hightower, vormals texanischer Landwirtschaftskommissar und Demokrat.

Tatsächlich hat kein texanischer Gouverneur mehr Wahlkampfspenden von der Wirtschaft verbucht als Perry. Und stets bedankte sich der Gouverneur mit kleinen und großen Gefälligkeiten. So erhielt etwa der texanische Industrielle und ausgewiesene Perry-Freund Howard Simmons die Genehmigung, radioaktiven Müll aus anderen Bundesstaaten in seiner texanischen Sondermülldeponie zu lagern, nachdem er den Gouverneur mit Hunderttausenden von Wahlkampfdollars beglückt hatte. Andere Perry-Spender erhielten staatliches Fördergeld zum Aufbau neuer Unternehmen. Wer in Texas mitspielen wolle, müsse zuvor bei Perry zahlen, heißt es in Austin.

Dem Gouverneur schadet die Verzahnung von Politik und Geld nicht im Geringsten. Außerdem gefällt seinen Fans, dass Perry kein Blatt vor den Mund nimmt und genüsslich Öl ins Feuer gießt. „Wenn dieser Kerl noch mehr Geld druckt bis zu den Wahlen, dann weiß ich zwar nicht, was ihr mit ihm anstellen würdet, aber wir in Texas gingen ziemlich hässlich mit ihm um“, drohte Perry neulich bei einem Wahlkampfauftritt im Mittweststaat Iowa dem US-Notenbankchef Ben Bernanke.

Solche verbalen Entgleisungen lösen beim republikanischen Establishment in Washington bisweilen Befremden mitsamt der Sorge aus, Perry sei womöglich zu impulsiv und vergrätze moderate Wähler. Vor allem der Zirkel um Ex-Präsident George W. Bush macht gegen Perry mobil: Der Gouverneur sei „nicht präsidial“, bemerkte Bushs ehemaliger Sprecher Tony Fratto spitz, während Bushs politisches Faktotum Karl Rove befand, Perry müsse den Eindruck vermeiden, „ein Cowboy aus Texas zu sein“.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass ausgerechnet Rove den Gouverneur mit einem Cowboy vergleicht. Schließlich hatte er dem Original-Cowboy zur Präsidentschaft verholfen. Perry freilich ballert munter weiter: Mal suggerierte er, Barack Obama liebe Amerika nicht, mal drohte er mit der Abspaltung von Texas. Als der Staat 1845 der amerikanischen Union beigetreten sei, habe man sich ausdrücklich das Recht vorbehalten, die Vereinigten Staaten „jederzeit“ wieder verlassen zu können, sagt Perry – eine reine ­Erfindung des Gouverneurs, da keine entsprechende Abmachung existiert.

Aber solche Fehlzündungen werden die republikanische Faszination für Rick Perry ebenso wenig mindern wie die unbestreitbare Tatsache, dass über ein Viertel aller Texaner keine Krankenversicherung hat oder dass Texas gleichauf mit dem armen Südstaat Mississippi prozentual die meisten Mindestlohnjobs aufweist. „Gouverneur schönes Haar“ ist auf dem Weg nach Washington. Ob er dort ankommt, ist eine andere Frage.