USA: Hauen und Stechen

Im Endspurt des Wahlkampfs sind alle Hemmungen gefallen. Das Propagandaniveau war noch nie so tief – auf beiden Seiten. Mit Angstparolen und Untergangsszenarien versuchen Bush und Kerry, ihre Basis zu mobilisieren.

Aus dem Weltall zoomt die Kamera hinunter auf die Erde. Erst sind sie ameisenklein, dann werden die jauchzenden Kinder, die da im Garten spielen, immer deutlicher. Es ist schön, aber es wird nicht immer so bleiben, will uns die sonore Stimme aus dem Off zu verstehen geben: Irgendwann fliegt alles in die Luft.

Eine junge Mutter holt Milch aus dem Kühlschrank. Der Jungvater lädt die Kinder in den Geländewagen. Sie lächeln ahnungslos, wahrscheinlich hören sie die Uhr nicht, die im Hintergrund tickt. Sie hätten wissen sollen: „Schwäche ist eine Einladung an alle, die uns wehtun wollen.“

Natürlich kann immer alles passieren, auch das Schlimmste. Doch es bleiben nur noch wenige Tage, um den letzten Zweiflern klar zu machen, dass das, was passieren kann, davon abhängt, wer Präsident der Vereinigten Staaten ist. Wollen Sie wirklich, dass die Bombe in Ihrem Vorgarten explodiert? Mögen Sie Ihre Kinder wirklich so wenig, dass Ihnen ein Terroranschlag auf deren Schule nichts ausmacht? Wollen Sie, dass Ihrem Sohn ein Arm abgerissen wird – oder hätten Sie ihn lieber heil aus dem Krieg zurück?

Der Wahlkampf ist doch noch sehr böse geworden. „So tief waren die Standards für Wahrhaftigkeit noch nie“, klagt die demokratische Medienberaterin Mandy Grunwald, „und noch nie ist man mit Lügen so billig davongekommen.“

Der Wahlkampf ist auch so teuer wie noch nie. 500 Millionen Dollar werden die beiden Teams allein für Fernsehwerbung in die Schlacht geworfen haben, wenn alles vorbei ist – mehr als doppelt so viel wie bei der Wahl 2000. Das Bush-Lager schaltet seine TV-Spots am liebsten in Polizei- und Gerichtsserien wie „Law and Order“, Kerry eher im klassischen Frauenfernsehen wie beim Fernsehdoktor „Dr. Phil“; Nachrichtensendungen und Talkshows sind für beide interessant.

Die schmutzigste Arbeit – die Untergriffe, Unterstellungen, Verleumdungen – lassen die Parteien dabei von anderen erledigen: von formell unabhängigen Vereinen, die nach einer Reform der Wahlkampffinanzierung keine Spender offen legen müssen, unbegrenzt Geld ausgeben können und sogar Steuervorteile genießen, solange sie keine ausdrückliche Wahlempfehlung abgeben. Was sie meinen, versteht man allerdings auch so.

Ihrer aller Hauptproblem: Es gibt kaum noch jemanden zum Überzeugen. Unentschlossene muss die Meinungsforschung inzwischen mit der Lupe suchen, auf drei Prozent schätzt das Nachrichtenmagazin „Time“ ihren Anteil. Die Lager sind klar definiert, und wer es bis jetzt nicht geschafft hat, sie auseinander zu halten, dem ist wohl nicht mehr mit seriösen Argumenten zu helfen. „Ich habe noch nie eine derart starke Polarisierung erlebt“, sagt Steve McMahon vom Kerry-nahen Media Fund. „Es ist, wie massives Gestein aufzubrechen. Dafür braucht man wirklich starkes Dynamit.“ Dieses Dynamit ist Angst.

Dass die Republikaner mit einer Angstkampagne siegen wollen, war von Anfang an klar: Ein Präsident John Kerry würde „Schwäche“ bedeuten, „Rückzug“, eine Einladung an alle Terroristen, die noch einmal angreifen wollen. Anfangs hatte man solche Hinweise noch dezent platziert und nachträglich mit Dementis entschärft, inzwischen sind sie das zentrale, offen vorgetragene Argument. „Es ist möglich, dass eines Tages ein Terrorist mitten in einer unserer Städte steht“, warnt etwa Vizepräsident Dick Cheney bedeutungsschwer, „mit einer noch viel tödlicheren Waffe, als wir sie kennen. Mit einem biologischen Kampfstoff, mit einer Atombombe.“ Pause. „Das muss man sich erst einmal vorstellen.“

Ohne Bandagen. Doch auch Kerry hat gelernt. Es heißt, Ex-Präsident Bill Clinton habe ihn vor seiner Herzoperation gedrängt, endlich die Samthandschuhe auszuziehen. Seither drohen auch die demokratischen TV-Spots mit Tod und Verderben: Ein im Irak verletzter Soldat hält anklagend seinen verstümmelten Arm in die Kamera. Eine Mutter erzählt vom Schmerz, ihren Sohn im Krieg zu verlieren. Kristen Breitweiser, deren Mann im World Trade Center starb, berichtet, sie beide hätten vor vier Jahren Bush gewählt. „Doch unser Land ist nicht sicherer geworden. Ich will meiner Tochter wieder in die Augen schauen können.“ Solche Stilmittel sah man zuletzt bei Michael Moore.

Niemand sollte jedoch vergessen, dass man nicht nur im Krieg, sondern auch zu Hause an der Grippe sterben kann. Dass zu Beginn der feuchten Jahreszeit überall im Land der Grippe-Impfstoff knapp geworden ist, sei „typisch für die Fehler der Bush-Präsidentschaft“, heißt es in einem TV-Spot. „Senioren und Kinder – ihr müsst warten. Auch für schwangere Frauen reicht es nicht.“ Kerry persönlich legt nach: „Wenn er euch nicht einmal vor der Grippe schützen kann, wie soll er es dann gegen Bioterrorismus schaffen?“ Da klingt schon viel Erschöpfung und auch etwas Verzweiflung durch.

Datenflut. Tatsächlich muss es schwer sein, im Wust der Daten und Analysen jene kleine, entscheidende Zielgruppe zu finden, um die es sich noch zu kämpfen lohnt. Je mehr man über die Praxis der Meinungsforscher erfährt, desto weniger kann man ihnen trauen. Einmal befragen sie „registrierte Wähler“, dann „Wähler, die wahrscheinlich an der Wahl teilnehmen werden“. Die Rekordzahl von 25 Millionen Erstwählern hat noch kaum jemand in die Datenbank, geschweige denn sinnvoll ins Meinungsspektrum eingeordnet.

Soll sich Kerry also Sorgen machen über eine Umfrage, die Bush eine Verdoppelung seines Wähleranteils bei Afroamerikanern (von neun auf 18 Prozent) voraussagt? Soll er sich freuen, dass er Bush immer mehr allein stehende Männer unter 50 abjagt? Oder sich lieber auf die 50 Millionen Katholiken konzentrieren, nachdem ihm ein Erzbischof wegen seiner Haltung in der Abtreibungsfrage mit der Exkommunikation gedroht hat? Für wen ist es

ein gutes Zeichen, wenn die Mehrheit der demokratischen Wähler sagt, sie stimme nicht unbedingt für Kerry, sondern in erster Linie gegen Bush? Oder geben möglicherweise gar die Indianer in Nevada den Ausschlag, die Kerry vorausschauend mit einigen warmherzigen Worten in der TV-Debatte bedachte?

Inmitten so vieler Unsicherheiten sind Appelle an die Allgemeinheit überflüssig geworden. Als einzige sichere Strategie bleibt, die Basis zu mobilisieren. Denn am Wahltag entscheiden meist nicht die Wechselwähler, sondern die eigenen Leute – vor allem, wenn sie aus Bequemlichkeit zu Hause bleiben.

Die finale Phase hat begonnen. Die Wahlstrategen nennen sie „Bodenkrieg“ oder „Häuserkampf“, und in Zeiten, da solche anderswo real stattfinden, klingt das noch zynischer. Jetzt geht es nur noch um das klar abgezirkelte Territorium der Swing States (siehe Grafik), vorwiegend um die großen Trophäen Florida, Ohio und Pennsylvania. Wer das Pech hat, in Cleveland/Ohio zu leben, in Tampa/Florida oder in Pittsburgh/Pennsylvania, wird dieser Tage platt gewalzt: Die TV-Einschaltungen laufen in permanenter Rotation, ständig läutet das Telefon, und hunderttausende Freiwillige grasen die Häuserblocks nach vorher ausgewählten „target doors“ („Zieltüren“) ab, wie Wahlkampfmanagerin Karen Hicks sie nennt.

Beide Parteien haben inzwischen unüberschaubare Datenbanken mit den Namen jener, die sie für ihre Anhänger halten. Diese müssen mit allen Methoden zu den Urnen gekarrt werden, und zwar buchstäblich: Am Wahltag werden Autos vorfahren, um Kranke und Alte von zu Hause abzuholen; hunderttausende werden in diesen Tagen im Vorgarten zur vorzeitigen Stimmabgabe gedrängt – nur um der Gefahr vorzubeugen, dass sie am Wahltag irgendwie entwischen könnten.

Amerika steckt mitten im Kulturkampf, in dem wenige Reizwörter reichen, um die Kohorten auf Linie zu bringen. Zwei Jahrzehnte lang waren diese Reizwörter „Abtreibung“ und „Waffenkontrolle“ gewesen, in den vergangenen Jahren hat ihnen das Wort „Schwulenehe“ den Rang abgelaufen, jüngst ist noch „Stammzellenforschung“ dazugekommen.

Sind diese Begriffe einmal gefallen, bleiben von den politischen Lagern bloß noch Karikaturen übrig: auf der einen Seite die Liberalen, die „Café Latte trinken, Volvos fahren, Embryos töten, Bäume umarmen und sich vor Gewehren fürchten“, wie es Jason Epstein einmal treffend in der „New York Review of Books“ auf den Punkt brachte; auf der anderen Seite die dumpfen Country-Fans in Cowboystiefeln, jesusfixierte, verklemmte Waffennarren. Dieser Kulturkampf war immer schon ein beliebtes Gesellschaftsspiel, doch seit den siebziger Jahren wurde es nicht mehr mit solcher Verbissenheit betrieben.

Dass sich George Bush um die christlichen Fundamentalisten bemüht, ist kein Geheimnis. Vier Millionen von ihnen, haben ihm seine Berater vorgerechnet, gingen vor vier Jahren nicht zur Wahl – weil sie den Kandidaten nicht gut genug kannten und seiner religiösen Hingabe nicht trauten; oder weil die Enthüllung über seine Verhaftung wegen Trunkenheit am Steuer sie im letzten Moment zweifeln ließ. Inzwischen trauen sie ihm.

Rechenspiele. Auch Kerry hat nachgerechnet – mit dem Ergebnis, dass es in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich mehr als vier Millionen Menschen gibt, die etwas zu verlieren haben, wenn die christliche Rechte regiert: 22 Millionen unverheiratete Frauen etwa, die sich zu einem Großteil in den letzten Jahren von der Politik abgewandt haben, oder die Lesben und Schwulen, deren Anteil an der Bevölkerung auf zehn Prozent geschätzt wird.

Es war daher wohl keine spontane Eingebung, als John Kerry in der letzten von drei TV-Debatten Mary Cheney, die Tochter des Vizepräsidenten, mit eher scheinheilig-respektvollen Worten vor 40 Millionen Fernsehzuschauern namentlich als Lesbe vorführte. Zu outen gab es nicht viel, weil Mary Cheney seit Jahren offen homosexuell lebt. Doch seit der unschicklichen öffentlichen Bemerkung fliegen die Fetzen: Republikaner sind schockiert darüber, dass das Wort „Lesbe“ überhaupt ausgesprochen wird; christliche Fundamentalisten über die Tatsache, dass Lesben auch in den besten regierenden Familien vorkommen; Liberale darüber, dass ihr eigener Kandidat mit derart billigen Tricks agiert; und Schwule darüber, dass das Thema überhaupt jemanden aufregt.

Grabenkämpfe. Die Emotionen werden bewusst geschürt. Zeitgleich mit der Präsidentenwahl lassen elf Bundesstaaten über einen Verfassungszusatz abstimmen, der Heirat ausdrücklich nur „zwischen einem Mann und einer Frau“ erlaubt. Mit dieser Schutzklausel soll der Gefahr vorgebeugt werden, dass Richter Schwulenehen durch die Hintertür erlauben – wie jüngst in Massachusetts, dem Heimatstaat Kerrys. Klare Mehrheiten sind mit diesem Thema allerdings nicht zu schaffen: Laut „Time“ will eine Mehrheit der Gesamtbevölkerung (58 Prozent) zwar keine Schwulenehen, eine fast ebenso große Mehrheit lehnt es allerdings auch ab, das Verbot in der Verfassung festzuschreiben. Die Referenden dienen somit vor allem einem Ziel: sowohl christliche Fundamentalisten als auch Homosexuelle zu den Urnen zu treiben – in der Hoffnung, dass dabei eine Stimme für den eigenen Kandidaten abfällt.

Auch das sperrige Thema der Stammzellenforschung beschäftigt die Wahlkämpfer, auch hier tobt der Kulturkrieg: Wer die Stammzellenforschung befürwortet, ist ein Babymörder (weil alle befruchteten Eizellen, die dafür verwendet werden, Babys sind). Wer dagegen ist, gönnt Parkinson-Patienten oder Querschnittgelähmten keine Heilung. Die Kurzversion der Kontroverse: Bush will Eltern überzeugen, ihre überzähligen tiefgefrorenen Embryos in den Sauerstofftanks zur Adoption freizugeben, und diese Adoptionen staatlich fördern. Vize-Präsidentschaftskandidat John Edwards hingegen verspricht: „Wenn John Kerry regiert, werden Menschen wie Christopher Reeve aus dem Rollstuhl aufstehen und wieder gehen können.“ Reeve war eben erst gestorben.

Jenseits der läppischen Populismen lauert auch hier der große kulturelle Graben: zwischen dem Glauben an die Schöpfung und jenem an den Fortschritt; zwischen der „Kultur des Lebens“, wie George Bush sagt, und dem „Vertrauen in die Wissenschaft“, das John Kerry auf seine Fahnen schreibt.

Apokalypse. Von hier ist es nicht mehr weit zu jenen Untergangsszenarien, die in den TV-Spots beschworen werden. Gewinnen die Liberalen die Hegemonie im Land, dann folgen, weiß die Christian Coalition, Drogensucht, Teenager-Sex, Fahnenverbrennungen und moralische Verlotterung. Doch auch die Linke kann sich die Apokalypse schon in allen Details ausmalen: „Abtreibung wäre ein Verbrechen. Homosexuelle könnten dafür ins Gefängnis geworfen werden, dass sie in ihren eigenen vier Wänden Sex haben. Die Staaten könnten sich in Mini-Theokratien verwandeln und mit Steuergeldern missionieren. Keine Verfassung könnte Gefängnisinsassen mehr vor Misshandlungen durch ihre Wärter schützen“, warnt Adam Cohen in der „New York Times“.

Man kann dasselbe satirischer formulieren, so wie der Late-Night-Star Jon Stewart in seiner „Daily Show“: „Bush zieht alle Mindestrentner mit Grippe zum Wehrdienst ein, und Kerry zündet mitten in einer Stadt eine bis dahin unbekannte Bombe, die alle schwul macht.“ Doch die Intensität der Emotionen ist echt, und das Ausmaß der Ängste überrascht. Die Ressentiments sind überall zu spüren, sie spalten Familien und Freundschaften und sprengen sonst friedliche Veranstaltungen. „Es gibt diesen rumorenden Zorn, mit dem Menschen nicht umgehen können“, sagt die Politologin Kathleen Hall Jamieson. Sie hat jüngst beobachtet, wie ein Flugzeugpassagier einen anderen Sitz verlangte, weil sein Nachbar ein Buch von Michael Moore las. „Es war mir bis dahin nicht bewusst gewesen, dass wir die Politik so persönlich gemacht haben, dass wir nicht einmal die Nähe eines Andersdenkenden ertragen“, sagt sie.

So sehr politische Schimpftiraden in Österreich zum Alltag gehören – im amerikanischen Alltag sind sie neu. Keiner kann diese Gefühle so gut in Wahlkampftaktik übersetzen wie Vizepräsident Cheney. „Die Unterschiede sind so deutlich wie nie“, sagte er vergangene Woche mit schnarrender Stimme im strömenden Regen von Pennsylvania. „Die Folgen dieser Entscheidung sind gigantisch.“ Er sagte auch: „Wir stehen einem Feind gegenüber, der ebenso entschlossen ist, uns zu vernichten, wie die Nazis im Zweiten Weltkrieg.“

Damit meinte er nicht John Kerry, sondern den islamistischen Terror. Aber sollte es bei den Zuhörern Missverständnisse gegeben haben, wären sie Cheney wohl nicht ungelegen gekommen – solange sie den richtigen Kandidaten wählen.