USA: Initialzündung

Nach seinen Vorwahltriumphen ist John F. Kerry der Hoffnungsträger der Demokraten. Er wirkt etwas hölzern, hat aber ein abenteuerliches Leben hinter sich, aufregender als jeder Roman. Und die richtigen Initialen: die gleichen wie sein Vorbild John F. Kennedy.

Der Kandidat hatte gerade zum zweiten Mal hintereinander einen eindrucksvollen Sieg errungen und wollte wohl besonders entschlossen wirken: „Ich habe gerade erst begonnen zu kämpfen“, rief John Kerry seinen Anhängern im US-Bundesstaat New Hampshire zu. Damit wollte er wohl sagen: Wenn ich erst einmal richtig in Fahrt bin, dann hält mich nichts mehr auf. Das Auditorium dankte es dem Senator aus dem Bundesstaat Massachusetts mit den schon geübten Rufen „J.K. all the way!“ („J.K. bis zum Ziel!“).

Im Hintergrund röhrte ein Song von Bruce Springsteen, gefolgt von U2, und der 60-jährige Präsidentschaftsaspirant – groß, schlank, etwas schlaksig – reckte beide Arme von sich, die Hände zur Faust geballt. Noch immer wirkt das irgendwie hölzern, aber das macht nichts mehr: Vor ein paar Wochen hat man ihn wegen seiner unbeholfenen Auftritte noch belächelt, jetzt hat Kerry den Erfolg auf seiner Seite. Und nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

Mit dem überraschend deutlichen Sieg bei den Vorwahlen vergangene Woche – und dem Sensationscoup bei den Abstimmungen in Iowa acht Tage zuvor – ist Kerry zur Zentralfigur des Ausscheidungskampfes der Demokraten geworden. Kerry ist nun der Favorit, auf den sich alle Augen richten – und an dem sich die Rivalen orientieren; wer Bush-Herausforderer werden will, muss Kerry schlagen.

In New Hampshire hatten mehr als 38 Prozent der registrierten Demokraten für Kerry votiert, nur 26 Prozent für den kautzigen Outcast Howard Dean, der lange die Umfragen angeführt hatte. Senator John Edwards aus North Carolina und Ex-General Wesley Clark landeten bei enttäuschenden zwölf Prozent.

Edwards, der smarte Anwalt und gute Redner, der zuletzt in den Umfagen aufholen konnte, hat immerhin noch gute Gründe zu hoffen, demnächst Boden gutzumachen. Diese Woche wird in sieben Staaten abgestimmt, darunter auch in den Südstaaten New Mexico und Arizona sowie in South Carolina, wo Edwards als Lokalmatador gilt – Landstriche, in denen Ostküsten-Patrizier wie Kerry traditionell einen schweren Stand haben. Am kommenden Wochenende finden dann die Vorwahlen in Washington, Michigan und Maine statt. Wenn jemand John Kerry noch schlagen kann, so die Analyse der Auguren, dann Edwards. Denn Dean und Clark, die voll auf New Hampshire gesetzt hatten, sehen jetzt schon wie Verlierer aus.

Kerry hat die Wähler auf seine Seite gebracht, weil man ihn sich als Präsidenten vorstellen kann. Sie wollen einen Kandidaten, der auch für Wechselwähler ein attraktives Angebot darstellt. „Electability“ – „Wählbarkeit“ – ist zum Schlüsselwort der Kampagne geworden.

Faszinierende Figur. Die demokratische Basis stimmt nicht mit dem Herzen ab, sondern mit dem Kopf. Leute, die Kerry näher kennen, wie der Starjournalist und Autor Joe Klein („Primary Colors“), irritiert die Art, wie sich der Kandidat zum nationalen Führer stilisiert, sein Hang zu gekünsteltem Pomp und sein Unvermögen, seine Zuhörer direkt anzusprechen. Dabei ist Kerry, so Klein, doch eine so feinsinnige, zart fühlende, faszinierende Figur – eine schillernde Persönlichkeit, mit einem Leben wie aus einem Roman.

Ein Mann aus traditionsreicher Familie, väterlicherseits mit jüdisch-altösterreichischen Wurzeln (siehe Kasten Seite 70), erzogen in ehrwürdigen Internaten und Studium an der Eliteuniversität Yale. Als Junge ist er ein glühender Anhänger John F. Kennedys. In Vietnam dreimal verwundet und mit zwei Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet, wird er nach seiner Rückkehr aus Asien zu einem der Führer der Antikriegsbewegung und eine national beachtete Figur. Mit gerade einmal 27 Jahren ist der Ex-Offizier, der im Drillich, mit feschem Jochen-Rindt-Haarschnitt, vor dem Senat und in TV-Shows brillant gegen Nixons schmutzigen Krieg argumentiert, fast eine Art Popstar. Nun, mit 60 Jahren, versucht John Forbes Kerry einen Bubentraum zu realisieren: in die Fußstapfen John F. Kennedys zu treten. Die passenden Initialen jedenfalls hat er dafür – JFK.

Und von Beginn an hatte er den richtigen Umgang für jemanden, der ins demokratische Establishment aufsteigen will. Zwar war er am College ein demokratischer Einzelkämpfer unter konservativen Jungs – doch schon dort hält er eine große Rede für Kennedy und gewinnt Rhetorikpreise mit Vorträgen über „die Unterdrückung der Neger“. Als 18-Jähriger hat er eine Romanze mit der Halbschwester Jacky Kennedys, die ihn im Sommer auf den Landsitz des Clans einlädt.

Segelturn mit JFK. Gleich bei der ersten Einladung auf den Familiensitz kommt er zu spät, wird von Bediensteten ins Haus gebeten – und steht vor seinem Helden. „Da war dieser Kerl, er dreht sich um, und ich war so überrascht, dass ich einfach sagte: ,Hi, Mr. Kennedy.‘“ Kerry erzählt dem Präsidenten, dass er nach den Ferien in Yale zu studieren beginnen wird. „Ich bin auch ein Yale-Mann“, erwiderte John F. Kennedy lächelnd. Mehrere Male in diesem Sommer unternimmt Kerry mit dem Präsidenten Segelturns. Beide haben eine Liebe zur Seefahrt. Kennedy diente im Zweiten Weltkrieg in der Navy, Kerry ist leidenschaftlicher Skipper.

Und ein junger Mann, der das Abenteuer sucht. Als Student macht er den Pilotenschein und fliegt – die ultimative Mutprobe – unter der Golden-Gate-Brücke durch. Dabei rast er in einen Vogelschwarm. Nicht das letzte Mal, dass er dem Tod von der Schippe springt.

Schon seinen Studienkollegen vertraut er an, dass er einmal Präsident von Amerika werden wolle – ein schwerer Fehler, die Burschen nehmen den frühreifen Träumer deswegen jahrelang auf die Schaufel. „Das war sein Leben lang seine Ambition“, sagt ein Ex-Kommilitone Kerrys. Schon Mitte der sechziger Jahre ist Kerry ein Zweifler am Vietnamkrieg. „Ein Exzess des Interventionismus“ sei dieser Krieg in Südostasien, sagt Kerry in der Rede, die er aus Anlass seines Yale-Abschlusses hält. Seinen Freunden, die über Vietnam nicht viele Gedanken verlieren, sagt er: „Was hier geschieht, wird unsere Generation definieren.“ Doch Kerry schließt sich nicht den Antikriegsdemonstranten an. Stattdessen meldet er sich freiwillig, will als Offizier in den Krieg ziehen.

Er habe den Militärdienst als seine Pflicht gesehen, obwohl er den konkreten Krieg ablehnte, sagte er später einmal, außerdem wäre er ohnehin eingezogen worden. Womöglich habe der ehrgeizige linke Student schon damals kühl kalkuliert, meinen dagegen seine Kritiker: Eine Militärkarriere kann politischen Ambitionen günstig sein.

In Vietnam kommandiert Kerry eines der Schnellboote, die im Mekong-Delta auf Patrouillenfahrt gehen, wo die Guerilleros vom Vietcong Waffen und Nachschub schmuggeln. Freischärler sind von Bauern und Fischern nur schwer zu unterscheiden. Offiziell gelten die Wasserläufe als „Free Fire Zones“. In der Praxis heißt das: Geschossen wird auf alles, was sich bewegt. Die Besatzungen der Schnellboote nehmen bisweilen Frauen mit kleinen Kindern unter Beschuss und geraten ihrerseits in Hinterhalte. Die schnellen Boote sind nicht für den Kriegseinsatz konstruiert und bieten wenig Schutz.

Dreimal wird Kerry von Schrapnells getroffen, für jede Verletzung erhält er ein Verwundetenabzeichen. Er ist ein couragierter Soldat, für manche sogar zu waghalsig. Er rettet einen seiner Männer aus aussichtslos scheinender Lage, und als sein Schiff einmal in einen Hinterhalt gerät, befiehlt er – entgegen allen Vorschriften –, zu landen und die Stellungen des Vietcong anzugreifen. Wie durch ein Wunder bringt er alle seine Leute zurück. Die Truppe hält zusammen. „Sie haben ein bisschen die Cowboys gespielt“, sagt einer von Kerrys Vorgesetzten heute. Nach der Rückkehr in den Ausgangshafen sagt Kerrys Kommandant, er wisse nicht, ob er ihn „vors Kriegsgericht bringen oder für eine Tapferkeitsmedaille vorschlagen soll“. Er entscheidet sich schließlich für Letzteres. Mit zwei solchen Auszeichnungen – dem silbernen und bronzenen Stern – kommt Kerry aus Vietnam zurück. Nach den Maßstäben der Militärs ist er ein Kriegsheld.

Doch Kerrys Rechnung geht nicht auf. Anders als nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Helden nicht als natürliches Führungspersonal in der Heimat willkommen geheißen, sondern als verlorene Generation, zugerichtet in einem sinn- und würdelosen Krieg. Radikale Studenten demonstrieren für den Vietcong, und die Veteranen sind zornig: Die einen sehen sich nicht ausreichend gewürdigt und bilden das Reservoir der radikalen Rechten; andere fühlen sich von einer ruchlosen Regierung verheizt, lassen sich die Haare wachsen, werden Hippies, tendieren selbst scharf nach links.

John F. Kerry kandidiert erfolglos für ein politisches Amt. Als daraus nichts wird, schließt er sich selbst der Antikriegsopposition an, unterstützt die „Veteranen gegen den Krieg“. Unter den langhaarigen, bärtigen Ex-Soldaten ist der smarte, gemäßigte Kerry, der sich immerhin frisiert und eben erst eine Frau aus wohlhabender Familie geheiratet hat, gewissermaßen das herzeigbare Gesicht.

Am 22. April 1971 wird er schlagartig berühmt. Kerry spricht vor dem außenpolitischen Ausschuss des Senats, angetan mit grünem Soldatenblouson, seinen Auszeichnungen und mit einer Frisur, wie sie John Lennon damals, nach seiner Langhaarphase, trug. „Wie können Sie noch irgendeinem Mann befehlen, für einen großen Irrtum zu sterben?“, hebt Kerry an. Amerikanische Soldaten schießen auf Zivilisten, vergewaltigen und brandschatzen, foltern und überziehen ein Land mit Bombenteppichen, wettert er.

Am Abend geht die Szene über die TV-Stationen. Für die einen ist Kerry ein Verräter, der die Soldaten in den Schmutz zieht, für die anderen ein Held. An diesem Abend redet Kerry vor einer Versammlung von 800 Kriegsgegnern. Doch das Senats-Hearing hat eine Schleuse geöffnet. Ende der Woche spricht Kerry in Washington vor einer Viertelmillion Demonstranten.

„Demagoge“. Die Nixon-Regierung sieht in ihm eine bedrohliche Figur. Die randalierenden zotteligen Hippies kann die Regierungspropaganda leicht als „Maoisten“ denunzieren, diesen 27-jährigen Jungen, der wie Kennedy redet, nicht. In den Lagebesprechungen von Nixon und seinen Beratern ist Kerry eine fixe Größe: „Der ist doch ein Schwindler“, sagt Nixon in einer solchen Sitzung. „Ja, der ist ambitioniert und sucht eine Plattform“, antwortet Nixons Berater. Nixons Stab wird in einem Memo instruiert, irgendetwas herauszufinden: „Lasst uns diesen jungen Demagogen zerstören“, lautet der Auftrag.

„Wir haben nichts gefunden“, gestand unlängst Nixon-Berater Charles Colson. „Sie können sicher sein: Hätten wir etwas gefunden, wir hätten es benutzt.“

Wenn Kerry heute im Wahlkampf auf der Bühne steht, sind die Veteranen von damals immer bei ihm. Dabei geht es ihm nicht so sehr darum, sich als großer Kriegsheld zu stilisieren – das hilft auch ein wenig –, und schon gar nicht darum, als überzeugter Kriegsgegner zu erscheinen. Die Botschaft dieser Bilder soll etwas anderes signalisieren, meint das Nachrichtenmagazin „Time“: „Ich habe schon als Mittzwanziger einen Präsidenten erledigt; das kann ich noch einmal.“

Nixons Leute, das räumen auch Kerrys Freunde ein, haben in ihrem Urteil über Kerry möglicherweise nicht ganz falsch gelegen. Kerry hat ausgesprochene Courage und Mut gezeigt, sich an die Spitze der Kriegsgegner zu stellen, aber er hat es auch getan, weil es für ihn in diesem Augenblick die einzige Chance war, ins Rampenlicht zu kommen. Noch im Wagemut Kerrys war ein Schuss Opportunismus, kalte Berechnung eines ehrgeizigen Mannes. Er kann eine Rolle spielen und diese Rolle auch verändern, wenn er glaubt, dass ihm dies nützlich ist.

Kerry lässt die Phase als Aktivist einer außerparlamentarischen Opposition schnell hinter sich, nimmt einen neuen Anlauf, ein Mandat im Kongress zu erringen, scheitert wieder im demokratischen Auswahlverfahren. Kerry ist eine nationale Figur, aber ohne Boden unter den Füßen. Nirgendwo hat er lange gelebt, hat nirgendwo eine Hausmacht. So macht Kerry seinen langen Marsch. Beginnt ein Rechtsstudium, wird Staatsanwalt, verschwindet für ein Jahrzehnt aus dem Lichtkegel der Scheinwerfer. Doch die nächste Gelegenheit zum Comeback nimmt er wahr: 1982 kandidiert er erfolgreich um das Amt des Lieutenant Governor von Massachusetts – eine Art geschäftsführender Gouverneur. Und als zwei Jahre später der Senatssitz des Bundesstaates frei wird, ist Kerry endlich am Ziel: Er kandidiert, gewinnt und ist zurück auf der nationalen Bühne.

„Seine Rockstar-Aura war Vergangenheit“, schreibt die angesehene Tageszeitung „Boston Globe“, die Kerrys Geschichte minutiös recherchiert hat. „Kerry war nun Mr. Mainstream, ein Innenstadt-Anwalt mit einer Frau, zwei Kindern und eleganter Adresse.“ Und bleibt sich doch treu. Er ist ein Einzelkämpfer, immer auf der Suche nach großen, kontroversen Themen und der Aufmerksamkeit, für die diese bürgen. Er wettert gegen Ronald Reagans Wirtschaftspolitik, macht sich stark für nukleare Abrüstung und erhält Informationen zugespielt, dass Amerika unter Ronald Reagan längst wieder, diesmal geheim, in einen schmutzigen Krieg involviert ist. Der Ex-Staatsanwalt wird zum Ermittler und bringt den Iran-Contra-Waffendeal ans Licht.

Derweil zerbricht seine Ehe, Kerry ist wieder Single, immer von Geldsorgen geplagt, macht sich einen Namen als Frauenheld und kommt ins Gerede. 1995 heiratet er Teresa Heinz, die reiche Witwe eines republikanischen Politikers aus bekannter Industriellendynastie (Heinz-Ketchup).

Plötzlich war er nicht mehr nur ein ambitionierter Politiker – sondern ein ambitionierter Politiker mit gefüllter Kriegskasse.

Er hat „einen unglaublichen Überlebensinstinkt“, sagt Jim Shannon, ein einstiger demokratischer Rivale. Kerry lässt seine Ziele nur selten aus den Augen. Umfragen zufolge hat er gute Chancen, George W. Bush zu schlagen: Mit 49 zu 46 Prozent lag er in einer Umfrage, die noch vor seinem Erfolg in New Hampshire gemacht worden war, vor dem Amtsinhaber. Eine Momentaufnahme, gewiss.

Seit mehr als 40 Jahren – seit dem Triumph des Nordstaatlers John F. Kennedy über Richard Nixon – ist es nur Südstaaten-Demokraten wie Jimmy Carter und Bill Clinton gelungen, die Präsidentschaft zu erobern. Kommentatoren erinnern heute gerne an dieses Phänomen, halten das fast für eine Art politische Gesetzmäßigkeit. Schwierig wird es für Kerry in jedem Fall werden.

Und dennoch: 40 Jahre nachdem er von JFK entscheidend geprägt wurde, ist John F. Kerry seinem Lebensziel, selbst Präsident zu werden, immerhin einen großen Schritt näher gekommen. Und er wird kaum etwas unversucht lassen, dass der nächste Herr im Weißen Haus wieder JFK heißt.