Bodenoffensive im Fly-over-Staat

Wer geht für die Republikaner ins Rennen um das Weiße Haus? Diese Woche fällt dafür eine Vorentscheidung. Martin Kilian über den Wahlkampf in der tiefsten Provinz von Iowa.

Warum der Weg ins Weiße Haus ausgerechnet hier beginnt, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Iowa im Mittleren Westen ist eher untypisch für amerikanische Verhältnisse: Seine Bewohner sind zu 96 Prozent weiß. Bedeutende Großstädte gibt es nicht, selbst die Staatshauptstadt Des Moines zählt nur etwa 200.000 Menschen. Das platte Land regiert.

An den Küsten spöttelt man, Iowa sei ein "Fly-over-State“: Man kennt es höchstens aus der Flugzeugperspektive. Hinfahren will keiner.

Aber in den vergangenen Wochen waren verdächtig viele Reisebusse hier unterwegs, bunt wie Litfaßsäulen, mit Lautsprechern, aus denen Musik düdelte, begleitet von Kamerateams und Fotografen: Der Wahlkampf ist nach Iowa gekommen. Diesen Dienstag werden sich in den 99 Landkreisen des Bundesstaats Anhänger der Republikaner in 1784 Schulen, Wohnzimmern und Gemeinschaftszentren versammeln, um für einen der sieben Präsidentschaftsbewerber der Grand Old Party (GOP) zu stimmen. Es ist die erste der Vorwahlen, die zur Ermittlung des endgültigen Kandidaten der Partei für das Rennen um den Einzug ins Weiße Haus dienen, und sie gilt als wichtiges Stimmungsbarometer.

Wer Newt Gingrich möchte, setzt sich an diesem Abend im Jänner zu seinesgleichen in eine Ecke des Raums. Mitt Romneys Fans sitzen in einer anderen Ecke. Michele Bachmanns Bewunderer bilden gleichfalls einen Klüngel. Und so weiter. Dann wird gezählt, ehe spät am Abend in Des Moines der Gewinner der Parteiversammlungen bekannt gegeben wird. So war es immer seit 1972. Und so wird es auch diesmal sein. Es braucht Überzeugung, das ist wahr, um in einer Winternacht einen Kandidaten zu unterstützen und sich dafür hinaus in die klirrende Kälte zu begeben.

Wenige Tage davor ist es neblig über den Feldern, auf denen im Sommer der Futtermais steht. Der Highway 69 führt durch kleine Ortschaften mit großen Getreidesilos. Kirchen grüßen allenthalben. Iowa ist christlich; besonders bei republikanischen Wählern ist Jesus beliebt, weshalb sich die Kandidaten in ihren Bekenntnissen zu ihm überbieten. Fernsehen, Radio, Plakat: Iowas Bevölkerung wurde auch an den Feiertagen unablässig medial berieselt. Politik rund um die Uhr, Jesus dies und Jesus das, Barack Obama muss weg.

Manche Bewerber wie etwa Newt Gingrich, ehemals republikanischer Sprecher des Repräsentantenhauses in Washington, oder Ex-Gouverneur Mitt Romney flogen nur gelegentlich zum Wahlkampf in Iowa ein. Andere Kandidaten bereisen den Staat von einem Ende zum anderen. So etwa die Kongressabgeordnete Michele Bachmann, eine konservative Christin. Wie fast jeder der Bewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur führte auch sie in Umfragen das Feld einmal an. Jetzt ist sie zurückgefallen, weshalb sie beschlossen hat, Iowa in einem Bus zu durchqueren.

Alle 99 Landkreise will Bachmann bis zum Wahltag besuchen. Die Christen mögen sie. "Wir sind zum Schluss gekommen, dass Michele Bachmann biblisch für die Präsidentschaft qualifiziert ist“, konstatierte der ehemalige republikanische Staatsabgeordnete Danny Carroll, ein führender Vertreter des evangelikalen Iowa.

Idyllisch kommt das dünn besiedelte Iowa mit seinen Farmen und Hügeln und seiner Weite daher. Der Schein trügt freilich: Die Selbstmordrate des Staats ist mehr als doppelt so hoch wie die New Yorks. Michele Bachmann, die aus dem Nachbarstaat Minnesota stammt, hat in Iowa hingegen ihren Anker ausgeworfen. Zu Mittag wird sie an diesem Dezembertag in Algona erwartet, in einem Café samt Pralinenbäckerei namens "Chocolate Season“ gleich an der Hauptstraße. Rund 5000 Seelen zählt die Kleinstadt im Norden des Staats. Bachmann ist an diesem Tag rastlos unterwegs, 13 Stopps wird sie einlegen. Und tun, was alle Kandidaten tun müssen: Hände schütteln. Pausenlos lächeln. Die gleiche kurze Rede Stunde um Stunde, Tag für Tag abspulen.

Eine kleine Menge hat sich im Café versammelt. Der Bus rollt vor. Bachmanns Gatte Marcus entsteigt ihm und betritt das Café, wo er vorsorglich warnt, Michele habe kaum Zeit. Ein Interview müsse gemacht werden, danach gehe es sofort weiter zum nächsten Termin. Die Kandidatin ist seit dem frühen Morgen unter der blassen Wintersonne Iowas unterwegs. Im Städtchen Spencer schüttelte sie vor einem Supermarkt Hände. Wer ihre Hand drücken wollte, bekam sie. Mitsamt dem Spruch: Hallo. Ich. Bin. Michele. Bachmann.

Nun kommt sie zur Tür des Cafés herein, klein, energisch, in beigen Hosen und einer blauen Bluse. Die Menge klatscht. Mindy Baker von der Lokalzeitung macht Fotos. CNN hat einen Kameramann zur Stelle. Falls Bachmann etwas Dummes sagt, wird es eine Story geben. Sonst nicht. Die Besitzerin des Cafés beschenkt die Kandidatin mit Pralinen. Altes Rezept, bitte schön! Obama, sagt Michele, müsse eine zweite Amtszeit verwehrt werden. Und sie sei die Wahl der Konservativen. Gegen die Abtreibungsfreiheit, gegen illegale Einwanderung. In den Schlachthöfen Iowas, wo Schweinen der Garaus gemacht wird, schuften die Illegalen aus Zentralamerika. Kein Amerikaner will ihre Arbeit machen.

Arlene ist gekommen, um Bachmann einzuschätzen. Sie ist Mutter, Adoptivmutter, Großmutter. Eine sympathische Frau. Ihre Stimme wird nur erhalten, wer resolut "pro life“ ist - also gegen Abtreibungsfreiheit. Bachmann ist das, allerdings hat sie dadurch keinen Startvorteil bei Arlene: Alle republikanischen Kandidaten sind strikt gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Sogar Mitt Romney, der früher dafür war. Die konservativen Christen in Iowa misstrauen ihm schon deshalb. Außerdem ist Romney Mormone.

Der texanische Gouverneur Rick Perry ist fast so fromm wie Michele. Er erreicht Algona wenige Minuten nach ihr und wendet sich im "Chrome Country Inn“, einem einfachen Restaurant an einer Tankstelle, an die Wähler. Der Raum ist übervoll, Perry spricht auf einer kleinen Bühne. Weihnachtsdekorationen rahmen ihn ein. Was Washington brauche, sei ein "Außenseiter“ wie er, sagt Perry. Die Achse Wall Street-Washington stürze das Land ins Verderben, jawohl, ins Verderben. Vor dem Restaurant parkt Perrys Bus. "Freiheit“ und andere Schlagwörter stehen darauf.

Ein guter Redner ist der Gouverneur nicht. Aber er spricht die richtige Sprache. Außenseiter! Viele neue Jobs in Texas! Keine Schulden mehr in Washington! Über 230 Todesurteile hat Perry in Texas unterzeichnet. Nun lässt er seinen rauen Charme wirken. Den Kongress möchte er nur einen Teil des Jahres einberufen - "wie unser Parlament in Texas!“ Laut klatscht das Publikum, als der Gouverneur einen Verfassungszusatz fordert, der ausgeglichene Haushalte vorschreiben würde. Wie Bachmann hat Rick Perry an diesem Tag bereits mehrere Auftritte hinter sich. Aber ein Perpetuum mobile wie seine Konkurrentin ist er nicht.

Newt Gingrich, dessen Umfragewerte in Iowa gekippt sind, hat dem Staat unerklärlicherweise den Rücken gekehrt. Während Bachmann und Perry über die Prärie tingeln, Hühnerbrüste, Würste und Faschiertes verzehren, um auch damit ihre Volkstümlichkeit zu beweisen, nimmt Gingrich in einem Vorort Washingtons an einer Lesung teil. Seine Gattin Callista stellt ihr Kinderbuch vor. Erst am Freitag vor den Vorwahlen stattet er dem Bundesstaat einen Besuch ab. In Iowa wird dies als Affront betrachtet.

Bachmann ist unterdessen wieder aufgebrochen. Ihr Bus rollt auf die Kleinstadt Humboldt zu, knapp 40 Kilometer südlich von Algona. Dort wartet eine kleine Schar Neugieriger im Restaurant "Miller’s Landing“ auf sie. Ihre kleine Vorausabteilung ist bereits eingetroffen. "Michele wird gleich hier sein“, erklärt ein junger Mann. Im Gastzimmer speisen Familien mit kleinen Kindern an großen Tischen. In einem Nebenzimmer ist eine Bar, an der Bier getrunken wird. Graues Haar überwiegt.

Dann parkt der Bus vor "Miller’s Landing“, die Außenlautsprecher werden eingeschaltet, Johnny Cash singt "I’ve Been Everywhere“ - ich bin überall gewesen. Wie Michele Bachmann. Sie betritt den Raum, trägt jetzt eine Jacke über der blauen Bluse. Einer ihrer Konkurrenten, der texanische Kongressabgeordnete Ron Paul von der Libertarian Party, sagte neulich, die USA sollten sich nicht im Iran einmischen. Paul hasst amerikanische Interventionen. Und neuerdings segelt er in Iowa im Aufwind.

Bachmann appelliert in "Miller’s Landing“ deshalb an die Frommen. An jene, die hinter Israel stehen, komme was wolle. Sie sei Mitglied des nachrichtendienstlichen Ausschusses in Washington, sagt sie, und kenne daher die Geheimnisse. Iran und die Bombe? Wahnsinn! Verrückte seien das in Teheran. Man denke nur an Israel! Dann schüttelt sie Hände. Kommen Sie zu den Parteiversammlungen! Für mich! Bye-bye, see you in January! Johnny Cash dudelt noch immer. Bachmann besteigt den Bus, hastet weiter zum nächsten Termin.

Ein langer Tag wird es werden, für Michele Bachmann dauert er bis in die Nacht. Und gleich am nächsten Morgen geht es weiter. 99 Landkreise. Stets perfektes Make-up. Stets perfektes Lächeln. Ende Dezember lag Bachmann abgeschlagen auf den Rängen, hoffte aber in Iowa immer noch auf ein Wunder. Verliert sie den Bundesstaat, ist es so gut wie sicher vorbei. Alle vier Jahre einmal wird Iowa umworben. Danach sind die Busse weg, und es ist wieder Teil der Fly-over-Zone.


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