USA: Sein Name war „Katrina“ - Die Chronologie der Katastrophe in Lousiana

Wie der Hurrikan Katrina den Süden der USA heimsuchte und das ganze Land in die Krise stürzte.

Ein namenloses Tief
Dienstag, 23. August

Dienstag vorvergangener Woche, um fünf Uhr Nachmittag Ortszeit veröffentlichte das amerikanische National Hurricane Center in Miami, Florida, eine Routineaussendung. Deren Inhalt: Die Behörden der Bahamas haben für den zentralen und nordwestlichen Teil der Inselgruppe eine Sturmwarnung gemeldet. Das „tropische Tief Nummer zwölf“ befinde sich etwa 23,2 Grad nördlicher Breite und 75,5 Grad westlicher Länge, etwa 280 Kilometer nordöstlich von Nassau, der Hauptstadt der Bahamas. Das Tief bewege sich mit einer Geschwindigkeit von 13 Stundenkilometern in nordwestlicher Richtung, die Windstärke betrage maximal 55 Stundenkilometer. Das klang nicht allzu alarmierend, auch wenn die Meldung die Warnung enthielt, das Tief „könnte im Lauf des Mittwoch zu einem tropischen Sturm werden“.
Der Inhalt des Bulletins des National Hurricane Center wurde in den Zeitungen als Kurzmeldung wiedergegeben, für Florida gab es Sturmwarnung.

In New Orleans verschwendete Dienstagabend wohl kaum jemand einen Gedanken an das „tropische Tief Nummer zwölf“, schon gar nicht die Nachtschwärmer im Vergnügungsviertel French Quarter. Wie jeden Abend war dort ordentlich was los. Im Club 544 spielte die All Purpose Blues Band, im Crescent City Brewhouse die New-Orleans-Beat-Street-Combo, und im Checkpoint Charlie war eine akustische Jam-Session angesagt.
1500 Kilometer weit südostlich gewinnt der Sturm an Kraft.

Katrina
Mittwoch, 24. August

An diesem Morgen stellen die Hurrikan-Experten fest, dass das tropische Tief Nummer zwölf zu einem tropischen Sturm angewachsen ist. Er bekommt zur Katalogisierung einen Namen: „Katrina“.
Katrina bewegt sich zunächst langsam vorwärts in Richtung Florida. Dort werden die Warnungen verstärkt. In Downtown New Orleans tönt auch an diesem Abend Jazz. Auf dem Restaurantschiff Creole Queen spielt die New Orleans Spice Jazz Band, im Checkpoint Charlie gibt es Blues von einem gewissen Domenic.
Katrina hat sich hier noch keinen Namen gemacht.

Ein Vorgeschmack: Florida
Donnerstag, 25. August

Katrina wird zum Hurrikan hochgestuft und lauert vor der Küste Floridas. Im Inneren des Wirbels werden Winde von 120 Stundenkilometern gemessen, ganz langsam kommt Katrina näher. Am Donnerstagnachmittag liegt das Auge des Hurrikans 40 Kilometer vor der Stadt Fort Lauderdale. Am Abend schließlich fegt der Hurrikan mehrere Stunden über den Süden Floridas, deckt Dächer ab, verwüstet drei Wohnwagenparks. Sieben Menschen sterben.
Katrina ist noch nicht am Ende. Bis New Orleans sind es noch etwa 890 Kilometer.

Sorge um New Orleans
Freitag, 26. August

In der Früh wird Katrina vorübergehend zu einem tropischen Sturm herabgestuft, doch auf dem Weg nach Süden über den Golf von Mexiko baut sich die Kraft des Sturmes wieder auf. Katrina nimmt erneut Kurs auf die USA, diesmal sind die Bundesstaaten Mississippi und Louisiana bedroht. Die Prognosen sind beunruhigend: Katrina soll Montagnachmittag das Festland erreichen und bis dahin zu einem Hurrikan der Kategorie 4 anwachsen – das bedeutet Windgeschwindigkeiten zwischen 210 und 249 Kilometern pro Stunde.
Die Behörden der beiden Bundesstaaten rufen den Notstand aus. Kathleen Blanco, Gouverneurin von Louisiana sagt, „sehr gute Evakuierungen“ seien geplant. Die Sorge gilt vor allem New Orleans, der großteils unter dem Meeresspiegel liegenden 35-größten Stadt der USA.
Nun ist „The Big Easy“ gewarnt. Auf die „große Leichtlebigkeit“ der Metropole des Südens, der New Orleans ihr Pseudonym verdankt, warten schwere Prüfungen.

TV-Sender veröffentlichen Verhaltensregeln für den Ernstfall. Unter dem Titel „Jetzt vorbereiten!“ listet die auf Kanal 26 sendende lokale TV-Station des Fernsehnetworks ABC Tipps auf, welche Vorräte man einlagern soll, welcher Teil des Hauses der sicherste ist und wie man dessen Stabilität erhöhen kann, „wenn Sie 1500 Dollar erübrigen können“.
Doch dafür ist es längst zu spät.

„It’s time to get busy“
Samstag, 27. August

Elaine Collins, Angestellte an einem staatlichen Spital, bekommt am Vormittag die Anweisung, mit all ihren Kollegen das Krankenhaus zu räumen. Sie ruft ihren Ehemann an, teilt ihm mit, dass sie die Stadt verlassen wird. Ihre Tochter Taishi arbeitet in einem Innenstadthotel von New Orleans, sie will bleiben. Die Wege der Familienmitglieder trennen sich. Tage später wird Elaine verzweifelt per Internet ihren Ehemann und ihre Tochter suchen.

Das Auge des Hurrikans Katrina bewegt sich mit rund elf Kilometern pro Stunde in Richtung Westen. Doch bald, so prognostizieren Wetterforscher, werde Katrina nach Nordwesten drehen, möglicherweise direkt auf New Orleans zu.
„It’s time to get busy“, rät ABC auf Kanal 26. „Schließen Sie Fensterbalken, befestigen Sie Pressspanplatten vor den Fenstern und Glastüren!“

Die Flucht
Sonntag, 28. August

Die Flucht beginnt. „Das hier ist kein Test. Das hier ist die Wirklichkeit. Dieser Hurrikan hat New Orleans im Visier“, warnt Bürgermeister Ray Nagin in einer Pressekonferenz. Alle Autobahnen in Louisiana und Mississippi werden ausschließlich für den Verkehr in Richtung Norden eingerichtet. Kilometerlange Autoschlangen entfernen sich von New Orleans. Die Evakuierung der Stadt ist theoretisch verpflichtend – wer jedoch bleiben will, wird nicht daran gehindert. Alle Flüge aus New Orleans sind ausgebucht, egal welche Destination sie ansteuern. Wer keinen Flug mehr bekommt oder kein Auto besitzt, ist arm dran.
Steve Godfrey, Fahrradaktivist aus New Orleans, flieht per Fahrrad. Den ganzen Tag ist er unterwegs, ehe er das 120 Kilometer entfernte Baton Rouge erreicht.

Die Autofahrten werden zur Geduldsprobe, an Tankstellen ist der Treibstoff ausverkauft, Hotels überbelegt. Ein Journalist des TV-Senders 11 News berichtet von der allerletzten offenen Tankstelle entlang der Interstate-Ausfallstraße. In einem Auto zählt er drei Personen, neun Hunde und vier Katzen. Wer endlich in einem Motel strandet, versucht, Nachrichten über sein zurückgelassenes Haus zu bekommen. „Alles, was ich besitze, kenne und liebe, steht knapp davor, überschwemmt zu werden“, schreibt ein New-Orleans-Flüchtling in einem Weblog.
„Je länger Sie zuwarten, umso größer wird die Gefahr und umso schwieriger das Entkommen“, warnt ABC auf Kanal 26.

Im Superdome, in dem in der Football-Saison bis zu 77.000 Zuschauer die Spiele der New Orleans Saints verfolgen, werden Plätze zugeteilt, Lebensmittel ausgegeben. 9000 Menschen haben in dieser Notunterkunft bisher Zuflucht gesucht, hunderte davon in Rollstühlen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, wie wenig geeignet das Stadion als Massenquartier sein wird: Die Klimaanlage ist nicht an die Notfallaggregate angeschlossen, im Falle eines Hochwassers sind die sanitären Anlagen nicht benutzbar.

Doch vorerst erscheint all das zweitrangig. „Ich will nur in Sicherheit sein“, sagt Curtis Cockran, 54, Diabetiker und gehbehindert.
Der nationale Wetterdienst gibt eine dramatische Mitteilung heraus: „Große Gebiete werden für mehrere Wochen oder länger unbewohnbar sein. Menschen, Haustiere und Vieh, die dem Sturm ausgesetzt sind, werden die Begegnung mit Sicherheit nicht überleben.“
Katrina wird auf die Kategorie 5 hinaufgestuft und steuert mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 280 Stundenkilometern auf die Küste zu. Wirbelstürme dieser Stärke können kleinere Häuser einfach umblasen.
„Gott schütze uns“, sagt Bürgermeister Nagin.

Es hätte schlimmer kommen können
Montag, 29. August

Der Tag der angekündigten Katastrophe. „Oh mein Gott, er kommt“, schreibt ein Bewohner von New Orleans in einem Weblog. Um 6.10 Uhr Ortszeit erreicht Katrina südlich von New Orleans die Küste von Louisiana. Das Zentrum des Hurrikans verfehlt die Stadt, Katrina ist zuvor etwas nach Osten abgedriftet.

Die meisten Dämme halten, heißt es zunächst, nur im Osten der Stadt sei das Wasser an einigen Stellen über die Dämme in die Straßen geschwappt. Der Strom fällt aus, Teile des Telefonnetzes sind lahm gelegt, das Dach des Superdome ist beschädigt.

Doch das Schlimmste scheint überstanden, und es hätte schlimmer kommen können. Man spricht von 55 Toten, erheblichen Schäden, und Bürgermeister Nagin sagt, es werde noch etwa 48 Stunden dauern, bis die Bewohner in die Stadt zurückkehren könnten. Katrina wird Montagabend wieder zu einem Tropensturm herabgestuft.

In der 125 Kilometer östlich von New Orleans gelegenen Stadt Biloxi haben sich Menschen in Baumkronen geflüchtet. Das Wasser steht meterhoch. Der Sturm hat das Meer zwischen den Städten Gulfport und Biloxi um mehr als sechs Meter ansteigen lassen und ins Landesinnere vorgetrieben.

Im French Quarter fahren Polizeistreifen durch die Straßen und geben über Lautsprecher Anweisungen: „Das French Quarter ist geschlossen. Es herrscht Notstand. Verlassen Sie die Straßen, oder Sie werden festgenommen.“ Doch die verbliebenen Bewohner atmen auf, ihnen ist fast nach Feiern zumute. Johnny White’s Sport Bar in der Bourbon Street hat geöffnet.
Es ist alles gut gegangen.

Die Stadt geht unter
Dienstag, 30. August

Als Jessica Fremarek in der Früh aus ihrer Erdgeschoßwohnung mit Seeblick zum Fenster hinaussieht, gerät sie in Panik. Das Wasser steigt bedrohlich an. Innerhalb von zehn Minuten steht die Wohnung unter Wasser. Jessica und ihr Freund Donny Le fangen ihre sechs Katzen ein und laufen eine Etage höher, brechen dort in eine Wohnung ein und bringen sich in Sicherheit.

Plötzlich beginnt das Wasser überall in New Orleans zu steigen. Der Damm des 17th Street Canal ist auf einer Länge von 60 Metern gebrochen. Im Damm des London Avenue Canal klafft ein Loch von über 100 Metern, und auch der Damm des Industrial Canal hat dem Druck an zwei Stellen nicht standgehalten.

Straßen in New Orleans, die unmittelbar nach dem Sturm frei waren, sind jetzt überflutet. Auch rund um den Superdome steht das Wasser knietief. Pumpen fallen aus, die Versuche, die Dämme mit Sandsäcken zu reparieren, schlagen fehl, hilflos müssen die Behörden zusehen, wie sich die Senke, in der New Orleans liegt, mit Wasser füllt.

Katrina hat mit Verzögerung zugeschlagen. Die Bevölkerung hat den Hurrikan einigermaßen überstanden, doch jetzt geht sie in die Falle.
In der Stadt Slidell im Bundesstaat Louisiana wagen sich zwei Bewohner am Dienstag zurück in ihr Haus, das sie aus Angst vor dem Hurrikan verlassen hatten. Um 11.53 Uhr werden sie tot aufgefunden.
An einer Straße nahe Bay St. Louis, im Bundesstaat Mississippi, treffen Reporter einen Mann namens Joe O’Neil, der nur mit kurzen Hosen bekleidet ist. O’Neil hatte versucht, Katrina in seinem Haus zu trotzen, wo er sich hinter dem Kamin versteckt hielt. Als sich der Sturm gelegt hatte und das Wasser stieg, schwamm O’Neil durch das Fenster und weiter in Richtung Hauptstraße, die er nach Stunden erreichte. Von dort ging er barfuß zur nächsten großen Kreuzung und wartete. Während die Reporter mit ihm sprechen, hält ein Lastwagen, und eine Frau springt schreiend heraus. Es ist Joe O’Neils Schwester. Sie hat es nicht für möglich gehalten, dass ihr Bruder lebend davongekommen ist.
In der Canal Street in New Orleans stürmen Leute die Geschäfte. Ein Mann mit einem Dutzend Jeans am Arm wird von einem Reporter gefragt, ob er die Sachen aus seinem Laden retten wolle. „Nein, der Laden gehört jetzt uns allen!“, ruft der Mann.

Montagabend hatte es noch geheißen, dass alles viel schlimmer hätte kommen können. Jetzt kommt es so schlimm, wie es kommen kann. Unzählige Bewohner sitzen hilflos auf den Dächern der Häuser, der Superdome ist von der Außenwelt abgeschnitten. Gouverneurin Blanco sagt vor Journalisten, sie suche nach Möglichkeiten, die Leute aus dem Stadion zu bekommen, und kämpft mit den Tränen. „Es bricht einem das Herz“, sagt sie.

Es wird Abend in New Orleans. Alle Hoffnungen des Vortags wurden enttäuscht. Die Gebete wurden nicht erhört, die Stadt ist untergegangen.
Helfer werden angewiesen, sich nicht um Leichen zu kümmern, solange Menschen gerettet werden können. Um 6.41 Uhr werden die Versuche, den geborstenen Damm am 17th Street Canal wieder dicht zu kriegen, erfolglos abgebrochen. Das Wasser erreicht langsam eine Höhe und damit auch Tiefe von bis zu fünf Metern.

Trent Lott, der Senator aus Mississippi, fordert Präsident George W. Bush auf, den schwer getroffenen Bundesstaat zu besuchen: „Die Bewohner von Mississippi sind am Boden zerstört. Sie brauchen Ihre Hilfe!“
Als die Nacht hereinbricht, schätzt Bürgermeister Ray Nagin, dass noch „hunderte, wenn nicht tausende auf Dächern und Dachböden festsitzen und sich an Rohren festhalten“. 3000 Menschen waren bereits gerettet worden.

Im French Quarter, einem der am höchsten gelegenen Bezirke der Stadt, bleibt Johnny White’s Sport Bar auch Dienstagabend geöffnet, berichtet eine Lokalzeitung. Sechs Gäste trinken an der Bar.

„Help us“
Mittwoch, 31. August

Der Tag bricht an, und das Wasser steigt nicht mehr, weil der Pegel in der Stadt dieselbe Höhe erreicht hat wie der Pontchartrain-See.
Wo immer ein Stück Land aus den Fluten ragt, versammeln sich Menschen und warten. Mehrere hundert Bewohner stehen verloren an der Auffahrt zur St.-Claude-Brücke, inmitten von zersplittertem Glas, Plastiksäcke mit ihren Habseligkeiten in Händen. Sie wurden hier abgesetzt, nachdem man sie von Hausdächern gesammelt hatte, und hoffen, irgendwo anders hingebracht zu werden.
Einer der Ingenieure sagt in einem Interview, die Dämme um die Stadt seien nur für Hurrikane der Kategorie 3 dimensioniert worden, „das war unser Auftrag“. Das Loch am 17th Street Canal soll neuerlich mit Sandsäcken gefüllt werden.

Die Plünderungen werden immer beängstigender. Ein Großmarkt der Handelskette Wal-Mart im Lower Garden District wird völlig leer geräumt, unter anderem fehlen die Schusswaffen, die es dort zu kaufen gab. Ein Polizist erleidet eine Schussverletzung am Kopf. Die Behörden stocken die Zahl der bewaffneten Beamten um weitere 70 auf und schicken ein gepanzertes Fahrzeug. Doch die Mehrheit der Einsatzkräfte ist weiterhin damit beschäftigt, Menschen zu retten. Viele Bewohner wagen es nicht mehr, ihre Unterschlupfe zu verlassen. Ein Autofahrer wird mit vorgehaltener Waffe gezwungen auszusteigen. Banden ziehen systematisch plündernd durch die Stadt. Ein gestohlener Gabelstapler dient dazu, Rollläden von Geschäften aufzubrechen.

Zwei Kinder stehen wie viele andere auf dem Dach eines Wohnblocks und halten ein Schild mit der Aufschrift „Help us“.
Auf einem anderen Dach steht mit roter Farbe geschrieben: „Diabetiker, Herztransplantation, brauche Abtransport“. Ein Blackhawk-Hubschrauber holt acht Personen ab.

Die Österreicherin Dagmar Schröder, die an ihrem Arbeitsplatz, einem Hotel im French Quarter von New Orleans, ausgeharrt hat, nützt die Tatsache, dass das Viertel noch nicht überschwemmt ist, und bricht in ihrem Auto, trotz der Ungewissheit, wie weit sie kommen wird, Richtung Westen auf: „Kommunikation war nur mehr über SMS möglich. Alles andere ist zusammengebrochen“, sagt die 22-Jährige später zu profil. Sie schafft es über Baton Rouge nach Houston.

Um drei Uhr nachmittags fliegt Präsident Bush, der seinen Urlaub in Texas abgebrochen hat, an Bord der Air Force One in niedriger Höhe über das Katastrophengebiet und weiter nach Washington. Später hält er vom Rose Garden des Weißen Hauses aus eine kurze Ansprache und sagt, der Wiederaufbau von New Orleans werde Jahre dauern, „aber wir werden es schaffen“. Die „New York Times“ schreibt von der „schlechtesten Rede des Präsidenten“. Bush sei einen Tag zu spät an die Öffentlichkeit getreten und habe bloß technische Details abgelesen und keine Betroffenheit spüren lassen.

Bürgermeister Ray Nagin schätzt, dass „tausende“ in New Orleans ums Leben gekommen sind und die Zahl rasch steigt. Rettungskräfte, die zu bestimmten Adressen gerufen werden, finden sich nicht zurecht, weil die Straßenschilder unter Wasser sind. Gerettete sind von Hitze und Mangel an Trinkwasser extrem geschwächt.

Im Superdome herrschen Hitze, Gestank und Enge. Es sind die Ärmsten der Stadt, die hier auf Hilfe warten. Fünf Personen sollen bereits gestorben sein: drei Kranke, ein Flüchtling und ein Mann, der sich von der Tribüne gestürzt haben soll. Außerdem soll es unter den Eingeschlossenen zu Gewalt und sexuellen Übergriffen gekommen sein. Die Evakuierung des Superdome beginnt am Abend. Busse bringen die erste Gruppe nach Houston, Texas, in das Astrodome-Stadion.
Am Abend verhängt Bürgermeister Ray Nagin das Kriegsrecht, obwohl die Justizbehörden von Louisiana ihm diese Kompetenz absprechen. Nagin weist die Polizei an, „zu tun, was nötig ist“, um die Kontrolle über die Stadt wiederzugewinnen.

Anarchie und Chaos
Donnerstag, 1. September

In New Orleans herrscht Anarchie. Auch die Evakuierung des Superdome muss unterbrochen werden, weil ein Militärhubschrauber, der den Einsatz aus der Luft überwachen soll, beschossen wird. Am Superdome werden immer wieder Feuer gelegt. Die Nationalgarde verspricht, weitere 100 bewaffnete Beamte zu entsenden. „Das reicht nicht, wir brauchen 1000“, antwortet der Chef der Evakuierungseinheit, Richard Zeuschlag.

Insgesamt sind im Katastrophengebiet 28.000 Soldaten im Einsatz, so viele wie nie zuvor nach einer Naturkatastrophe in den USA. Doch auch am vierten Tag nach der Katastrophe herrscht unvorstellbares Chaos.
Norman McSwain, Unfallchirurg an der Charity-Klinik, richtet via Nachrichtenagentur Associated Press einen verzweifelten Appell an die Öffentlichkeit. Lebensmittel und Strom gingen zur Neige, die Patienten müssten in die oberen Stockwerke des Gebäudes gebracht werden, um sie vor Plünderern zu schützen. Die Kranken bekämen nur noch Fruchtbowle zu essen, alles andere sei aufgebraucht, so der Arzt.
Die Hilfsteams versuchen, per Hubschrauber die Krankenhäuser zu erreichen, doch sie werden immer wieder von entnervten Anrainern beschossen, die selbst gerettet werden wollen.

Immer wieder brechen Busse mit Flüchtlingen vom Superdome in Richtung Texas auf, doch weil die Evakuierung nur sehr langsam vonstatten geht, brechen zwischen den Flüchtlingen immer wieder Kämpfe um die Sitzplätze in den Bussen aus.

Entlang der Ausfallstraßen betteln Menschen mit Bechern um Trinkwasser. In den Fluten treiben Leichen, die Seuchengefahr wächst, die Regierung ruft den Gesundheitsnotstand aus.

Eine nationale Schande
Freitag, 2. September

Nach der Flut wird New Orleans von der nächsten Plage heimgesucht: Flammen. In den frühen Morgenstunden wird die völlig unbeleuchtete Stadt von Feuern erhellt, die nach Explosionen im Bereich einer Eisenbahnremise ausgebrochen sind. Polizisten kommen nicht zum Dienst, in manchen Gegenden fehlen bis zu 60 Prozent der Beamten.
Ein Flut-Flüchtling, der im Convention Center Aufnahme gefunden hat, berichtet, Kranke und Alte würden sterben, Frauen und Kinder geschlagen und vergewaltigt.

Erneut versucht die Armee, die Löcher in den Dämmen mit Sandsäcken zu stopfen.
Doch die Bewohner der Katastrophenregion sind mit ihrer Geduld am Ende. Am fünften Tag, seit Katrina wütete, ist die Evakuierung immer noch nicht in vollem Gang, die Versorgung der Eingeschlossenen mangelhaft und die Sicherheitssituation unerträglich.

Der österreichische Universitätsprofessor Manfred Prisching sitzt immer noch im schwer beschädigten Hyatt Regency Hotel von New Orleans fest – bei 36 Grad Hitze, ohne Strom und funktionierende Sanitäreinrichtungen und mit einem halben Liter Wasser pro Tag. Martin Krämer, österreichischer Generalkonsul in Washington, hat schlechte Nachrichten für Prisching: „Die US-Behörden rechnen mit bis zu weiteren sieben Tagen, ehe Ausländer die Stadt verlassen können werden.“
Bürgermeister Ray Nagin geht in einem Interview mit der Regierung hart ins Gericht: „Die haben keinen blassen Schimmer, wie es hier zugeht.“ Die Einsatzkräfte seien in jeder Hinsicht überfordert, schimpft Nagin und fordert mehr Polizei, mehr Busse, mehr von allem: „Jeder verdammte Greyhound-Bus der Nation sollte auf dem Weg hierher sein!“ Recht deutlich auf Präsident Bush anspielend, verlangt Nagin: „Jemand muss seinen Arsch hierher bewegen.“ Nagin, zu diesem Zeitpunkt de facto der Bürgermeister eines Stausees, hat wenig zu verlieren, und umso mehr will er loswerden: „Da sind tausende gestorben, und jeden Tag sterben weitere tausende, und wir können es nicht auf die Reihe bekommen, die Hilfe zu organisieren?“

Der Zorn ist allgegenwärtig. Flüchtlinge im Superdome brüllen in die TV-Kameras und Mikrofone, und auch die vor Ort arbeitenden Journalisten verlieren die Fassung. Ein Reporter schnauzt die Senatorin von Louisiana, Mary Landrieu, an, er verstehe nicht, weshalb die Politiker einander permanent zu ihrem Einsatz gratulierten, während in den Straßen die Leichen von Ratten angefressen würden. Landrieu erwidert, es werde einen Zeitpunkt geben, an dem „all diese Dinge erörtert“ werden könnten.

Eine CNN-Moderatorin stellt Michael Brown, dem Direktor der staatlichen Krisenmanagement-Agentur FEMA, die Frage, warum in der indonesischen Provinz Banda Aceh zwei Tage nach dem Tsunami Lebensmittel aus der Luft abgeworfen werden konnten, während in New Orleans fünf Tage nach Katrina derartige Hilfe ausbleibe. Brown verteidigt sich: Er wolle „nicht beurteilen, weshalb viele Bewohner New Orleans trotz der Zwangsevakuierung in der Stadt geblieben seien“, aber die hohe Opferzahl sei letztlich darauf zurückzuführen. Angesichts der Umstände verliefen die Hilfsmaßnahmen „relativ gut“.

Diesen Eindruck teilten nur wenige. Zudem war die so genannte „Zwangsevakuierung“ nicht viel mehr als ein Aufruf, die Stadt zu verlassen. Ein Zehntel der Bewohner von New Orleans besaß bereits vor der Katastrophe kein Auto, viele waren somit gar nicht in der Lage zu fliehen.

Es sei „eine nationale Schande“, wie langsam die Hilfe eintreffe, urteilt Terry Ebert, der Sicherheitschef von New Orleans. „Ich schäme mich für Amerika“, sagt die Kongressabgeordnete Carolyn Cheeks Kilpatrick.
Schließlich muss auch Präsident Bush eingestehen, dass die Hilfsmaßnahmen unzureichend seien. Am späten Vormittag fliegt er in die Krisenregion und macht sich erstmals vor Ort ein Bild der Situation. „Was nicht gut funktioniert, werden wir dazu bringen, dass es gut funktioniert“, sagt der Präsident, „wir werden hier wieder Ordnung schaffen.“

Katrina hat sich von New Orleans längst in nordöstlicher Richtung entfernt und Neu-England erreicht. Die letzte vom National Hurricane Center veröffentlichte Warnung mit der Nummer 37, am Mittwoch um elf Uhr Nacht, hält fest: „Die Reste von Katrina sind in der Frontalzone absorbiert worden.“

Katrina gibt es nicht mehr. Der Hurrikan hat eine Woche existiert. Die Bewohner der Südstaaten werden ihn nie vergessen.

Von Robert Treichler
Mitarbeit: Simone Leonhartsberger, Monika Zach