Uwe Scheuch, der verhinderte Haider:
Größte BZÖ-Hoffnung steht im Abseits

Der Triumph des BZÖ in Kärnten hat ausgerechnet die größte Hoffnung der Partei ins Abseits gestellt. Jetzt bleibt Uwe Scheuch nur noch der undankbare Job des BZÖ-Bundesobmanns.

Von Herbert Lackner

Niemand kann sagen, er habe Gerhard Dörfler nicht nach Kräften unterstützt. Er hatte den Landeshauptmann rechtzeitig zurückgepfiffen, als dieser den FPÖ-Spitzenkandidaten Mario Canori im Wahlkampf unverblümt als gekauftes Subjekt dargestellt hatte. Und nach Dörflers Negerwitz verbat er sich eine „Überbewertung“: Dörfler habe halt „zu manchen Dingen eine einfache Einstellung“.

Nein, Uwe Scheuch , 39, Obmann des Kärntner BZÖ, war solidarisch und hatte am Wahlsonntag dem BZÖ-Spitzenkandidaten Gerhard Dörfler, für jeden sichtbar, begeistert zugejubelt.

Niemand könnte es Scheuch verdenken, hätte er sich einen etwas weniger deutlichen Wahlsieg als einen mit 45,5 Prozent gewünscht. Vielleicht wäre dem BZÖ damit sogar besser gedient gewesen. Dann wäre jetzt er, Uwe Scheuch, Landeshauptmann. Denn jedes Ergebnis unter der 40-Prozent-Marke hätte Gerhard Dörflers Position infrage gestellt, das war informell paktiert worden. Eigentlich war er ja von Anbeginn der logische Nachfolger Jörg Haiders. Dass es dann der 53-jährige Gerhard Dörfler wurde, ist wohl der Dramatik der Morgenstunden des 10. Oktober 2008 zuzuschreiben: Dörfler war als Landeshauptmannstellvertreter und dienstältestes Regierungsmitglied rein protokollarisch einfach an der Reihe.

Aber der Regierungschef aus Himmelberg wird über die Kärntner Landesgrenzen hinaus kaum wahrnehmbar und den schwächelnden BZÖ-Landesgruppen in Restösterreich keine Hilfe sein. Scheuch wäre dies zuzutrauen gewesen. Der Spross einer nationalen Großbauernfamilie aus dem Mölltal – dort, wo es schon Richtung Großglockner geht – ist der vielleicht einzige Hoffnungsträger seiner Partei, der in den großen Schuhen Jörg Haiders nicht ganz verloren ginge.

Er hat seinen BZÖ-Kameraden einiges voraus: Nach einem Studium an der Universität für Bodenkultur in Wien ist er Diplomingenieur und damit einer der wenigen Akademiker in der BZÖ-Führung (Diplom­arbeitsthema: „Der Bauernwald in Ober­kärnten“). Seine Landesgruppe ist die einzige funktionierende; um Uwe Scheuch komme man in der Partei nicht mehr herum, heißt es. Und er hat als Kurzzeit-Generalsekretär und Nationalratsabgeordneter schon am Wiener Parkett geprobt.

Überdies kommt er bei seinen Fernsehauftritten recht gut über den Schirm. Scheuch neigt nicht zu ungelenken Scherzen wie Gerhard Dörfler und ist – wie Jörg Haider – nicht von der Politik abhängig. ­Gemeinsam mit seinem Bruder Kurt bewirtschaftet er in Mühldorf den traditionsreichen Sternhof, der schon zu Napoleons Zeiten ein Widerstandsnest der Heimat­bewussten gewesen war. 40 Hektar Land­wirtschaft und 80 Hektar Wald umfasst das Gut. Außerdem besitzen die Scheuchs zwei ertragreiche Schotterwerke.

Den Grundstein für den ansehnlichen Familienbesitz hatten die Vorfahren gelegt. Der für das politische Brüderpaar wohl wichtigste Ahn ist ihr Großvater Robert Scheuch. Der Patriarch war einer jener „freien Bauern“ in Kärnten, die sich nicht an Habsburgs Vielvölkermonarchie und der Kirche orientierten, sondern am großen Deutschland. Folgerichtig waren sie vom aufkommenden Nationalsozialismus mit seinem Blut-und-Boden-Fimmel schwer begeistert. So auch Robert Scheuch. Der Großbauer war schon seit 1935 NSDAP-Mitglied, machte Karriere als lokaler Bauernführer und brachte es schließlich bis zum Sektionschef im NS-Landwirtschaftsministerium. Dieses wurde damals von Anton Reinthaler geleitet, 1956 einer der Gründerväter der FPÖ. Robert Scheuch gehörte zur Gründergeneration der FPÖ-Vorgängerpartei VdU. Von 1949 bis 1966 saß er für VdU und FPÖ im Nationalrat.

Opa Robert hatte sich während der Nazi-Herrschaft wohl nichts zuschulden kommen lassen – im diesbezüglich zuverlässigen Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands gibt es unter seinem Namen keinen Eintrag. Welcher Geist in der Familie geherrscht haben mag, blitzt dennoch in manchen Äußerungen von Enkel Uwe auf. Als sich der Kärntner SPÖ-Abgeordnete Walter Posch 2003 im Nationalrat für die finanzielle Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde starkmachte, fuhr ihm Scheuch in die Parade: „Unterstützen wir lieber unsere Bergbauern!“ Als Posch nicht lockerließ, ging es mit Scheuch durch: „Das darf doch nicht wahr sein! Das werde ich ein paar Kärntner Freunden erzählen!“, vermerkt das stenografische Protokoll des Nationalrats. Von profil damals auf die NS-Vergangenheit angesprochen, reagierte Scheuch wortkarg: „Es steht mir nicht zu zu beurteilen, was in den dreißiger und vierziger Jahren geschehen ist.“ Ähnlich hatte Jörg Haider reagiert, wenn er auf die Nazi-Vergangenheit seines Vaters angesprochen wurde.

Rechtsdrall. Scheuch war bezeichnenderweise nie am liberalen Flügel seiner Partei anzutreffen. Als die Rechten im September 2002 in Knittelfeld gegen die von Susanne Riess-Passer geführte FPÖ-Regierungsfraktion putschten, focht er an der Seite Jörg Haiders, Ewald Stadlers, Andreas Mölzers und Heinz-Christian Straches. Der Knittelfelder Auftritt seines Bruders Kurt, damals FPÖ-Nationalrat, gehört inzwischen zur politischen Folklore: Jörg Haider hatte Kurt Scheuch aufgefordert, den zwischen ihm und Susanne abgeschlossenen (Schein-)Pakt auf dem Rednerpult zu „zerreißen“. Der eilfertige Scheuch verstand das Kommando falsch und zerfetzte das Papier nicht verbal, sondern buchstäblich.

Nach den Nationalratswahlen von 2002 schickte Haider den nicht weniger ehrgeizigen Uwe in den Nationalrat, um auf die nun von Herbert Haupt geführte FPÖ-Regierungstruppe aufzupassen. Entschlossen stemmte sich Scheuch mit sieben weiteren Rebellen gegen die Schüssel-Haupt-Pensionsreform, musste aber schließlich klein beigeben: Bei abermaligen Neuwahlen hätte die FPÖ damals wohl nicht einmal mehr den Einzug in den Nationalrat geschafft.

Wenige Monate später, im Juni 2004, schlug sich das Brüderpaar Scheuch wie selbstverständlich wieder auf die Seite des rechten Flügels. Abermals im Verein mit Strache, Stadler, Graf & Co unterstützten die Scheuchs bei der Wahl des Europaparlaments die FPÖ-interne Vorzugsstimmenkampagne für den Nationalen Andreas Mölzer, wodurch der liberale Hans Kronberger leer ausging. Erst im Frühjahr 2005, als Strache FPÖ-intern immer mehr an Macht gewann, zogen sie mit dem der Konfrontation ausweichenden Jörg Haider ins neu gegründete BZÖ ab. Wenn Uwe Scheuch also mit Strache über eine mögliche CDU/CSU-Lösung diskutiert (das BZÖ tritt nur in Kärnten an, dafür hält sich dort die FPÖ raus), dann reden keine Fremden miteinander.

Inhaltlich passt Uwe Scheuch , wie die meisten seiner Kameraden, sowohl ins BZÖ wie in die FPÖ. Er war für „Asylanten auf die Saualm“, will keine weiteren Ortstafeln („Das Gesetz ist erfüllt“) und startete eine Unterschriftenaktion gegen das Satirikerduo Stermann und Grissemann, die den Trauerkult um Jörg Haider verulkt hatten. Für das im Vorjahr vom Kärntner Landtag verabschiedete „Moscheenverhinderungsgesetz“ zeichnete er als für Raumplanung zuständiger Landesrat verantwortlich.

2007 verstieg er sich etwas. Als Tierschutzreferent der Landesregierung dachte er ausgerechnet in einem Interview in der „Kronen Zeitung“ laut darüber nach, ob nicht schon lange in einem Tierheim lebende Hunde und Katzen aus Kostengründen einfach eingeschläfert werden sollten: „Es ist nicht Aufgabe der öffentlichen Hand, sie ewig durchzufüttern.“ Die Tierschützer kochten. Einige Monate später legte Scheuch mit einem mehr als fragwürdigen Vergleich nach: „Was hat ein 18-jähriger herrenloser Hund denn noch für eine Perspektive? Die Tiere, die unseren Schutz brauchen, sollen ihn auch bekommen. Das ist wie bei den Flüchtlingen.“

SPÖ und Grüne protestierten heftig gegen die Gleichsetzung von Flüchtlingen mit alten Hunden, dem Ansehen in der Kärntner Bevölkerung schaden solche Äußerungen offenbar ebenso wenig wie blöde Negerwitze. Als die Austria Presse Agentur einige Wochen vor den Landtagswahlen die Popularität der Kärntner Politikspitzen erhob, lag Uwe Scheuch knapp hinter Gerhard Dörfler auf Platz zwei. Seine Beliebtheit kann er bis auf Weiteres nur von der eher wenig glamourösen Position eines Mitglieds der Kärntner Landesregierung aus einsetzen. Das ist zu wenig Spielfläche, um auch nur ein kleiner Haider zu werden.

Viele gehen deshalb davon aus, dass Scheuch im April bei der dann anstehenden Wahl des BZÖ-Bundesobmanns antritt, die er ohne Zweifel auch gewinnen würde. Seine möglichen Konkurrenten sind in Wahrheit keine: Josef Bucher ist mit dem Posten des BZÖ-Klubchefs im Nationalrat voll ausgelastet, Haider-Schwester Ursula Haubner wäre kein Signal, der Wiener Herbert Scheibner, der die Partei derzeit interimistisch führt, hat kein Hinterland.

Also wird wohl Uwe Scheuch ranmüssen. Eine denkbar schwierige Aufgabe: Außerhalb Kärntens ist die Partei weitgehend inexistent, die Position eines „Bundes“-Obmanns ist daher eigentlich Fiktion. Bei den Landtagswahlen in Salzburg hatte das BZÖ mit dreieinhalb Prozent den Einzug in den Landtag verfehlt, in Niederösterreich bekamen die Orangen im Vorjahr gar nur 0,7 Prozent und rangierten damit hinter der KPÖ. In Wien war das Ergebnis mit knapp mehr als einem Prozent ebenfalls demütigend.

Scheuch selbst hält sich bedeckt. Wohlmeinende raten ihm, sich auf Kärnten zu konzentrieren: „Im Bund kann er nichts gewinnen.“ Früher oder später werde Dörfler wieder durch Fettnäpfe tappen, und dann schlage Scheuchs Stunde. Der Uwe solle sich einfach zurücklehnen, meint ein Freund: „Die Zeit arbeitet für ihn.“