Vaterlandsverräter, Verbrecher, Verrückte

Wehrpflicht. Der Schauspieler Horst Eder über seine Erlebnisse als erster Wehrdienstverweigerer der Zweiten Republik

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Interview: Herbert Lackner

profil: Sie waren 1958 der erste Wehrdienstverweigerer. Was haben Sie in den vergangenen Wochen bei der Kampagne für oder gegen die Wehrpflicht empfunden?
Eder: Ich war verwundert und empört über die Argumentation, dass Österreich plötzlich wehrlos den Naturgewalten ausgeliefert sei und das ganze Sozialsystem zusammenbreche, wenn Österreich keine Wehrpflicht und damit auch keine Wehrdienstverweigerer, also Zivildiener, mehr hat.

profil: So hoch geschätzt wurden Sie seinerzeit nicht.
Eder: Nein, beileibe nicht. Ich habe damals, 1957, in Salzburg am Mozarteum zusammen mit Thomas Bernhard studiert, mit dem ich auch einige Rollen bei Schulaufführungen gespielt habe. Im selben Jahr bin ich vor die Musterungskommission gekommen und habe dort erklärt, dass ich keinesfalls den Dienst mit der Waffe akzeptieren würde.

profil: Hatten Sie das vorher mit jemandem abgesprochen.
Eder: Nein, überhaupt nicht. Ich war ein 18-jähriges, naives Bürscherl, infiziert von der pazifistischen Literatur und von den Gräueln des Zweiten Weltkriegs, die allmählich bekannt wurden. Damals gab es ja auch offiziell die Parole „Nie wieder Krieg“.

profil: Was sagte man bei der Musterungskommission?
Eder: Die meinten: „Ja, ja, Sie studieren eh noch. Später schauen wir weiter.“ Eines Tages im Jahr 1958 kam dann der Einberufungsbefehl. In meiner Naivität habe ich dem damaligen ÖVP-Verteidigungsminister Graf einen Brief geschrieben, meine Gründe dargelegt und erklärt, dass ich gern dieselbe Zeit oder sogar länger in einem Sozialdienst verbringen würde. Es kam keine Antwort. Zum Termin bin ich dann einfach nicht eingerückt und am 23. Dezember auf der Straße in Klagenfurt, wo meine Eltern gelebt haben, verhaftet worden.

profil: Wo brachte man Sie dann hin?
Eder: Ich bin im Landesgericht Klagenfurt in eine Zelle gesperrt worden. Kurz darauf kam der Direktor mit den Worten in die Zelle: „Den muss i ma anschaun. Aus so einem Vaterlandsver­räter wie dem hamma früher Seife g’macht.“ Ich war zwei Monate in U-Haft. In meiner Zelle war noch ein Tapezierer, der täglich zur Renovierung der Wohnung des Gefängnisdirektors ausrücken musste. Beim Prozess bin ich dann zu vier Monaten bedingt verurteilt worden.

profil: Mussten Sie dann trotzdem zum Heer?
Eder: Eine schwer bewaffnete Militärstreife hat mich vom Landesgericht in die Kaserne geführt und zum Regimentsarzt gebracht. Der hat nur einen Wisch unterschrieben, und die Streife hat mich gleich in die geschlossene Anstalt der Psychiatrie im Landeskrankenhaus Klagenfurt gebracht. Der Leiter der Psychiatrie war der einschlägig bekannte Primarius Dr. Otto Scrinzi. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange ich dort war. Nach einiger Zeit hat Dr. Scrinzi aber dann doch sein ärztliches Ethos über seine Gesinnung gestellt und hat gesagt: „Ich kann Sie beim besten Willen nicht zum pathologischen Fall erklären.“

profil: Otto Scrinzi war FPÖ-Abgeordneter und ein veritabler Rechtsradikaler.
Eder: In der Kaserne gab es etliche von dieser Sorte. Dorthin bin ich dann von der Psychiatrie wieder gebracht worden. Ein Major, der angeblich später beim österreichischen UN-Kontingent im Kongo etwas verhaltensauffällig gewesen sein soll, gab mir den dienstlichen Befehl, die Waffe auszufassen, und hat dazugesagt, wenn ich den Befehl jetzt verweigere, dann käme ich wieder in U-Haft und würde wegen Befehlsverweigerung verurteilt werden. Dieses Radl könne man bis an mein Lebensende spielen. Andere Befehlsverweigerer waren später auch tatsächlich in einem solchen „Radl“ drinnen.

profil: Hat Ihr Fall öffentlich Wirbel verursacht? Sie waren immerhin der erste Wehrdienstverweigerer seit Ende des Weltkriegs.
Eder: Es stand in allen Zeitungen. Ich erinnere mich an eine Schlagzeile: „Ex-Schauspieler will nicht zum Militär.“ Da habe ich mir gedacht: Komisch, erst vor einem Jahr habe ich die Schauspielerprüfung abgelegt, und jetzt bin ich schon wieder keiner mehr. Dann hab ich die Uniform ausfassen müssen, und aus der ganzen Geschichte wurde ein absurdes Spiel: Ich habe den Stoff der Uniform nicht vertragen.

profil: Das war sicher psychosomatisch.
Eder: Ich würde sagen, das war eine theatralische Reaktion des Körpers. Ich habe vom Kopf bis zu den Zehen eine furchtbare Dermatose bekommen. Das Bundesheer hat alles versucht: neue Wäsche und teure Arzneien aus der Schweiz. Es war ihnen entsetzlich unangenehm, weil sich inzwischen die Zeitungen sehr für mich interessierten. Als die Dermatose nach drei Monaten weg war, musste ich wieder die Uniform anziehen. Nach drei Tagen war die Krankheit wieder da, dann haben sie es aufgegeben. Ich durfte im Privatgewand Dienst in der Apotheke der Lendorfer Kaserne machen und hatte eine Heimschläfer-Erlaubnis. Ich habe später erfahren, dass es unter den Offizieren eine Fraktion gab, die sagte: Bescheinigt ihm doch einen Herzfehler und lasst ihn abrüsten, dann sind wir ihn los. Die andere Fraktion meinte: Man muss ein Exempel statuieren. Wenn man das durchgehen lässt, rennen uns alle davon.

profil: Seither hat sich vieles geändert.
Eder: Es hat sich etwas geändert, obwohl es sehr, sehr lange gedauert hat. Mein Sohn musste noch 1988 vor zwei Instanzen sein Gewissen beweisen, als er Zivildienst leisten wollte. Einfach lächerlich. Er hat dann sehr engagiert für eine Behindertenorganisation gearbeitet und war zufrieden mit dem Jahr. Vielleicht sollten sich jene, die uns damals als Vaterlandsverräter beschimpft und wie Verbrecher oder Verrückte behandelt haben, einmal kurz entschuldigen.

Foto: Michael Rausch-Schott für profil