Vergesst Max Weber!

Wie wichtig ist die Religion, wie protestantisch der Kapitalismus?

Wenn wir schon beim Feiern von Jubiläen und Geburtstagen sind – warum sollen wir nicht der Tatsache gedenken, dass Max Weber, einer der Gründerväter der modernen Soziologie (der auch in Wien lehrte), vor hundert Jahren seine folgenreichste Arbeit veröffentlichte? 1905 erschien Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, ein Essay, der das Denken des vergangenen Jahrhunderts grundlegend prägen sollte.
Zunächst stellte Weber mit seiner „protestantischen Ethik“ die Thesen von Karl Marx auf den Kopf. Religion war für Weber nicht bloß eine Ideologie, die vornehmlich ökonomische Interessen ausdrückt und verschleiert, nicht bloß „Opium des Volkes“, wie Marx meinte, sondern die treibende Kraft in der Entstehung des ökonomischen Systems, wie wir es heute kennen.
Weber hatte entdeckt, dass die Protestanten in Deutschland weitaus gebildeter und vor allem reicher als die Katholiken waren. Auf der Suche nach den Ursachen entdeckte er die Lehre des Reformators Johannes Calvin (1509 bis 1564): Der predigte eine Prädestinationslehre, wonach der Allmächtige schon seit Ewigkeiten festgelegt hat, wer als Erwählter in den Himmel und wer als Verdammter in die Hölle kommt. Nur der Erwählte ist beruflich erfolgreich und kann dadurch Gottes Ruhm vermehren. Gelungene Arbeit gibt dem Menschen „Gnadengewissheit“.
Harte, rationale und disziplinierte Arbeit ist gottgefällig. Doch was tun mit dem Reichtum, der leicht zum Luxusleben verführt? Calvins Antwort: „Es ist nicht sündhaft, reich zu sein. In Sünde fällt nur, wer sich auf seinem Vermögen ausruht und es zur Befriedigung seiner lasterhaften Begierden miss-braucht.“ Askese, Konsumverzicht, Sparen und den Reichtum vermehren: Der Calvin’sche Protestantismus erschien Weber als „der Geist des Kapitalismus“ schlechthin. Im Unterschied zum liederlichen Katholizismus, wo nichts vorbestimmt ist, man sich von seinen Sünden durch die Beichte befreien kann und Reichtum als eher anrüchig angesehen wird.

Webers Erkenntnis schien im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts noch an Plausibilität zu gewinnen. Nicht nur in deutschen Landen zeigten sich die Reformierten erfolgreicher als die Romtreuen, auch gesamteuropäisch florierte der arbeitsam-puritanische Norden, wohingegen der leichtlebig-katholische mediterrane Süden stagnierte. Und erst recht der wirtschaftliche Siegeszug der USA – jenes Staates, der von den in Europa verfolgten und in die neue Welt geflüchteten protestantischen Sekten gegründet wurde – schien Webers These zu bestätigen.
Jetzt, am Anfang des 21. Jahrhunderts, schaut Max Weber jedoch alt aus. Heute gilt das Nord-Süd-Gefälle weder in Deutschland noch in Europa mehr. Bayern, die Lombardei und Savoyen, allesamt katholisch, sind die dynamischsten Regionen der EU. Das katholische Österreich ist trotz allem auch ganz schön tüchtig. Und das religiös buntscheckige Europa hat gegenüber dem protestantisch dominierten Amerika gewaltig aufgeholt.
Noch eklatanter widerlegt wurde Weber aber in Asien. Nach seiner Arbeit über die protestantische Ethik hat er seine religionssoziologischen Studien ausgedehnt. Und er kam in seinen tief schürfenden – und trotz allen Irrtümern nach wie vor lesenswerten – Analysen zum Schluss, dass die konfuzianische Kultur China in Rückständigkeit halte und verhindere, dass das Reich der Mitte kapitalistisch erfolgreich würde.
Noch vor zwanzig Jahren erklärte mir der damalige CIA-Resident in Taipeh, ein offenbar Weber-geschulter China-Spezialist, dass der wirtschaftliche Aufschwung in Taiwan und auf dem chinesischen Festland bald an seine konfuzianischen Grenzen stoßen werde: Die autoritären Züge und familiär-kollektiven Bindungen in dieser Kultur würden die weitere Entfaltung des Kapitalismus behindern. Zu diesem Zeitpunkt hat dann der Wirtschaftsboom im Fernen Osten – der rasante ökonomische Aufstieg Chinas, Taiwans und der anderen „konfuzianischen“ Tigerstaaten – erst so richtig begonnen. Und die Chinesen machen heute den Eindruck, als ob sie – trotz Kommunisten an der Macht in Peking – geradezu genetisch für den Kapitalismus prädestiniert wären.

Webers Asien-Thesen wurden in einem Maße falsifiziert, dass sogar ihr Gegenteil falsch ist. Im Boom der letzten Dekade des vergangenen Jahrhunderts wurde in den fernöstlichen Universitäten und Staatskanzleien – im bewussten Kontrast zu Weber – plötzlich von den „Asian Values“ geschwärmt: Gerade der Konfuzianismus, hieß es, verleihe der asiatischen Ökonomie Dynamik. Als die dann Ende der neunziger Jahre in die Krise taumelte, hörte man von den „asiatischen Werten“ nicht mehr so viel. Ihr Hauptpropagandist Lee Kuan Yew, der ebenso brillante wie autoritäre Ex-Premier von Singapur, musste zugeben, dass das so gepriesene asiatisch-konfuzianische Entwicklungsmodell auch seine Schwächen – Nepotismus, Korruption, Verfilzung – habe.
Vergesst Max Weber! Retrospektiv mögen seine Analysen erhellend sein. Prognostisch sind sie jedoch völlig unbrauchbar. Es ist eben nicht primär die kulturell-religiöse Prägung, die bestimmt, ob eine Gesellschaft sich entwickelt oder zurückbleibt, sondern eine Vielzahl von anderen Gründen. Nicht zuletzt ist entscheidend, welche Politik betrieben wird. Und wenn es notwendig ist, ändern sich Mentalitäten, die scheinbar ewigen Volkscharakteren entspringen, sehr schnell.
Das sei all jenen gesagt, die hartnäckig den Islam für die Rückständigkeit der arabischen Welt verantwortlich machen und angstvoll-pessimistisch in die nahöstliche Zukunft blicken. Mohammed hin, Koran her: Öffnen sich diese Gesellschaften und entledigen sich die Leute der lokalen Diktatoren, kann das Morgenland durchaus wieder aufblühen.