Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei

Mit der von deutschen Museen bestückten Mega-Schau "Die Kunst der Aufklärung“ soll in Peking ein neuer kultureller Ost-West-Dialog eingeläutet werden. Aber die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei wirft dunkle Schatten auf die Ausstellung.

Von Eva Klimek, Peking

Es gab keine Zensur“, versicherten die drei deutschen Museumsdirektoren nimmermüde schon im Vorfeld der Schau. Das Thema sei sogar ausdrücklicher Wunsch der chinesischen Partner gewesen. Die drei größten deutschen Museumstanker - Staatliche Museen zu Berlin, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Bayrische Staatsgemäldesammlungen - zeigen seit wenigen Tagen in Peking die Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung“: Knapp 600 Exponate sollen ein ganzes Jahr lang (bis 31. März 2012) den westlichen Wertekanon bebildern. Und das an allererster Adresse - auf dem Platz des Himmlischen Friedens, im größten Museum der Welt, in dem von deutschen Architekten jüngst umgebauten Nationalmuseum.

Doch vergangene Woche geschah etwas, das ein bezeichnendes Licht auf Chinas Kunstverständnis warf: Die Verhaftung des renommierten regimekritischen Künstlers Ai Weiwei auf dem Pekinger Flughafen zeigte die engen Grenzen des zur Eröffnung vom deutschen Außenminister Guido Westerwelle geforderten "offenen Dialogs“ - und nebenbei auch, wie blank die Nerven des chinesischen Regimes liegen.

Immerhin hatte es zehn Jahre gedauert, bis die Ausstellung Wirklichkeit geworden war: ein 10-Millionen-Euro-Unternehmen, unterstützt vom deutschen Außenamt und von der deutschen Industrie, die im Kielwasser der Philosophie der Aufklärung auf noch bessere Geschäfte als bisher mit China hofft. Bereits zur Eröffnung lief bei dem musealen Großprojekt einiges nicht nach Plan. Der deutsche Sinologe Tilman Spengler hätte an einem Symposion im Nationalmuseum teilnehmen sollen. Er musste daheim bleiben, denn die Chinesen verweigerten ihm ein Einreisevisum. Er hatte im Vorjahr eine Laudatio auf den inhaftierten chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gehalten. "Spengler ist in Deutschland mit seiner Kritik an China zu weit gegangen“, meint Chen Ping, der westlich geprägte Direktor des chinesischen Kulturministeriums. "Ganz im Sinne der deutschen Aufklärung handeln wir vernünftig“, stellt Chen Ping fest. "Sie müssen wissen, es gibt im Chinesischen nicht einmal ein Wort für, Nein‘. Wir lernen gerade erst, Nein sagen zu können.“ War es Bestürzung oder Hilflosigkeit, als sich ein Vertreter des Nationalmuseums für den Fall Spengler vor der internationalen Presse mit der lapidaren Erklärung entschuldigte, dass die Kulturabteilung für die Entscheidungen der Visa-Behörde nicht verantwortlich sei?

Man konnte spüren, wie sehr diese Ausstellung in Harmonie über die Bühne gehen sollte. Westerwelle schwang in seiner Eröffnungsrede das Banner der westlichen Freiheit, und die Dresdner Staatskapelle spielte unter Lorin Maazel Beethovens Revolutionssymphonie, die "Eroica“. Die Philosophie des Immanuel Kant und das Weltbild von Gottfried Wilhelm Leibniz sollten sich liebevoll vermählen mit den Grundprinzipien des in China inzwischen wieder viel zitierten Konfuzius. So war es für die Intellektuellen beider Länder ein besonders herber Schlag, dass bereits zwei Tage nach Eröffnung der Ausstellung nur noch eine Frage diskutiert wurde: "Wo ist Ai Weiwei?“

Der 53-jährige Ai macht die sozialen Missstände in seiner Heimat seit Jahren zum Thema seiner Kunst. Ganz bewusst sucht er die Konfrontation mit dem autoritären Regime in China. Dieser Mut wird im Westen gewürdigt; möglicherweise hoffte Ai Weiwei, dass ihn seine internationale Bekanntheit vor neuen Übergriffen schütze. Nach wie vor weiß niemand, wo sich der dissidente Künstler befindet, nur eines ist inzwischen offiziell: Gegen Ai werde wegen "Wirtschaftsverbrechen“ ermittelt. Stunden nach der Festnahme des Künstlers gab es eine Razzia in Ai Weiweis Studio in Pekings Nordstadt: Acht Mitarbeiter wurden abgeführt und verhört, Laptops und Unterlagen beschlagnahmt.

Zwei Dutzend Bürgerrechtler sollen in den vergangenen Wochen in China festgenommen worden sein. Unbekannt ist weiterhin auch das Schicksal von Liu Xiaobo, der seit Monaten an einem unbekannten Ort inhaftiert ist. "Das Signal ist deutlich. Niemand ist in China mehr sicher, egal, wie berühmt er auch ist“, sagt Nicolas Bequelin, Sprecher der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Hongkong.

Angst in der Kunstszene.
Lokalaugenschein in Pekings Künstlerviertel "798“, nur zwanzig Autominuten vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt. In dem von Backstein-Industriehallen im Bauhausstil geprägten, staatlich kontrollierten "Reservat“ befinden sich rund 100 Galerien, die zeitgenössische chinesische Kunst ausstellen. Das Schweizer Ehepaar Ullens gründete hier 2007 das Ullens Center for Contemporary Art (UCCA), in dem es westliche und chinesische Kunst einander gegenüberstellt. Auf die Frage, warum die für März im UCCA geplante Ai-Weiwei-Werkschau auf Oktober verschoben wurde, meint Guy Ullens nur: "No comment.“ Im März fand in Peking ein Parteitag statt. Unübersehbar herrscht Angst in der chinesischen Kunstszene.

Im Nationalmuseum bemüht man sich dagegen um Normalität. Die dem Mao-Mausoleum zugewandte Fassade erinnert an die Bauten von Albert Speer. 1959 unter Mao errichtet, wurde das Nationalmuseum in den vergangenen drei Jahren vom deutschen Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner opulent vergrößert. Mit 195.000 Quadratmetern ist es das größte Museum der Welt geworden - es fasst 20.000 Besucher pro Tag. Wiedereröffnet wird das Museum am 1. Juli 2011; die "Kunst der Aufklärung“ ist nur eine Vor-Ausstellung.

Betrachtet man die Schau rein ästhetisch, so bietet sie zweifellos hohen Kunstgenuss: Man zeigt Gemälde von Caspar David Friedrich, Angelika Kauffmann, Werke von Goya, Canaletto und Watteau. Aber die Aussagen mancher Arbeiten sind nur mit viel Vorwissen zu entschlüsseln: Da ist etwa das reizende Porträt einer jungen Frau, gemalt von Christian Gottlieb Schick. Unbefangen sitzt die Blondine in einer grünen Parklandschaft, der Farbklang ihres Outfits - rot, weiß, blau - steht für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Aber selbst europäische Bildungsbürger brauchen Nachhilfe, um hier den Zusammenhang zur Französischen Revolution zu erkennen. "Die jungen Chinesen kennen die Revolution aus der Schule, und sie nützen das Internet, bevor sie ins Museum gehen“, versichert die Journalistin Shane Qin. "Weltoffenheit ist heute in China möglich, wir leben sie“, ergänzt sie. Nachhilfe geben zudem Symposien, Kinderprogramme und "Salons“, die von privaten Sponsoren finanziert werden.

Aber können Abbildungen von Monumenten für Friedrich Schiller und Immanuel Kant - von Letzterem wird sogar ein Paar Schuhe ausgestellt - den Chinesen helfen, die Weltbilder dieser deutschen Denker zu verstehen und zu interpretieren? Das ist Europas Aufklärung in Peking: ein fernes Phänomen, gut fürs Museum, weil sie Geschichte ist und nicht mehr systemgefährdend.

In der chinesischen Gesellschaft treten derzeit drei Kräfte gegeneinander an: die Intellektuellen, die per Blog, Twitter und Kunstarbeit auf die Mündigkeit des Bürgers und Rechtsstaatlichkeit hoffen; das nervöse autoritäre Regime ist dagegen entschlossen, im Sinne der chinesischen Gesellschaft "vernünftige“ Entscheidungen zu treffen; und die Geschäftemacher handeln entsprechend einer einzigen Devise: mehr Wohlstand. Alle drei Gruppierungen sehen sich nun offenbar imstande, die Werte der Aufklärung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.