Versunkene Vermögen: Wien war vor 100 Jahren die Welthauptstadt der Millionäre

Herrenfahrer und Händlerdynastien, Privatbankiers und Pissoirhersteller, Schlitzohren und Sektproduzenten: Wien war im vor 100 Jahren Welthauptstadt der Millionäre. Ein neues Buch beleuchtet erstmals Aufstieg und Fall der Superreichen.

Der Sommer war trocken, die Ernten fielen miserabel aus, die Kosten für Grundnahrungsmittel rasten in die Höhe, der Preis für Mehl etwa von 26 auf 48 Heller. Der Kaiser schien ungerührt. Zehntausende Menschen zogen am 17. September 1911 aus der Wiener Vorstadt auf die Ringstraße und demonstrierten. Die Bilanz der Teuerungsrevolte: drei Tote, 90 Verletzte, insgesamt 120 Jahre „schwerer Kerker“ gegen 200 Angeklagte.

Am damaligen Finanzminister jedoch, Robert Meyer, einem Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre, ging der Aufstand der Armen nicht folgenlos vorüber. Er ließ sich, streng vertraulich, eine Liste aller Reichen und Superreichen Wiener und Niederösterreicher zusammenstellen. 929 Bankiers, Kohlenhändler, Bierbrauer, Warenhausbesitzer und Hoteliers fanden sich auf dieser Liste. Zusammen vereinigten sie erkleckliche zehn Prozent aller Einkommen auf sich – und das in einer Stadt, die gerade die Zwei-Millionen-Grenze überschritten hatte. Es gab nie eine Zeit in Österreich, in der die Ungleichheit zwischen Arm und Reich ausgeprägter war.

Ob Meyer über eine Millionärssteuer nachdachte, lässt sich heute nur mehr vermuten – er trat im November 1911 zurück. Es wäre ein kniffliges Unterfangen gewesen: Der Spitzensteuersatz betrug damals karge fünf Prozent, die Steuermoral war, gelinde ausgedrückt, unterentwickelt. Als etwa das Steueramt bei Rudi Pick, einem Sohn des „Fiakerlied“-Komponisten Gustav Pick, urgierte, wie er im Hotel Sacher wohnen und kürzlich auf Jagd in Afrika gewesen sein könne, aber angeblich kein Einkommen zu versteuern habe, antwortete dieser lapidar: „Ich lebe halt über meine Verhältnisse.“

Aus der Reichenliste lässt sich ein schillerndes Kaleidosokop des Reichtums jener Zeit zeichnen. Die vor dem Untergang stehende k.u.k. Monarchie und ihre Hauptstadt Wien waren ein Paradies für schwer Betuchte. In keiner Metropole, weder in Triest noch in Prag, gab es eine derart hohe Millionärsdichte.

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