Verteilungskampf

Die Eltern wollen die Gesamtschule nicht! Welche Eltern? Und für welche Kinder?

Die Eltern wollen die Gesamtschule nicht! Das wurde in der Debatte um die gemeinsame Schule der Sechs- bis 15-Jährigen immer wieder behauptet. Offen blieb die Frage: Welche Eltern? Wer sind die Mütter und Väter, die auf früher Selektion beharren? Was sind sie? Bauarbeiter? Küchenhilfe? Aus Anatolien zugewandert und an Montagebändern tätig? Oder doch eher Lehrer, Apothekerin, gehobener Beamter?

Eltern, die sich in Schulangelegenheiten engagieren, kommen nicht aus bildungsfernen Schichten, schon gar nicht haben sie einen Migrationshintergrund. Eltern, die sich in Schulangelegenheiten starkmachen, agieren mehrheitlich als Vertreter einer Ständegesellschaft, von der sie profitieren, und sie führen einen beinharten Verteilungskampf. Verteilt werden vermeintliche Zukunftschancen. Für unsere Kinder die besten. Für die anderen die schlechten. Wenn die anderen bessere kriegen, was kriegen dann unsere? Am Ende schlechtere? Rückt die Matura für alle näher, wird es schwieriger, dem eigenen Nachwuchs das größere Stück vom Kuchen zu sichern. Minister Josef Pröll hat es in einem Zeitungsinterview1) ganz unverhohlen ausgedrückt: „Matura für alle – damit wäre nur das Gymnasium zerstört und nichts gewonnen.“
Warum damit nichts gewonnen wäre, erklärte er nicht. Ist ja auch schwer zu begründen, weshalb mehr Bildung für mehr Menschen kein Gewinn sein sollte. Es sei denn, man denkt bei gewinnen an einen Machtkampf, in dem es zu siegen gilt.
Die Haltung ist nicht neu. Es kann doch nicht jeder. Wo kommen wir denn hin, wenn alle.

Ja, wo kommen wir hin, wenn alle schreiben und lesen lernen? Wo kommen wir hin, wenn das Volk mit Informationen gefüttert wird? Wo kommen wir hin, wenn Menschen Fertigkeiten und Fähigkeiten vermittelt kriegen, die sie zu mehr machen als zu braven Befehlsempfängern?
Natürlich können wir auch den Zeiten nachtrauern, als das Schriftgelehrtentum den Mönchen vorbehalten und der einfache Mensch bei Strafe angehalten war, nicht hoffärtig über den Tellerrand zu schielen, den ihm das Schicksal per Geburt zugedacht hatte.
Das wäre allerdings insofern ein wenig fehlsichtig, als die meisten von uns nicht in gerader Linie von Mönchen abstammen und von der Einführung der allgemeinen Schulpflicht sowie einer gewissen Lockerung der Klassenschranken profitiert haben.
Bloß dass das vielen nicht bewusst, vielleicht aber auch nur wurscht ist, weil es ihnen darum geht, den Status quo zu erhalten, der sie und ihre Nachkommen – noch – bevorzugt.
Für die vermögende Oberschicht ist es keine sonderliche Bedrohung, wenn sich mehr Kinder aus bescheidenen Elternhäusern der höheren Bildung annähern. Die weiß schon, wie sie ihren Nachwuchs abgrenzt von denen da unten und in der Mitte. Die bietet frühe Förderung durch entsprechendes Hauspersonal auf (kleiner Tipp: das zeitgemäße Pendant zur französischen Gouvernante von ehedem ist die chinesische Nanny), Privatschulen, teure Auslandsaufenthalte, akademische Tutoren, exklusive Universitäten an prestigeträchtigen Orten – da kann ohnedies niemand mithalten, der nicht festen Fuß gefasst hat in der Oberliga, in die so bald keiner hineinkommt.
Aber die nicht so Vermögenden büßen ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ein. Wie sollen sie verhindern, dass ihre Kinder in einen Topf geworfen werden mit Krethi und Plethi, wenn der Spross von Bauarbeiter und Küchenhilfe bis 15 mit ihnen auf derselben Schulbank sitzt, und zwar ganz selbstverständlich und nicht bloß ausnahmsweise?

Wie sehr unser mit früher Trennung operierendes System die Bildungschancen talentierter Jugendlicher beschneidet, war vor einiger Zeit im Radio2) zu hören. Die schlechtesten Aussichten, von der Hauptschule in eine höhere Schule zu wechseln, hätten begabte Kinder auf dem Land, hieß es in einer Sendung des „Radiokollegs“. Weil im ländlichen Bereich so viele Jugendliche in die Hauptschule gingen, aber nicht alle in die ersten Leistungsgruppen kommen könnten, würden auch gute SchülerInnen auf die zweiten und dritten Leistungsgruppen aufgeteilt. Späterer Übertritt in AHS oder BHS dadurch unmöglich.
Ein Geniestreich.

Der PISA-Test zeigte unter anderem, dass zwischen der Lesekompetenz österreichischer Zehnjähriger und ihrer Anmeldung an höheren Schulen keinerlei Zusammenhang besteht, während AHS-Anmeldung und Bildungsgrad des Elternhauses sehr wohl korrelieren. Die meisten künftigen GymnasiastInnen fanden sich nämlich nicht an den Volksschulen, die besonders gute Leseergebnisse erzielten, sondern dort, wo es die meisten Akademiker-Eltern gab (auch wenn die Kinder beim Lesen bescheiden abschnitten).
Dass Pflichtschul- und GymnasiallehrerInnen weiterhin getrennt ausgebildet werden, fällt ebenfalls in die Kategorie soziale Auslese. Dahinter steckt die Vorstellung: für die Pflichtschulen das weniger akademische Personal, das aber gelernt hat, einfache Inhalte pädagogisch und didaktisch aufzubereiten. An den höheren Schulen bloße Wissensvermittlung; wer nicht mitkommt – beziehungsweise nicht über ein Elternhaus verfügt, das didaktische Defizite kompensieren kann –, hat Pech.
Angeblich leben wir im Zeitalter der Wissensgesellschaft, in der lebenslanges Lernen angesagt ist. Trotzdem legen wir bereits Zehnjährigen Steine in den Bildungsweg. Sehr einleuchtend.