"Viel Lärm um nichts"

Der österreichische Handelsexperte Peter Schnedlitz über ein missglücktes Gesetz, drohenden Kaufkraftabfluss und warum für ihn die Sonntagsöffnung kein Tabu ist.


profil: Seit 1. August gilt in Österreich ein neues Ladenöffnungsgesetz. Was halten Sie davon?
Schnedlitz: Das Ganze ist viel Lärm um nichts, denn praktisch hat sich nichts geändert. Die meisten Bundesländer haben ihre bisherigen Ladenöffnungszeiten beibehalten.
profil: In Niederösterreich dürfen die Geschäfte jetzt während der Woche bis 21 Uhr offen halten. Das ist doch eine deutliche Lockerung.

Schnedlitz: Das ist gelungenes Politmarketing. Die Rahmenöffnungszeit ist mit 66 Stunden pro Woche gleich geblieben. Nicht einmal die vom Gesetz her eingeräumte Möglichkeit, auf 72 Stunden auszuweiten, wurde in Anspruch genommen.
profil: Mischt sich die Politik zu sehr in die Ladenöffnungsdebatte ein?
Schnedlitz: Es sollte den Unternehmern in Abstimmung mit ihren Mitarbeitern überlassen bleiben, wann sie offen halten. Aufseiten der Politik wäre es an der Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden und sich endlich über die völlige Freigabe der Ladenöffnungszeiten von Montag bis Samstag drüberzutrauen.
profil: Die Sonntagsöffnung bleibt tabu?
Schnedlitz: Ich würde hier kein Tabu formulieren. Ich bin in einem Dorf in der Obersteiermark aufgewachsen, wo man am Sonntag zuerst in die Kirche gegangen ist, dann zum Kirchenwirt auf ein Bier und anschließend zum Nah & Frisch einkaufen. Niemand hat da eine Verletzung irgendwelcher ethischer Regeln gesehen.
profil: Wie halten Sie es mit der Sonntagsruhe?
Schnedlitz: Die Idylle der allgemeinen Sonntagsruhe ist antiquiert. Für viele Berufsgruppen ist es heute schon ganz normal, den einen oder anderen Sonntag zu arbeiten. Kein Industrieunternehmen, das im Schichtbetrieb arbeitet, und auch kein Gastronomiebetrieb würde auf die Idee kommen, die Sonntagsruhe einzufordern. Bei Handelsunternehmen nimmt man dieseidyllische Perspektive eigenartigerweise noch an.
profil: Wien und Oberösterreich befürchten durch die geänderten Ladenöffnungszeiten in Niederösterreich einen massiven Kaufkraftabfluss. Wird es dazu kommen?
Schnedlitz: Kurzfristig vielleicht. Die Leute werden ausprobieren, wie das ist, um 21 Uhr einzukaufen. Mittelfristig sehe ich keine signifikanten Auswirkungen.
profil: Ist die Ausdehnung der Öffnungszeit am Abend dazu geeignet, den Privatkonsum und die Konjunktur anzukurbeln?
Schnedlitz: Schaden wird's nicht. Aber man darf sich keine Wunder erwarten. Einfach nur länger offen zu halten wird das Konjunkturproblem nicht lösen.
profil: Wie würde sich eine weit gehende Freigabe der Öffnungszeiten auf die Arbeitsplätze im Handel auswirken?
Schnedlitz: Die Liberalisierung darf nicht auf dem Rücken der Handelsangestellten ausgetragen werden. Es bestünde allerdings die Gefahr, dass vermehrt Hilfskräfte eingesetzt werden und der Trend zu so genannten McJobs verstärkt wird. Händler tun sich damit aber nichts Gutes, wenig qualifiziertes Personal einzusetzen.
profil: Wie sollen Händler, die unter Ertragsdruck stehen, zusätzliches Fachpersonal bezahlen?
Schnedlitz: Es stimmt ja nicht, dass die Gewinnspannen überall so gering sind.Außerdem können sich Unternehmer nicht immer nur auf die hohen Personalkosten ausreden. Gespart werden kann auch anderswo.
profil: Zum Beispiel?
Schnedlitz: Durch Verbesserung der Logistik, des Bestellsystems, der Sortimentsgestaltung. Es kann ja nicht wahr sein, dass Einzelhändler jedes Jahr bis zu 40 Prozent ihres Sortiments mit saftigen Preisnachlässen abverkaufen müssen, weil sie sonst darauf sitzen bleiben.
profil: In Ungarn und Tschechien kann man praktisch rund um die Uhr einkaufen. Was bedeutet es für den österreichischen Handel, wenn diese Länder nächstes Jahr der EU beitreten?
Schnedlitz: Der Druck zur vollen Freigabe der Öffnungszeiten wird stärker werden.